14.07.2013: Prof. Dr. Klaus Tanner über Gal 6

Predigt zu Gal. 6

im Universitätsgottesdienst am 14. Juli 2013

in der Heidelberger Peterskirche

 

Prof. Dr. Klaus Tanner

 

 

Liebe Gemeinde

 

Wir saßen zusammen in einer Runde von Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Fächern. Jeder brachte aus seiner Disziplin seinen Zugang mit, seine eigenen Perspektiven auf die Thematik, die wir gemeinsam bearbeiten wollten. Die Ideen, Argumente und Fragen gingen eine Zeit lang hin und her. Es stellte sich das ein, was schnell passiert wenn Menschen engagiert über etwas diskutieren: Die bald erkennbaren Interessen der einen provozierten den Widerspruch der anderen. Der eine Teilnehmer an der Runde fühlte sich missverstanden, die andere Teilnehmerin sah ihre viele Vorarbeit nicht richtig gewürdigt, wieder ein anderer kam bald auf seine Lieblingsthemen und Lieblingsgegner, die wenig mit der Sache zu tun hatten um die es ging.

In solch einer Kommunikation bildet sich schnell eine vielschichtige Gefühlslage, die ihre eigene Dynamik entfaltet. Ohne emotionale Beteiligung kommt keine Problembearbeitung und Suche nach Wahrheit voran. Aber die Gemengelage von Gefühlen, Gedanken und Reaktionen kann auch schnell blockieren. Ein Kollege hatte lange Zeit zugehört. Schließlich meldete er sich, und ihm gelang es, in ruhiger und nüchterner Sprache eine paar Fäden im Problemknäuel zu entwirren, Argumente zu gewichten, neue Zusammenhänge herzustellen und weiterführende Fragen herauszukristallisieren, die sinnvoll bearbeitet werden konnten. Ohne oberlehrerhafte Ermahnung und Zurechtweisung anderer, frei von Eitelkeiten, mit innerer Ruhe und Gelassenheit rückte er Behauptungen wieder zurecht. Es gelang ihm, einen Raum für neues Einverständnis zu schaffen. Der Kollege brachte die Diskussion damit wieder auf einen guten Weg.

Dass solch ein Beitrag gelingt, der hilft, aus einer festgefahrenen Situation herauszukommen, ist alles andere als selbstverständlich. Wir sind dankbar wenn so etwas gelingt. Jeder von uns hat genug Erfahrungen mit sich selbst und anderen in vergleichbarer Situation, um zu wissen wie schwierig es ist, die richtigen Worte und den richtigen Ton zu finden, die verengte Perspektiven wieder öffnen können.

Was ich eben mit ein paar Worten skizziert habe ist für mich ein Beispiel gelingender Kommunikation. Wo Kommunikation gelingt, ereignet sich das was Paulus charakterisiert als ein „Leben im Geist“. Dieses „Leben im Geist“ ist das zentrale Thema des letzten beiden Kapitel des Briefs an die Galater.

Paulus umschreibt im 5. Kapitel die Gegenwart des Geistes als eine Haltung und Lebenseinstellung. Im Zentrum dieser Haltung steht für ihn eine bestimmte Form von Freiheit, eine Freiheit, die frei ist von den eigenen Ängsten und Wünschen, eine Freiheit, die sich an dem ausrichtet, was die Mitmenschen brauchen.

Ganz lapidar beschreibt er das Wirken des Geistes als die Befähigung, in Liebe einander zu dienen und das Gute zu tun. Wie wenig selbstverständlich das Tun des Guten auch unter Christen ist, zeigt der mahnende, an einigen Stellen fast drohende Grundton im 6. Kapitel.

 

Der Predigtext lautet:

 

 

Drei Gedanken zu dieser Mahnrede „im Geist“ zu leben.

 

1) Alles wozu Paulus in seiner Ermahnung auffordert, ist gleichsam der zweite Schritt.

Dieser zweite Schritt, das Handeln von uns Christen, hat eine Voraussetzung. Es ist die Zusage Gottes, uns nicht allein zu lassen inmitten des Auf und Ab unseres Lebens, unserer Angst und unserer Hoffnung. Jesus Christus ist das uns gegebene Zeichen für eine Liebe Gottes, die stärker ist als der Tod. Diese Zusage gilt unabhängig davon, ob wir zweifeln oder nicht mehr an seine Liebe glauben können. Selbst dann, wenn wir uns selbst nicht mehr vertrauen und annehmen können, zerstört das nicht unser Angenommensein in der Liebe Gottes. Es ist eine paradoxes Vertrauen, das Paul Tillich einmal so formuliert hat: Glaube ist der „Mut uns anzunehmen als angenommen trotz unserer Unannehmbarkeit“[1].

