11.11.2012: Dr. Fabian Kliesch über Hiob 14,1-6

 

Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr, 11.11.2012,  Peterskirche Heidelberg, Fabian Kliesch

 

Predigttext: Hiob 14,1-6

 

„Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.“ (Offb. 1,4)

 

Wortspiele mit „Frieden“. Wo komme ich her?

 

Friede sei mit euch! Ein Wunsch für andere und auch für uns selber. Friede. Dazu gehört erstmal, dass man in Frieden gelassen wird und andere in Frieden lässt. Auf diesen Aspekt des Friedens gemünzt, lässt sich der Friedenswunsch dann umformulieren und als Aufforderung sagen: Lasst Euch gegenseitig in Frieden! Oder auch: Lasst mich in Frieden! Das hat zunächst einen ganz anderen Klang als das „Friede sei mit euch!“ Aber doch gehört es zum Frieden dazu, in Frieden gelassen zu werden.

 

Lasst mich in Frieden! Lasst mich in Frieden wohnen! Dabei denke ich zunächst an bedrängte Menschen in den Kriegsgebieten dieser Welt, die das mit allem Recht sagen könnten. In Frieden gelassen zu werden von der Angst, alles und das eigene Leben jeden Augenblick verlieren zu können. In Frieden gelassen zu werden, das wäre ein erster Schritt auf dem Weg zum Frieden.

 

Lasst mich in Frieden! Das sagen zu dürfen ist auch dort Vorraussetzung, wo kein Krieg herrscht. Dort, wo man eng zusammenlebt. In Wohnheimen, in Familien und Partnerschaften. Lass mich in Frieden, lass mir ein Stück Raum für mich selbst, damit wir in Frieden miteinander wohnen bleiben können.

 

Lasst mich in Frieden! Eine biblische Gestalt, die allen Grund hätte, das zu sagen, ist Hiob. * Auf den vom Schicksal gezeichneten Hiob wird von allen Seiten eingeredet, von seinen Freunden, von seiner Frau, von seinem Gewissen. „Lasst mich in Frieden mit eurem Geschwätz, und Euren Erklärungsversuchen!“. Wenn Hiob das sagen würde, könnte ich es gut nachvollziehen. Aber er tut es nicht. Dass er seine Freunde nicht in wegschickt, liegt sicher daran, dass die Freunde ihn am Anfang in Ruhe gelassen haben. Nach der Serie von Unglücksfällen sind sie zu Hiob gekommen und haben sich mit ihm schweigend auf der Erde in den Staub gesetzt, sieben Tage und sieben Nächte lang (Hiob 2,13). Kein Wort fiel. – Sie waren da, um ihm Beistand zu leisten, und haben ihn in Frieden gelassen. Danach reden die Freude allerdings viel, haben lange Erklärungen für Hiobs Leid parat, und Hiob hält dagegen und antwortet ebenso wortreich. Bevor die Erklärungsversuche, Ratschläge und Gegendarstellungen verstummen, vergeht viel Zeit und viel Text im Hiobbuch. Bis zum Ende des Buches, wo Gott selbst das abschließende Urteil fällt und zu den Freunden Hiobs sagt: „Ihr habt nicht recht geredet von mir wie mein Knecht Hiob.“ (Hiob 42,8) Am Ende des Hiob-Buches sagt Gott also: Was Hiob geredet, gebetet und erklärt hat, das ist bewahrenswert und hörenswert, mehr noch: eine rechte Rede von und zu Gott.

 

Ein Präfamen zum Predigtext.

 

Mit dieser Voreinstellung lädt uns das Hiobbuch ein, auch den Predigttext zu hören. Eine Rede aus dem Munde Hiobs, die recht vor Gott ist. Der Predigttext ist ein Gebet Hiobs in mitten in einer längeren Antwort an einen seiner Freunde. Lasst uns also bildlich gesprochen auf die Erde in den Staub setzen neben die Freunde Hiobs und wie seine Freunde der Rede Hiobs zuhören. Sie steht bei Hiob im 14. Kapitel:

Hiob 14,1-6

1 Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe,

2 geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.

3 Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst.

4 Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer!

5 Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann:

6 so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

 

 

 

 

 

Wenn ich mit Hiob sprechen könnte..

