13.08.2017: Anna-Maria Semper über Mt 7,24-27

Predigt im Sonntagsgottesdienst

in der Heidelberger Universitätskirche

am 13. August 2017

Mt 7,24-27

Anna-Maria Semper

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus!

Liebe Gemeinde,

ein Haus zu bauen ist ein Langzeitprojekt. Das beginnt man nicht mal eben einfach

 so, aus einer Laune heraus, das will gut überlegt sein. Träumereien gehören natürlich dazu - gerade in der Planungsphase - aber auch eine ordentliche Portion Realismus. So vieles muss bedacht werden - immerhin soll das Haus ja lange halten. Vermessungen werden gemacht, Bodenproben genommen, Berechnungen angestellt, Baupläne gezeichnet. Wer unter ihnen schon selbst einmal ein Haus gebaut hat, der weiß, von welchen Unwägbarkeiten man trotz allen Planens dabei bisweilen überrascht wird.

Ganz unterschiedlich kann es von außen aussehen, so ein Haus, ganz unterschiedliche Botschaften kann es ausstrahlen: Zwischen einer prunkvollen Villa wie drüben auf der anderen Neckarseite, einem schmucklosen Plattenbau und einem schwäbischen Eigenheim liegen Welten. Und doch haben sie alle eines gemeinsam: Wenn es hart auf hart kommt - bei Hochwasser z.B. - dann ist nicht die Fassade das Entscheidende, sondern das Fundament. "Pfusch am Bau" hat hier verheerende Folgen.

Im Evangelium, das wir gerade gehört haben, vergleicht Jesus unser Leben mit einem solchen Hausbau. Man könnte sagen: es geht ihm um unser "Lebenshaus" - und darum, auf welchem Fundament wir dieses Lebenshaus errichten. 

"Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es nicht ein; denn es war auf Fels gebaut. Wer aber meine Worte hört und nicht danach handelt, ist wie ein unvernünftiger Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es ein und wurde völlig zerstört."

Nicht auf die Fassade, auf das Fundament kommt es an. Ob uns unser Lebenshaus zurzeit wie eine Villa, ein heimeliges Häuschen oder doch eher wie der schmucklose Plattenbau vorkommt, ist nicht entscheidend. Das ist Trost und Mahnung zugleich.

In Israel und Palästina kann man im Februar/März noch heute sehr eindrücklich erleben, worauf Jesus im Bild vom Hausbau anspielt: Wochenlange Trockenheit - und dann, aus heiterem Himmel, ein anhaltender Starkregen, der sich in den Wadis zu reißenden Flüssen vereinigt und in seiner Gewalt unterschiedslos alles mit sich reißt, was keinen Halt auf Felsengrund hat.

Wie muss es  beschaffen sein, ein solides Lebensfundament?  "Wer diese meine Worte hört und danach handelt", sagt Jesus, der hat auf Fels gebaut. Welche Worte genau er meint? Die Parabel vom Hausbau steht ganz am Ende der Bergpredigt - und tatsächlich hat Jesus hier diese ganzen drei langen, bedeutungsschweren Kapitel des Matthäusevangeliums im Blick. Viel hatte Jesus den Menschen zu sagen gehabt: Vom Salz der Erde und dem Licht der Welt; vom Vergelten; der Feindesliebe; vom Gebet und von vielem mehr. Und nun, am Schluss, die Aufforderung: „Ihr habt gehört, was ich euch gesagt habe – jetzt lebt auch danach! wer es beim Hören belässt, der baut auf Sand.“

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Wer es beim Hören belässt, der baut auf Sand. Glauben und Handeln, das gehört zusammen, das kann man nicht trennen. Mein Handeln wie mein Unterlassen wird immer Konsequenzen haben - positive wie negative. Matthäus kann das in seinem Evangelium gar nicht oft genug betonen.

 „Ihr seid das Salz der Erde“, lässt er Jesus gleich zu Beginn der Bergpredigt sagen. „Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.

Salz, das nicht salzt, wird zertreten. 

Oder, noch drastischer – ebenfalls O-Ton Bergpredigt:  „Jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“

Harte Worte. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich gerade protestantische Prediger mit der Bergpredigt und ihren Forderungen über die Jahrhunderte immer wieder schwer getan haben. Zu groß die Sorge, über der polarisierenden Rede von guten und schlechten Früchten des Glaubens könne die befreiende Kraft des Evangeliums verloren gehen.  Und dann sind da einige Spitzensätze der Bergpredigt, die uns - bei allem gutem Willen - auf den ersten Blick entweder naiv, überfordernd oder völlig überzogen  erscheinen: Nur zwei berühmte Beispiele:

Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.

Wer zu seinem Bruder sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig.

Muss ich das können? Muss ich das - immer - schaffen, um teilzuhaben zu können am Reich Gottes?

