14.03.2010: Prof. Dr. Michael Plathow über 2 Kor 1,3-7

Predigt über 2 Kor 1, 3-7 im Universitätsgottesdienst am Sonntag Laetare in der Peterskirche in Heidelberg

 

Prediger: Prof. Dr. Michael Plathow

 

 

Trost ist der Skopus, der Sinn und das Ziel, des heutigen Predigttextes, das Dank- und Loblied des Proömiums des 2. Korintherbriefes, liebe Gemeinde. Der Apostel Paulus stimmt an das Lied von: getröstet werden und trösten, Trost empfangen und Trost geben, Trost als Gabe und als Aufgabe - ein Lied mehr in Moll, mehr verhalten, aber andringend gesungen.

 

1

Liebe Gemeinde, scheint auf den ersten Blick unsere Gesellschaft mit den nötigen Präventionsmaßnahmen systemisch trostresistent zu sein, so erweist sich Trost auf den zweiten Blick öffentlichkeitsrelevant, Trost persönlich und sozial verstanden.

Trost hat nichts Hinterwäldlerisches mehr an sich.

Noch gegenwärtig ist uns: der Suizid des allseits beliebten, sozial engagierten Torwarts löst aus einen Strom von trostsuchenden Fans in die Hannoversche Marktkirche. Der mörderische Amoklauf in einer Schule ruft tröstend-beistehende Notfallseelsorger und Psychologen zu geschockten Schülern und trauernden Eltern. Der leidvoll verlorene Lebenskampf der jungen Krebspatientin trotz ärztlicher Kunst versammelt nahe und ferne Trauernde, im Schweigen sich nach einem Trostwort des Pfarrers sehnend.

Sehnsucht nach Trost. Im “Innersten setzt sie eine religiöse Saite in Schwingung (J. Habermas).

Wie es ein Sehnen nach Glück, eben nach Segen, gibt in der Gesellschaft, so ein Sehnen nach Trost, nach Vergewisserung und Gewissheit.

Trost, nicht Vertröstung, tut Not in Gemeinde und Öffentlichkeit.

Und das Trostamt ist seit alters der öffentliche Dienst der Christen und der Gemeinde in der Welt. M. Luther sagte einmal: “Die ganze heilige Schrift ist voll Trost”; er meinte damit, dass der, der sich als die Mitte der Schrift erweist, der Christus praesens, Tröster sein und wahren Trost geben will dem, der nicht bei Trost ist. Selbst der Dichterfürst Goethe erkennt das Zeichen des Kreuzes - freilich anders als Luther - “mit Rosen dicht umschlungen”, “das aller Welt zu Trost und Hoffnung steht” (Geheimnisse. Ein Fragment, Z. 58). Und der andere Reformator Ph. Melanchthon - einst Student in Heidelberg - lässt die Ordinanden antworten auf die Frage, warum verkündigt werden soll die Rechtfertigung aus Gnade durch den Glauben: “Eben darum. Denn dieser Trost ist der hohe Trost, der im Evangelium geoffenbart ist. Und ist durch das Wort Gratis oft ausgedrückt” (Ph. Melanchthon, Examen ordinandorum, 1552, in: StA VI, 198). Für Melanchthon zielt das philologische Schriftstudium und die denkend verantwortete Lehre auf das Trostwort des Evangeliums.

 

2

Als Trostbrief des Apostel Paulus ist der Predigttext des heutigen Sonntags “Laetare”, liebe Gemeinde, irgendwie auch an uns adressiert.

Wir hören:

“Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater des Erbarmens und Gott alles Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir trösten können, die da sind in allerlei Trübsal, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.

Denn gleichwie wir des Leidens Christi viel haben, so werden wir auch reichlich getröstet, durch Christus.

Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, welcher sich wirksam erweist, wenn ihr leidet mit Geduld dieselben Leiden, die auch wir leiden. Und unsere Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen, dass, wie ihr des Leidens teilhaftig seid, so werdet ihr auch des Trostes teilhaftig sein” (2. Kor 1,3 - 7).

