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13.10.2013: Carolin Stalter über Joh 5,1-16

 

Predigt Peterskirche 13.10.2013 – Joh 5,1-16

Carolin Stalter

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus – AMEN.

 

1 Danach war ein Fest der Juden, und Jesus ging hinauf nach Jerusalem. 2 Es gibt in Jerusalem beim Schaftor einen Teich, der auf Hebräisch Betesda genannt wird und fünf Hallen hat. 3 In diesen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Verdorrte, Schwache.

5 Dort war ein Mann, der seit 38 Jahren krank gelegen hatte. 6 Als Jesus ihn daliegen sah und wusste, dass er so lange dort lag, sagte er zu ihm: „Willst du gesund werden?“ 7 Der Kranke antwortete ihm: „Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser bewegt wird; denn bis ich hinkomme, steigt ein anderer vor mir hinein.“ 8 Jesus sagte zu ihm: „Steh auf, nimm dein Bett und geh umher!“ 9 Und sofort wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging umher.

Es war aber an jenem Tag Shabbat. 10 Da sagten die Juden zu dem, der geheilt worden war: „Heute ist Shabbat; es ist dir nicht erlaubt, dein Bett zu tragen.“ 11 Er antwortete ihnen: »Der mich gesund gemacht hat, der sagte zu mir: ‚Nimm dein Bett und geh umher!‘“ 12 Da fragten sie ihn: „Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: ‚Nimm dein Bett und geh weg‘?“ 13 Aber der Geheilte wusste nicht, wer es war; denn Jesus hatte sich zurückgezogen, weil so viele Menschen an dem Ort waren.

14 Danach fand ihn Jesus im Tempel und sagte zu ihm: „Sieh, du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, damit dir nicht etwas Schlimmeres zustößt.“ 15 Der Mann ging hin und berichtete den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe. 16 Darum verfolgten die Juden Jesus und planten, ihn zu töten, weil er das am Shabbat getan hatte.

(Joh 5,1-16)

 

Wie wäre es, ein ganzes Leben an einem bestimmten Platz zu sitzen? Zum Beispiel im gut eingerichteten Wohnzimmer, im lange bequem eingesessenen Lieblingssessel.

Wie wäre es, die Welt immer aus einer einzigen Perspektive wahrzunehmen? Zum Beispiel vom Fenster aus, von dem man jeden Tag auf die Straße blicken kann, aber nicht selbst am Leben dort unten teilnimmt?

Wie wäre es, bequem auf so einem Platz eingerichtet zu sein? Was nicht von anderen verändert wird, das wird nicht verändert. Der Blick reicht nur so weit, wie sich der Kopf drehen lässt.

 

38 Jahre, fast eine Ewigkeit, hat der Mann in der Erzählung an seinem einen Platz in den fünf Hallen am Teich von Betesda gelegen. Kaum beweglich. Von seinem Bett aus hat er sich die Hallen und den Teich in der Mitte angesehen. Er kennt jede Säule, jeden Stein, jede Unebenheit in der Verfugung. Er sieht, wie der Boden verschmutzt, wie er wieder gesäubert wird. Er weiß, welche Teile der Halle am Morgen vom Sonnenlicht beleuchtet werden und welche am Abend; weiß wie die Schatten der Säulen verlaufen. Er kennt sich aus. Er kennt sich richtig gut aus.

 

In diese tägliche Eintönigkeit platzt nun Jesus hinein. Spricht ihn an – heilt ihn.

Jesus sagt zu ihm: „Nimm dein Bett und gehe umher“ – im Griechischen steht περιπατέω, herumlaufen. Mit dieser Aufforderung wird der Geheilte also nicht zurück in sein altes Leben geschickt, sondern er wird aufgefordert mobil zu werden, herumzulaufen, sich z.B. die andere Seite der Halle anzusehen. Der Zuspruch Jesu gibt ihm die Möglichkeit seine Umgebung aus neuer, ungeahnter Perspektive wahrzunehmen.

 

Nimm dein Bett und gehe umher – also geht er los. Er läuft um die Säulen, spaziert zwischen den anderen Kranken durch die fünf Hallen, die um den Teich gebaut sind.

