Bereichsbild
Veranstaltungen

Mi, 27.03.2019

07:00 Uhr

Abendmahlsgottesdienst mit anschl. Frühstück

So, 31.03.2019

10:00 Uhr

Universitätsgottesdienst

Prof. Dr. em. Adolf-Martin Ritter

Di, 02.04.2019

18:15 Uhr

Digital Mensch bleiben

Dr. Dr. h.c. Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Medienbischof der EKD

Mi, 03.04.2019

07:00 Uhr

Abendmahlsgottesdienst mit anschl. Frühstück

So, 07.04.2019

10:30 Uhr

Universitätsgottesdienst

apl. Prof. Dr. Jörg Neijenhuis

Alle Termine & Veranstaltungen

Aktuelles

15.07.2018: Prof. Dr. Helmut Schwier - Predigt mit BWV 226

„Der Geist hilft unser Schwachheit auf...“

Predigt mit BWV 226

zum Abschluss der 7. Heidelberger Summer School „Musik und Religion“

am 15. Juli 2018

in der Peterskirche Heidelberg

 

Universitätsprediger Prof. Dr. Helmut Schwier, Anglistenchor Heidelberg (Leitung: jan Wilke)

 

Chor: „Der Geist hilft unser Schwachheit auf, denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebühret; sondern der Geist selbst vertritt uns aufs beste mit unaussprechlichem Seufzen.“

 

Leipzig, Mitte Oktober 1729.

Große Aufregung und ziemlich Hektik in der Kantorenwohnung. Johann Heinrich Ernesti ist gestorben. Gerade kam die Nachricht. Mit 77 Jahren war das durchaus zu erwarten. Aber eigentlich ist doch jeder Tod zu früh. Zu früh für die Hinterbliebenen. Ernesti war Professor für Poetik an der Leipziger Universität und Rektor der Thomasschule. Ein liebenswürdiger Pädagoge, in den späteren Jahren vielleicht etwas schusselig und verwirrt. Auf jeden Fall den Schülern intensiver zugewandt und fürsorglicher verbunden als der Institution und dem Gebäude der Thomasschule.

Ernesti war tot. Er hatte seinen Tod kommen sehen. „Bestelle dein Haus“ – so hieß es in einer von Bachs Trauerkantaten. Die Kunst des Sterbens, der Vorbereitung auf das Ende – das hatte Ernesti auf sich genommen. Ein böser Tod ist ein schneller Tod. Sich bewusst vorzubereiten, seine Angelegenheiten zu regeln, auch die Bestattung zu planen, ängstlich und doch auch zuversichtlich das Ende vor Augen – da war Ernesti nicht verwirrt, sondern tapfer. Bekanntlich eine der Kardinaltugenden, auch für Christenmenschen. Später wird man sagen: „Alt werden ist nicht für Feiglinge“ – und damit doch nur einen Teil verstanden.

Aufregung und Hektik in der Kantorenwohnung. Ernesti hatte Bach um die Trauermusik gebeten und ihm und dem Thomaspfarrer die beiden Verse aus dem 8. Kapitel des Römerbriefs für Musik und Predigt genannt: Der Geist hilft unser Schwachheit auf.

Bach war darauf vorbereitet. Aber offensichtlich nur zur Hälfte. Da traf es sich gut, dass die Verwaltungen und Räte von Universität, Stadt und Kirche sich erst einigen mussten, wo denn der Trauergottesdienst stattfinden solle. War Ernesti eher der Schulmann, dann Thomaskirche; oder war er eher der Universitätsprofessor, dann Universitätskirche, also die Paulinerkirche. Man brauchte einige Zeit, bis man sich für die Paulinerkirche entschied. Dort wurde dann am 21. Oktober der akademische Festakt begangen. Die Predigt hielt der Thomaspfarrer, die Musik führte der Thomaskantor und städtische Musikdirektor Bach auf.

Der hatte zwischen der Todesnachricht und dem Gedächtnisgottesdienst also fünf Tage, um zu komponieren, zu kopieren und zu proben. Das erhaltene Autograph der Partitur zeigt sehr deutlich die Arbeitsspuren und den Zeitdruck. Der erste Teil der Partitur ist in der wunderbaren, auch ästhetisch ansprechenden Notenschrift Bachs geschrieben: schwungvoll in den Anfangskoloraturen, genau in der Fortsetzung. Dann hinterließ der Zeitdruck seine Spuren. Im Mittelteil gibt es viele nachträgliche Korrekturen. Der Bibelkenner Bach hatte den Text offenbar aus dem Gedächtnis notiert und dabei das kleine Wörtchen „selbst“ vergessen: „sondern der Geist selbst vertritt uns aufs Beste“. Das wurde dann nachträglich samt notwendigen Verschiebungen eingefügt. Man kann sich das frustrierte Minenspiel der Kopisten (Johann Ludwig Krebs, Anna Magdalena, Wilhelm Friedemann und Carl Philipp Emmanuel Bach und zweite weitere Unbekannte) gut vorstellen. Statt copy and paste oder schnelle Lösch- und Korrekturfunktion: alles Handarbeit! Für den abschließenden Choral blieb wohl keine Zeit zum Abschreiben. Bach notiert nur: „Choral. Sequitur“ – Choral folgt.