 

Wir sitzen im Staub mit Hiob. Wie seine Freunde könnten wir nun zu Begleiterinnen und Begleitern in seinem Schicksal werden. Wir könnten sagen: „Vor dem Hintergrund, Hiob, was dir alles widerfahren ist, ist es gut nachvollziehbar wie du redest: das Leben ist kurz, vergänglich, unbarmherzig.“ Vielleicht würden wir uns sogar eine Technik aus der Seelsorge zueigen machen, die dem Selbstschutz dient und sagen: Ich verneige mich vor deinem Schicksal, Hiob, aber es ist dein Schicksal.

Dann würde uns aber das abschließende Urteil Gottes genauso treffen, wie die Freunde Hiobs: „Hiob hat recht geredet!“ Das heißt, seine Worte haben Geltung über seine konkrete Situation hinaus, seine Worte haben Geltung auch für die, die ihm zuhören. Dieser allgemein verbindliche Charakter des Gebets von Hiob wird verstärkt dadurch, dass er in dem Gebet nicht von sich selbst spricht. Der Predigttext beginnt mit „adam“: „der Mensch, vom Weibe geboren“. Hier ist also der Anspruch für alle Menschen Gültigkeit zu haben.

 

Gang durch die conditio humana.

 

Wir sitzen im Staub mit Hiob. Wenn wir ihn hören, hören wir etwas über uns. Wenn er betet, beten wir mit. Hiob betet zu Gott, einem hier namenlosen „Du“, einem Gegenüber. Vor diesem göttlichen „Du“ breitet Hiob die Klagen des menschlichen Daseins aus. Die Klage kulminiert in einer einzigen Bitte, einer Fürbitte für den Menschen an sich: „Blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat! Bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.“

Gott soll wegblicken vom Menschen. Ihn in Ruhe lassen, ihn in Frieden lassen. Was Hiob nicht zu seinen Freunden sagt: „Lasst mich in Frieden!“ sagt er hier zu Gott.

Wir sitzen im Staub mit Hiob und es könnte uns nun etwas befremdlich zumute werden. So eine Bitte an Gott zu richten, ist das nicht unangemessen und sogar gotteslästerlich? Den Menschen mit einem Tagelöhner zu vergleichen, der sich freut, wenn er endlich Ruhe hat von seinem göttlichen Arbeitgeber, ist das auch unser Bild von der Beziehung zwischen Gott und Mensch? Hiobs Bitte mag uns fremd erscheinen, aber trotzdem soll Hiob in allem recht geredet haben, also auch mit seiner Bitte: Gott, lass den Menschen in Ruhe!

 

Geballte Macht der Klagen.

 

Was bringt die Unruhe für Hiob, die zu einer solch krassen Bitte veranlasst? Was stiftet den Unfrieden für die Menschheit, das wir beten dürfen: Gott, lass mich in Frieden? Es sind drei Klagen über die conditio humana, die Hiob aufzählt, Klagen über das Menschsein an sich: die Klage über die Vergänglichkeit, die Klage über den unbarmherzigen Kontrollblick, die Klage über die Verstrickung in Sünde und Schuld.

In Hiobs Mund klingt die Klage über die Vergänglichkeit so: „Der Mensch lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.“

Diese und die anderen Klagen vollziehen wir mehrfach im Monat November nach: Allerheiligen, Totensonntag, Volkstrauertag, Ewigkeitssonntag. Wir machen uns die Klage über die Vergänglichkeit zueigen, wenn wir Kerzen für Verstorbene entzünden, wenn wir Blumen als Zeichen der Vergänglichkeit auf Gräber und die Altäre in Kirchen stellen.

 

Die Klage über den über den unbarmherzigen Kontrollblick. In Hiobs Mund klingt die Klage so: „Doch du (Gott) tust deine Augen über einen solchen (Menschen) auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst.“

Der 9. November steht in Verbindung mit den zwei jüngsten deutschen Diktaturen: dem Nationalsozialismus und der SED-Diktatur. Hier war es nicht der göttliche Kontrollblick, sondern der Blick von unmenschlichen Regimes, der das Leben zur Hölle gemacht hat.

