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12.02.2012: Prof. Dr. Gerd Theißen über 2 Kor 11,18.23b-33; 12,1-10

 

Predigt über 2 Kor 11, 18.23b-33; 12, 1-10 im Universitätsgottesdienst am Sonntag Sexagesimae, 12. Februar 2012, in der Peterskirche Heidelberg

12.2.2012

 

Prediger: Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Gerd Theißen

 

 

„Da viele sich rühmen ..., will ich mich auch rühmen“. So beginnt Paulus. In der Antike gilt: Ruhm und Ehre sind wichtiger als Leben. Manche meinen, wir lebten in einer völlig anderen Kultur. Wir fürchten angeblich den Verlust unserer Selbstachtung mehr als den Verlust der Ehre, fürchten weniger die Scham vor anderen, als wenn wir uns vor uns selbst schämen müssen. Die Antike sei eine Kultur von Ehre und Schande, unsere Welt dagegen eine individualistische Schuldkultur. Was für eine Selbsttäuschung! Vor allem, wenn Vertreter der akademischen Welt solche Theorien propagieren!

Akademiker haben sympathische Züge, aber wenn ein Ethnologe unseren kleinen Volksstamm beschreiben müsste, käme er gewiss zu dem Ergebnis: Auch dieses Volk hat sein Schlachtfeld von Ruhm und Ehre, Prestige und Ansehen. Wer das System akademischer Ehrungen kritisiert, bedenke: Anerkennung kostet wenig Geld, ist aber oft wirksamer als Geld. Wie viele Erkenntnisse entstehen dadurch, dass Menschen den Doktortitel erwerben wollen. Er bringt kaum materielle Vorteile. Eine Pfarrerin mit Doktortitel muss in frommen Kreisen sogar ein wenig um Vertrauen für sich werben, bis man sagt: Mit ihr kann man sich trotzdem normal unterhalten. Sie ist sogar fromm – trotz ihrer Gelehrsamkeit. Wenn Menschen hin und wieder Plagiate als Doktorarbeit einreichen, beweist das nur, wie viel der Doktortitel wert ist. Falschmünzen setzen immer echte Münzen voraus. Unbestreitbar ist: Wissenschaft ist in sich wertvoll. Aber ohne Aussicht auf einen Titel würde weit weniger Wissen an der Universität entstehen als heute. Ich will das subtile System akademischer Ehrungen hier nicht weiter beschreiben. Das wäre sehr unterhaltsam, gehört aber weniger in eine Predigt als ins Kabarett. Jeder, der die Universität kennt, weiß auf jeden Fall: Hier muss man manchmal wie Paulus sagen: „Da viele sich rühmen, will auch ich mich rühmen.“

Wer nun meint, das sei nur unser Problem, irrt gewaltig. Alle Menschen stehen als Lebewesen in einer harten Konkurrenz um Lebenschancen: um die Güter der Welt, um Vermehrung und Verbreitung, um Macht und Einfluss. Auch wenn wir diesen struggle for life durch Kultur einschränken, geht er auf subtiler Ebene weiter: als Konkurrenz um Ansehen und Prestige bei kulturellen und sozialen Tätigkeiten. Wer darauf verzichtet, sich in diesem Streit um Prestige zu engagieren, möchte doch wenigstens Anerkennung dafür haben, dass er innerlich davon frei ist. Als Alexander Diogenes in der Tonne fragte, womit er ihm einen Dienst tun könne, sagte der: Geh mir aus der Sonne! Durch diese Antwort hat Diogenes mehr für die Verbreitung seiner Lebensphilosophie getan als durch eine philosophischere Antwort. Die Kyniker, die Hunde, wie sich diese Philosophen nannten, sorgten systematisch durch Verstöße gegen den Kodex von Ehre und Scham dafür, dass über sie geredet wurde – aber auch dafür, dass mancher darüber nachdachte, was wirklich wertvoll im Leben ist.

Auch wir setzen wie die Kyniker den Verzicht auf Ansehen und Ehre strategisch ein: Selbststigmatisierung nennt man das, d.h. die demonstrative Übernahme von Defiziten. Diskriminierte Minderheiten sagen: „Black is beautiful!“ Mit dieser Parole irritiert man rassistische Überzeugungen weit mehr als durch direkte Konfrontation. Man rühmt sich demonstrativ dessen, was andere ablehnen – und übermittelt damit die Botschaft an alle: Nicht wir sind im Unrecht, sondern ihr!