Mit Bach und Paulus zu predigen, heißt: groß zu predigen, kraftvoll und zuversichtlich zu reden und zu glauben. Ihr seid Töchter und Söhne Gottes, seid Träger des Geistes; Ihr alle seid Geistliche!

Groß und kraftvoll und theologisch vom Menschen zu denken – das führt nicht in ein geistliches Reservat, sondern mitten hinein in die Welt. Und da nehme ich alles andere als Geistliches wahr: Egoismus im Kleinen und Großen, Politiker, denen die Maßstäbe abhanden gekommen sind, Universitäten, deren lebendiger Geist durch Dauer-rankings nicht immer beflügelt wird, Kirchen, denen Traditionen, Normen und Gebäudebestände wichtiger sind als Menschen.

Paulus sieht dies im Römerbrief noch umfassender. Er weitet den Blick vom Einzelnen, von Politik, Gesellschaft und Kirche auf den gesamten Kosmos. Überall wird gelitten. Überall ein Ächzen und Stöhnen und ein Warten auf Befreiung. Aber nicht nur die Schöpfung samt allen Kreaturen, sondern mit ihnen der Mensch: Er seufzt unter all den Belastungen, großen und kleinen, seelischen wie körperlichen; er stöhnt, weil er sieht und spürt, wie wenig sich zum Guten wendet, wie arrogant die Mächtigen vorgehen, wie die Sprache verroht und den Hass salonfähig macht; er verzweifelt angesichts des Unrechts, aber auch angesichts der Vergänglichkeit des eigenen Lebens und der Einsamkeit mitten in betriebsamer Hektik.

Was hilft hier? Eine fromme Seele könnte antworten: auf Gott schauen und beten. Darauf antwortet Paulus radikal; er schreibt: Beides geht nicht. Denn Gott kann niemand sehen, du kannst nur auf Befreiung hoffen, und Hoffnung sieht nicht. Und: Reden zu Gott, kann niemand aus sich selbst. Auch als Geistträger, als Geistliche sind wir alle zu schwach dazu.

Diese Einsicht des Paulus macht Bach groß. Mit einem ungeheuren Schwung wird uns der Geist und sein Wirken in die Ohren und ins ängstliche Herz gesungen. Wahrlich etwas anderes als eine Trauermusik! Oder gerade dann nötig: Der Geist hilft auf, hebt dadurch auch uns empor, bewegt uns, auch vom Tod zum Leben.

Wenn ich bete, auch im Gottesdienst, bin ich eher versunken, schaue nach unten, schließe die Augen und konzentriere mich. Das hat Sinn, denn es ist ja auch eine Konzentration nach innen und hat zu tun mit der starken evangelischen Tradition, dass das Beten ein Beten des Herzens sein soll. Luther dichtete: „hilf, dass nicht bet allein der Mund, hilf, dass es geh von Herzensgrund“ (EG 344,1).

Aber der Geist hilft auf, hebt empor – das, was wir sagen, das, wie wir vor Gott sind. Mit der Abendmahlsliturgie gesprochen: „Erhebet eure Herzen!“ Das Gebet von Herzensgrund kann innerlich sein, aber es kann auch mit offenen Augen und erhobenen Herzen geschehen. Vielleicht hat der Apostel Paulus bei dem unausprechlichen Seufzen des Geistes an die ekstatischen Gebete seiner Gemeinden gedacht. Dann wäre wie bei Bach viel Bewegung dabei. So wie wir es in allen Konzerten der Summer School erlebt haben: von der Matthäuspassion bis zu „Orgel und Tanz“, vom Chor- und Solistenkonzert „With Song and Dance“ zu Monteverdis Madrigalen und getanztem Epos. Bewegung auch als Gebet! Gebet auch als Bewegung!

Wenn mir die Worte und Gedanken zum Beten fehlen, nur Stammeln oder Schweigen kommt, dann höre ich in der Motette immer neu: Der Geist hilft, er vertritt mich, er selbst, er hebt mein Stammeln, Seufzen oder Schweigen zu Gott empor. Und was geschieht dort?

Chor: „Der aber die Herzen forschet, der weiß, was des Geistes Sinn sei; denn er vertritt die Heiligen nach dem, das Gott gefället.

Diesen Teil der Partitur hat Bach wieder in Reinschrift geschrieben, wenn auch nicht ganz so wie die ersten 120 Takte. Etwas mehr Zeit wird er hier gehabt haben. Ich könnte auch vermuten: Dem großen Meister der Fuge ist es hier leichter gefallen, die beiden musikalischen Themen auszuarbeiten.

Nach dem gravitätischen Beginn, ganz im alten Stil gehalten, fällt mir besonders das zweite Thema ins Ohr. Es ist leichter, tänzerischer, beweglicher und umschreibt diesmal nicht den Geist, sondern die Heiligen mit vielen Noten und Melismen. Da kann sich jede und jeder von uns hineinhören oder hineinversetzen. Der Geist bringt nicht nur die Gebete besonderer Menschen und Heiliger zu Gott, sondern die von uns allen.

