11.05.2014: Studienleiterin Dr. Heike Springhart über Gen 1,1-3

Vor allem: Geist

 

Predigt über Gen 1,1-3 im Universitätsgottesdienst am 11. Mai 2014 (Jubilate)

Studienleiterin Dr. Heike Springhart

 

 

Liebe Gemeinde,

1989. 25 Jahre ist es her, dass ein besonderer Wind durch Europa zog. Ein besonderer Wind, der viel in Bewegung brachte. Schon in den Jahren davor hatte die große Bewegung an vielen kleinen Orten, in Gruppen und Grüppchen von Menschen ihren Anfang genommen.

Menschen, die es nicht länger hinnehmen wollten, dass von Freiheit und Demokratie nur auf geduldigem Papier die Rede war, Menschen, denen verstümmelte Wälder und zu Kloaken verkommene stinkende Flüsse faul vorkamen.

Ein besonderer Wind zog vor 25 Jahren durch Berlin und Leipzig, durch Prag und Budapest, durch Krakau und Moskau.

 

[Wind of change ... – vom Chor gesummt]

 

Wind of change. Wind der Veränderung. Die „Scorpions“ hatten in Töne gefasst, was Willy Brandt in seiner Rede vor dem Rathaus in Berlin-Schöneberg am Tag nach dem Mauerfall auf den Satz gebracht hatte: „Die Winde der Veränderung ziehen seit einiger Zeit über Europa und haben an Deutschland nicht vorbeiziehen können.“

 

Vor allem anderen, vor aller Veränderung, vor allem war der Wind, das Sturmbrausen, das den Weg für den großen Neuanfang bereitete.

Seit dem Anfang aller Zeiten durchweht der Geist Gottes, der Gottessturm, der göttliche Wind diese Welt und setzt die Schöpfung in Bewegung und ins Werk.

Die ersten Verse der Bibel fassen das große Atemholen in Worte:

 

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.

Und die Erde war wüst und leer, tohu wa bohu,

und Finsternis lag auf der Urflut;

und der Geist Gottes bewegte sich über dem Wasser.

Da sprach Gott: Es werde Licht!

Und es ward Licht.

[Gen 1,1-3]

 

Die ersten Verse des Schöpfungsberichtes wagen einen Schritt vor allen Anfang zurück. Wir sind gewohnt, diese Verse als einen Paukenschlag zu hören: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde! Erst war nichts, dann aus dem Nichts der Anfang.

 

Der genaue Blick lässt hier jedoch anderes sehen. Der genaue Blick zeigt: die Frage ist nicht so sehr, wie aus Nichts etwas werden konnte.

Die Frage ist, wie aus dem Chaos Ordnung hervorgehen könnte. Bei genauem Hinsehen lauten die Verse weniger paukenschlagend:

Als Gott sich daran machte, den Himmel und die Erde zu schaffen – die Erde war noch wüst und leer und ein Gotteswind schwebte über dem Wasser – da sprach Gott: Es werde Licht!

 

Die Schöpfung setzt einen neuen Anfang, bringt Ordnung ins Chaos und Leben dort, wo es so gar nicht nach Leben aussieht.

Als Gott sich daran macht, den Himmel und die Erde zu schaffen, da war Wüste und Ödnis, da war eine dunkle und tosende Urflut und über dieser Flut, über den Wogen, die bedrohlich brodelten und wenig Gutes verhießen, da bewegte sich die Ruach Gottes, der Wind, der Atem, der Geist Gottes. Bleiben wir einen Moment bei diesem Anfangsbild vor allem Anfang.

 

Tohuwabohu. Wüst und leer war die Erde. Nur noch ein weiteres Mal ist in der Bibel von Tohuwabohu die Rede. Der Prophet Jeremia sieht in einer Vision, wie das Land nach einem Krieg aussieht. Im Buch Jeremia ist zu lesen: Ich sah die Erde, und siehe, es war ein Tohuwabohu; ich schaute zum Himmel auf, er war ohne sein Licht. Ich sah die Berge an, und siehe, sie bebten und alle Hügel zitterten; ich schaute mich um, und siehe, das fruchtbare Land war zur Wüste geworden. (Jer 4, 23ff).

