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12.05.2013: Hanna Reichel über Gal 2,11-21

 

Predigt im Universitätsgottesdienst am 12. Mai 2013

Peterskirche, Heidelberg

 

Hanna Reichel

 

 

Gnade sei mit euch von dem der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

Christen habens in sich! So oder so ähnlich könnte es heißen, wenn man einen Plakatslogan zum heutigen Predigttext formulieren sollte. Christen habens in sich - und zwar so richtig. -

 

Was haben Sie denn in sich? Was habe ich in mir?

 

Ich schlage mein Herz auf wie ein Buch und lese darin mit der Frage:

Was lebt in mir? Was hält mich am Leben und macht mich lebendig? Was motiviert mein Leben?

 

  • Da sind meine Wünsche und Träume. Die Sehnsucht nach einem Leben, wie ich es mir vorstelle. Die geben mir Lebensatem.
  • Da sind meine Potentiale, unentdeckte oder gepflegte Talente, Potentiale, die ich frei entfalten und ausleben will. Die geben mir Motivation.
  • Da sind meine Erinnerungen, meine Familie, meine Kindheit, Wege, die ich gegangen bin, Begegnungen, die mich geprägt haben. Die geben mir Identität.
  • Da sind auch Verletzungen und Narben, die ich mit mir herumtrage. Die sind mächtiger als viele gute Erfahrungen. Die geben mir Hemmungen.
  • Da sind auch Rollen und Zugehörigkeiten. Die strukturieren mich im Umgang mit anderen. Die geben mir Halt.

 

All das finde ich vor, die Träume und die Talente, die Narben und die Verletzungen. Manches davon voller Hoffnung und Kraft. Manches davon auch tot und starr. Manchmal lebt das Tote in mir besonders laut.

Das alles lebt in mir. Das alles ist nicht Ich, ich bin mehr als das, da bin ich mir irgendwie ganz sicher. Aber es macht mein Leben aus, all das lebt in meinem Leben.

 

Ich schlage Dietrich Bonhoeffers Reflektionen im KZ auf und lesen in seinem Herz wie in einem Buch:

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,


ich trete aus meiner Zelle

gelassen und heiter und fest

wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

 

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich spräche mit meinen Bewachern

frei und freundlich und klar,

als hätte ich zu gebieten.

 

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,

ich trüge die Tage des Unglücks

gleichmütig, lächelnd und stolz,

wie einer, der siegen gewohnt ist.

 

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?

Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,

ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,

hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,

dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,

zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,

umgetrieben vom Warten auf große Dinge,

ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,

müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,

matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

 

Wer bin ich? Der oder jener?

 

Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?

Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler


und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?

 

Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,

das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

 

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

 


Wer bin ich? Eine christliche Antwort könnte lauten: Ich bin  Christ.

 

Ich schlage die Bibel auf wie ein Buch und lese darin mit der Frage: Was ist ein Christ?

 

Paulus schreibt an die Gemeinde in Galatien im 2. Kapitel:

 

TEXTLESUNG:

11 Als aber Petrus nach Antiochia kam, widerstand ich ihm ins Angesicht, denn es war Grund zur Klage gegen ihn.


12 Denn bevor einige von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus dem Judentum fürchtete.


13 Und mit ihm heuchelten auch die andern Juden, sodass selbst Barnabas verführt wurde, mit ihnen zu heucheln.


14 Als ich aber sah, dass sie nicht richtig handelten nach der Wahrheit des Evangeliums, sprach ich zu Kephas öffentlich vor allen: Wenn du, der du ein Jude bist, heidnisch lebst und nicht jüdisch, warum zwingst du dann die Heiden, jüdisch zu leben?


15 Wir sind von Geburt Juden und nicht Sünder aus den Heiden.


16 Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht.


17 Sollten wir aber, die wir durch Christus gerecht zu werden suchen, auch selbst als Sünder befunden werden - ist dann Christus ein Diener der Sünde? Das sei ferne!


18 Denn wenn ich das, was ich abgebrochen habe, wieder aufbaue, dann mache ich mich selbst zu einem Übertreter.


19 Denn ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt.


20 Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.


21 Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.

 

Liebe Gemeinde,

Was ist – ein Christ?

 

Paulus schreibt: Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.

 

Für alle, die hören wollen: „Du bist Du, Sei du selbst, lebe deinen Traum!“ enthält der Text eine große Zumutung:

„Nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“

 

Alles das, was in mir lebt, macht mich nicht aus, ich bin mehr als das. Aber all das wird für unwichtig, ja sogar für tot und gestorben erklärt. Es hat keine bleibende Relevanz. Aber das ist nicht als Abwertung gemeint, sondern als Trost und als Befreiung:

 

  • Alles, woran ich mich gebunden fühle, was mich prägt, mich motiviert und mich lenkt,
  • alles, was mich zwingt, der zu sein, der ich schon immer bin,
  • alles, was mich zwingt, das zu sein, was die anderen von dir kennen,
  • alles, was mich zwingt zu sein, was ich gut kann,
  • und selbst noch alles, was mich zwingt zu sein, was ich selber will...