 

3

Wer einem Bekannten in schwerer Krankheit, einem seelisch und sozial Vereinsamten, in Trübsal in und um sich Kreisenden, an Gott und der Welt Zweifelnden ein Trostwort schreiben oder die Stimme des Trostes geben will, weiß, wie schwierig das ist. Ich meine nicht billigen, leeren Trost, sondern wahren, wirklichen. Viel Erfahren und auch eigenes Widerfahren von Trost durch Anfechtung hindurch gehört dazu. Auch wir selbst sehnten uns eventuell nach jemanden, der uns “in Trübsal trösten soll” (EG 341, 9), nach einem wirklichen Trostwort, als unsere innere Stimme seufzte: “Siehe, um Trost war mir sehr bange” (Jes 38, 17) und fragte: “Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?” (EG 7, 4)

In unserer rational kalkulierenden Profit- und Leistungsgesellschaft, systemisch leidens- und liebesunfähig - wenn ich auch immer neu für die weltweiten Solidaritätswellen bei unverhinderbaren Katastrophen dankbar bin - droht Trost bisweilen zum machenden Seelenservice zu werden: der beschädigte Seelen- und Gefühlshaushalt soll repariert werden, der alte Zustand wieder hergestellt, damit jemand beschleunigt funktioniert. Unsere Sprache verrät es: Leiderfahrung wird aufgearbeitet, verarbeitet, bewältigt, Trauerarbeit geleistet, Seelenschmerz überwunden, Trauer weggesteckt und ein Betrauerter losgelassen. Dazu werden Rezepte, Ratschläge, Handreichungen gegeben, Selbsthilfen angeboten. - Gut.

Doch Trost ist so nur begrenzt zu finden. Trost ist letztlich nicht machbar.

Auch billig, um nicht zu sagen leichenblass, haben bisweilen das Trostwort werden lassen die Generalisierungen in der Umgangssprache: “Nur Mut!”, “Es wird schon wieder!”, “Es könnte schlimmer sein!”, “Mir erging es auch schon so!” usw. drohen das Trostwort leer zu machen. Oder zeigt sich hier vielleicht nur die Schwierigkeit, Leid mitzuteilen - nicht als Jammern - und Leiderfahrung zur Sprache kommen zu lassen? Leid wartet auf Trost.

Trösten wird Gelingen versprochen durch persönliche Zuwendung, achtsam, behutsam, entschleunigt, empathisch und sympatisch, die Ethik der Zuwendung in einer Kultur der Achtsamkeit konkret: eine herzliche Umarmung, die stille Weggemeinschaft etwa zur Kapelle auf dem Malschenberg, das gemeinsame Essen, der begleitete Konzertbesuch, der Austausch von Erinnerungen ernst- und auch humorgestimmt, das Wort zur rechten Zeit.

Mütter sind bekanntlich Künstlerinnen des Tröstens; das erfährt das kleine Mädchen, dessen Lillifee-Puppe das Bein zerbrach, der Sohn, der Ehemann, der eine schwere Tumoroperation vor sich hat. Aber auch Männer trösten, indem sie die Puppe reparieren, indem sie die kranke Ehefrau pflegen, bei ihr sind, die Hand halten und sprechen: “Ich hab dich lieb; ich brauche dich.”

Trost wird “von außen” von einem Anderen geschenkt; Trost kann sich keiner selbst geben.

 

4

Paulus stellt diese Tröstung in den Verstehenszusammenhang und Deutungsrahmen des Trostwortes des Gottes alles Trostes, “der uns tröstet in aller unserer Trübsal“: “Ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet”. Ja, er hat es erlebt: “... bedrängt, aber nicht in die Enge getrieben; verzweifelt, aber nicht verzweifelt; verfolgt, aber nicht verlassen; zu Boden geworfen, aber nicht vernichtet” (2. Kor 4, 8f). Trost beseitigt nicht die Bedrängnis, sondern tröstet in der Bedrängnis, schenkt neu Gewissheit, Geduld und Hoffnung. Die verändernde Gewissheit kommt Paulus zu von außen vom Gott alles Trostes, dem in Jesus nichts Menschliches fremd ist. Die verändernde Gewissheit wird ihm geschenkt durch den spiegelnden Blick auf den gekreuzigten und auferstandenen Christus, in der Gemeinschaft mit Christus durch den Glauben.