 

Zuletzt die Klage über die Verstrickung in Sünde und Schuld. In Hiobs Mund klingt sie so: „Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer!“ Hiobs Rede zielt hier wohl nicht auf die Erbsünde, wohl aber auf die Vorstellung, dass wir von Geburt an keine Wesen mit reinem Herzen sind. Auch für diese Klage gibt es einen kirchlichen Gedenktag im November, den Buß- und Bettag. Was er bedeutet können Sie, liebe Gemeinde, am 21.11. in den verschiedenen Gottesdiensten nachvollziehen.

 

Diese geballte Macht der Klagen veranlassen Hiob zu seiner einzigen Bitte an Gott: Lass mich in Frieden! Seine Fürbitte wird dadurch nicht nur im Nachhinein durch die Gottesrede am Ende des Hiobbuches legitimiert. Sondern diese geballte Macht der Klagen macht es auch in unseren Tagen nachvollziehbar, wenn Menschen sich wünschen, von Gott in Frieden gelassen zu werden.

 

Suche nach Ermutigung.

 

Wir sitzen im Staub mit Hiob. Gibt es überhaupt etwas Ermutigendes, das hier zur Sprache kommt? Hören wir noch ein letztes Mal auf die Bitte von Hiob: „So blicke doch weg (vom Menschen), damit er Ruhe hat.“ In dieser Bitte stecken meines Erachtens zwei ermutigende Elemente: Das eine klang schon zu Beginn der Predigt an. Lass mich in Ruhe, lass mich in Frieden! Dass man diese Bitte im menschlichen Zusammenleben äußern darf, ist für das Gelingen von Gemeinschaft konstitutiv. Dem anderen Freiräume lassen, die er braucht, sich selber Freiheiten einfordern. Das gilt für menschliche Beziehungen, aber offenbar auch für die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Ja, Hiob hat recht geredet in seiner Bitte: Lass mich in Ruhe, Gott. Gott lässt uns die Freiheit, dies von ihm zu bitten, er lässt uns in Frieden und traut uns zu, dass wir diese Freiheit verantwortlich ausfüllen.

Das zweite ermutigende Element: „Blicke weg von mir“ heißt nicht: Gehe weg von mir. Blicke weg kann heißen: „Wende deinen Blick ab, ich halte deinen Blick nicht aus! Wende deinen Blick ab, aber bleib in meiner Nähe.“

Diese steile Interpretation der Bitte Hiobs ist nicht aus der Luft gegriffen. Blicke weg, aber geh nicht weg! Das zeigt der Verlauf der Beziehung zwischen Hiob und Gott im Hiobbuch. Weder schwört Hiob Gott ab, er bleibt auch im klagenden und anklagenden Gebet mit Gott verbunden. Noch weicht Gott von der Seite Hiobs, sondern hält an ihm fest bis zum Ende. Im Bild gesprochen sitzt Gott vielleicht auch dabei im Staub auf der Erde und weicht nicht von der Seite Hiobs.

In dieser Spannung zwischen der Unverbrüchlichkeit der Beziehung und der Freiheit, sich gegenseitig Ruhe voneinander zu gönnen, entwickelt sich das Hiobbuch. Hiob durchlebt mehrere Phasen dieser Beziehung, ohne dass die eine Phase besser oder schlechter als die andere gewertet würde. Hiob hat recht geredet in allen Phasen der Beziehung, in solchen wo er anklagt und um Ruhe von Gott bittet, und in solchen, wo er sich nach Gottes Nähe und seinen Blicken sehnt.

 

 

 

 

Der Erlöser wird sich als letzter „aus“ dem Staub erheben.

 

In solchen Beziehungsphasen klingen die Worte Hiobs ganz anders und sind ebenso rechte Rede von Gott wie die Klage. So spricht Hiob im 19. Kapitel:

 

25 Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben.

26 Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen.

27 Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust. (Hiob 19,25ff)

 

Gott bleibt unser Erlöser. Ob er im Staub neben uns sitzt und wir ihn bitten wegzublicken. Ob er im Staub neben uns sitzt und wir ihn bitten uns freundlich anzublicken. Er war schon vor uns da, und er wird sich auch erst nach uns aus dem Staub erheben, in dem Hiob und wir gemeinsam sitzen.

 

In diesem Sinne lasst uns mit Hiob sprechen und singen:

„Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben.“

 

Kanzelsegen: Und „der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ (Phil 4,7)

Amen.

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Letzte Änderung: 23.05.2018
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