14.04.2013: Pfarrerin Dr. Heike Springart über Joh 21,15-19

Predigt über Joh 21,15-19

Pfarrerin Dr. Heike Springhart, Studienleiterin des Theologischen Studienhauses

 

Liebe Gemeinde,

 

„Hast Du noch nie eine Schafherde gesehen?“ - mit dieser ruppig gestellten Frage des Schäfers Pascal an die fast 30 Jahre jüngere Carole beginnt der im letzten Jahr preisgekrönte Dokumentarfilm „Winternomaden“.

Die beiden Schäfer ziehen einen Winter lang mit 800 Schafen, vier Hunden und drei Eseln über die Dörfer der Südostschweiz. Nicht nur wegen Winterkälte und Schnee ist die winterliche Schafwanderung ein riskantes Unterfangen: die Routen sind stark reglementiert, für manche Bauern ist die Herde mit ihren beiden Schäfern überhaupt nicht willkommen. Zu groß ist die Angst davor, dass die Schafe den Boden zertrampeln oder Krankheiten übertragen. Pascal und Carole leben und arbeiten mit den Schafen in der Natur, sie zelten im Schnee und wärmen sich am Feuer.

Auf der rauen Winterreise braucht es unbedingtes Vertrauen. Meist reichen wenige Worte, um sich zu verständigen. Wichtiger als endloses Reden und Fragen ist Vertrauen, ein gemeinsames Ziel und die Gewissheit: auf den anderen kann ich mich verlassen! Egal, wie rau die Lage und wie kalt der Wind gerade ist.

„Lass mich mit Dir die Schafe weiden.“, hatte die Schäferin Carole den erfahrenen Kollegen gebeten. Und sie haben sich auf den Weg gemacht. Als ungleiche Gefährten, als Winternomaden.

 

Gefährten waren auch diese beiden: der eine ein engagierter Kämpfer, immer vollmundig dabei, wenn es darum ging, die gemeinsame Sache voranzubringen. Der andere der Wanderprediger mit einem klaren Blick für die rauen Seiten des Lebens und der Welt.

Am Ende hatte der Vollmundige seinen Gefährten verraten. Ende aller Hoffnungen. So sah es aus.

 

Aber es kam anders: der Auferstandene begegnet den Seinen wieder, wirft die Netze neu aus. Wieder ist Petrus besonders eifrig, zieht ein Netz voller Fische aus dem See Tiberias – und sie essen zusammen, Brot und Fisch. Kein üppiges Festmahl, aber ein Mahl, bei dem ihr Hunger nach Gemeinschaft gesättigt wird. Danach nimmt Jesus Petrus zur Seite. Der Evangelist Johannes berichtet von dieser Begegnung im 21. Kapitel (Joh 21,15-19):

 

Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.

Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!

Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!

Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?
Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb? und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe.

Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!

Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst  und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht willst.

Das sagte er aber,  um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!

 

Fragen können bohrender sein als Vorwürfe. Wieder wird Petrus dreimal gefragt. Dreimal, obwohl die Antwort doch schon vor der ersten Frage klar war. Dreimal muss er sein Verhältnis zu Jesus beschreiben. Dreimal wird er gelöchert. Liebst Du mich? Liebst Du mich noch mehr als die anderen mich lieben? Immer wieder.

Gegen Vorwürfe hätte er sich ja vielleicht verteidigen können. Was hätte er schon sagen sollen, als die Wachfrauen am Palast des Hohepriesters ihn mit lauerndem Gesicht fragten: „Gehörst Du nicht auch zu diesem Jesus?“ Und die Bediensteten am Feuer? Sie hätten ihn doch sofort vertrieben. Aber am See Tiberias gibt es keine Vorwürfe. Nur die eine Frage: hast du mich lieb? In Petrus steigen Scham und Schmerz auf. Unendliche Trauer darüber, dass er seine vollmundigen Versprechungen nicht halten konnte. Dass er ihre gemeinsame Sache verleugnet und verraten hatte.

 

Abgrundtief ist seine Schuld. Abgrundtief seine Scham angesichts der immer wieder kehrenden Frage Jesu. Traurig steht er da. Aus der Tiefe steigt das bitterliche Weinen und der Ton aus dem Garten in seine Seele.

- Musik: Orgelimprovisation über ... und weinte bitterlich ... aus Bachs Johannes-Passion -

 

Liebst Du mich? Das ist eine Frage, bei deren Beantwortung einiges schiefgehen kann.

„Liebst du mich? – Warum fragst Du das überhaupt??“

„Liebst du mich? – ja, das weißt Du doch!“

„Liebst du mich wirklich? – was soll ich denn noch tun, um es dir zu beweisen?“

Wichtiger als Reden ist nicht nur im Blick auf diese Frage das Handeln. Was aber, wenn das Handeln längst alles gesagt hat?

 

Jesus fragt Petrus dennoch. Und Petrus bejaht dreimal. Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebhabe. Und Jesus nimmt ihn in die Verantwortung und vertraut ihm die Seinen an.

