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13.11.2016: Prof. Dr. med. Andreas Unterberg über Mt 25,31-46 zum Volkstrauertag 2016

 

 

Predigt  über Matthäus 25, 31-46 „Vom Weltgericht“, Peterskirche Heidelberg,  Volkstrauertag, 13.11.2016

Prediger: Prof. Dr. med. Andreas Unterberg

 

 

Liebe Gemeinde,

Hotel-Dieu, auf deutsch:  „Hotel Gottes“,  heißt ein einmaliges architektonisches Ensemble, das sich im burgundischen Beaune befindet,  etwa 450 km südwestlich von Heidelberg. Es ist ein Krankenhaus der frühen Neuzeit, gestiftet von Nicolas Rolin, einem reichen, einem eitlen burgundischen Kanzler, im Jahr 1443. Treibende Kraft soll seine fromme dritte Frau Guigones de Salins gewesen sein. Bis 1971 war das Hospital in stiftungsgemäßem Betrieb.

Einige von Ihnen werden es vielleicht – so wie ich – schon besucht und bewundert  haben.

Was hat das mit unserem heutigen Predigttext zu tun?, fragen Sie sich.

In der Stiftungsurkunde kann man lesen: „Ich, Nicolas Rolin, … im Interesse meines Seelenheils, danach strebend irdische Gaben gegen Gottes Gaben zu tauschen, gründe  und vermache unwiderruflich der Stadt Beaune ein Hospital für die armen Kranken, mit einer Kapelle, zu Ehren Gottes und seiner glorreichen Mutter…“

Im großen Armensaal des Hospitals, der wie ein einschiffiger  Kirchenraum gebaut ist,  standen die Betten der Kranken, gepflegt durch Beginen, Ordensfrauen.

Am Kopfende findet sich ein abgetrennter Raum, in dem ein Flügelaltar Rogier van der Weyden’s – einer der bestbezahlten Künstler seiner Zeit -  stand. In zugeklappten Zustand sieht man die Verkündigung, die Heiligen Sebastian und Antonius und  das Stifterpaar. Wahrscheinlich als Erinnerung für die Betrachter, die Kranken, gedacht, die Stifter in ihre Fürbitte einzuschließen. An Sonn- und Feiertagen wurde der Altar geöffnet. Auf neun Tafeln ist dann das Jüngste Gericht nach dem Matthäus-Evangelium und der Apokalypse eindrücklich dargestellt, ein Meisterwerk flämischer Gotik mit eindeutiger und uns auch heute noch unmissverständlicher Ikonographie: Im Zentrum der gekreuzigte und auferstandene Christus als Weltenrichter, neben ihm Spruchbänder mit Versen des Matthäus-Evangeliums, umrahmt von Engeln mit Marterwerkzeugen, in der Ebene darunter Maria, Johannes der Täufer, Apostel und Heilige, und unmittelbar unter Christus der abwägende Erzengel  Michael, der die Auferstehenden nach rechts und links teilt, in Hölle und Verderben oder ins Himmelreich.

Ein prächtiges Bild, ein starkes Bild. Beeindruckend.  Was mir auf diesem Bild aber fehlt, ist die Grundlage des Richtspruchs. Was wird denn bestraft, was wird belohnt? Das ist wohl schwerlich abzubilden.

Dazu hören wir den Predigttext:

Matthäus 25,31-46:

Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.

Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt!

Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.

Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen:  Herr,  wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?

Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln!

Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen, und ihr habt mich nicht besucht.

Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient?

Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.

Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

 

Liebe Gemeinde, das ist  Klartext. Schon öfter gehört, nicht immer mit Nachhall.  Bedarf ein solcher Text weiterer Betrachtungen, gar einer Auslegung?

Jesu Worte über das Jüngste Gericht, das Weltgericht stehen  im Matthäus-Evangelium am Ende seiner Reden über die Endzeit. Von seinen Jüngern gefragt, wann das Ende der Welt kommen wird und wie sich dies abspielen wird, gibt er ihnen sehr konkrete Hinweise. Wir wissen, dass diese schon so oft in der Vergangenheit fälschlicherweise herangezogen wurden, um das Ende zu prognostizieren.  Kosmologisch und wissenschaftlich betrachtet , gehen wir davon aus,  dass das Leben auf diesem Planeten einmal endlich sein wird, aber mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht zu unser aller Lebzeiten. Und so machen wir uns deswegen auch wenig Kopfzerbrechen.

