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15.04.2012: Prof. Dr. Johannes Ehmann über HK 88-90

 

Neugeboren – neu gekleidet. Predigt am 15. April 2012 (Quasimodogeniti) in der Peterskirche über HK 88-90

 

Prediger: Prof. Dr. Johannes Ehmann

 

 

Liebe Gemeinde, heute soll es in der Predigt um die Fragen 88-80 des Heidelberger Katechismus gehen. 1563 formuliert dieser „Katechismus oder christliche Unterricht, wie der in Kirchen und Schulen der kurfürstlichen Pfalz getrieben wird“ also folgendermaßen:

In wieviel stücken stehet die warhafftige Buß oder bekerung des menschen? (Und antwortet:) In zweyen stücken: In absterbung des alten vn(d) aufferstehung des newen menschen. (Das reicht aber nicht. Deshalb wird weiter gefragt:)

Was ist die Absterbung des alten menschen? – I[h]m [= sich] die sünde von hertzen leidt sein / vnd dieselbige je lenger je mehr hassen vnd fliehen.

Was (aber) ist die aufferstehung des newen menschen?

Herzliche freud in Gott vnd lust vn(d) lieb haben nach dem willen Gottes / in allen guten wercken zu leben. (Kanzelgebet)

Liebe Gemeinde, Quasimodogeniti – so heißt der heutige Sonntag. Quasimodogeniti bedeutet: „wie die neugeborenen Kinder“. „Wie die neugeborenen Kinder seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch, damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil.“ heißt es im ersten Petrusbrief (1 Ptr 2, 2), aus dem der Name des Sonntags stammt. Und das müssen wir auch, zunehmen, denn wir alle sind neugeborene Kinder, Sonntagskinder – Osterkinder, grad einmal eine Woche alt. Und wir sind etwas besonderes, wir sind früh entwickelt und hochbegabt. Nicht nur deshalb, weil wir auf eigenen Beinen stehend und gehend den Weg in den Gottesdienst gefunden haben, sondern weil wir von einer ganz besonderen Gabe leben, nämlich der Gabe des neuen Lebens, wie sie an Ostern erfahrbar geworden ist.

Aber das ist ja kein Wunder, denn wir leben auch von einer ganz besonderen Milch. Neugeborene leben von Milch, das ist so. Aber die Milch, von der wir leben, ist eine lautere, eine reine, unverfälschte, was sie schon einmal von dem Produkt der Lebensmittelindustrie, das wir kaufen, unterscheidet. Ja, mehr noch: Die Milch, von der wir leben, ist eine „vernünftige“! Das ist den Milchvermarktern bisher noch nicht eingefallen, das Produkt Milch als vernünftig anzupreisen. Nun gut, Milch mag gesund sein, und damit auch irgendwie vernünftig. Aber Milch ist in der Werbung zunächst einmal kalt und süß, mit Schokoladen- oder Erdbeerpulver versetzt, dass die Kinder sie überhaupt mögen. Sie ist entrahmt, dass wir Erwachsene sie mit gutem Gewissen genießen. Sie ist gestylt zur Butter- oder auch Müllermilch, die schmeckt und macht dann auch müde Männer munter, zumindest gleichnamige Fußballer. Aber lauter und vernünftig wird die Milch dadurch nicht.

Dabei will der Heidelberger Katechismus nichts anderes als uns heute solche Milch verabreichen, ein Lebens-Mittel, das rein und vernünftig ist, ein Mittel zu christlichem Leben. Lauter, also rein ist diese Milch, weil sie in Christus gründet; und vernünftig, weil sich christliches Leben be–gründen lässt. Beides ist uns heute kaum mehr selbstverständlich. Und deshalb schauen wir teils begeistert, teils mit Misstrauen in diesen Katechismus, der der reinen Lehre offenbar so viel zutraut.

Denn damit hat der Katechismus die Ansprüche christlicher Rationalität weit nach oben geschraubt: den Anspruch an unser Verstehen, wenn wir uns auf eine Katechismuspredigt einlassen. Aber auch an den Anspruch an sich selbst, christliches Leben lehrmäßig begreifen zu wollen. Sinn, ja Plausibilität des Ganzen, hängen jetzt ganz davon ab, wie der Heidelberger Katechismus christliches Leben entwirft, wie er werbend / mit unserem Verstand und um unser Herz ringt. Wohl gemerkt: wie er um uns ringt mit klarer Rationalität, wo wir doch erst acht Tage alt, eben an Ostern neugeborene Kinder sind.