Versorge meine Herde! Trage Sorge dafür, dass sie auf den rauen Wegen die Orientierung nicht verlieren. Trage Sorge dafür, dass die blökenden Lämmer nicht von den vollmundig prustenden Böcken verdrängt werden. Trage Sorge dafür, dass die verträumt am Wegesrand trödelnden Schafe den Anschluss ebenso wenig verlieren wie die ungestüm voran stürmenden Leithammel. Führe die Herde zu Weiden mit frisch-grünem Geist, mit Stärkung und Rast.

 

Petrus hat gar keine Zeit zu antworten. Es ist völlig klar: Menschen wie ihm ist Verantwortung aufgetragen. Gott nimmt Menschen wie ihn in den Dienst. Der mit dem Kopf durch die Wand wollte, der pausbäckig große Versprechungen unbedingter Solidarität gemacht hat, der nicht eine Sekunde daran gedacht hat, dass er scheitern könnte, dass die Welt nicht einfach schwarz und weiß ist, dem seine eigene Selbstgewissheit ein Bein gestellt hat und der über Leichen ging. Der um sein eigenes Gesicht zu wahren, einen anderen verraten hat. Aus Angst und Feigheit wurde er schuldig. Am Ende blieb bitterliches Weinen über das, wozu er fähig war.

 

Und das, obwohl er Jesus liebte. Seine Leidenschaft ist mit ihm durchgegangen. Er wollte das Beste, zunächst für die Welt, dann für sich selbst – und war gescheitert. Was bleibt ist seine Liebe zu dem, mit dem er losgezogen war. Was bleibt, ist die Frage Jesu an Petrus: bist du verlässlich? Du hast eine große Aufgabe und viel Verantwortung. Bist du verlässlich?

Schlimmer als alle Vorhaltungen war für Petrus vermutlich das Festhalten Jesu an der Liebe zu ihm. Es liegt an ihm selbst, mit seiner Schuld verantwortlich umzugehen. Keine schnelle Vergebungsrhetorik. Kein trotziges Bestehen auf Einstellung des  Verfahrens. Er selbst muss erfahren, dass der gerade Weg nicht immer der klare Weg ist.

 

Das Gespräch am See Tiberias öffnet den Horizont für eine zutiefst realistische Perspektive darauf, dass auch die Liebe von Christenmenschen zu Gott und zueinander kein Selbstläufer ist. Dass pure Lippenbekenntnisse nicht reichen.

Aber auch darauf, dass Schuld und Scheitern nicht das Ende  bedeuten.

 

Am Ende bleibt die Erkenntnis: aus dem jugendlich-trotzigen Elan, der nicht unbedingt etwas mit dem Alter zu tun hat, aus der pausbäckigen Überzeugung: ich nehme mein Leben in die Hand, ich mache meinen Plan, ich schreibe meine Drittmittelanträge und lasse mich für meine Karriere coachen – dann muss es gelingen! – aus diesem Sturmeschritt geradeaus wird nach der Begegnung am See die Sicht darauf, dass es nicht ich bin, die mich in der Hand hat. Sondern dass meine Hände am Ende ausgestreckt sind hin zu einem anderen. Dieser andere wird mich gürten und ganz am Ende führen, wohin ich nicht will.

 

Am Ufer des Sees Tiberias, erinnert der Auferstandene daran, dass es eine Grenze für dieses Leben gibt. Eine Grenze für mein Wollen, eine Grenze für meine Pläne und strategischen Planungen, für meine strukturierten Schritte.

 

Am Ende geht es darum, sich nicht in Zielstrebigkeit zu verrennen, sondern offen für Orte und Wege zu sein, die mir zunächst gar nicht in den Sinn gekommen wären.

 

Am Ende geht es darum, dass das, was ich einem anderen angetan habe, nicht durch ein schnell dahingesagtes: „‚tschuldigung!“ abzutun ist, sondern dass man es auch meinem Handeln ansehen muss, dass sich in mir etwas verändert hat.

Am Ende steht die Aussicht darauf, dass selbst bitteres Scheitern kein Grund dafür ist, schamesrot vor den anderen wegzulaufen.

Die ausgestreckten Hände werden nicht ins Leere greifen. Sie werden gefüllt – und sie sind bestimmt dazu, weiterzugeben.

 

Auf dem Weg mit der großen Herde wird es manchmal so eisig zugehen wie auf dem Weg der Winternomaden durch die winterliche Südostschweiz.

 

Zwischen denen, die da unterwegs sind wird es immer wieder Enttäuschungen geben auf die Frage: liebst du mich? – und Verrat an der gemeinsamen Sache.

 

Aber die pausbäckigen Versprechungen, die mit „nie und nimmer“ beginnen und mit dem Kampf um die Wahrung des eigenen Gesichts enden werden auf den Boden der Tatsachen geholt.

 

Sie weichen einem gnädigeren und realistischeren Blick auf mich und auf die anderen – einem Blick der über den Horizont hinaus sieht und der sich öffnet für den Frieden Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft.

Er bewahre unsere Herzen und Sinne, in Christus Jesus.

Amen.

 

 

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Letzte Änderung: 15.04.2013
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