Die Fünfzahl steht biblisch für die Tora, das gute lebensstiftende Ganze. Die fünf Bücher Mose, die fünf Bücher der Psalmen oder die fünf Steine Davids, die er sammelt, als er gegen den Riesen Goliath antritt (1 Sam 17,40).

Die fünf Hallen im heutigen Predigttext stehen für die fünf Hallen der Tora, die fünf Hallen der von Gott gestifteten Lebensordnung. All die Kranken, Blinden, Lahmen und Ausgezehrten leiden also an einem Mangel innerhalb dieser Lebensordnung. Sie sind kurzsichtig oder immobil, wenn es darum geht, Gottes Willen, seine Ordnung in ihr Leben sinnvoll zu integrieren.

Das Wasser in der Mitte der fünf Hallen der Tora ist lebenspendendes Wasser. Die Berührung mit diesem Wasser heilt den Menschen.

Wer Lust hat am Gesetz des Herrn, so heißt es im ersten Psalm, den wir vorhin gebetet haben, wer Lust hat am Gesetz des Herrn, der ist wie ein Baum gepflanzt an den Wasserbächen (Ps 1,2.3).

Das Wasser wirkt jedoch nicht, wenn es spiegelglatt ist, sodass man sein eigenes Angesicht darin bewundern oder bedauern kann. Es wirkt, wenn es sich bewegt. Wenn es Wellen schlägt – unberechenbar – wenn es droht, über die Ufer des Beckens zu treten.

 

Diese doppelte Bewegung ist es, die unser Leben bestimmen sollte.

Einerseits die Bewegung des heilenden Wassers, das uns von Gott gegeben ist. Das Wasser, das uns, wie auch das Wort Jesu, heilt und uns zur Beweglichkeit befähigt.

Und andererseits unsere eigene Beweglichkeit. Das περιπατέω, das Herumgehen. Nicht sitzen zu bleiben, sondern auch die andere Seite in den Blick zu nehmen.

Das gilt letztlich auch für unseren Umgang mit den biblischen Texten. Wer die biblischen Texte liest und meint sie ganz zu kennen, wer alle wichtigen Verse auswendig kann, wer jeden Buchstaben der Schrift kennt und meint ihn einordnen und deuten zu können, der ist eigentlich nicht viel anders als der Kranke, der in seiner Halle sitzt, sie betrachtet und mit den Jahren in und auswendig zu kennen glaubt.

Er sitzt innerhalb des Gesetzes, innerhalb der Schrift – ja. Er gehört nicht zu denen, die die Schrift ablehnen. Aber er hat nicht die Fähigkeit sie in ihrer überlaufenden Fülle zu begreifen. Die Texte sind Evangelium, wenn sie in Bewegung geraten, wie das Wasser, das Wellen schlägt. Sie sind kein spiegelglattes Wasser, in dem wir unser eigenes Gesicht anblicken können. Unsere Aufgabe ist es immer wieder von neuem darauf zu blicken, neue Aspekte zu entdecken. Es ist unsere Aufgabe die Perspektive zu wechseln, auf bisher unbedachte Details zu achten.

 

Wie reagieren eigentlich die Umstehenden, als der Geheilte plötzlich mit seinem Bett unter dem Arm umherläuft?

Ein Mensch, der 38 Jahre in Betesda lag, läuft umher. Das sollte eigentlich eine Sensation sein – doch niemand begreift das Leben schenkende und befreiende Wunder. Es spielt eine erstaunlich geringe Rolle – ja es wird, nachdem es einmal geschehen ist, sogar systematisch ausgeblendet.

Zuerst sagen die Zuschauenden: „Es ist Shabbat, du darfst dein Bett nicht tragen“ – die neue Beweglichkeit soll direkt wieder eingeschränkt werden.

Darauf antwortet der Geheilte: „Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: Nimm dein Bett und gehe umher!“ Mit dieser Aussage werden sie sogar direkt auf die Heilung gestoßen – aber wieder keine Erkenntnis. Sie fragen nicht: Wer ist der Mensch, der dich gesund gemacht hat? Sondern sie fragen: „Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und gehe umher?“ Sie merken, dass hier etwas in Bewegung geraten ist. Sie fragen sich, wer den Mann aufgefordert hat umherzulaufen.

