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16.04.2017: Hochschulpfarrer Dr. Hans-Georg Ulrichs über Joh 20,11-18

Das lösende Wort

Peterskirche Heidelberg

Ostern, 16. März 2017

Dr. Hans-Georg Ulrichs

Liebe Gemeinde,

heute geht es um nichts weniger als um das lösende Wort. Lösende Worte gibt es in vielen Situationen und in vielerlei Gestalt – im Alltag, in Recht und Wissenschaft, bei besonderen Anlässen. Gewiss haben Sie alle schon die befreiende Kraft von lösenden Worten erfahren.

Lösende Worte zeugen von Erlösung oder wirken gar als Erlösung weiter. Lösende Worte kommen vom Erlöser oder davon motiviert auch von den Erlösten. Hören wir heute auf eine Geschichte voller Emotionen, voller Bewegung, eine Geschichte zwischen Tod und Leben, mit Engeln und einem besonderen Engel, von einer zukunftserschließenden Umdrehung aus der Vergangenheit in die Gegenwart.

Johannes 20,11–18:

Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte. Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß  nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister! Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und was er zu ihr gesagt habe.

Haben Sie es vernommen, das lösende Wort? Ist es nur ein lösendes Wort in dieser Geschichte oder wird es auch ein lösendes Wort für mich? Es ist wie so oft nicht so simpel in diesem Evangelium nach Johannes – vielleicht haben sich deshalb auch besonders gerne die Akademiker darauf gestürzt, weil hier der Leser besonders wichtig zu sein scheint – und man kann so viele Rätsel lösen (oder es jedenfalls versuchen). Aber so viele Lesarten es auch geben mag, eines stimmt nicht, was oft über Johannes behauptet wird, dass er so rein geistig, tatsächlich körperlos sei, so ein griechisch denkender Platoniker. Wie in anderen Geschichten dieses Evangeliums beschreibt Johannes hier Emotionen und Bewegungen, also innerliche und äußerliche Regungen. Das am meisten benutzte Verb ist hier „weinen“. Denn Maria, nochmals zum Grab zurückgekehrt, nachdem sie und Petrus und der namenlose Lieblingsjünger das Grab leer gefunden hatten, weint. Zum todsicheren Wissen des Todes kam nun auch noch die Verunsicherung des Nicht-Wissens hinzu: Wo ist der Leichnam? Maria weint – aus Trauer? Aus Verzweiflung? Wegen Kraft- und Hoffnungslosigkeit? Das leere Grab, Karfreitag – das hat von sich aus keine erschließende Kraft – deshalb finde ich es schon irritierend, dass es mehr Passions- als Osterlieder im Gesangbuch gibt. Karfreitag an sich ist dunkel. Es braucht biblische Interpretationen im Nachhinein (vgl. Johannes 20,9), um diesen dunklen Tag in die Heilsgeschichte einordnen zu können. So weit ist Maria noch nicht – sie weint.

Diesmal traut sie sich wenigstens, ins Grab zu schauen. Zweier Engel wird sie ansichtig – und man fragt sich, ob die beiden auch schon vorher da waren und schlicht von den stürmischen Männern, von Petrus und dem Lieblingsjünger, übersehen wurden. Immerhin nimmt nicht nur Maria die Engel wahr, sondern die Engel auch sie – sie, die Weinende. Die Weinende ist wirklich, aber der von ihr angenommene Grund ihres Weinens ist unwirklich, ist unwahr. Sie weint, so antwortet sie den Engeln, weil „sie“ ihren Jesus weggetragen haben. „Sie“ – wer soll das sein? Eine irgendwie anonyme, aber wirksame Macht? Ein Kabarettist bezeichnete dieses „se“ als niederrheinische Gottheit mit zwei Buchstaben. Wenn Du es nicht genau weißt, dann waren „se“ es immer. „Se“ haben ihn geholt. Was für eine falsche Annahme – mit entsprechenden Konsequenzen. Etwas nicht sehen und daraus gleich Rückschlüsse ziehen, wie falsch kann das sein! In der Grundschule habe ich mir als Lehrer den Mund fusselig geredet, wenn ein Schüler das Fehlen des Radiergummis bemerkte und dann sagt: „Einer hat mir mein Radiergummi geklaut.“ Aber wie kann man von der Diagnose „fehlen“ gleich auf den Straftatbestand „geklaut“ kommen? Damit ist man festgelegt, viele Optionen zur Problemlösungen fallen schon einmal weg. Und man hat ein Bild: andere müssen Täter sein, ich bin Opfer. Maria macht hier auch den Fehler, aus Nicht-Sehen und Nicht-Wissen zu rasch Schlüsse zu ziehen. Im Nachhinein ist man immer klüger, zugegeben. Aber vielleicht sollten wir dennoch lernen, vorsichtiger und auch weniger negativ zu urteilen – auf Wahrnehmung nicht zu rasch ein Werturteil folgen zu lassen. Auch diese Maria wurde der Kirche und den Gläubigen ja oft als Vorbild vorgestellt oder als Typologie verstanden. Offenbar zu Recht. Wie oft schaut die Kirche, trotz aller in den Engeln präsenten Religion, ins Nichts und zieht daraus weitreichende Schlüsse: Gott weg, keine Hoffnung mehr, Ende der Fahnenstange. Und dabei bräuchten wir dann auch das, was der Maria widerfährt: ein lösendes Wort.