Umso mehr sollten wir uns alle aber unser persönliches  Ende vergegenwärtigen und darüber Gedanken verschwenden, nein besser Gedanken investieren.

Vor den Worten Jesu zum Weltgericht ermahnt er uns zur Wachsamkeit („Darum wachet; denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt“,  Mt 24,42). Und mit drei folgenden Gleichnissen vom treuen und vom bösen Knecht, von den klugen und den törichten Jungfrauen und von den anvertrauten Zentnern gibt er seinen Jüngern und uns Beispiele, wie man auf das Ende vorbereitet sein sollte. (Vielleicht finden Sie nachher ein paar Minuten Zeit um nachzulesen?)

Und dann folgt die Beschreibung des Weltgerichtes, wie wir es eben gehört haben.

Die Vorstellung eines Jüngsten Gerichtes, eines Weltgerichtes ist keineswegs spezifisch christlich. Das  Matthäus-Evangelium – aus jüdischer Tradition und vornehmlich für Judenchristen geschrieben -  benutzt ein Bild, eine antike Vorstellung  mit persischen, babylonischen und jüdischen Wurzeln. So ist auch im Judentum das endzeitliche Weltgericht verankert und mit der kommenden messianischen Herrschaft eng  verknüpft. Und in beiden alten Glaubensbekenntnissen der Christenheit richtet der in Herrlichkeit wiederkommende Christus Lebende und Tote.

Was erwarten wir von einer Gerichtsverhandlung? Gerechtigkeit, nachvollziehbare Gerechtigkeit! So sind wir erzogen, wir leben ja in einem Rechtsstaat. Und damit Richter Recht sprechen  und Gerechtigkeit herstellen können, muss klar sein, was die Rechtsgrundlage darstellt.

Jesus Christus gibt sechs Handlungsanweisungen: Hungrige speisen, Durstige tränken, Fremde aufnehmen, Nackte kleiden, Kranke und Gefangene besuchen. Was ist ihnen gemeinsam, was unterscheidet sie? Bei Hunger, Durst und Nacktheit geht es um menschliche Grundbedürfnisse zur Sicherung des Überlebens. Vielleicht kann man den Kranken- und Gefangenenbesuch auch so interpretieren, denn Kranke und Gefangene wurden damals oft ausgegrenzt und vernachlässigt. (Nebenbei bemerkt, vermisse ich als Arzt, dass nicht davon die Rede ist, Kranke zu pflegen oder gar zu therapieren, sondern sie sollen „nur“ besucht werden. Soll damit gesagt sein, dass Kranke und Gefangene  eher  des sozialen Anschlusses bedürfen?) Und mittendrin die Fremden, die aufgenommen werden sollen. In unseren Tagen millionenfachen unübersehbaren Flüchtlingselends bedarf dieses Gebot sicherlich keiner weiteren Erläuterung. (…) Profan zusammengefaßt, könnte man auch sagen: Hier geht es um die Herstellung von Menschenwürde.

Das also ist das Fieberthermometer, der Maßstab, mit dem unser Leben gemessen und bewertet wird: Nächstenliebe, Sorge für die Schwachen und Unterdrückten, Einsatz für die Geringsten.  Caritas.  Diakonie. Das ist die Umsetzung der Nachfolge Jesu Christi.  Dies rückt Menschen  in unser Blickfeld, um deren Wertschätzung wir uns eher wenig, zu wenig bemühen.

Gar nicht so einfach zu akzeptieren, denn tagtäglich sind wir mit anderen Leistungs- und Werteskalen konfrontiert. Beim Weltgericht zählen keine akademischen Grade, keine Auszeichnungen, keine Wissenschaftspreise, keine Impactpunkte, keine Drittmittel, keine Operationszahlen, keine medizinischen Behandlungserfolge.