 

So auch Paulus. Er rühmt sich dessen, was als Nachteil gilt Zwar beginnt er mit der stolzen Behauptung: „Ich habe mehr gearbeitet“! Es folgen dann nur Negativmeldungen: Oft hat er im Gefängnis gesessen, fünfmal wurde er in der Synagoge öffentlich ausgepeitscht, drei Mal durch heidnische Behörden gegeißelt, einmal überlebte er eine Steinigung. All das sind Strafen, die Menschen demütigen, erniedrigen, innerlich und physisch zerstören können. Doch Paulus rühmt sich dessen. Er weiß: Ich bin der Welt gekreuzigt, und die Welt ist mir gekreuzigt. Eine Welt, die den Apostel so schlecht behandelt, ist es wert, gekreuzigt zu werden. Sie ist kriminell, nicht der Apostel. Sie muss gekreuzigt werden, nicht der Apostel.

Am Ende dieser Entehrungen wirkt die kleine Geschichte von der Flucht aus Damaskus wie ein Fremdkörper. Dass Paulus in einem Korb die Stadtmauer heruntergelassen wurde, um zu entfliehen, – ist das nicht eher ein gelungener Streich? Der offizielle Predigttext hat diese Episode ausgelassen und damit eine Pointe entfernt. In der Antike war nämlich der große Held bei der Eroberung einer Stadt der „Mauerstürmer“, der Soldat, der zuerst die feindliche Mauer betrat. Wenn er überlebte (und das war selten), war er der Held des Tages. Paulus stilisiert sich am Ende seines Leidenskatalogs als Antihelden. Er hat nicht die Mauer erstiegen, um Damaskus zu erobern; er wurde von ihr herabgelassen, um zu entfliehen. Er lebte nicht nach dem Motto: Ehre ist wichtiger als Leben. Er floh nach der Devise: Leben ist wichtiger als Ehre. Er sagte nicht: Man muss kämpfen, sondern: Auch die Methode Hasenfuß hat ihre Vorzüge. Er relativiert damit bewusst seine vorherige Aufzählung von Extremsituationen: Er hat sie nicht nur heroisch bewältigt, er war froh, dass er mit dem Leben davon kam – mit Hilfe anderer, die ihn in einem Korb die Mauer herunter ließen. Nebenbei: Wie vielen wünscht man in diesen Tagen, dass sie noch rechtzeitig aus Damaskus entfliehen können, wenn ein schreckliches Terror-Regime hinter ihnen her ist! Bei Paulus ist die Flucht aus Damaskus auf jeden Fall in seinem ironischen Selbstruhm noch einmal eine Ironie über Ironie. Er sagt: Bei all diesen Leiden und Entbehrungen, war ich kein Held, sondern ein Gegenheld. Ich war froh, wenn ich überlebte.

Die Pointe ist also: Paulus rühmt sich dessen, was damals Entehrungen und Demütigungen waren. Aber er will sich deshalb nicht als Held stilisieren. Dabei spürt jeder Leser der paulinischen Briefe: Eigentlich will dieser Mann immer der Erste sein. Vor seiner Bekehrung wollte er im Eifer für das jüdische Gesetz der erste sein unter allen Altersgenossen. Nach seiner Bekehrung wollte er wieder der erste sein. Deswegen weist er Petrus, den ersten Apostel zurecht, und sagt damit: Ich stehe noch über dem ersten Apostel; ich habe als einziger das Evangelium richtig verstanden. Mehr als alle anderen hat Paulus Zungenrede gesprochen. Mehr als alle anderen hat er als Missionar gearbeitet. Weiter als alle andere will er die Mission tragen – bis nach Spanien ans Ende der damaligen Welt. Dieser Paulus will immer der erste sein. Wenn er es nicht sein kann, will er wenigstens der „Erste von hinten“ sein: Deshalb rühmt er sich dessen, dass er mehr als alle anderen gelitten hat, dass er mehr verfolgt, mehr verschmäht wurde. Er überbietet alle im Leiden. So machen wir das übrigens manchmal auch, gerade in der Universität: Wie viele üben sich da hin und wieder im edlen Wettbewerb darum, wer die schlimmsten Unrechtserfahrungen erlitten hat. Sehr konstruktiv ist das selten.

Man kann solch einen Wettbewerb im Negativen sehr kritisch sehen. Und doch bewundere ich Paulus. Für jeden liegt offen zutage: Hier lechzt zwar ein Mensch nach Anerkennung und Ehre. Die Korinther Gemeinde hat sie ihm verweigert. Beleidigt hat sie ihn. Vielleicht hat einer unter ihnen dem Paulus die vergifteten Worte entgegengeschleudert: In deinen Briefen bist du großartig, aber im unmittelbaren Gespräch wirkst du armselig. Das hat Paulus gewurmt. Deshalb betont er: Im Leiden überbiete ich euch alle. Im Ertragen eines armseligen und mickrigen Lebens bin ich der Erste. Er sagt aber auch mit einer Ironie zweiter Stufe: Ich war dabei kein Held, ich war ein Antiheld, ein Flüchtling, ein Entronnener.

