Bereichsbild
Veranstaltungen

So, 25.08.2019

10:00 Uhr

Universitätsgottesdienst

Dr. Friederike Schücking-Jungblut

Mi, 28.08.2019

07:00 Uhr

Abendmahlsgottesdienst, anschl. Frühstück

So, 01.09.2019

10:00 Uhr

Universitätsgottesdienst

PD Dr. Doris Hiller

Mi, 04.09.2019

07:00 Uhr

Abendmahlsgottesdienst, anschl. Frühstück

So, 08.09.2019

10:00 Uhr

Universitätsgottesdienst

Prof. em. Dr. Adolf-Martin Ritter

Alle Termine & Veranstaltungen

Aktuelles

11.12.2016: Prof. Dr. Michael Welker über Lk 1,67-79

Gottesdienst am 3. Advent 2016

in der Peterskirche zu Heidelberg 

DER LOBPREIS DES ZACHARIAS 

 

Lukas 1, 67-79 

 

Prof. Dr. Michael Welker

 

 

 

67 (Nach der Geburt des Johannes wurde) sein Vater Zacharias vom Heiligen Geist erfüllt und begann prophetisch zu reden:

68 Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat sein Volk besucht und ihm Erlösung geschaffen.

69 Er hat uns ein Horn der Rettung (einen starken Retter) aufgerichtet im Hause Davids, seines Knechtes,

70 wie er verheißen hat von alters her durch den Mund seiner heiligen Propheten.

71 Um uns zu retten vor unseren Feinden und aus der Hand derer, die uns hassen,

72 um Erbarmen zu üben an unseren Vätern und seines heiligen Bundes zu gedenken,

73 des Eides, den er unserem Vater Abraham geschworen hat.

74 Er hat uns geschenkt, dass wir, aus Feindeshand befreit, ihm furchtlos dienen

75 in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinem Angesicht all unsere Tage.

 

76 Und du, Kind, wirst Prophet des Höchsten genannt werden; denn du wirst dem Herrn vorausgehen, ihm den Weg zu bereiten.

77 Du wirst sein Volk mit der Erkenntnis der Rettung beschenken in der Vergebung der Sünden.

78 Durch das sich erbarmende Herz unseres Gottes wird uns besuchen das aufgehende Licht aus der Höhe,

79 um zu leuchten denen, die in Finsternis und im Schatten des Todes sitzen, um unsere Füße hinzulenken auf den Weg des Friedens.

 

                                                           

 

Liebe Gemeinde, wurden Sie – und ich möchte jede Einzelne und jeden Einzelnen unter Ihnen ansprechen –, liebe Gemeinde, wurden Sie schon einmal vom Heiligen Geist erfüllt? Ich vermute, dass schon diese Frage viele von Ihnen eher befremdet. Vom Heiligen Geist erfüllt – ich? Was soll das? Unser heutiger Predigttext und das Benedictus, das wir gemeinsam gebetet haben, kann an dieser Stelle vielleicht Klärung bringen.

 

Im 1. Kapitel des Evangeliums nach Lukas geht es nicht nur um die Ereignisse im Zusammenhang mit der Geburt von Johannes dem Täufer. Es geht auch um den Lobgesang seines Vaters, des Priesters Zacharias, nach dieser Geburt. Der Geburt vorausgegangen waren Schwierigkeiten und verwunderliche Geschehnisse. Die Mutter Elisabeth war, wie es heißt, „fortgeschritten in ihren Tagen“, und sie litt darunter, kinderlos geblieben zu sein (Lk 1,18 und 1,25). Dann kündigt ein Engel dem Vater, während er seinen Dienst im Tempel tut, an: Ihr werdet einen Sohn bekommen, er soll Johannes heißen. Und dieser Sohn wird Großes tun. Er wird viele Israeliten zum Herrn, ihrem Gott, bekehren (Lk 1,13 und 16). Doch Zacharias glaubt dem Engel nicht: „Ich bin ein alter Mann, und auch meine Frau ist in vorgerücktem Alter“ (Lk 1,18). Der Engel reagiert darauf unnachsichtig: „Du wirst jetzt stumm sein und nicht mehr reden können, bis zu dem Tag, an dem all das eintrifft“ (Lk 1,20).

 

Dann wird das Kind geboren. Es herrscht große Freude – nicht nur bei den Eltern, sondern auch unter den Verwandten und Nachbarn. Doch bald schon gibt es Streit über den Namen des Neugeborenen. Alle meinen, das Kind solle nach seinem Vater Zacharias heißen, wie es guter Brauch ist. Die Mutter widerspricht und will den Namen geben, den der Engel genannt hat. Aber das lassen die Verwandten und Nachbarn nicht gelten. Da verlangt der stumme Vater ein Schreibtäfelchen und schreibt, „zum Erstaunen aller“, wie es ausdrücklich heißt: „Sein Name ist Johannes“ (Lk 1,64). Und sofort werden ihm Mund und Lippen wieder geöffnet, er kann wieder sprechen. Und er spricht nun – allerdings vom Heiligen Geist erfüllt, er spricht prophetisch. Was heißt das?