Wenn Gott mein Herz erforscht und mich kennt, hat das eine prüfende Seite und eine entlastende. Auch das Dunkle in mir ist offenbar vor ihm. Ich kann es nicht vor ihm verbergen, brauche es daher auch gar nicht zu versuchen. Dann kann ich mit Augustin einstimmen und bekennen: Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir. Nicht nur am Ende der Zeit, sondern schon jetzt!

Bach vertont, dass Gott unser unruhiges Herz kennt und er betont die Heiligen in ihrer Vielzahl. Aber der Pfiff liegt noch woanders.

Der Meister der Fuge ist eben auch ein wahrer Meister und kein Handwerker. Der musikwissenschaftlichen Analyse zeigt sich zu Beginn eine meisterliche Fuge mit vielen kleinen wunderbaren Details. Aber im zweiten Teil sind die Ausarbeitungen etwas merkwürdig, nicht wirklich regelgerecht. Statt einer regelgerechten Durchführung variiert Bach die Themen und variiert die Variationen (ab T.202). Ein Musikwissenschaftler beschreibt und deutet es treffend so: „Das 2. Thema gibt vorübergehend seine Identität auf, es lässt sich vertreten. Es überträgt seine Stimme einem anderen; von ihm vorgetragen, klingen die Worte anders, aber sie sagen das gleiche“ (Hofmann, 110).

Der Meister der Fuge ist eben auch ein Meister der Theologie: Der Geist vertritt uns, er nimmt unsere stammelnden Worte auf und verwandelt sie in ein Gebet, das Gott erreicht.

Sicher ist zu bezweifeln, dass diese musikalische und theologische Meisterschaft von jedem zu hören ist – weder damals im akademischen Trauergottesdienst in Leipzig noch im Universitätsgottesdienst hier und heute. Ich zumindest könnte es nicht. Es kommt auch auf etwas Anderes an: Ich muss nicht beim Hören begreifen, wie Bach es komponiert; und ich muss und kann es nicht verstehen, wie der Heilige Geist meine Gebete aufnimmt und verwandelt. Es ist genug zu wissen, dass er es tut.

Paulus und Bach rufen mir zu: Denk und glaube groß von Gott und seinem Geist, und lass dich davon nicht klein machen, sondern erheben – die Herzen in die Höhe!

Noch eine letzte Frage: Woran liegt es, dass wir im Glauben, Beten und Handeln so eng und kleingeistig sind und es immer wieder werden?

Eine Antwort liefert der abschließende Choral in der 6. Zeile – im kraftvollen Lutherdeutsch: „stärk des Fleisches Blödigkeit“ oder heute etwas vornehmer: „wehr des Fleisches Ängstlichkeit“. Beides stimmt. Diese Blödigkeit hat offensichtlich nichts mit dem IQ zu tun. Zur Lutherzeit war des Fleisches Blödigkeit seine Kraftlosigkeit und Schwäche – die muss gestärkt werden durch den Geist. Wer nur ängstlich lebt, ist gefangen. Der Ängstlichkeit soll daher gewehrt werden, sie muss vertrieben und das seelische Gefängnis geöffnet werden.

Wie geht das Stärken und Wehren? Es geht so, dass ich darum bete – mit Wort und Musik und in Bewegung. Aus mir selbst kann ich es nicht. Der Geist, der unser Gebet emporhebt, wird hier angesprochen als „heilige Brunst, süßer Trost“, also als die Liebe. Nicht die harmlose, folgenlose Liebelei, sondern die leidenschaftliche und inbrünstige Liebe! Zu Beginn des Gottesdienstes haben wir von ihr aus dem Hohenlied gehört. Hier nun ist sie Eigenschaft Gottes und seines Geistes selbst. Der mein Herz kennt und erforscht, ist der mich leidenschaftlich Liebende. Auch ihm gegenüber bleibt es oft beim Stammeln. Aber ich bitte, dass diese leidenschaftliche Kraft der Liebe meine Blödigkeit stärken und meiner Angst wehren möchte, dass ich ritterlich ringen und durch Tod und Leben zu Gott dringen möge.

Johann Heinrich Ernesti hat seine Tapferkeit und sein ritterliches Ringen bekundet. Bach und Paulus haben Gottes Größe und seine leidenschaftliche Liebe in Töne und Worte gesetzt. Lasst uns ihnen mehr vertrauen als unserer Schwäche! Lasst uns kraftvoll und zuversichtlich leben, lieben und loben: Halleluja.

Chor: Du heilige Brunst, süßer Trost,
Nun hilf uns, fröhlich und getrost
In deinem Dienst beständig bleiben,
Die Trübsal uns nicht abtreiben.
O Herr, durch dein Kraft uns bereit
Und stärk des Fleisches Blödigkeit,
Daß wir hie ritterlich ringen,
Durch Tod und Leben zu dir dringen.
Halleluja, halleluja.

Literatur:

Klaus Hofmann: Johann Sebastian Bach – Die Motetten, Kassel u.a. 2003, 87-111.

Webmaster: E-Mail
Letzte Änderung: 16.07.2018
zum Seitenanfang/up