 

Noch einmal: Ich bewundere diesen Paulus. Was hat er nicht alles mit seiner menschlich-allzumenschlichen Motivation, immer der Erste sein zu wollen, geschafft: Er war einer der großen Universalisierer. In seinem jüdischen Glauben an den einen und einzigen Gott hatte er das Fundament seines Lebens gefunden, sein Glück und sein Heil. Das will er allen Völkern zugänglich machen. Seine Botschaft ist: Vor Gott sind alle gleich. Vor Gott gibt es keine Hierarchie von Ehre und Schande. Keine Hierarchie von Verdienst und Leistung. Keine Hierarchie von Erfolg und Misserfolg. Die Unterschiede von Frauen und Männer, Freien und Sklaven – sie sind alle vergessen. Syrer oder Griechen, Römer oder Spanier, Italiener und Türken alle sind gleich. Diese Botschaft ist eine der kühnsten Botschaften, die in der Geschichte laut wurden. Im struggle for life sind wir verschieden aufgestellt. Aber vor Gott sind wir gleich. Nichts kann uns scheiden von Gottes Liebe, weder Hohes noch Tiefes, weder hoher Rang noch tiefer Absturz, weder Entrückungen in den Himmel noch Notsituationen auf Erden. Gottes Liebe und Anerkennung gilt allen Menschen in allen Situationen.

Wichtig ist: Diese Botschaft verbreitet Paulus nicht nur mit Worten, sondern mit seinem Leben. Er übernimmt die Rolle des Narren in Christo, er wählt die Rolle, Abschaum der Welt zu sein – denn er ist sich einer unbedingten Anerkennung bei Gott gewiss. Vor Gott ist er hoch, vor Menschen erniedrigt. Menschen verkündigt er Torheit, vor Gott aber Weisheit. In irdenen, zerbrechlichern Gefäßen transportiert er den Schatz des Evangeliums. Die Größe dieses Schatzes wird umso sichtbarer, je mehr das Gefäß zerbricht, das ihn nicht mehr halten kann.

Unser erstes Fazit ist daher: In der Konkurrenz der „Tiefe“, wer am unglücklichsten auf Erden ist, kann Paulus mithalten. Aber er wirkt nicht verbittert, er zeigt innere Größe. Bei ihm spürt man nicht das Ressentiment, das abwertet, was man ohnehin entbehren muss, vielmehr eine überströmende Gnade, die ihn reich macht. Er spricht mit Humor von seinen Heldentaten als Antiheld. Von Paulus kann man daher viel lernen, wenn man im struggle for life schlechte Karten hat. Und die hat jeder in seinem Leben irgendwann. Einerseits können wir einen Stolz lernen, im Unglück in Widrigkeiten zu bestehen. Aber auch den Humor, diesen Stolz zu korrigieren. Wir können von Paulus lernen, innerlich frei zu werden im struggle for life um Ehre und Ansehen.

 

*

 

Aber das ist nicht alles. Paulus ist noch eine Nummer größer, weil er uns auch hilft, in einer zweiten Konkurrenz frei zu werden, nicht nur in der Konkurrenz der „Tiefe“, sondern auch der „Höhe“. Die Korinther standen nicht in einem edlen Wettkampf darum, wer unter ihnen der Unglücklichste ist. Sie wetteiferten vielmehr darum, wer der Glücklichste ist: wer die höchsten Gnadengaben und Charismen besitzt, die Fähigkeit zum Zungenreden, zur Prophetie, zur theologischen Erkenntnis. Wer hat den engsten Kontakt zum Himmel – darum geht es in dieser zweiten Konkurrenz. Wer darauf verzichtet, sich im harten struggle for life die Hände schmutzig zu machen, möchte ja wenigstens dafür bewundert werden, dass er besser als die anderen ist und nicht so hart wie z.B. manche hart gesottenen Banker, Politiker oder ein Bundespräsident (Manche tun uns hier wirklich sehr bereitwillig den Gefallen, dass wir uns ohne großen moralischen Aufwand moralisch ein wenig besser fühlen dürfen). Aber wer für seine Moral bewundert werden will, muss wiederum zeigen, dass er besser ist als die vielen anderen, die sich auf denselben Weg begeben haben. Paulus relativiert diesen spirituellen Wettkampf. Er sagte schon im 1. Korintherbrief: Glossolalie ist vergänglich, Prophetie und Erkenntnis sind nur Stückwerk. Aber das hatte wenig genutzt. Daher legt er in seinem zweiten Brief noch einmal nach.

