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12.03.2017: Prof. Dr. Michael Plathow über Jes 5,1-7

 

Jes 5, 1 - 7: Nicht alternativlos - Gottes liebende Geduld

Gottesdienst an Reminiscere (12. 3. 2017) in der Peterskirche in Heidelberg

 

Michael Plathow

 

 

Wider den Terror bloßer Betroffenheit über Nachrichten von der Schuld der Vergangenheit zwischen Kirchen und Nationen, von Korruption und Unrecht nah und fern. Wider die postfaktische Reduzierung der Komplexität gesellschaftlicher und kirchlicher Herausforderungen durch einfache Antworten. Manchen mag da der sonntagabendliche “Tatort”-Krimi Entspannung geben: enttäuschte oder verratene Liebe ist das Mordmotiv im Affekt oder in Heimtücke, mit Schusswaffe oder mit Gift. Der Kommissar deckt durch die DNA-Analyse minutiös alles auf und so löst der Richterspruch nach Recht und Gesetz als Katharsis auch die Betroffenheit über all die anderen Schreckensnachrichten. Der psychische Haushalt des Zuschauers scheint wieder in Ordnung. Alternativlos? Ja, irgendwie alternativlos.

Liebe Gemeinde, diesen Eindruck erweckt beim ersten Hören der zu verkündigende Bibelabschnitt: der Richterspruch - alternativlos? Ja, vielleicht alternativlos. Denn sollte der heutige Sonntag “Reminiscere: Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit” mit dem Gemeinsamen Wort der Kirchen zum Jahr 2017 “Erinnerung heilen - Jesus Christus bezeugen”, weil Gott Versöhnung schenkt, doch eine Alternative eröffnen?

 

Wir hören die Worte des Propheten Jesaja in einer Situation des Volkes, die Ungerechtigkeit gegen Schwache, Ausnutzen der Witwen, Bereicherung auf Kosten Anderer lassen Not und Leid zum Himmel schreien; “sie reihen Haus an Haus und verkoppeln Feld mit Feld” (Jes 5, 8); man hat sich dem Liebeswillen Gottes in seinen Geboten verschlossen. Verfremdend besingt dies das Liebeslied vom “Weinberg des Herrn” (Jes 5, 1- 7):

“(1) Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg.

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. (2) Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.”

Jetzt der befreundete Winzer:

(3) Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! (4) Was sollte man mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? (5) Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. (6) Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen“.

Nun der Richterspruch des eigentlichen Besitzers des Weinbergs:

(7) Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtspruch, siehe, da war Rechtsbruch auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit”.

 

Liebe Gemeinde des Sonntags “Reminiscere”, in empfindsamer Poetik besingt der Freund des Freundes leidenschaftliche Liebe zu dessen Weinberg: die zuneigend-zärtliche und hingebend-pflegende Beziehung von Liebe und Arbeit zum Garten seiner Lust und Freude. Immer wieder haben Propheten die innige Liebe Jahwes zu seinem Volk verkündigt (Jer 2, 2; Hos 16, 23 u.a.). Entsprechend zeigt Lucas Cranach d. J im Epitaph für Paul Ebert (1569) in der Wittenberger Stadtkirche - zweifellos in seiner Zeit auch polemisch - Luther, Melanchthon, Bugenhagen und Ebert als tüchtige Arbeiter im “Weinberg des Herrn”:

“Mit ihren Instrumentenn all,

So mann im Weinnberg habenn soll.

Die reumen, schneiden, binden, bawenn,

Den Bergk gottes sie wieder bawenn”.

In unserer Weingegend wissen wir um die Schweiß treibende Arbeit im Wingert an Hügeln und Hängen. Vor kurzem Anfang Februar der Winterschnitt: das Freischneiden von einer oder zwei Schnittreben - heute wird es durch die Druckluftschere erleichtert. Am Drahtrahmen werden diese dann befestigt. Auf Grünen der Blätter und Wachsen der Rispen folgt die Bekämpfung von Mehltau und Schädlingen. Sodann der Sommerschnitt, um die Kraft der Sonnenstrahlen auf das Wachsen der Trauben zu richten. Mit dem Erreichen des Gehalts an Öchslegraden dann das herbstende Ernten der Trauben, das Pressen und Keltern des neuen Weins. Harte, anstrengende Arbeit. Luther, der Eigentümer eines Weinbergs war, predigt mit unserem Bibelabschnitt: Hartes Schaffen im “Weinberg des Herrn” bedeutet, dass “Christus recht gepredigt” wird (WA 47, 416, 41).