Aber zunächst gibt es zur Freude der Johannes-Hermeneuten nochmals ein Ritardando: Obwohl sie Jesus sieht, erkennt Maria ihn nicht. Sie sieht wieder etwas, diesmal nicht nichts, kein leeres Grab, sondern jemand, erkennt aber trotzdem nicht, denn sie sieht jemand anderen in ihm. Und das, obwohl sie bis vorgestern ganz in seiner Nähe gelebt hatte. Er stellt die Engelfrage „Was weinst Du?“, weiß aber mehr, denn er schiebt hinterher: „Wen suchst Du?“ Das alles öffnet noch nicht Herz und Sinne, Maria dreht sich wieder weg. Offenkundig ist es so, dass man nichts vom leeren Grab lernt, und man erkennt Gott auch nicht, wenn er sich nicht selbst identifiziert, als solcher vorstellt, sich offenbart.

Und genau das tut Christus, er offenbart sich in der Anrede und im Zuspruch. „Maria!“ – das ist das lösende Wort. Der Name, die Person, die Beziehung. Der Beziehungsabbruch durch den Tod, der Beziehungsinfarkt, wie es vorgestern hier hieß, ist geheilt. Mit „Maria!“ sagt Jesus auch: „Ich bin es.“ Und: „Du warst auf der falschen Spur.“ Sicher auch: „Es ist alles gut.“ Das lösende Wort – ein Name. Marias Name. Angesprochen werden von Gott, ihn hören, indem er mich beim Namen ruft. Den Glauben, meine Beziehung zu ihm als Wirklichkeit erleben und verstehen. Kennt Ihr das auch als Sehnsucht, nicht nur zu Ostern: Dass Gott mich ruft, dass Gott uns und die ganze Kirche ruft, dass wir uns umdrehen und ihn sehen, dass wir umkehren von unseren Einbildungen und wieder Kontakt zu ihm haben, eine Beziehung zu ihm wie er zu uns?

Was haben die klugen Johannes-Versteher schon alles gesagt über das merkwürdige Fass-mich-nicht-an?! Was wollte Jesus damit über sich sagen? Aber tatsächlich sagt das Evangelium ja vor allem etwas über Maria aus: Offensichtlich will sie ihrem Jesus stürmisch um den Hals fallen, ihn umarmen, ihn drücken, ihn berühren, seine Füße küssen oder anderes. So wie sie am Anfang ein Häufchen Elend war und weinte, wird sie auch jetzt ganz emotional gewesen sein. Wenn sie ihn nicht hätte berühren wollen, machte Jesu Bitte ja keinen Sinn: Rühre mich nicht an. Wahrscheinlich hatte Maria eine ganz besondere Anziehungskraft auf Jesus ausgeübt und er hatte deshalb Angst, dass sie ihn festhalten wollte – ich kann Maria gut verstehen. Wer möchte seinen Partner/seine Partnerin nicht festhalten, wenn er oder sie wegzurutschen droht in Sphären, die man nicht gut nachvollziehen kann?