Ein zweites Mal setzt er in unserem Text mit der allgemeinen Maxime ein: „Gerühmt muss werden, wenn es auch nicht nützt.“ Und jetzt zeigt er: Ich kann nicht nur mithalten, wenn es darum geht, in die Tiefen des Lebens hinab zu steigen, sondern auch, wenn es darum geht, in die Höhen des Himmels aufzusteigen. Jetzt rühmt er sich seiner „Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn.“ Er kündigt gleich mehrere von ihnen an:

Seine erste Erfahrung: Er war außer sich, in einem ekstatischen Zustand. Da wurde er bis in den dritten Himmel entrückt. Vor 14 Jahren sei das gewesen. Es muss eine überwältigende Erfahrung gewesen sein. Nur deswegen kann er sie datieren.

Seine zweite Erfahrung: Er wurde bis ins Paradies entrückt. Das dürfte m.E. eine noch weiter gehende Entrückung sein oder eine neue Stufe in der einen Entrückung. Denn das Paradies wurde eher im siebten Himmel lokalisiert. Dort hörte Paulus unaussprechliche Worte. Das dürfte ein kleiner Wink an die Korinther sein. Die meinten, mit der Glossolalie die Sprache der Engel zu sprechen und schon im Himmel zu sein. Paulus sagt dezent: Das alles kann ich auch. Keiner kann mich darin überbieten.

Aber dann kommt seine dritte Erfahrung – und sie soll der ironische Schlusspunkt dieses sich-Rühmens sein – so wie die Flucht aus Damaskus der ironische Höhepunkt seiner Erniedrigungen war. Paulus ist wieder auf Erden. Er fleht den Herrn an, von einem Stachel im Fleisch erlöst zu werden – von heftigen, unerträglichen Schmerzen. Einige Kirchenväter dachten an Kopfschmerzen. Heute denken manche Exegeten an Migräne oder Trigeminusschmerz – das sind wahnsinnige Schmerzen. Paulus fleht darum, dass er von diesen Schmerzen befreit wird und erhält als Antwort – nicht als unaussprechliche Worte, sondern als klare Auskunft:

„Lass dir an meiner Gnade genügen. Denn meine Kraft kommt in den Kranken (oder in den Schwachen) zur Vollendung!“

Diese Absage an seine Bitte ist der Höhepunkt der Offenbarungen. Sie entspricht der Flucht aus Damaskus. Mit Ironie wird zurückgenommen, was er im Paradies erlebt hat. Nicht die große Erlösung im Himmel, nein die ganz kleine Erlösung von Schmerzen, schon das wäre ja unendlich viel wert. Aber selbst die kleine Erlösung wird ihm verweigert. Dafür hört er das Größte, was ein Mensch hören kann: Den Zuspruch der Gnade Gottes. Die Gewissheit seiner Liebe. Aber auch die Gewissheit eines Auftrags. Denn „Gnade“ nennt Paulus auch seine Aufgabe als Apostel.

 

Als ich studierte, dachte man oft, Paulus habe seine Himmelsreisen zusammen phantasiert. Von ihnen konnte man damals in geheimen Büchern lesen. Viele phantasierten damals nach Schablone Erlebnisse, die sich mehr am Schreibtisch als in der Realität ereigneten. Aber Entrückungen, wie sie Paulus schildert, können erlebnisecht sein. Es sind so genannte out of body experiences. Menschen meinen dabei, außerhalb ihres Körpers zu sein. Paulus lässt sehr realitätsnah in der Schwebe, ob er wirklich in seinem Körper oder außerhalb von ihm war. Er hat nur das Bewusstsein, unabhängig von seinem Körper zu sein. Solche Erfahrungen treten oft in Todesnähe auf. Paulus aber lebte notorisch in Todesnähe. Zählte er doch unmittelbar vorher seine Todesängste auf. Nicht nur Prügelstrafen und Steinigung, sondern Schiffbrüche, Räuber, Wüste, Meer, Hunger, Durst, Frost und Hitze. Wir wissen heute, dass hin und wieder Menschen mit solchen dissoziativen Erfahrungen, in denen sie die Einheit ihres Bewusstseins verlieren und sich von sich selbst entfernen, Extremsituationen von Gefahren meistern.

Sollen wir also Paulus als Überlebenskünstler bewundern, der Extremsituationen durch dissoziative Entrückungen in den Himmel überstand, um dann umso mehr unter den Schmerzen zu leiden, die seinen Körper quälten? Kommen wir dadurch Gott näher?