Ich höre den Einwand: Wir sind nicht neugeborene Kinder, wir sind allenfalls wie neugeborene Kinder. Das ist ein Unterschied. Natürlich. Und doch geht es dem ersten Petrusbrief wie dem Heidelberger Katechismus vor allem anderen darum, uns tatsächlich an den ultimativen Ansatzpunkt christlichen Lebens zu stellen – in der Computersprache ein nicht hintergehbares Reset. Was der Heidelberger damit meint, steht in der Ausgabe von 1563 am Rande und gehört doch ins Zentrum: nämlich die Botschaft des 6. Kapitel des Römerbriefs und das 4. Kapitel des Epheserbriefes. Und was steht da: Die Neugeburt christlichen Lebens gründet im neuen Leben des auferstandenen Christus. Deshalb muss der Sonntag Quasimodogeniti eine Woche nach Ostern folgen, so wie das neue Leben in Christus dem neuen Leben des Christus folgen muss – und folgen darf.

Die Zueignung des neuen Lebens wird in der Taufe bezeugt und gefeiert. Früher – und bis zum heutigen Tage in der Orthodoxie – wurden Kinder nackt getauft und vollständig untergetaucht. Aber schon zu Zeiten Kurfürst Friedrichs III. von der Pfalz ist zugestanden worden, dass man die Taufkinder angezogen und nicht mehr untergetaucht hat, damit sie sich bei der Taufe nicht den Tod holen. Es war Kurfürst Friedrich selbst, dessen Initiative wir den Katechismus verdanken, der auch die weise Einsicht vertrat, dass die neugeborenen Kinder durch die Taufe zwar zu Zeugen des Evangeliums werden sollen, nicht aber gleich zu Märtyrern in einer ungeheizten Kirche.

Doch die Symbolkraft bleibt ungeschmälert: Ostern, Taufe, Nacktheit des Neugeborenen, ja: Ostern, Bekräftigung der Taufe und ein Sein WIE die neugeborenen Kinder, das ist die Basis des heutigen Sonntags und die Grundlage neuen Lebens.

Kleine Kinder schreien nach Milch, nach der ihnen bekömmlichen Nahrung, nach dem Mittel zum Leben. Christliches Leben schreit nach Vergewisserung und Perspektiven. Und Taufkinder – vor und besonders nach der Taufe – werden dann doch wieder ganz besorgt verpackt und in vielen Kirchen getaufte Erwachsene neu eingekleidet. Eine in Afrika weit verbreitete christliche Gemeinschaft schenkt ihren neuen Gemeindgliedern – n diesem Fall den Männern – einen schwarzen Anzug, der mit großem Stolz getragen wird. Seht her, ich gehöre zur Gemeinde. Ich bin nicht nur getauft und rein gewaschen wie ein Neugeborener, ich bin auch neu eingekleidet. Ich gehöre jetzt dazu.

Neugeboren – das tat sich an Ostern. Neu gekleidet, darum geht es heute. Auch daran lässt der Heidelberger keinen Zweifel, dass dem neuen Leben ein neuer Anzug zu folgen hat: Der Katechismus beruft sich auf Eph. 4,23: Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Nicht wahr, liebe Gemeinde, das ist ein langer Anmarsch hin zu den eigentlichen Formulierungen des Katechismus. Ja und Nein. Ja, denn ich habe den Heidelberger bisher ja kaum zitiert. Und Nein. Denn der Heidelberger Katechismus wäre selbst ganz missverstanden, wenn wir die biblische Botschaft als Anmarschweg nutzten um dann zum Katechismus als zum „Eigentlichen“ zu kommen. Nein, umgekehrt, der Katechismus will zum Eigentlichen führen, will im Grunde nur strukturieren und hinweisen auf den Kern der Bibel, der ihm Christus ist. Es ist damit in der Tat ein Zirkel des Verständnisses beschrieben, kein Circulus vitiosus, kein Teufelskreis, sondern ein Circulus veritatis, ein stetes Umschreiten der Wahrheit neuen Lebens. D. h. wenn wir nun auf einzelne Formulierungen des Katechismus schauen, dann immer im kritischen Licht der Bibel, von der der Katechismus herkommt und zu der er hinführt.

Ich erlaube mir, die vorhin vorgetragenen Fragen und Antworten des Katechismus in umgekehrter Reihenfolge zu betrachten. Warum? Weil auch der Katechismus in seiner Botschaft vom neuen Menschen zurückschaut: Was über den alten Menschen zu sagen ist wird deutlich am neuen Menschen. Was zum Sterben zu sagen ist wird klar in der Auferstehung. Und was zur Freude in Gott zu sagen ist, verweist auf die Aufhebung des menschlichen Elends, der Sünde.

Der Epheserbrief hatte bei der Einkleidung des neuen Menschen noch von Gerechtigkeit und Heiligkeit gesprochen. Der angeblich so trockene Katechismus spricht von Lust und Liebe.

Wer einmal erfahren will, was der Heidelberger Katechismus damit nicht meint, der gebe die Begriffe Lust und Liebe einmal in die Suchmaschine des Computers ein. Sie brauchen das aber nicht, weil Sie sich auch so gut vorstellen können, dass hier nicht die nackte Reinheit des Neugeborenen traktiert wird, sondern die reine bzw. unreine Nacktheit zu kommerziellen Zwecken.