“Wenn das Leid, das wir tragen, den Weg uns weist”, lautet der Titel des Buches des rheinischen Präses Schneider, des kommissarischen Ratsvorsitzenden der EKD, und seiner Frau, das ihren Weg nach dem frühen Tod der geliebten, an Leukämie unheilbar erkrankten Tochter erzählt, den vom Leid gewiesenen Trostweg in der Glaubensgemeinschaft mit dem leidenden und auferstandenen Kyrios. “Wenn das Leid, das wir tragen, den Weg uns weist”.

Paulus wird über sich und seine Leiderfahrungen hinaus verwiesen an die tröstende Liebe Gottes im gekreuzigten und auferstandenen Herrn, die nicht repariert zum alten Zustand, sondern renoviert, verändert, Neues bringt, Perspektiven eröffnet, hoffnungsvolle Gewissheit und Zuversicht durch das schöpferische und neuschaffende Trostwort Gottes, wie die Antwort auf die erste Frage des Heidelberger Katechismus verheißt: Teurer Trost, kein billiger, ein trotziger Trost. “Denn gleichwie wir der Leiden Christi viel haben, werden wir auch reichlich getröstet durch Christus”. Denen, die Christus in einem “fröhlichen Wechsel” sympathisch sind, wird die Mitte der Nacht der Anfang des Tages, erhält die Finsternis einen neuen Schein, wird das Kreuz als Trostbild zum Lebensbaum, zum sprießenden Frühlingskrokus, zum fruchttreibenden Weizenkorn, das in die Erde gesenkt wurde.

Da wird das Trostwort des dreieinen Gottes Evangelium und man ist bei Trost und Trotz, Zuversicht und Stärke, Schirm und Schutz, Schutz und Trutz, Vertrauen und Kraft, in Luthers klangvollen Lautmalereien gesprochen.

 

Trost des Evangeliums. Liebe Gemeinde, wir singen in diesem Gottesdienst vier Lieder von Jürgen Henkys; 15 Lieder, aus dem Englischen, Niederländischen, Norwegischen, Schwedischen übersetzt, hat er dem Evangelischen Gesangbuch geschenkt. Ende der 60erJahre hat er sich in einer theologischen Diskussion mit Kollegen dafür ausgesprochen, dass das Evangelium der Gnade Gottes sich zueignet in der Predigt, der Taufe, dem Abendmahl, der Beichte und “auch” - das kleine Wörtchen “auch” in Schmalkaldische Artikel III 4 - “auch” im “geschwisterlichen Gespräch und Trostwort in der Gemeinde”. Im Sinn des ganzheitlichen Verständnisses des Trostes des Evangeliums stimme ich voll zu (vgl., J. Henkys, Seelsorge und Bruderschaft, Stg. 1970, 18ff): Trost an Seele und Leib, einzeln und gemeinsam, ganz.

 

5

Liebe Gemeinde, der Apostel Paulus beginnt seinen Trostbrief, indem er den Blick weg von eigener Beschädigung durch Leid und Trübsal auf den Gottes alles Trostes richtet und ein Dank- und Loblied anstimmt: “Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater des Erbarmens und Gottes alles Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal” und Paulus fährt fort, “damit wir trösten können, die da sind in allerlei Trübsal und Leid, mit dem Trost, mit dem wir selbst getröstet werden von Gott”. Teilhabender Trost wird teilgebender Trost; als Getröstete wird Trost weitergegeben durch uns. Das Trostwort der Hoffnung wird geschenkt, damit wir Boten des Trostes und der Hoffnung Gottes seien, Rechenschaft gebend von der Hoffnung, die uns trägt.

