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So, 25.08.2019

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Prof. em. Dr. Adolf-Martin Ritter

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15.01.2017: Prof. Dr. Fritz Lienhard über Joh 2,1-11

Predigt am 15. Januar 2017

in der Universitätskirche in Heidelberg

Prof. Dr. Fritz Lienhard

Johannes 2, 1-11: Die Hochzeit von Kana

Der Rock ist dunkel, was eher auf einen Syrah verweist. Der Wein ist also eher südländisch. Es ist weder ein Pfälzer noch ein Burgunder. Erst recht kein Elsässer. Einerseits besteht eine Durchsichtigkeit, wie bei einem Edelstein, und andererseits bewahrt dieser Wein immer sein Geheimnis. Unten bemerken wir einen Absatz, der schon beim Anblick auf das Alter des Weins verweist. Der Rotwein, im Gegensatz zum Weißwein, wird immer besser mit der Zeit, und trägt sozusagen die eigene Vergangenheit in sich.

Beim Geruch ist Alkohol nicht dominant. Es riecht nach Keller, nach Eichenfass, nach Holz. So trägt der Wein die Wärme des Holzes in sich, seine Lebendigkeit. Aber der Wein riecht auch nach Frucht, rote Frucht, in diesem Fall, in anderen Fällen schwarze Frucht. „Frucht“: das Wort kommt von fruor, genießen, und verweist immer noch auf die freudige Überraschung in einem dornigen Busch rote genießbare Früchte zu entdecken.

Diese ganzen Erlebnisse werden im Wein mitgerochen. Ob wir es wollen oder nicht. Was wir sehen können wir sehr schnell beherrschen; was wir hören können wir deuten; aber was wir riechen bleibt lange unbewusst, und wirkt doch auf unsere Stimmung, bis dass wir den Geruch mit dem Erlebten verbinden können.

Beim Kosten ist zu unterscheiden. Es gibt die erste Wirkung, beim Eingang in den Mund. In diesem Fall ist er sanft, nicht aggressiv. Er schleicht sich ein, um dann einen länger andauernden Geschmack ein zu prägen. Eine leichte Säure, eine Vielfalt im Geschmack, geprägt von den erwähnten Früchten, vom Holz bis zur eigentlichen Traube. 150 Geschmäcke in einem Tropfen, die sich nach und nach auftun, wie Schachteln, oder wie russische Puppen.

Versuche ich nun den anderen Wein. (...) Der gibt vor allem Lust sich die Zähne zu putzen.

 

Brüder und Schwestern, wofür steht Wein?

Wein ist zweideutig.

Es gibt den Saufwein. Der Wein, der von dem Verzweifelten, nachts, allein, in sich gegossen wird, zum Vergessen.

Oder in der Kneipe, am Ladentisch stehend, bis dass der Boden nach einem ruft. Es gibt diesen schlechten Wein, auch wenn es an sich Château Saint Émilion ist.

Dieser Wein steht auch für die Gewalt zuhause, Wein steht für die weinende Frau, für die Kinder, die sich verstecken und sich die Ohren schließen.

Wein steht für den starken Alkohol, der den Soldaten im Ersten Weltkrieg eingeschenkt wurde, um sich Mut anzusaufen, vor dem tödlichen Angriff.

Wein verweist auch auf den Wein, der von den Arbeitern im Bergbau literweise zu sich genommen wurde, weil sie sowieso wussten, dass ihre Lungen durch Silikose zerstört waren. „Un diamant rose sur fond de silicose“, singt der Nordfranzose Pierre Bachelet: ein rosaroter Diamant, auf dem Hintergrund der tödlichen Krankheit.

Diese Zweideutigkeit hängt nicht nur an der Qualität des Weins. Auch, das ist nicht zu verneinen, aber nicht nur. Der beste Wein kann zum Saufen dienen, und ein mittelmäßiger Wein kann zum Feste serviert werden. Selbst ein schlechter Wein? Na ja, übertreiben will ich doch nicht.

Aber es gibt nun den Wein der Feste, und davon erzählt unsere biblische Geschichte. Der Wein, der aufbewahrt wird für die große Gelegenheit, und dessen Genuss nicht in der Menge besteht, im voll sein, sondern so gestaltet ist, dass jeder Tropfen genossen wird. Ein Jahrzehnte alter Wein, zum Beispiel.

Wein steht auch für Freude. Freude ist nicht einfach glücklich sein, und auch nicht nur Genuss. Freude geschieht in einem Augenblick. Sie ist Entdeckerfreude. Und zugleich, in diesem Augenblick, verbinden sich die Vergangenheit, die mit dem Absatz im Wein gegeben war, die Gegenwart, und die Zukunft. Wir haben Freude an etwas oder jemanden, wir freuen uns für etwas oder jemanden.

Irgendwann, im Sommer, hört die Arbeit der Menschen im Weinberg auf. Dann wartet der Bauer auf das Handeln der Natur. Und schließlich empfangen wir die Frucht unserer Arbeit wie ein Geschenk Gottes, mit einer Hochzeitsfreude.

Zum Geschenk gehört auch die Überraschung. Wie eine Himbeere im Dornengebüsch. Freude entspricht dem Geschenk, weil ein Geschenk immer nicht sein könnte. So trägt Freude die Möglichkeit des Unglücks immer in sich. Die tiefe Freude schließt die Not der Welt nicht aus, sondern freut sich immer wieder an ihrer geschehenden Überwindung.