 

Tohuwabohu – das ist bedrohliche und unwirtliche Ödnis. Leblos, grau, dörr und verkrustet. Vertrocknet, atemlos, erstarrte Zerbrechlichkeit. Furchen aus grauen Vorzeiten, die verfestigt und zerklüftet sind. Was soll daraus schon werden können? Die grauen Trümmerlandschaften nach dem Krieg kommen mir in den Sinn. Die Bilder, die wir in diesen Tagen um den 8. Mai herum in Erinnerung an 1945 wieder zu sehen bekommen. Und die Bilder der Zerstörung aus Syrien, die brennende Barrikaden in der Ukraine. Ödnis und Wüste. Tohuwabohu.

Die Welt wie sie ist, ist zerbrechlich und fragil, aus sich heraus trocken und dürr.

 

Neben dem Tohuwabohu des Anfangs steht das Bild der Urflut. Brodelnd und schäumend, dunkel und bedrohlich. Finsternis liegt starr auf der Urflut. Unbewegliche, starre Dunkelheit, die alles zu schlucken scheint.

Lebensfeindliches Chaos und bedrohliches Dunkel über der Urflut – ein wenig verheißungsvoller Anfang.

 

Wäre da nicht dieser besondere Wind. Ein Wind der Veränderung. Ein wind of change. Der Gottessturm, die Ruach, der Atem Gottes, der Geist Gottes. Er bewegt sich über den Wassern. Hin und her. Ohne Bewegung ist dieser Atem und dieser Wind nicht zu denken. Hier, vor allem Anfang, zeigt sich Gott als Atem, als Wind, als Hauch, der alles in Bewegung setzt. Der Geist Gottes, der Schöpfergeist ist bewegender Sturm.

 

Im Anfangsbild der Schöpfung ist die Ruach Gottes die dynamische Kraft. Der Gotteswind bewegt sich über, oberhalb der Chaosflut. Er geht nicht einfach in ihr auf. Ist nicht einfach Spielball im tosenden Sturm der Mächte und Gewalten. Es gibt eine klare Trennung von Gott und dem vorweltlichen Chaos – er steht dieser Welt gegenüber und ruft sie von da ins Leben.

 

Der Geist Gottes bewegt sich über dem Wasser. Sie, die Ruach Gottes, ist nicht starr und leblos wie das Tohuwabohu, schon gar nicht atemlos und unbewegt. Gott als Geist schafft Raum und setzt in Bewegung, führt aus der Enge in die Weite, lässt tief durchatmen. Vor allem anderen ruft dieser Geist ins Leben, aus Chaos und Unwägbarem, aus Verkrustungen und selbst da, wo es überhaupt nicht nach Leben aussieht.

 

Der Geist Gottes vor allem Anfang zeigt sich als Wind und Atem. Welch reiches biblisches Bild, das nicht zu verwechseln ist mit kitschig bunten Postern, auf denen sich Ufergras im Wind wiegt und das die lebensschaffende Kraft Gottes in Sonnenuntergangsromantik auflöst.

Und ein immer noch ungewohntes Bild. Die Choräle des Gesangbuchs nehmen es jedenfalls nur selten auf. Wo hier vom Geist gesungen wird, da ist es der Geist Christi, der Geist der ersten Zeuginnen und Zeugen der Kirche im Blick. Aber der Geist Gottes als göttlicher Atem und Wind ist kaum in Chorälen zu finden.