Oder sollen wir Paulus als Esoteriker betrachten? Sollen wir mit ihm in unserer säkularen Welt ein Fenster öffnen, das den Blick zur Transzendenz direkt frei gibt? Kommen wir dadurch Gott näher?

Oder sollen wir den Weg der Mystik suchen? Den Weg nach innen. Hier ist uns bewusst, dass sich kein Fenster nach außen hin öffnet, sondern nach innen. Auch der Mystik liegen echte Erfahrungen zugrunde. Mystiker können durch Meditation Gehirnaktivitäten deaktivieren, mit denen Raum und Zeit konstruiert werden. Dann fühlen sie sich mit allen Dingen eins, als seien sie aus Zeit und Raum gefallen. Kommen wir dadurch Gott näher?

 

Wir können auf jeden Fall von Paulus lernen. Er sagt: Solche Erfahrungen gibt es. Er selbst ist Zeuge. Sie führen vorübergehend in den Himmel. Aber Paulus schreibt auch: Wetteifert nicht darin, wer von euch im dritten oder im siebten Himmel war. Entscheidend ist die Gnade Gottes, die auf Erden auch in normalen, ja sogar in kranken und schwachen Menschen zur Vollendung kommt. Wieder macht Paulus sein Leben zum Teil seiner Botschaft: Denn er selbst ist ein armer und schwacher Mensch. Er demonstriert: Gott will den Menschen unbedingt anerkennen. Das nennt Paulus Gnade. Diese Anerkennung gilt allen – und gerade denen, die es nicht erwarten. Sie besteht darin, dass Gott auch schwachen und kranken Menschen eine hohe Aufgabe anvertraut. Deswegen kann er sagen: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, weder Hohes noch Tiefes.

Dem struggle for life zu entrinnen und ihn einzuschränken, ist Aufgabe jeder Kultur und aller Menschen. Aber wenn wir dem harten Kampf um Lebenschancen auch nur ein wenig entronnen sind, tun sich neue Konfliktfelder aus. Paulus sieht sie im subtilen Kampf um Anerkennung – und das in einer zweifachen Konkurrenz: einerseits in der Konkurrenz um das Bestehen von Extremsituationen in der Tiefe des Lebens, andererseits in der Konkurrenz beim Aufsteigen in die Höhen des Himmels. Er kann in beiden Konkurrenzen gut mithalten. Aber er bringt sich immer auch als Gegenbeispiel ein: Eine wenig ehrenhafte Flucht im Korb auf der einen Seite, das unheroische und vergebliche Flehen um ein Ende seiner Kopfschmerzen auf der anderen Seite.

 

Eingangs haben wir Ps 139 gesprochen: Dieser Psalm sagt: Gott ist überall, in der Tiefe und in der Höhe. „Führe ich gen Himmel, so bist du da, bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.“ Wir müssen manchmal durch die kleinen Höllen des Alltags hindurch, um darauf zu stoßen, dass Gott überall ist, auch in der Tiefe der Not, auch im Versagen, auch in Demütigungen, auch in Schuld. Wir müssen manchmal in den siebten Himmel von Glück und Liebe entrückt werden, um darauf zu stoßen, dass Gott überall da ist. Entscheidend ist: Wir erkennen, er ist überall da. Nicht nur in der Bewältigung von Schwierigkeiten, sondern im trivialen Entrinnen. Gott ist überall da. Nicht nur in der Ekstase, sondern auch in der kleinen Erlösung, wenn Schmerzen nachlassen. Gott ist überall da. Auch im Alltag, auch in den Höllen des Lebens und im siebten Himmel des Glücks. Nichts kann von seiner Liebe scheiden, weder Hohes noch Tiefes. Darum sagt der Psalmist.

 

„Herr, du erforschest mich

und kennst mich. ...

Von allen Seiten umgibst du mich

und hältst deine Hand über mir. ...

Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,

und wohn soll ich fliehen vor deinem Angesicht.

Führe ich gen Himmel, so bist du da,

bettete ich mich bei den Toten,

siehe, so bist du auch da.“

 

Das Geheimnis Gottes umgibt uns überall. Vor ihm und in ihm sind wir alle gleich. Alle Konkurrenz und aller Konflikt sind in ihm zu Ende. Wir haben Frieden mit allem.

Das ist seine Liebe,

von der nichts scheiden kann,

weder Tod noch Leben,

weder Engel noch Mächte noch Gewalten,

weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,

weder Hohes noch Tiefes

noch eine andere Kreatur.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen in Christo Jesu. Amen.

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Letzte Änderung: 23.05.2018
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