Und nun das Ende, ein Anfang: Maria als biblische Frau gehorcht – und wird ein Engel. Aber eben nicht einer von der Art, wie wir es am Anfang der Geschichte gehört haben: Engel im leeren Grab, die das lösende Wort nicht finden und sprechen. Maria geht und verkündigt – und da steht das Wort für Engel im Verb: Sie ist nicht Engel, sie tut Engel – und sie findet für die Jünger das lösende Wort, so wie Jesus vorhin für sie. Sie verkündigt engelgleich: Ich habe den Herrn gesehen. Und ich habe ihn gehört. Jesus ist auferstanden, er lebt. Eine sinnliche Erfahrung hat sie gemacht, keine leiblose Geisterscheinung erlitten. Christen glauben nicht an das leere Grab, sondern an den auferstandenen lebendigen Jesus. Manchmal berührt es mich fast peinlich, wie realistisch Jesu Leid und Tod geradezu „ausgeschmückt“ wird – heute in einer Welt, die so viel Leid und Tod kennt. Aber wenn es dann um die Auferstehung und um den lebendigen Jesus geht, dann wird nicht selten ein poetischer Nebel durchs Kirchenschiff geblasen, dass man nichts mehr erkennt. Auf die Osterbotschaft „Der Herr ist auferstanden!“ kann es nur eine Antwort der Gemeinde geben: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ So ein kluger Heiliger wie Paulus hat das messerscharf erkannt, wie wir in der Lesung (aus 1. Korinther 15) gehört haben. Wir sollten nicht dümmer wie Paulus sein.

Und wir sollten nicht fauler als Maria sein. Maria hat sich aufgemacht und ist anderen zum Engel geworden, indem sie die Osterbotschaft weitergesagt hat. Wir sollten diese Osterbotschaft auch weitersagen – deutlicher, klarer, mit der spürbar ersten Priorität. Die Kirche macht so viele Worte, aber elfeinhalb Monate hört man wenig von Ostern. Vielleicht brauchen wir eine neue Begegnung mit Gott, einen energischen Anstupser vom Heiligen Geist. Wohl wahr ist Jesus in unserer Weltzeit nicht als menschliche Person, sondern im Geist Gottes präsent – davon erzählt das Johannes-Evangelium gleich nach Ostern. Dieser Geist Christi wirkt, wo er will, und wirkt den Glauben. Vielleicht sind uns schon andere gläubige Menschen zu Engeln geworden, die uns den Glauben plausibel erschienen ließen – bei mir war das z.B. die Gemeindeschwester Antje vor über 40 Jahren. Der Glaube war, so erschien es mir, bei ihr ein Synonym für Fröhlichkeit. Kein dunkler Freitag mehr, kein Nicht-Wissen mehr, keine komplizierten Interpretationen, um doch ein Stückchen zu verstehen, sondern sie strahlte aus Licht des Ostermorgens, Gewissheit des Glaubens, schlichtes Vertrauen, Fröhlichkeit im Überschwang, eine Emotion, die vielleicht unsere biblische Maria kannte, die wir mitteleuropäischen Christenleute aber gut zu verstecken oder zu domestizieren verstehen: Fröhlichkeit des Glaubens. Umso wichtiger, dass wir uns wenigstens zu Ostern Witze erzählen dürfen:

Priester Kaphatos auf Kreta eilt in aller Frühe des Ostertages von Dorf zu Dorf, mit aufgekrempelten Ärmeln, schwitzend. Es ist ein mühsamer Weg über Felsen, entlang an Schluchten und durch Gebüsch. Er bringt in die Dörfer das Osterevangelium: „Der Herr ist auferstanden.“ Den ganzen Tag ist er unterwegs, niemand soll ohne diese Nachricht bleiben. Im letzten Dörfchen am letzten Ende der Insel müssen die Menschen lange warten, sie haben ihre Häuser und Ikonen geschmückt mit grünen Zweigen, sie warten und warten mit Kerzen in der Hand, bis endlich der Priester kommt und atemlos ausruft: „Meine Kinder, meine Kinder, der Herr ist am allerauferstandensten!“

Am Ende der unmögliche Superlativ. Das ist das lösende Wort. Der Grund und Beginn des Glaubens.

Wahrhaftig. Amen.

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Letzte Änderung: 27.02.2018
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