 

Der Geist Gottes als Atem und Wind vor aller Zeit – das lässt sich nur schwer in klugen Worten beschreiben. Lassen wir einen Dichter sprechen. Christian Wiman, Theologe und Lyriker aus Chicago, hat kurz nach einer Krebsdiagnose Worte gefunden, die dem Wind und dem Geist nochmal ganz anders auf die Spur kommen. Er spricht „ein kleines Gebet im scharfen Wind“[1]:

 

Wie durch ein lange herrenloses und nur noch halb stehendes Haus,

das nur jemand Verlorenes finden könnte,

mit seinen scheibenlosen Fenstern und durchhängenden Balken,

mit hunderten von Spalten und Klüften,

in denen sich hunderte von Lebewesen sammeln und nisten,

so scheint der Lebensgeist, der hier einst gewesen ist

und der lebendige Geist dieses verfallenen Ortes,

der Wind sucht jede Wunde im Holz und er singt in jeder Wunde im Holz,

die offen genug ist, um ihn aufzunehmen.

zerschmettere mich, Gott, in meine tausend Töne.

 

Der Wind sucht jede Ritze und singt in jedem Spalt im Holz. So wird er zur Musik. Es braucht die Ritzen und Klüfte, die Spalten und die Wunden, dass aus dem Wind Musik wird.

Der verfallene Ort irgendwo im Nichts, umgeben von knorrigen Bäumen. Ein Haus, in dem einst Leben war, das mit Plänen und gemeinsamen Zielen gebaut wurde. Auf einem soliden Fundament aus Ausbildung und Vorsorge, mit Wänden, die Halt geben sollten – eine Beziehung, ein fester Glaube, Freundinnen und Freunde, mit Fenstern, die das stetige Fortkommen sicherten, Ausblicke in immer neue Forschungsbereiche, gute Aussichten nach allem, was als vernünftig galt, mit einem Dach, das vor Regen und unerwarteten Gewittern schützen sollte.

Und jetzt ist dieses Haus verfallen. Die Balken verbogen, die Scheiben zerschlagen.

 

Das Holz hat Wunden und Risse. Kleine und große. Manche, die sich geschmeidig einfügen, andere scharfkantig und immer neu verletzend. Der Wind sucht auch die kleinste Lücke, sucht die Wunden und Spalten. Der Geist Gottes, der Gotteswind, bläst durch die Wunden unseres Lebens und erst so macht er Musik.

Musik entsteht erst da, wo es die Spalten im Holz gibt, durch die der Wind hindurch kann – und erst dann, wenn es überhaupt Atem und Wind gibt. Das gilt für den Geist und es lässt sich in unserem Gottesdienst heute besonders lebendig spüren. Durch den Atem der Bläserinnen und Bläser, durch den Atem der Sängerinnen und Sänger, durch die Luft, die durch die Orgelpfeifen saust und durch das Singen, in das wir alle einstimmen. Ohne Atem, ohne Wind und ohne Widerstand und Lücken wäre es eigenartig still, wüst und leer.

 

Der Geist Gottes, der ins Leben ruft, bläst durch unsere Wunden und Verletzungen und kommt so zum Klingen. Das redet nicht die Wunden und Verletzungen schön. Aber es ermöglicht, sie ins Auge zu fassen. Wunden und Verletzungen, Scheitern und Brüche trennen uns nicht von Gottes lebensschaffendem Atem. Der Geist und Atem Gottes bläst durch die Risse in meinem Leben und schafft so eine neue Melodie

 

Am Anfang aller Zeiten, vor allem Anfang, als Gott die Schöpfung ins Leben ruft, da bewegte sich der Atem Gottes, der Wind der Veränderung über dem Wasser.

 

Am Anfang aller Zeiten, vor allem Anfang, als Gott die Schöpfung ins Leben ruft, da wird aus Tohuwabohu Leben und Bewegung.

 

Am Anfang aller Zeiten machte sich Gott daran, Himmel und Erde zu schaffen.

Vor allem war der Geist, der Gotteswind.

Dann sprach Gott: Es werde Licht! – und es ward Licht.

 

[1] Christian Wiman, Small Prayer in a hard wind, in: ders. Every Riven Thing. Poems, New York 2011, 72, Übersetzung hier: Heike Springhart.

 

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Letzte Änderung: 02.10.2018
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