Aus solchem Vertrauen entsteht die Freiheit, von der Paulus im Galaterbrief spricht, die Freiheit dazu, anderen Menschen zu dienen und sich selbst unverstellt und ungeschminkt wahrzunehmen.

Das Vertrauen auf die Liebe Gottes als unseren Lebensgrund und Lebenshorizont ist fragil und alles andere als selbstverständlich. Vertrauen und Glauben sind kein sicherer Besitz, der wie ein Gegenstand nach Hause getragen werden kann. Wäre es anders müsste Paulus die Christen nicht ermahnen, in ihrem Leben der Zusage Gottes zu entsprechen.

 

2) Ist die kleine Szene die ich beschrieben habe, nicht zu alltäglich und zu unspektakulär, um dafür die großen theologischen Worte des „Lebens im Geist“ zu bemühen?

Paulus spricht die Christen an als diejenigen, die „geistlich“ (6,1) leben (griechisch pneumatiker, lateinisch spirituales).

Wie exzeptionell muss christlichen Glaube gelebt werden?

Im Predigttext geht es nicht um geistiges Heroentum und spektakuläre Taten. Es hat in der Geschichte des Christentums immer wieder herausragende Glaubensgestalten gegeben hat. Es gab und gibt Märtyrer, die für ihren Glauben sterben. Wir können – Gott sei Dank – als Christen zusammenkommen, ohne um unser Leben fürchten zu müssen.

Der Blick auf die Geschichte des Christentums zeigt: Von Anbeginn des Christentums bilden sich verschiedene Lebensformen aus.

Es gibt diejenigen, für die Leben aus Glauben, Leben im Geist bedeutet: Leben in radikaler Weltabgeschiedenheit und Askese. Solche Asketen können allein als Eremiten leben oder Gemeinschaften bilden. Ein Teil des Franziskanerordens bezeichnete sich etwa im 13. Jahrhundert als Spiritualen und wollte entsprechend dem Armutsideal des Ordensgründers Franz von Assisi leben.

Es gibt aber auch die, die in ihren Familien und Berufen bleiben und andere Gemeinschaftsformen pflegen, etwa indem sie regelmäßig zum Gottesdienst zusammenkommen und sich gegenseitig helfen. Im Protestantismus bildet sich das aus, was Max Weber und Ernst Troeltsch „innerweltliche Askese“ genannt haben: Kein Leben in Distanz zur „normalen“ Welt wie im Mönchtum, sondern eine Haltung, die den Glauben im Beruf, in der Familie, im Alltag versucht zu leben. Alle diese Lebensformen konnten gemäß dem Geist der christlichen Freiheit als legitime Ausdrucksformen des Glaubens gelten.

Die genauen Grenzziehungen waren und sind immer wieder umstritten. Sind Christen, die nicht regelmäßig zum Gottesdienst gehen, sondern nur an Weihnachten und bei Kasualien, wirklich noch Christen? Die sogenannte distanzierte Kirchenmitgliedschaft, der Normalfall in unseren Kirchen, hat immer wieder zu heftigen theologischen Kontroversen geführt, ob denn solche sog. „Gelegenheitschristen“ sich berechtigterweise noch Christen nennen dürfen.

Solche Auseinandersetzungen konnten nur dann befriedet werden, wenn sich die alte christliche Überzeugung wieder durchsetzen konnte, dass kein Christ einem anderen ins Herzen schauen kann und ein letztgültiges Urteil über innere Einstellungen und den Glauben eines Menschen allein Gott – d. h. keinem Menschen – zusteht.

In diesen Wochen wird unsere Kirche von einem andern Streit um die christliche Legitimität von Lebensformen erschüttert. Er wurde ausgelöst durch die die EKD-Denkschrift zum Verständnis von „Familie“[2]. Welche Formen des Zusammenlebens können noch als „Familie“ im christlichen Sinn gelten? Gehören dazu auch gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften?

Der Streit führt in die Tiefen und Untiefen der Bibelauslegung und Hermeneutik, aber auch der Anthropologie. Es wäre unredlich, die Stellen in der Bibel wegzureden, die gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften als Sünde kennzeichnen.

In der Denkschrift wird argumentiert, indem unterschieden wird. Es wird unterschieden zwischen äußeren Formen und Ordnungen und der Intention, der Absicht, dem Geist, aus dem heraus gehandelt und eine Beziehung gelebt wird. Mit der Unterscheidung wird versucht, den Unterschied der äußeren Formen zu relativieren und vor allem die Bedeutung der inneren Haltung hervorgehoben.

