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11.08.2013: PD Dr. Doris Hiller über Lk 7,36-50

11. Sonntag nach Trinitatis – 11. August 2013

Predigt Lk 7,36-50 – Peterskirche Heidelberg

 

 

PD Dr. Doris Hiller

 

 

Plötzlich steht sie da. Ein ungebetener Gast. Deplatziert, wie ein Fehler im Bild. Eine Szene, liebe Gemeinde, wie sie sich vor 400 Jahren auf dem Heidelberger Schloss hätte abspielen können. Doch The Wedding[1] erzählt nichts davon. Der englische Adel schweigt sich aus und auch der sonst so beredte Kurpfälzer weiß nichts zu berichten von ungebetenen Gästen, seltsamen Gestalten, aufdringlichen Frauen. Ein rundum gelungenes Festgelage eben. So ganz anders als damals - die biblischen Erzählungen kommen unserem Leben irgendwie näher als barocke Hochglanzplakate und vom Dunkel der Welt ablenkendes Feuerwerk.

 

Plötzlich also steht sie da. Ungebeten. Von hinten schleicht sie sich an. Unerwünscht. Sie muss irgendwie an den Wächtern vorbeigekommen sein. Ihr lasziver Augenaufschlag vielleicht. Männerphantasien oder Mitleid gar, weil so jemand wie sie nie eingeladen wird, schon gar nicht von feiner Gesellschaft, schon gar nicht dorthin, wo der freie Geist zum intellektuellen Gespräch bittet, schon gar nicht hierher, wo meditative Ruhe und fromme Einkehr gewünscht sind. Nicht eingeladen, ungebeten, unerwünscht in diesen geschlossenen Gesellschaften.

 

Seltsam genug, dass Jesus sich einladen lässt. Ein festliches Gastmahl im Haus des Pharisäers Simon. Nicht oft lesen wir davon, dass Jesus sich in geschlossene Gesellschaften begibt. Vielmehr bewegt er sich auf der Straße und auf den Plätzen, auf dem See und auf dem Berg, unter freiem Himmel und unter den Leuten. So sind Gott und Mensch sich am nächsten. Selbst oft unerwünscht schafft er so den vielen Ungebetenen, Unerwünschten, Ausgeschlossenen jenen Anerkennungsraum, den Menschen zum Leben brauchen.

 

Jetzt aber ist Jesus unter dem Dach dieses Simon zu Gast, ausdrücklich her gebeten, willkommen geheißen, erwünscht. Vielleicht wirklich auch einmal, um sich der Menge zu entziehen – aber Nein, das kann nicht sein, denn wenn er sich entzieht, dann allein, zum Gebet, jenem Rückzugsort in Gottes Wort, dem sich auch Gottes Sohn in seiner Menschlichkeit anvertraut.

 

Hier, im Hause des Simon, geht es nicht um die Einsamkeit des Zwiegesprächs. Hier geht es um das offene Wort. Pharisäer sind auch nur Menschen und diskutieren eben auch einmal gerne einfach um der Diskussion willen, vorzugsweise über Gott und die Welt.

Und nun mitten drin: Jesus. Gerade in geschlossener Gesellschaft – vielleicht Gottes größte menschliche Schwäche: sein Angebot eines offenen, direkten, ansprechenden Wortes gerade in geschlossener Gesellschaft. Und diese bekommt Risse, heilsame Risse – wenn auch manchmal unerwünscht und ungebeten.

 

In Umrissen erzählt der Evangelist Lukas davon und ich lese aus der Basisbibel – sie will ja mit ihrer Sprache auch den heute gelegentlich verschlossenen Worten der so vertrauten Lutherübersetzung Verstehensöffnungen anbieten [Lk 7,36-50]: Einer der Pharisäer lud Jesus zum Essen ein. Jesus ging in das Haus des Pharisäers und legte sich zu Tisch.

Und sieh doch: In der Stadt lebte eine Frau. Sie war bekannt dafür, dass sie ein Leben voller Schuld führte. Sie hörte, dass Jesus im Haus des Pharisäers zu Gast war. Mit einem Fläschchen voll kostbarem Salböl ging sie dorthin. Die Frau trat von hinten an das Fußende des Polsters heran, auf dem Jesus lag. Sie weinte so sehr, dass seine Füße von ihren Tränen nass wurden. Mit ihren Haaren trocknete sie die Tränen ab. Dann küsste sie seine Füße und salbte sie mit Öl.