 

Alle diese Zwänge und Selbst-Zwänge werden aufgehoben, ich kann mich von ihnen losmachen, ich kann mich frei von ihnen fühlen. Nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Gerade das ist das große: Ich lebe! Das ist Freiheit! Freiheit heißt hier also gerade nicht: „Sei du selbst, sei im Einklang mit dir selbst. Lebe deinen Traum.“

Freiheit heißt, nicht mehr unter irgendeiner Fuchtel stehen, nicht mal unter meiner eigenen. Freiheit heißt aber auch, sich nicht mehr auf irgendein Gesetz berufen können. Und täuschen wir uns nicht: Gesetze sind sehr hilfreich.  Spielregeln, Straßenverkehrsordnung, Umgangsformen... Gesetze führen dazu, dass ich weiß, was ich zu erwarten habe, wenn ich so und so handele: Sie verleihen Orientierung, Struktur und nicht zuletzt sozialen Status, sie sind die Hände, die uns tragen.

 

Freiheit heißt „Emanzipation“, also wörtlich: aus den Händen treten. Ich trete aus allen Zugriffen und Eingriffen heraus, ich trete sogar aus meinen eigenen Händen ins Freie.

 

Und genau diese Befreiung von mir selbst, von meinem eigenen toten Leben, befreit auch zu einer lebendigen Begegnung mit anderen Menschen. Ja, diese befreiende und befreite Gemeinschaft ist das, wozu ich als Christ aufgerufen bin. Dietrich Bonhoeffer hat das so ausgedrückt: „Der Christus,  der Christ ist der Mensch für andere“. Christ-Sein heißt: Für andere da sein. Freiheit zur Zuwendung zu anderen. So hat es uns Jesus Christus vorgemacht: Gebeugte aufrichten, Verletzungen heilen, das Evangelium von der Gnade Gottes verkündigen, Ausgegrenzte einladen – und sich von anderen einladen lassen.

 

Beim Christ-Sein geht nicht um ein Glauben, das ich irgendwie in mir drin habe, das ich denke oder fühle. Glauben heißt Leben! Im Glauben wird mir Leben geschenkt, aber das heißt auch: Der Glaube stellt mich mitten hinein ins Leben, in die Welt. Ich kann mich nicht raushalten. So oder so muss ich mich entscheiden, muss etwas tun, ich muss meinen Glauben leben.  Christen müssen Menschen der Tat sein! Es geht um ein Leben im Glauben. Und darin müssen Christen konsequent sein!

 

Was Paulus Petrus vorwirft, ist nicht, dass er versucht, durch Werke statt durch Glauben gerecht zu werden. Was Paulus Petrus vorwirft, ist nicht, dass er handelt, sondern dass er falsch handelt, dass seine Taten nicht konsequent sind. Sie sind in sich nicht konsequent, weil er sich diese Freiheit nicht zutraut, sondern sich wieder hinter Regeln, sozialer Anerkennung, ja hinter seiner eigenen Vergangenheit und Identität versteckt. Und außerdem sind seine Taten nicht konsequent, weil sie nicht der Wahrheit des Evangeliums entsprechen: Nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Zieh dich nicht auf dich selbst zurück, sondern geh zu den anderen Menschen! Was Paulus Petrus vorwirft, ist seine Heuchelei. Heuchelei heißt: so tun als ob. Petrus tut so, als ob

  • als ob das, was in ihm lebt und sein Leben lenkt, die Regeln einer bestimmten Gruppe wären – nämlich seiner eigenen.
  • d.h eigentlich: Petrus tut so, als wäre er noch er selbst: Ein Jude unter Juden, der sich darum in den Händen gut jüdischer Sitten befände.

 

Diese Heuchelei, dieser Rückzug auf soziale Spielregeln lässt Paulus nicht gelten. Christen sind frei und das heißt: Christen sind Gesetzlose. Christen leben gefährlich. Die christliche Freiheit bedeutet, dass ich mich nicht mehr auf irgendeine soziale Regel berufen kann in meinem Handeln. Ich kann mich nicht hinter einer allgemeinen Moral verstecken, sondern bin radikal selbst verantwortlich.

 

Liebe Gemeinde,

Christ-Sein hats in sich.

 

Aber neben der Zumutung steht auch der Trost:  „Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.“

  • Christus in mir,
  • ich im Glauben an Christus,
  • Christus innen und außen, Christus ganz um mich herum.

Innen und außen ist diese Zumutung also auch ein Schutz und ein Zuspruch von Mut – eine Zu-Mut-ung zum Handeln.

 

Haben Sie's in sich? Dann zeigen Sie es aller Welt! Lassen Sie sich diesen Mut zu-muten: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

 

 

 

 

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Letzte Änderung: 08.07.2013
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