Es heißt in der Denkschrift: Dort wo Partner in „einem verlässlichen, liebevollen und verantwortlichen Miteinander, ... (in) Treue“ zusammenleben, sich „dauerhaft aneinander ... binden und füreinander Verantwortung ... tragen“, entsprechen sie der „Treue Gottes“. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften, die in diesem Geist der Treue gelebt werden, sind für die Autorinnen und Autoren der Denkschrift als „gleichwertig“ mit der traditionellen Ehe „anzuerkennen“. (Denkschrift Ziffer 51). Was für die einen Christen eine legitime christliche Lebensform ist, ist für die anderen identisch mit dem Abfall vom Christentum.

Im Predigttext wird das „Leben im Geist“ wenig spektakulär dargestellt.

Paulus beschreibt Regeln für den Umgang miteinander, die Charakter eines „common sense“, einer vernünftigen Alltagsmoral, haben. Zwei Perspektiven werden dabei verschränkt: Der Blick auf das gemeinsame Leben, das Zusammenleben mit anderen wird eng verknüpft mit dem Blick auf sich selbst.

Wir brauchen den kritischen Blick der anderen auf uns. Ich knurre meistens erst einmal, wenn meine Frau mich kritisiert. Oft war ich im Nachhinein dankbar, dass sich mich herausgelöst hat aus eigenen Befangenheiten. Solch eine „Ermahnung“ kann wieder zurecht bringen, wie Luther übersetzt. Wenn sie in „sanftmütigem Geist“ geschieht, erleichtert das oft die eigene Neuorientierung.

Zu dieser Perspektive des Paulus auf das gemeinsame Leben gehört auch die Aufforderung: „Einer trage des anderen Last“. Wir sind auf gegenseitige Hilfe angewiesen. So wichtig der rechtliche Schutz und die Unterstützung von Autonomie und Selbständigkeit sind, so sehr gilt doch auch: Wir können unser Leben nicht allein leben und brauchen andere, die mittragen. Auch das geschieht oft unspektakulär. Wir durften das gerade anlässlich eines Todesfalles in der Familie erleben. Da waren Nachbarn einfach da, obwohl sie zu nichts verpflichtet waren. In wie vielen Familien wird Tag für Tag enormes geleistet in der Pflege von Kranken und von schwächer werdenden Angehörigen.

Im „Leben im Geist“ wird der Blick aufs gemeinsame Leben verschränkt mit dem kritischen Blick auf sich selbst: „Ein jeglicher prüfe sein eigenes Werk“ schreibt Paulus. Wir neigen zu beschönigender Selbstwahrnehmung und meiden gerne die „Höllenfahrt der Selbsterkenntnis“. Das Einüben eines „realistischen Blicks“ auf sich selbst bleibt eine immer wieder neue Herausforderung.

 

3) Summierend fasst Paulus die Grundorientierung des Glaubens zusammen mit den Worten: „Lasset uns aber Gutes tun und nicht müde werden“ (5,9).

Das Nachdenken über das Gute kreist in Theologie und Philosophie immer wieder um zwei Probleme:

Selbst wenn wir wissen was das Gute ist, ist mit dem Wissen allein noch nicht die Kraft gegeben, das Gute auch wirklich zu tun. Wir wissen oft, was wir tun sollen und tun es doch nicht. In der Auseinandersetzung mit dem von uns Geforderten erleben wir immer wieder unsere Grenzen, erleben wir den Zwiespalt in unserem Wollen.

Im „nicht müde werden“ klingt der Zwiespalt durch, in dem wir leben. Das Gute verwirklicht sich nicht selbst. Wir sind aufgefordert, unsere Trägheit zu überwinden und an seiner Realisierung mitzuwirken. Den Geist Gottes versteht Paulus als die bewegende, schöpferische Kraft, die uns hilft, das zu tun, von dem wir wissen, dass es gut ist.

Wir leben täglich in der Spannung zwischen dem Guten und dem Bösen. Wenn wir vom Guten reden, dann meinen wir etwas, was nicht nur für mich auf Kosten der anderen gut ist. Das Gute ist das Lebensdienliche für uns und andere. Böse ist das, was Leben beschädigt, zerstört.