Der Pharisäer, der Jesus eingeladen hatte, beobachtete das alles und sagte sich: „Wenn Jesus ein Prophet ist, muss er doch wissen, was für eine Frau ihn da berührte – dass sie ein Leben voller Schuld führt.“

Da wandte sich Jesus an ihn und sagte: „Simon, ich habe dir etwas zu sagen.“ Er antwortete: Lehrer, sprich!“ Jesus sagte: „Zwei Männer hatten Schulden bei einem der Geldverleiher: Der eine schuldete ihm fünfhundert Silberstücke, der andere fünfzig. Da sie es nicht zurückzahlen konnten, schenkte er beiden das Geld. Welcher von ihnen wird dem Geldverleiher wohl dankbarer sein?“

Simon antwortete: „Ich nehme an, der, dem der Geldverleiher mehr geschenkt hat.“ Da sagte Jesus zu ihm: „Du hast recht.“

Dann drehte er sich zu der Frau um und sagte zu Simon: „Siehst du diese Frau? Ich kam in dein Haus, und du hast mir kein Wasser für die Füße gebracht. Aber sie hat meine Füße mit ihren Tränen nass gemacht und mit ihren Haaren getrocknet. Du hast mir keinen Kuss zur Begrüßung gegeben. Aber sie hat nicht aufgehört, mir die Füße zu küssen, seit ich hier bin. Du hast meinen Kopf nicht mit Öl gesalbt. Aber sie hat meine Füße mit kostbarem Öl gesalbt. Deshalb sage ich dir: Ihre große Schuld ist ihr vergeben. Deshalb hat sie so viel Liebe gezeigt. Wem aber wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe.“

Und Jesus sagte zu der Frau: „Deine Schuld ist dir vergeben.“ Die anderen Gäste stellten sich die Frage: „Wer ist das eigentlich? Er vergibt sogar Menschen ihre Schuld!“ Aber Jesus sagte zu der Frau: „Dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden.“

 

Irgendwie hat sie sich also in den Saal gestohlen. Ein Skandal schon das Hereinkommen, ein Skandal sowieso, dass eine Frau damals in die Männerwelt des gelehrten Gesprächs eindringt, noch skandalöser ihr distanzloses Verhalten, ihre fast alle Intimität überschreitenden Berührungen. Sie wagt kein offenes Wort, aber einen offensichtlichen Kuss. Sie nutzt geschickt ihr langes Haar. Unverhohlener kann das Erotisierende dieser Szene kaum vorgestellt werden. Wenn sie nur nicht weinen würde. Ihre Tränen zerreißen unsere Phantasien.

 

Oder war der Skandal gewollt? – Es sollte doch einem angesehenen Gelehrten ein Leichtes sein, sein Haus auch einmal geschlossen zu halten, nur geladenen Gästen den Zutritt zu gestatten. Wieso hörte die Frau, dass Jesus hier war? Gewiss, er konnte sich nicht mehr ungesehen in der Stadt bewegen. Zu bekannt sind seine Worte und Zuwendungen. Es mag an jeder Ecke über ihn gesprochen worden sein. Aber musste man wirklich wissen, wo genau er sich wann aufhielt? Wurde es ihr gar zugetragen. Schleicht sich dieser Simon, verruchter Pharisäer, von hinten an? Wenn er ein Prophet ist, muss er doch wissen, wer sich da zu ihm gesellt. Wieder einmal nur eine Herausforderung.

Die freundliche Einladung zum gemeinsamen Essen auf ein offenes Wort wird brüchig.

 

Mich fasziniert, was jetzt geschieht, wie sich aus den Handlungsverstrickungen Gesprächsfäden spinnen, zunächst scheinbar nebeneinander her, zuletzt gebündelt in jenen Worten, die dafür sorgen, dass alles Hinterlistige, Brüchige, Rissige dort neu verwoben wird, wo nicht menschliche Herausforderung, sondern göttliches Heil das letzte Wort hat.

 

Zunächst spricht die Frau: Wortlos, aber sie weint. Als Jesus auf ihr stummes Zwiegespräch zurückkommt, wird die Dimension ihres beredten Handelns erst verständlich. Sie scheint vergessen zu haben, wo sie ist. Sie scheint sich gerade nicht in Szene setzen zu wollen, ganz im Gegenteil. Sie zieht sich zurück. Der Schleier ihres Haares mag ihr dabei geholfen haben. Sie und Jesus sind allein. In ihrer Lage ist ein offenes, gar öffentliches Wort nicht möglich. Möglich ist ihr nur jener Rückzugsort in Gottes Wort. Ihr Handeln wird zum Gebet: ein stummer Schrei nach Liebe im wahrsten Sinne des Wortes. Nimm mich so, wie ich bin.

 

Doch die erste Zuwendung Jesu gilt nicht ihr. Sie gilt dem Gastgeber, Simon, dem Pharisäer. Ich habe dir etwas zu sagen. Auf ein Wort. Selbstverständlich, wenn der Meister spricht. Was folgt ist nicht gerade eine intellektuelle Herausforderung. Wer wird wohl dankbarer sein? 50 oder 500 Silberstücke erlassen. Eine etwas einfache Schuldgeschichte. Schnell ist das gewünschte Urteil gefällt. Recht so. Das kann man drehen und wenden wie man will.