Ich bin der festen Überzeugung, dass es Jesus hier um etwas ganz anderes  geht als um Drohpädagogik - erst recht nicht darum, dass wir Gott durch unseren Lebenswandel, durch unsere „Werke“ beeindrucken müssten. Es geht Jesus um gelingendes Leben. Ganz klar auch im Hinblick auf das ewige Leben, auf das „Himmelreich“, wie Matthäus sagt – aber nicht weniger um gelingendes Leben schon im hier und jetzt, das ausstrahlt auf andere. "Lasst euer Licht leuchten vor der Leuten": Bezeugt das, was ihr glaubt und erhofft, durch euer Handeln.

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Gelingendes Leben. Leicht könnte diese Formulierung den Eindruck vermitteln, man müsse sich nur an die Weisungen Jesu aus der Bergpredigt halten und käme dann  unbehelligt durchs Leben.

Aber wenn wir  noch einmal zum Bild vom Hausbau, von den aufkommenden Stürmen und einbrechenden Wassermassen zurückkehren, dann ist die Wahrheit hinter dem Bild vom Hausbau doch eine ganz andere: Kein menschliches Leben ist jemals vor Stürmen und Wolkenbrüchen gefeit. Ein Leben ohne Stürme, ohne Momente, in denen alles zu wanken scheint - ein solches Leben gibt es nicht. Und gerade in solchen Phasen des Lebens, in denen es hart auf hart kommt, sind es am Ende eben nicht allein unsere theoretischen Ansichten und Überzeugungen, die den Ausschlag geben, sondern unser konkretes Tun. Ja einige zentrale Aussagen Jesu der Bergpredigt, die bei Sonnenschein etwas  blauäugig daherkommen, entfalten vielleicht erst angesichts der Stürme unseres Lebens ihre eigentliche Kraft.

„Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar“: Gewaltspiralen durchbrechen.  Aus der Opferrolle, aus der Rolle des Fremdbestimmten, Unterdrückten ausbrechen, ohne selbst zum Täter zu werden - vielleicht gelingt es uns erst dann wirklich, das Anliegen hinter dieser Forderung Jesu zu begreifen, wenn sie uns nicht sonntagsschulmäßig, als christlicher Gemeinplatz gepredigt wird, sondern dann, wenn wir selbst verstrickt sind in eine gewaltbelastete Situation und nach einem Ausweg suchen, der weder uns noch unserem Gegenüber seine Würde nimmt.

"Wer zu seinem Bruder sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig."

Was beim ersten Hören nach einer völlig überzogenen, beinahe lächerlichen Drohung klingt, entfaltet seine ganze Wahrheit vielleicht erst dann, wenn ein schwelender Konflikt, der mit wenigen, unbedachten Worten begann, so hochgekocht ist, dass wir einander das Leben schon hier zur Hölle machen.

Angesichts des politischen Säbelrasselns der letzten Tage erscheinen mir diese Worte Jesu plötzlich alles andere als blauäugig.

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„Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es nicht ein; denn es war auf Fels gebaut.“

Noch einmal die Frage: Muss ich das können? Kann ich das - immer - schaffen?

Im Bild vom Hausbau, so wie Jesus es verwendet, klingt es ja so, als würde man ein für allemal sein Lebensfundament legen und damit Sturm und Platzregen entweder unbeschadet überstehen oder heillos untergehen. In dieser Gegenüberstellung, diesem Kontrast von Gedeih und Verderb will es zur letztendlichen Entscheidung aufrufen, zur Entscheidung provozieren, und diese Schärfe soll ihm auch nicht genommen werden.

Auf der anderen Seite gilt aber auch (und hier stößt das Bild an seine Grenzen): Unser Hausbau im Hier und Jetzt bleibt ein Leben lang eine Baustelle. Es wird Bereiche geben, in denen es uns mehr und mehr gelingt, auf die Worte Jesu zu bauen, und andere, in denen wir immer wieder daran scheitern.

Manchmal helfen uns sogar erst die Stürme unseres Lebens, klarer zu sehen, wo wir in der Vergangenheit auf Sand gebaut haben und wo auf Fels; wo etwas wirklich trägt und wo wir von vorne anfangen müssen zu bauen.

Ein letzter Gedanke: In der Bergpredigt hat zwischen all dem Fordernden und  Herausfordernden  auch das Gebet seinen Platz - an zentraler Stelle:  das Vater Unser. Vielleicht will uns das daran erinnern: Bei aller Radikalität und Ernsthaftigkeit der Weisungen Jesu dürfen wir doch jeden Tag neu um Vergebung bitten, neu anfangen.Wir haben jeden Tag die Chance aus Vergangenem zu lernen und Eingestürztes neu aufzubauen - stabiler als vorher. Und: Die Kraft, unser Lebenshaus zu bauen, die müssen wir nicht  aus uns selbst ziehen. Wir dürfen sie uns jeden Tag neu erbitten - sie wird uns geschenkt.

"Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es nicht ein; denn es war auf Fels gebaut"

Amen

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Letzte Änderung: 06.09.2017
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