Doch was sie nicht erkennen, ist die befreiende Wirkung der Heilung Jesu. Vielmehr sind sie durch diese Bewegung verunsichert. Das, was hier geschieht, ist nicht, was sie erwarten. Der, der immer an der einen Stelle saß, läuft plötzlich umher. Taucht mal hier und mal dort auf – unerwartbar. „Es ist Shabbat“, sagen sie zu ihm, „du darfst heute nicht umhergehen“ – die Bewegung passt ihnen nicht. Veränderung ist ja gut, aber vielleicht doch lieber erst morgen.

Am Ende der Erzählung bleibt die Erkenntnis über das wunderbare Potential, das sich ihnen hier darstellt, noch ein drittes Mal aus: Als sie endlich erfahren, dass es Jesus war, der den Mann gesund gemacht hat, können sie sich wieder nicht freuen, sondern ärgern sich erneut, dass die Heilung an einem Shabbat stattgefunden hat. Der Ärger geht sogar so weit, dass sie Jesus verfolgen. Statt lebendiger Freude empfinden sie Hass, der sich in lebensvernichtender Energie äußert.

 

Sie merken nicht, dass sie eine einseitige Perspektive haben. Sie sitzen, wie vorher der Mann, auf ihrem Platz und blicken nur auf die Shabbat-Säule. Ein Gesetz, das ihr ganzes Leben bestimmt, das sie immer anblicken. Dabei vergessen sie, dass die Shabbat-Säule, um im Bild zu bleiben, eine stützende Wirkung hat. Sie unter-stützt. Sie soll die Halle, in der wir leben, abstützen und nicht den Mittelpunkt bilden, um den sich das ganze Leben dreht.

Letztlich ist es sogar dieses Zusammenspiel von Statik und Bewegung, das nötig ist. Wir könnten uns ohne feste Strukturen oder stützende Säulen, die uns entlasten, überhaupt nicht selbst frei bewegen. In diesem Sinne sind die Hallen mit ihren Säulen die von Gott gegebene Ordnung. Sie sind gesetztes Gesetz. Aber für uns ist es nötig mobil zwischen ihnen herumzulaufen.

Es kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu. Am Ende der Erzählung steht der Mann plötzlich im Tempel. Ein weiteres Gebäude mit klaren, festen Strukturen. Aber der Ort der Gegenwart Gottes, an dem ebenfalls das lebendige Wasser entspringt, wie es beim Propheten Ezechiel heißt: Und an diesem Fluss werden allerlei Bäume wachsen und ihre Früchte werden nicht alle werden, denn ihr Wasser quillt aus dem Heiligtum (Ez 47,12). Es ist erst dort, dass der Mann Jesus wirklich erkennt. Vorher wusste er überhaupt nicht, wer ihn in Bewegung versetzt hat. Erst in der Bewegung selbst, die ihn in die Gegenwart Gottes geführt hat, erfährt er das Geschehene als Offenbarung. Und Jesus? Er fordert ihn auf dabeizubleiben, nicht wieder in die Starre zurück zu verfallen. Er sagt zu ihm: „Siehe, du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.“

So sind Gesetz und Evangelium eins, nicht zu trennen oder gar gegeneinander auszuspielen. Das Gesetz Gottes ermöglicht uns ein lebenswürdiges Leben im Miteinander zu den Menschen und mit Gott – das Evangelium ruft uns dazu, genau von dieser Lebensmöglichkeit Gebrauch zu machen.

 

Was für den Umgang mit der Schrift gilt, sollte demnach auch für den Umgang mit ethischen Fragen gelten. Von seinem Platz aus konnte der Mann zwar alle anderen Menschen um ihn sehen, aber er hatte keine sozialen Kontakte. Er wusste zwar bestens Bescheid, war aber unfähig wirklich Anteil zu nehmen. Das ist jetzt anders. Nimm dein Bett und gehe umher. 

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, AMEN.

 

 

       

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Letzte Änderung: 23.10.2013
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