 

Jesus jedenfalls wendet sich nun der Frau zu und lässt dabei den Pharisäer nicht aus den Augen. So einfach ist es dann doch nicht. Nicht einmal die einfachsten Bezeugungen des Willkommens hat der Pharisäer erbracht. Wasser für die Füße und einen Begrüßungskuss, so als hätte ein Gastgeber heute vergessen, seinen Gästen die Hand zu geben und einen Aperitif zu reichen. Ob der Gastgeber dem Blick des besonderen Gastes noch standhalten kann? Wer würde sich nun nicht am liebsten herauswinden aus dieser Geschichte? Wie unangenehm, so auf seine Unterlassungen hingewiesen zu werden. Noch mehr, wenn damit nicht nur unhöfliches Verhalten getadelt wird, sondern der Glaube auf dem Spiel steht, jene innige Zuwendung zum Messias, zum Gesalbten: Du hast meinen Kopf nicht mit Öl gesalbt. Das Gastmahl droht völlig aus den Fugen zu geraten.

 

Doch wieder wendet sich das Geschehen. Jesus nimmt das Zwiegespräch mit der Frau auf. Plötzlich ist die, die sich von hinten anschleicht, nach vorne gerückt. Was bislang wort- und gestenreich zum Ausdruck kam, verdichtet sich in dem kurzen Moment, als aus der Zuwendung die Zusage wird, die aller verwirrender Herausforderung standhält: Dir sind deine Sünden vergeben.

 

Welch Wendungen in diesem Gespräch! Jesus wendet sich zur Frau und spricht mit Simon. Und Jesus spricht, nachdem er dem Pharisäer aufgezeigt hat, was er schuldig geblieben ist, mit der Frau, um die Schuld zu vergeben.  

 

Jesus durchschaut die Menschen. Er durchschaut den Pharisäer und sieht die Frau; er durchschaut die Frau und sieht den Pharisäer. Nicht mit den Augen lasziver Menschenphantasien, die eine oder einen wie diese anschauen. Nicht mit den abschätzigen Augen derer, die Unerwünschtes, Ungebetenes, Ausgeschlossenes anschauen, wenn sie überhaupt noch hinschauen. Nicht mit den Augen jener Schaulustigen, die heute wie damals alles Aufsehenerregende gesehen haben müssen und dabei kaum jenem in die Augen sehen können, der sie wirklich aufsehen lassen will, der sie aus dem Hinterhalt holt, der sie nach vorne rückt, gerade rückt, zurechtrückt, was aus den Fugen zu geraten droht, was brüchig und rissig ist in dieser Welt und bei uns.

 

Jesus durchschaut. Er schaut nicht über all die Augenblicke menschlicher Verfehlungen hinweg. Er schaut hindurch und sieht mit den Augen Gottes. Jesu Umsicht ist es zu verdanken, dass die göttliche Perspektive auf die Welt in dieser aussichtslosen Schuldverfangenheit nicht aus den Augen gerät.   Die eigentliche Wende im Gespräch ist das öffnende Wort der Vergebung. Wohin sich Jesus wendet, wird die Gnade durchsichtig. Ein Messen der Schuld – 50 oder 500 Silberlinge, große oder kleine Risse, auf der Seite der Frau oder auf der Seite des Pharisäers – ist dann unerwünscht. Die Durchsichtigkeit der Gnade im Wort der Vergebung öffnet alles, was verschlossen ist.  

 

Am Ende der Geschichte werden das betende Handeln und das offene Wort zum alle und alles umfassenden Glaubensgespräch. Die anderen Gäste rücken in den Blick. Gast ist, wer damals mit eingeladen war. Gast ist, wer sich verschämt von hinten nähert. Gast ist, wer diese Geschichte mit offenen Augen liest und offenen Ohren hört. Beim Essen mit Jesus sind Vermehrungen nicht selten. Die Mahlgemeinschaft wird geöffnet und die wunderbare Gästevermehrung bietet auch uns den Platz an. Wir sollten uns dazu setzen, so, dass immer noch Platz bleibt für all die anderen, bei denen es uns schwer fallen mag, sie richtig willkommen zu heißen, die, von denen wir uns schon abgewendet haben, die, denen wir nichts mehr zu sagen haben.

 

Anzunehmen, dass Jesus sich ihnen zuwendet und mit uns spricht oder uns ansieht und mit ihnen spricht. Anzunehmen, dass sie angenommen sind, wie wir selbst angenommen sind. Anzunehmen, dass uns dann jenes alle und alles öffnende Glaubensbekenntnis in der Gnade Gottes durchsichtig wird: Dein Glaube hat dich gerettet. Geh hin in Frieden. Mach dich auf den Weg, brich die geschlossene Gesellschaft auf und sei offen für das, was dir begegnet, für den, der dich einlädt, für den, der sich dir in aller Offenheit zuwendet.

 

Denn der Friede Gottes weckt unseren Verstand und öffnet unsere Herzen und Sinne für Christus, Jesus, unsern Herrn. Amen



[1] Vom 9.-11. August 2013 inszeniert Heidelberg erstmals ein mittelalterliches  Stadtfest in Erinnerung an die Hochzeit des pfälzischen Kurfürsten Friedrich V. und der englischen Königstochter Elisabeth Stuart.

 

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Letzte Änderung: 23.09.2013
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