Eben das soll uns aber nicht verdrießen, mit dem Katechismus Lust und Liebe zur Gewandung, zum neuen Kleid christlichen Lebens zu erheben. Gottes Liebe zur Gemeinde, ja ein Gott, der Lust zu mir hat, wie es im Psalter heißt, begründen ein Leben, dem alle Verdrießlichkeit fremd bleiben darf. Lust und Liebe sind innere, ja intime Regungen, die jetzt frei nach außen treten. Dass dies nach dem Willen Gottes geschehen soll ist keine Einschränkung, sondern eine Zielrichtung, Orientierung auf den Nächsten hin. Für den so logisch aufgebauten Heidelberger bildet diese Erkenntnis dann die Brücke seiner Lehre von den guten Werken (, die wir heute nicht verfolgen). Hier wird keine stroherne Leerformel exekutiert, sondern eine dem Leben dienliche Lehre entfaltet. Voller Emotion. Eben mit Lust und Liebe.

Doch bleibt der Katechismus realistisch, so wie der Römer- und wie der Epheserbrief, auf die er sich bezieht: Es gelingt uns ja nicht, Gottes Lebensgrundlage aus eigenen Kräften zu behaupten. Wir waren ja nicht tot und leben jetzt schon im siebten Himmel, sondern bleiben eingespannt in ein Leben zwischen Scheitern und Hoffen. Noch gehört das in unserem Leben dazu: das immer neue Sterben und (Gott sei Dank) auch immer wieder neue Leben aus Christus. Deshalb spricht der Heidelberger vom Absterben des alten Menschen. Und er spricht wieder voller Emotion. Denn Absterben im Licht von Ostern ist, dass mir die Sünde leid tut, mir selbst zum Leid wird; ich hasse sie und nehme vor ihr Reißaus zu meinem Heil. Leid und Hass gehören nicht zu unseren Lieblingswörtern. Aber der Katechismus macht ernst damit, dass es nicht aus political correctness bei der Erklärung „tut mir leid“ bleibt. Sünde schafft Leid und es ist heilsam, von mir angetanes Leid zu meiner eigenen Erfahrung zu machen. Sünde gebiert Hass und es ist heilsam, diesen Hass in Abscheu vor der Sünde zu wandeln. Nicht, als ob wir dann um so reiner dastünden, sondern um Tat und Untat unserer selbst in uns hinein zunehmen, zu integrieren. Und das ist eine oft schwere Geburt. –

Somit stehen wir bei der ersten der drei heute zu behandelnden Fragen, die nur bei flüchtigem Blick daherkommt, als sei sie eine trockene Definitionsfrage: Denn Absterben des alten Menschen - das immer neue - und die Auferstehung des neuen Menschen - die immer wieder geschenkte - sind Antwort auf die Frage des Katechismus nach wahrhaftiger Buße und Bekehrung.

Buße, Bekehrung, auch diese Wörter sind uns nicht eben sympathisch. Sie können es uns (recht verstanden) aber werden. Denn das Pathos, ihre Erfahrung dient dem Leben und schneidet es nicht ab. Man muss den Heidelberger Katechismus nicht mit Martin Luther erklären, aber man kann es. Wenn unser Herr und Meister Jesus Christus spricht „Tut Buße“, so wollte er, dass das ganze Leben der Gläubigen eine stete Buße sei. So Luthers erste der 95 Thesen von 1517. Das ganze Leben! Eine Buße! Was für eine schauerliche Vorstellung?! Nein. Das ganze Leben – darin sind sich Luther und der Heidelberger einig – sei eine stetige Ausrichtung meines Lebens auf Gott, der mein ganzes Leben festhält, obwohl ich scheitere.

Mein ganzes Leben: nicht: einmal bekehrt / für immer bewährt. Das funktioniert nicht.

Mein ganzes Leben: Festgehalten und eingesponnen in ein Werden und Vergehen, ein Vergehen und Neuwerden, dass ich weiß: ich bin für meine Taten und Untaten verantwortlich und darf doch damit leben.

Mein ganzes Leben: Neugeboren und neu gekleidet in Gerechtigkeit und Heiligkeit aus Gott und froh befreit zu einem Leben mit Lust und Liebe.

Deshalb noch einmal und in rechter Reihenfolge die Worte des Heidelberger Katechismus:

In wieviel stücken stehet die warhafftige Buß oder bekerung des menschen?

In zweyen stücken: In absterbung des alten vn(d) aufferstehung des newen menschen.

Was ist die Absterbung des alten menschen? – I[h]m die sünde von hertzen leidt sein / vnd dieselbige je lenger je mehr hassen vnd fliehen.

Was ist die aufferstehung des newen menschen?

Herzliche freud in Gott vnd lust vn(d) lieb haben nach dem willen Gottes / in allen guten wercken zu leben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lieder: EG 106, 1.4.5 – (Ps. 116 – Nr. 762) – 99, 1-3 – 102, 1-3 – 112, 5-7 – 100, 1.4.5

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Letzte Änderung: 23.05.2018
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