 

Prophetische Rede, überkommen und erfüllt vom Heiligen Geist! Zacharias gerät nicht in Trance. Er redet nicht in unverständlichen und deutungsbedürftigen Zungen. Aber für diejenigen, die die heiligen Schriften kennen, kann sein Lobgesang durchaus befremdlich, ja erschreckend genug erscheinen. Denn er zitiert Bruchstücke, Satzfetzen aus mindestens acht Psalmen. Dazu Sätze, Bruchstücke von Sätzen aus dem Buch Exodus, aus den Samuelbüchern, Worte aus den Propheten Jesaja, Jeremia, Micha und Maleachi kommen aus seinem Mund. Gewichtig und doch fremdartig klingt seine prophetische Rede. Merkwürdige Bilder nimmt sie auf. Sie verwendet komplizierte Bildkombinationen: Das Horn des Heils wird aufgerichtet im Hause Davids. Das Licht aus der Höhe wird uns besuchen, weil Gottes Herz sich erbarmt hat.

 

Kein Wunder, dass es heißt: Und es kam Furcht über alle, die in der Gegend wohnten. Im ganzen Bergland von Judäa wurden alle diese Vorgänge beredet. Alle, die davon hörten, dachten in ihrem Herzen: Was wird wohl aus diesem Kind werden? Das Leben des Täufers hat dann tatsächlich viel Stoff geboten für weiteres Gerede in der befremdeten Nachbarschaft und im ganzen Bergland von Judäa. Die Einzelheiten sind historisch unsicher. Aber dass sich der Täufer sowohl mit der Religion als auch mit der Politik anlegte, dass er sich die Vertreter des Jerusalemer Tempelkults sowie Herodes und dessen Frau zum Feind machte, das ist höchst wahrscheinlich. Sehr wahrscheinlich ist auch, dass er eines gewaltsamen Todes starb. Das Leben des Johannes ist alles andere als das, was man sich unter einer Bilderbuchkarriere vorstellt.

 

Was aber sagt die prophetische Rede des Vaters, erfüllt vom Heiligen Geist, mit dieser merkwürdigen Sammlung von Splittern aus den biblischen Texten? Die Texte der Psalmen und der Propheten, die Zacharias, gerade wieder zur Sprache gekommen, hier in Bruchstücken zitiert, sprechen alle voller Lob und Dank von Gott, dem Retter und Erlöser. Sie danken Gott, dass er auch in der Not treu an seinen Bund mit seinem Volk denkt. Sie danken ihm, dass er seinem Volk nicht fernbleibt, dass er sich ihm zuwendet, dass er es besucht – auch im Dunkel. Sie danken und loben Gott, dass er einen starken Retter geschickt hat inmitten aller Not. Sie danken für die Rettung aus der Hand der Feinde, die das Volk hassen. Sie danken Gott für seine Barmherzigkeit, für sein Licht in der Finsternis, ja, sogar „im Schatten des Todes“.

 

Überwältigend ist die Treue und Güte des rettenden Gottes. Das sagt die Rede im Heiligen Geist. In vielen, vielen Situationen hat Gott geholfen. Entsprechend groß ist deshalb der Dank. Überwältigend ist Gottes Barmherzigkeit – und deshalb ist auch das Gotteslob im Geist außergewöhnlich, herausgehoben. Inmitten vieler Situationen von Not, Leiden und Verzweiflung hat sich Gott immer wieder als Retter und Erlöser erwiesen. Deshalb sind das Vertrauen zu Gott und die Hoffnung auf ihn groß und fest, ja, leuchtend und voller Freude. In der Kraft des Geistes wird eine ganze Fülle von Anlässen zur Dankbarkeit, zur Erinnerung an Erfahrungen von Liebe und Güte, von gewecktem neuen Mut und froher Zuversicht lebendig.

 

Hier begegnet uns eine ganz andere Sicht auf Gott und die Welt, als sie heute unter uns Gang und Gäbe ist. Gottes Allmacht ist nicht die Macht, uns eine Disney-Welt zu bereiten, in der alles immer reibungslos und immer unterhaltsam funktioniert. Die Welt ist nicht das Paradies. Denn die von Gott für „gut“ befundene Schöpfung ist doch radikal von ihm unterschieden. Unser irdisches Leben ist endlich und sterblich. Es lebt unabdingbar auf Kosten von anderem Leben. Und es ist nicht nur voll von Leid und Not. Es ist auch voller Bosheit und Hass, Feindschaft und destruktiver Gewalt.

 

Die Allmacht Gottes besteht nun darin, uns Menschen auf die guten Wege der Liebe, der Gerechtigkeit, der Barmherzigkeit, der Freiheit und des Friedens zu führen. Gottes Allmacht ist die Macht, auch aus Leiden und Not Neues und Gutes zu schaffen. Die Erfahrung des Guten – die lange nicht mehr erhoffte Geburt eines Kindes, die Wiedergewinnung der Sprache – löst nun, vom Heiligen Geist überkommen, überwältigende Dankbarkeit und Freude aus. Wie oft hat doch Gott rettend eingegriffen in den eigenmächtigen, bald gewalttätigen, bald ohnmächtigen Lauf der Welt! Der Heilige Geist schenkt Freude – selbst in der Bedrängnis, wird Paulus sagen (2Kor 7, 4). 