In dem Sinn ist Freude, wie auch Wein, und wie Humor, eine ernstzunehmende Sache. Eine Besoffener will auch für voll genommen werden.

Wenn wir genau hinschauen, ist diese Not durchaus in unserem Text gegenwärtig. Die wesentliche Figur ist ja eigentlich Jesu Mutter. Sie wurde ja zur Hochzeit eingeladen, Jesus und seine Jünger kommen erst nachher vor. Sie wird übrigens nie mit Namen genannt. Sie wird nur in der Beziehung mit Jesus bestimmt.

Sie hat es auch nicht leicht mit ihrem Sohn. Er hat ihr durchaus Sorgen zubereitet. Schon einmal kam er in der Garage zur Welt… ganz zu schweigen von dem Skandal, der mit seinem Auftritt zusammenhing, und von dem kläglichen Ende.

Nie war er für sie da, seine Mutter. Und sie hatte doch einen Anspruch auf ihn. Es fehlt etwas in ihrer Welt, in ihrem Leben. Es fehlt Wein in unserem Text, es fehlt das, wofür Wein steht: es fehlt die Freude. Muss sie eigentlich immer und ewig das „Stabat Mater“ spielen? Es fehlt der Rausch, es fehlt das Außerordentliche, das dem Leben seinen Reiz gibt… Wein her! Wäre vielleicht ihr Ruf. Gib mir Freude, und nicht nur Sorgen.

Das Bittere an unserer Geschichte ist, dass Jesus sie zurückweist. Wie wenn er ihr sagen würde: Hast du mir zu sagen, was ich zu tun habe? Die Bitterkeit, die so im Kontrast steht mit der Milde des Weins, muss bis zuletzt zu sich genommen sein. Definitiv, Jesus gehört ihr nicht mehr. Er sagt nicht einmal „Mutter“, sondern „Weib“… Wie er auch seinen leiblichen Brüdern und Schwestern nicht mehr gehört, sondern „Selig ist, wer Gottes Wort hört und bewahrt“.

Maria stellt sich tatsächlich zurück, indem sie einfach den Dienern sagt: „Macht, was er sagt“. Und sie spricht auf wirksame Weise. Drei Mal gibt Jesus diesen Dienern genaue Vorschriften, und der Evangelist berichtet, wie diese Vorschriften genau ausgefüllt wurden. Maria, wie Johannes der Täufer, kann nur sagen: Ich, Ausdruck einer alten Generation und eines alten Bundes, ich muss abnehmen, auf dass er wachsen kann, er, der radikal Neues bringt.

Denn das ist vielleicht das Geheimnis unseres Textes: Das Wasser steht für den alten Bund, denn es diente für die rituellen Säuberungen, die, die das Äußere sauber machen, aber das Innere nicht desinfizieren können. Jesus ist nicht Johannes der Täufer. Er galt als Fresser und Säufer. Und so ließ er sich zu Hochzeiten einladen. Er bringt Neues.

Jesus verwandelt diesen alten Bund in den neuen, er verwandelt Wasser in Wein. In Wein: dieses geheimnisvolle Produkt, dass nicht nur Wasser ist, sondern den Spiritus, den Geist hat.

Manche Hemmungen und Einschränkungen fallen ab, die Kinderstube, die von der Mutter gegeben wurde… na ja, man hat eben den Schlüssel verloren. Aber gerade deswegen liegt im Wein Wahrheit.

Viele Regeln werden dabei vergessen, auch die, dass man den guten Wein zuerst serviert. Christus sprengt alles, was einsperrt, wie der Wein eine Flasche zum Sprengen bringen kann, wenn keine Öffnung da ist.

Für Maria ist das einerseits ein trauriger Augenblick. Es gibt nun eben einen Traditionsbruch. Jesus verrät die Tradition. Vielleicht kann Maria, durch ihre Art sich an die Diener zu wenden, die Größe von Charles de Gaulle haben, der über den zukünftigen Nachfolger Valéry Giscard d’Estaing sagte: „Il nous trahira!“ – „Er wird uns verraten!“ Und hinzufügte: „Pourvu qu’il nous trahisse bien!“ – „Hoffentlich verrät er uns gut.“

Bei Johannes werden Unglück und Heil miteinander verquickt. Jesus sagt ja zu seiner Mutter: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen“. Die Stunde Jesu, von der in unserem Text die Rede ist, ist im Allgemeinen die des Kreuzes, bei Johannes zugleich die Stunde der Erhöhung. Dann wird das Entbehren Marias zum Höhepunkt kommen. Aber die Fülle des Lebens und der Freude wird zum gleichen Zeitpunkt geschenkt. Dann empfangen alle Menschen die wahre Freude, die göttliche Herrlichkeit.

Brüder und Schwestern, 600 Liter Wein wurden laut unserem Text an diesem Tag zubereitet, und ich rede nur von dem guten Wein, dem, der von Jesus kam. Ein Spötter hatte den Heiligen Hieronymus gefragt: Wurde wirklich an einem Tag so viel Wein getrunken? Hieronymus hat geantwortet: Nein, wir trinken heute noch davon.

Lasst uns also diesen Wein immer wieder, Tropfen für Tropfen, genießen.

Amen.

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Letzte Änderung: 23.05.2018
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