Gottes Maßstäbe stellen  unsere Bewertungsskalen auf den Kopf. Sie sollen die Gerechtigkeit herstellen, die auch wir uns erhoffen.

Ein Gedanke am Rande:  Nun leben wir in einem reichen Land, einem Rechtsstaat, einem Wohlfahrtsstaat, in dem niemand hungern und  niemand dürsten muss. Jeder in unserem Land z. B. erhält Schutz und Behandlung bei Krankheit, jeder. Wir wissen aber alle sehr wohl, dass diese Bedingungen, diese Errungenschaften nicht einmal bei den reichen Freunden anzutreffen sind. So bin ich oft schon sprachlos gewesen, wenn auch gute amerikanische Freunde und Kollegen gegen  eine allen Bürgern offenstehende Krankenversicherung gewettert haben. Blankes Unverständnis meinerseits, wenn angeblich etwa die Hälfte der US-Bevölkerung eine geordnete Krankheitsfürsorge ablehnt. Nun sind dies sicher eher sozialpolitische Gedanken, die nicht zwingend mit unserem Predigttext zu tun haben.

Daher zurück zur Betrachtung des Textes:

Merkwürdig ist, dass die Gerechten sich eigentlich gar nicht bewusst sind, was sie getan haben.

Sie haben nicht wie Nicolas Rolin danach gestrebt, so könnte man interpretieren, irdische Gaben gegen Gottes Gaben zu tauschen. Sie haben einfach existentielle Bedürftigkeit wahrgenommen und erkannt, und dagegen etwas getan.

Das  ist die Auflösung, der Richterspruch Jesu: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

Diese zentrale Botschaft Jesu Christi: Wenn Ihr Gott, wenn ihr mir Gutes tun wollt, dann tut es meinen geringsten Brüdern und Schwestern, diese Botschaft ist Christus offenbar so wichtig, dass er nicht nur Belohnung in Aussicht stellt, sondern auch unmissverständlich bei Nichtbeachtung  mit Hölle und Verderben droht. Eindringlicher geht es nicht.

Nicolas Rolin, den Menschen seiner Zeit, und auch Martin Luther hat das Angst gemacht. Solche Angst ist uns heute fremd, Gott sei Dank! Dazu hat die Reformation auch einen wesentlichen Beitrag geleistet. Angst ist – wie uns die Pädagogik lehrt – keine gute Grundlage für Motivation und Engagement, eine schlechte Triebfeder also. Das Beispiel von Franziskus, der vorgestern einige tausend (3600) Obdachlose (offiziell: Menschen in prekären Situationen) eingeladen hatte, ist - wie ich meine - ein bemerkenswertes, ein gutes Signal, das hoffentlich von vielen wahrgenommen wird und als Anstoß und Ermutigung dient, etwas zu tun. Und von mir aus soll sein Engagement für die Geringsten auch mit einem Bambi ausgezeichnet werden, den der Papst in den nächsten Tagen erhalten soll.  Wenn es denn  dazu dient, das Evangelium, Jesu Botschaft weiter zu tragen, ist das gut so.

Ein letzter Gedanke: Mindestens alle zwei Wochen muss ich in meinem Beruf Patienten (und ihre Angehörigen) damit konfrontieren, dass ihr Leben in sehr absehbarer Zeit zu Ende gehen wird. Dann werde ich oft gefragt: Was soll ich jetzt tun? Ich versuche ihnen dann aufzuzeigen, dass wir Ärzte vieles in Bewegung setzen, um ihr Leben zu erhalten, möglichst lange, und in Würde. Oft füge ich hinzu: Machen Sie was draus,  aus dieser geschenkten Zeit! Vielleicht sollte ich demnächst konkreter werden und sagen:   Und kümmern Sie sich auch um die, die sich Ihre Wertschätzung nicht verdient haben, aber Ihre Hilfe brauchen.

(Zum Schluß:) Liebe Gemeinde, wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm, dann hoffe ich nicht auf Gnade vor Recht, sondern verlasse mich auf Gottes Gerechtigkeit, um mit Euch im Hotel Dieu dabei zu sein.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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Letzte Änderung: 18.11.2016
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