Viel Liebe - nach dem Weinberglied - verbindet sich mit der Arbeit im Wingert. Aber, trotzdem, alle Liebesmühe ist vergebens. Die Reben bringen keine Früchte, keine süßen Trauben, sondern saure, die die Zähne stumpf machen. Die Liebe wird enttäuscht, verraten. Die Frage “Warum?”, der Ruf nach Recht und Gerechtigkeit bricht aus der Tiefe. Es rumort in einer Mischung aus Verletzung, Trauer und Wut. Ein zerstörtes Gemeinchaftsverhältnis bleibt zurück.

Die Vergeblichkeitserlebnisse von Liebe und Arbeit, von vergeblicher Liebesmühe kennen wir: das leidenschaftliche Engagement für ein Umwelt- oder Gemeindeaufbau-Projekt, das keinen Widerhall findet; der mit persönlicher Hingabe erarbeitete Unterrichtsentwurf, der in der Klasse misslingt; die mit Liebe gestalteten Geigenstunden, die der 13-Jährige abbricht usw. - Und dennoch bleibt da Hoffnung!

 

2. “Richtet!”, liebe Gemeinde. “Richtet!“, so der Weinbergbesitzer. Er will mit Schmerz erfülltem Herzen, zerrissen zwischen leidenschaftlicher Liebe und gerechtem Zorn den ertraglosen Wingert den Gesetzen einer rückerobernden Brache überlassen. Er will ihn sich selbst überlassen. Ohne Zukunft. Hoffnungs- und alternativlos.

Ach, wie lieblos kann es sein, einen Schüler in der Klassengemeinschaft zu übersehen, einem Nachbarn die kalte Schulter zu zeigen, einen Mitarbeiter nicht wertzuschätzen. Wie gefühllos, einen Glaubensgenossen auf der Flucht sich selbst zu überlassen, ihn bloß abzuschieben, Flüchtlinge nicht an- und aufzunehmen, ihnen Anerkennung und Achtung vorzuenthalten.

Wer sich selbst überlassen wird, droht ins Leere zu gehen: ohne Mitmenschen, ohne Nächste, selbst ohne Gott. “Weh dem, der keine Heimat hat”, keinen Raum in der Herberge findet. Sich selbst überlassen, auf sich selbst zurückgeworfen, bleibt nur eigenes Machen. Und dieses Machen wird zum Schicksal: Machsal - ein sich fortsetzendes Schicksal, eine Realität, die real die Wirklichkeit Gottes oft vergessen lässt, ausblendet, verachtet. Dem entspricht Gottes Rückzug, Gottesfinsternis, Gottes Schweigen. In der Bibel wird dies als Erfahrung von Gottes Gericht umschrieben: das spannungsvolle Verhältnis von Gottes Liebe und Zorn. Luther sagte einmal: “Der allergrößte Zorn Gottes ist, wenn er sein Wort wegnimmt und redet nicht mehr mit uns, oder wenn er lässt ers die Leute verachten” (Tischrede 906).

Der Herr Zebaoth “wartet auf Rechtspruch, aber da ist Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, aber da ist Schlechtigkeit” (Jes 5, 7).

 

3. Liebe Gemeinde des Sonntags “Reminiscere: Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit”, das Weinbergmotiv - das wissen wir - durchzieht wie ein roter Faden die Zeugnisse des Alten und Neuen Testaments. Es weist noch auf Anderes, Alternatives. Es lässt staunen über die Weite und Tiefe, mit der der lebendige Gott sich uns öffnet. Es lässt in noch einem anderen Licht erscheinen den Gerichtsspruch über den fruchtlosen Weinberg, an dem - wie das Weinberglied nur andeutet Vers 7 - Gottes “Herz hing”.