Da hat jeder Getaufte, im Er-Innern seiner Taufe als Bad des Trostes, das Trostamt für andere. Auch wird der heilige Geist, der Tröster, in der Koinonia des Tröstens beistehen, wenn wir darum bitten. - Welch eine Verheißung!

Und “was ihr getan hat einem unter diesen“ leidvoll Beschädigten, denen ihr wie ein Christus seid, so D. Bonhoeffer, “das habt ihr mir getan”: Trösten des bedrängten und angefochtenen Gewissens, persönlich und öffentlich; denn “einer trage des anderen trostsuchendes Leid”.

 

Liebe Gemeinde, in seinem Trostbrief verbindet Paulus die Antwort auf zwei Fragen: Woher kommt mir Trost? Und: Wem bin ich Tröster?

Seine Antwort: Gott allen Trostes tröstet uns in Jesus Christus, auf dass auch wir trösten, die Trost suchen. In ihm hat der das Geheimnis des dreieinen Gottes als Geheimnis erschließende Gott seine Liebe offenbart, und wer in der Liebe bleibt der bleibt in und mit ihm.

Diese Liebe bleibt. “Wider alle Schrecken des Zukünftigen setze du diesen Trost: Liebe bleibt; wider alle Beängstigung durch das Gegenwärtige setze du diesen Trost: Liebe bleibt” (S. Kierkegaard, Der Liebe tun, 331). “Damit ihr Hoffnung habt” (1. Petr. 1, 3).

 

Ja, “gelobt sei Gott, ... der Vater des Erbarmens und Gott alles Trostes”. Amen.

 

 

 

 

Dank und Fürbitte

 

Gott alles Trostes, das Geheimnis deiner Liebe hast Du in Jesus Christus durch Deinen heiligen Geist mitgeteilt uns in der Taufe und im Trost des Evangeliums. Wir danken. Wir freuen uns mit der Familie über die Taufe von Charlotte Ioana Heese heute am Sonntag ‘Laetare’; segne unser Taufkind und ihre Familie.

 

Auch uns hast die erneut an den Schatz unserer Taufe erinnert. Mach ihn uns neu zueigen und lass uns täglich aus dem Trostbad der Taufe leben, gestärkt im Glauben, in der Liebe und in der Hoffnung.

 

Oft scheint der Grundwasserspiegel der Glaubenszuversicht zu sinken; darum bitten wir Dich, dass die Pfarrerinnen und Pfarrer mit Freude ihren Dienst tun, die theologischen Lehrer in Forschung und Lehre begeistern, die Bischöfe mit Weisheit leiten. Gib Segen für das Er-Innern der Reformationsdekade und für die Vorbereitungen des II. Ökumenischen Kirchentages.

 

Gott alles Trostes, wir preisen Dich. Du schenkst Hoffnung, die größer ist als unsere Sorgen und unsere Beschädigungen an Seele und Körper.

Gib uns durch Deinen Geist den Trost und das Trostwort für die, die nicht bei Trost sind und denen Trost Not tut. Zeige uns Wege zu einer Ethik der Zuwendung und Achtsamkeit in Gemeinde, Kirche und Gesellschaft.

Hilf den Helfern, wo nicht-vermeidbares Leid in den Katastrophengebieten Menschen leidvoll und trostlos getroffen hat und Solidarität und Zuwendung Not tut.

 

In unserer von Krisen geschüttelten Zeit hilf den Verantwortlichen in Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Sozialem zu Zukunft eröffnenden Lösungen und Leben fördernden Entscheidungen.

 

Alles, was wir persönlich auf dem Herzen haben, bringen wir in der Stille vor Gott: ...

 

 

Und alles fassen wir zusammen in dem Gebet, das Jesus uns gezeigt hat:

Vater unser ...

 

 

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Letzte Änderung: 01.11.2012