Diese Polarität ist ganz undramatisch im Alltag vorhanden. Wir können anderen helfen bei dem, was sie tun müssen oder wir können uns versteifen auf uns selbst. Wir können uns auf Kosten von Mitmenschen durchsetzen oder anderen Raum lassen, ihren Weg zu gehen. Wir können ehrlich miteinander umgehen oder uns etwas vorspielen, vorlügen. Wir können unterdrücken, missachten, verletzen oder einen anderen achten mit seinen Stärken und Schwächen. Wir können uns auch über uns selbst etwas vormachen – ein Selbstbild entwickeln, das mit dem, wie wir sind, nicht mehr viel zu tun hat. Auch das zerstört Lebensmöglichkeiten. Und wir können auch hassen, sind fähig zum Missbrauch anderer und zu Gewalt.

 

Wenn ich auf mein eigenes Leben schaue, dann kann ich nur sagen: Ich bin weder der moralische Held, der immer das Gute tut, noch der Bösewicht, der immer andere schädigt. Ich lebe im Einflussbereich von beidem, dem Guten und dem Bösen, dem Lebensdienlichen und dem was Leben zerstört. Mal helfe ich einem anderen gern, mal bin ich so mit mir und dem was ich zu tun habe beschäftigt, dass ich keinen Blick mehr habe für das, was um mich herum geschieht.

Es ist selten ein einfaches Entweder-Oder. Ich lebe im Kraftfeld des Guten und des Bösen, werde einmal stärker in diese mal stärker in die andere Richtung gezogen. Und jeden Tag neu stehe ich wieder vor der Frage: Wovon lasse ich mich anziehen und leiten. Das Gute stellt sich nicht einfach ein. Es muss immer wieder errungen werden.

 

Die Frage nach der Kraft, das Gute zu tun, von dem wir wissen, dass es gut ist, ist die eine Schlüsselfrage. Die andere ist die nach unseren Grenzen des Wissens vom Guten. Es gehört zu den Schlüsseleinsichten des philosophischen und theologischen Nachdenkens über das Gute, dass unser Wissen davon nur fragmentarisch ist. Die „Idee des Guten“ gilt schon in der griechischen Philosophie „als ein schwer zu fassende Sache“, dessen unmittelbare Erfassung „unmöglich“ ist [3] .Es entstehen immer wieder Fragen, bei denen zunächst gar nicht klar ist, was das Gute ist, etwa wenn in der Medizin neue Möglichkeiten der vorgeburtlichen Diagnostik entstehen. Nur so viel ist meistens klar: Ob solche neuen Möglichkeiten Gutes bewirken werden, lässt sich nicht vorab, vor aller praktischen Anwendung, pauschal sagen. Auch der christliche Glauben und das Wirken des Geistes befreit uns nicht aus aller Unsicherheit des Wissens um das, was letztgültig gut ist. Das mahnt zur Bescheidenheit und ist ein Sperrriegel gegen allen Fanatismus, der sich immer dort breit macht, wo Menschen genau zu wissen glauben was das Gute ist. Das Böse, Lebenszerstörende kommt meistens im Gewand des Guten daher.

Dietrich Bonhoeffer hat in seiner Ethik, in dem Abschnitt über die Struktur verantwortlichen Handelns geschrieben: „Das Gute als das Verantwortliche geschieht in der Unwissenheit um das Gute ... Das verantwortliche Handeln ist eben darin ein freies Wagnis, durch kein Gesetz gerechtfertigt, ... im Verzicht eben damit auf ein letztes gültiges Wissen um Gut und Böse „[4] .Im verantwortungsvollen Handeln, im Streben nach dem Guten erfährt der Mensch deshalb „das Angewiesensein auf Gnade“[5]. Die Fähigkeit, solche Grenzen des Wissens anzuerkennen und trotzdem handlungsfähig zu bleiben ist eine Gestalt des Lebens im Geist und des Vertrauens auf Gott. Möge Gott uns solche Kraft zum Leben immer wieder schenken, damit wir einstimmen können in das Lied von Paul Gerhardt, das wir gleich singen werden: Wohlauf mein Herze, sing und spring, und habe guten Mut! Dein Gott der Ursprung aller Ding ist selbst und bleibt dein Gut.

 



            [1] Paul Tillich, Der Mut zum Sein, in: ders., Sein und Sinn (GW XI), 13-139, 123

            [2] Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken. Eine Oreintierungshilfe des Rates der EKD, Gütersloh 2013.

            [3] Hans Georg Gadamer, Die Idee des Guten zwischen Plato und Aristoteles. Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Phil.hist. Klasse Heidelberg 1978, Abh. 3, 21.

            [4] Dietrich Bonhoeffer, Ethik, München 1992 (DBW Bd. 6), 285.

            [5] Bonhoeffer, Ethik 268.

 

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Letzte Änderung: 17.07.2013
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