Ja, Gott nimmt uns ernst als seine Mitarbeiter und Mandatare in der Welt, seine Schöpfung, und im Reich Christi, seine Kirche. Gott nimmt uns auch ernst bei unserem Nein zu ihm, da, wo wir seine Beziehung zu uns ausschlagen und abbrechen, wo wir uns seinem Liebeswillen verschließen, sein Liebesgebot verraten, seine Liebe enttäuschen und verachten. Zorn ist seine Reaktion. Der eiferheilige Gott ist außer sich. Zugleich aber ruft er durch sein Richten in Wort und Tun zur Umkehr, streng und herb. Doch da zeigt sich Gottes uneigentliches Wesen und Tun. Sein eigentliches Wesen und Wirken ist Liebe. Als “glühenden Backofen voller Liebe” (WA 36, 425, 9f) verkündigt Luther das Geheimnis des sich als Liebe offenbarenden Gottes. Nur so ist unser Gott bei sich selbst. Es ist die Liebe, die sich in Christus offenbart, die Liebe dem Nicht-Liebenswerten schenkt und zur Liebe befähigt, die Früchte der Liebe hervorbringt; denn der Glaube bringt Früchte “teurer Gnade” hervor.

Nicht kündigt Gott sein Liebesband auf und seine Liebesmühe lässt durch unser Arbeiten gute Früchte reifen wirklichkeitsmächtig als Recht und Gerechtigkeit. “Der Liebe Recht” ist ausgerichtet auf Gerechtigkeit.

Liebe Gemeinde, Gott überlässt die Menschen nicht sich selbst. Gott hält trotz allem fest an uns. So ist er als Liebender bei sich selbst. In Geduld (Röm 3, 25) erhält er dennoch sein Volk, seine Kirche, seine Welt.  - Vermenschlichende Rede von Gott? Wohl ja; und doch nicht! Denn nur so bricht ein in unser Leben das Paradox der “Gnade in Gottes Gericht” (E. Schlink) - . Knospen der Liebesmühe mit der Hoffnung auf Früchte lässt er sprießen. Und dieser Hoffnung entspricht die Bitte: “Herr, lass dem Weinberg noch ein Jahr (Lk 13, 7f) und lass ihm nochmals ein Jahr und nochmals. Nur so bist Du doch bei Dir selbst”.

Das meint die Alternative von Gottes liebender Geduld: grenzenlose Liebe in Jesus Christus, gesandt, “damit wir nicht verloren gehen, sondern das Leben haben” (Mk 12, 6; Joh 3, 16; 14, 19). “Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit. Und lass uns wider unseren Zorn ohne Alternative gerufen werden zu lebensfördernder und zukunfteröffnender Versöhnung und Heilung, und zu Gebet und Hilfe für bedrängte und verfolgte Christen”. Mit der “Selbstverpflichtung” des “Gemeinsamen Wortes zum Jahr 2017” des gestrigen Buß- und Versöhnungsgottesdienstes in Hildesheim: “Im Vertrauen auf die Kraft des Heiligen Geistes verpflichten wir uns, gemeinsam in dieser Welt Zeugnis von Gott abzulegen, der ein Gott des Friedens und der Hoffnung ist” (Erinnerung heilen - Jesus Christus bezeugen. Gemeinsame Texte Nr. 24, 2016, 83).

 

Darum: wider den Terror bloßer Betroffenheit über Nachrichten von der Schuld der Vergangenheit zwischen Kirchen und Nationen, von Korruption und Unrecht nah und fern; darum: wider den Terror postfaktischer Reduzierung der Komplexität gesellschaftlicher und kirchlicher Herausforderungen durch einfache Antworten -- dagegen ruft der, der vollmächtig sagt: “Ich bin. Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben. Wer an mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht” (Joh 15, 5), da ruft er heute zu verantwortungsvoller Arbeit und freudigem Dienst im “Weinberg des Herrn”, auf dass wir die Frucht süßer Trauben erbringen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre euren Glauben und euer Arbeiten in der Liebe des dreieinigen Gottes. Amen.

 

 

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Letzte Änderung: 14.03.2017
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