 

Und du, Kind, wirst Prophet des Höchsten genannt werden; denn du wirst dem Herrn vorausgehen, ihm den Weg zu bereiten. Das Kind, das später das Ansehen der religiösen und politischen Führer beim Volk untergräbt, wird im Lobgesang des Zacharias als „Prophet des Höchsten“ begrüßt und gefeiert. Johannes wird die Menschen auf das Licht Gottes und auf den Weg des Friedens hinweisen. Das aber heißt: Er wird auf den hinweisen, der in der Krippe geboren und am Kreuz hingerichtet werden wird. Auch hier keine Bilderbuchkarriere. Auch hier ein Leben, das reichlich Stoff für manches Gerede, ja für manche Erregung in seinen näheren und weiteren Umgebungen bietet. Wie sollen wir uns stellen zu dieser Mischung von Licht und Dunkelheit in dem Leben, auf das Johannes hinweist? Werden wir nur von einer Spannung zwischen Freude und Furcht in die nächste geführt?

 

Wo viel Licht ist, ist auch starker Schatten. Diese Lebens- und Dichterweisheit drängt sich auf, wenn wir die Engelserscheinungen mit ihrer Verheißung großer Freude und die tatsächlichen Lebenswege Jesu Christi und des Täufers zusammenhalten. Wirkt Gott unter uns also in einer Mischung aus Licht und Schatten? Der Lobgesang des Zacharias befreit uns von der religiösen Unsicherheit und Ambivalenz dieser Frage. Er spricht zwar durchaus von Licht und von Schatten, ja sogar von Finsternis und von den Schatten des Todes. Aber er verkündet deutlich: Das Licht scheint in die Finsternis. Das Licht bringt Rettung in die Finsternis. Es bringt Rettung aus der Finsternis.

 

Der Lobgesang des Zacharias und die anderen Hymnen aus der Vorgeschichte von Jesu Wirken lassen keinen Zweifel daran: Das Licht aus der Höhe ist ein klares, ein in sich ungebrochenes Licht! Das Licht der Güte und des Erbarmens Gottes scheint in die Finsternis. Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer! In den oft unscheinbaren Taten zwischenmenschlicher Liebe, Taten der Vergebung, in Tischgemeinschaft, Heilung und Erschließung der Schriften in der Nachfolge Jesu Christi leben die Menschen, vom Heiligen Geist erfüllt, in diesem Licht. Menschen gelangen auf die Wege des Friedens, sie können das Heil Gottes schauen. Damals und heute. Eine große, eine ungebrochene Freude ist ihnen bereitet.

 

Doch diese Freude greift um sich in einer von Schatten gezeichneten Welt. Das Licht tritt ein in eine Welt, die die Finsternis der Sünde und des Todes aushalten muss. Damals und heute. Deshalb war und deshalb bleibt die große Freude, die das Licht Gottes weckt, eine ernste Freude. Sie ist tiefe Freude, kein Spaß oder bloßes Vergnügen. Aus dieser tiefen Freude des Advents heraus singen wir beides: „Mit Ernst, o Menschenkinder“ und „Tochter Zion, freue dich“. Wir singen: „Die Nacht ist vorgedrungen“ und „Wie schön leuchtet der Morgenstern“. Weil wir in dem ungebrochenen Licht leben, das die großen Ereignisse von Weihnachten und Ostern vorauswerfen, können wir Licht und Finsternis, Leben und Tod einander klar zuordnen. Weil wir in diesem Licht leben, können wir in der Feier des Abendmahls die Nacht des Verrats und den Tod Christi verkündigen und seine Menschwerdung und seine Auferstehung preisen.

 

Der Lobgesang des Zacharias ruft uns dazu auf zu erkennen, dass die großen Ereignisse und Taten Gottes – ihr Licht vorauswerfen. Er weckt in uns die ernste und tiefe Freude darüber, dass dieses Licht auch denen leuchtet, die sich im Schatten und in der Finsternis befinden. Der Lobgesang des Zacharias zeigt uns aber auch, dass diejenigen, die dieses Licht ankündigen und bezeugen, an diesem Licht Anteil gewinnen. Johannes der Täufer hat auf seinem schweren Lebensweg Anteil an diesem Licht. Auch wir sind dazu aufgerufen und eingeladen, Trägerinnen und Träger dieses Lichts zu werden und Anteil zu gewinnen an dem Ernst und an der Freude, die dieses Licht auslöst, wenn es immer wieder neu unser Dunkel erhellt.

Amen.

 

 

Webmaster: E-Mail
Letzte Änderung: 23.05.2018
zum Seitenanfang/up