16.06.2013: Prof. Dr. Martin Hailer über Gal 4,8-20

 

Martin Hailer

Predigt über Gal 4,8-20

Peterskirche Heidelberg, 3. Sonntag nach Trinitatis, 16.6.2013

 

Aber zu der Zeit, als ihr Gott noch nicht kanntet, dientet ihr denen, die ihrer Natur nach nicht Götter sind. Nachdem ihr aber Gott erkannt habt, ja vielmehr von Gott erkannt seid, wie wendet ihr euch dann wieder den schwachen und dürftigen Mächten zu und wollt ihnen von neuem dienen? Ihr haltet bestimmte Tage ein und Monate und Zeiten und Jahre. Ich fürchte für euch, dass ich vielleicht vergeblich an euch gearbeitet habe.

Werdet doch wie ich, denn ich wurde wie ihr, liebe Brüder, ich bitte euch. Ihr wart doch nicht gegen mich. Ihr wisst doch, dass ich euch durch Schwachheit des Leibes das Evangelium gepredigt habe beim ersten Mal. Und obwohl meine leibliche Schwäche euch ein Anstoß war, habt ihr mich nicht verachtet oder vor mir ausgespuckt, sondern wie einen Engel Gottes nahmt ihr mich auf, ja wie Christus Jesus. Wo sind nun eure Seligpreisungen geblieben? Denn ich bezeuge euch, ihr hättet, wenn es möglich gewesen wäre, eure Augen ausgerissen und mir gegeben. Bin ich denn damit euer Feind geworden, dass ich euch die Wahrheit vorhalte? Es ist nicht recht, wie sie um euch werben; sie wollen euch nur von mir abspenstig machen, damit ihr um sie werben sollt. Umworben zu werden ist gut, wenn's im Guten geschieht, und zwar immer und nicht nur in meiner Gegenwart, wenn ich bei euch bin. Meine lieben Kinder, die ich abermals unter Wehen gebäre, bis Christus in euch Gestalt gewinne! – Ich wollte aber, dass ich jetzt bei euch wäre und mit andrer Stimme zu euch reden könnte; denn ich bin irre an euch.

 

(Lutherübersetzung 1984 mit kleinen Änderungen)

 

Liebe Gemeinde,

 

Ich bin der Esel, auf dem der Herr Jesus durch die Lande reitet. Diesen Satz hörte ich als Jugendlicher aus dem Mund eines älteren Pfarrers. Der ältere Pfarrer lebte in einer Kleinstadt in Oberfranken, nahe der damals noch existenten innerdeutschen Grenze. Und er konnte deswegen am so genannten kleinen Grenzverkehr teilnehmen. Das war eine Reiseerleichterung für Menschen die nahe an der deutsch-deutschen Grenze lebten, und die dadurch einfacher an Visa kamen, etwa für Verandtenbesuche. Der Pfarrer nutzte das für Kontakte, für Seelsorge und auch dafür, West-Lebensmittel nach Ost zu bringen. Und der Satz, mit dem ich begann, war seine Antwort auf die Frage, warum er sich denn nun diese Mühe machen würde und sich den täglich neuen Schikanen an der inndeutschen Grenze aussetzte.

Ich bin der Esel, auf dem der Herr Jesus durch die Lande reitet. Es ist bescheiden und selbstbewusst zugleich, das zu sagen. Bescheiden, denn es geht wirklich nur darum, Transporttier zu sein. Ich existierte, ich tue meinen Dienst und ich hoffe: Er ist von der Art, dass Gott ihn in Dienst nehmen und für sich beanspruchen möchte. Ich kann ja nur existieren und dann wird sich schon zeigen, ob es recht ist, dass ich da bin. Und selbstbewusst: Jawohl, ich weiß, dass es Gott gefällt, meine Existenz, mein Handeln für sich in Dienst zu nehmen. Das ist nicht wenig, das ist vielmehr viel.

Es ist bereits mittendrin in dem, was der Apostel Paulus seiner Gemeinde in Galatien schreibt. Es ist ja bewegte Klage, die er da führt. Sorge, Angst und Streit: Früher hättet ihr euch ein Auge für mich herausgerissen, und jetzt? Ihr seid faktisch in die Zeit zurückgefallen, als ihr Gott noch nicht kanntet! Ja, ihr lauft falschen Göttern nach. Das ist in der Tat Sorge, Angst und Streit. Ich will noch darauf kommen. Aber der Kern dessen, was Paulus zu sagen hat, ist ein anderer. An zwei Stellen des Predigttextes blitzt er hervor. Einmal sagt Paulus: Ich kam in Schwachheit zu euch, und ihr habt mich aufgenommen wie einen Engel, ja wie Christus selbst. Und dann: Was ich für euch möchte, ist: Christus möge in euch Gestalt gewinnen.

Das ist doch sehr merk-würdig: Es gefällt Gott, wenn wir einen anderen Menschen so aufnehmen, als sei er Christus selbst. Es gefällt Gott, wenn Christus in uns Gestalt gewinnt, Gestalt nimmt.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber ich finde das ungewöhnlich und herausfordernd. Christenmenschen, Evangelische zumal, sagen es doch so eigentlich nicht! Wir sind’s doch so gewohnt: Gott im Himmel und du auf Erden. Gott kommt uns nahe, ja, Aber er ist doch unser Gegenüber. Er rechtfertigt Menschen, ja. Aber sie bleiben doch Sünderinnen und Sünder. »Sünder und Gerechtfertigter zugleich« nennt das ein Schlagwort der Reformation. Diesem evangelischen Normaldenken kommt der fürs Reformatorische wichtigste biblische Autor in Quere und sagt: Es gefällt Gott, wenn wir einen anderen Menschen so aufnehmen, als sei er Christus selbst. Es gefällt Gott, wenn Christus in uns Gestalt gewinnt, Gestalt nimmt. In der Tat, das ist merk-würdig.

Geringer schätzen als so sollen wir uns also nicht. Die Existenz, das Handeln von Christinnen und Christen ist von der Art, dass Gott es in Dienst nehmen will. Die Existenz, das Handeln von Christinnen und Christen ist von der Art, dass Christus selbst in ihm Gestalt gewinnen will. Der eingangs zitierte Satz: Ich in der Esel, auf dem der Herr Jesus durch die Lande reitet, ist also mitnichten Hochmut. Er klingt im Gegenteil fast schon zu bescheiden. Und er gilt nicht nur für den alten oberfränkischen Pfarrer. Jeder und jede von uns werde sich dieser Eselhaftigkeit inne. Denn mit weniger würdigt Gott uns nicht.

 

Freilich, diese große Würdigung seiner Kinder hat auch eine Gegenseite. Man kann sie verfehlen, verdrängen, wegschieben. Die Eselei, des Herrn Tragtier nicht sein zu wollen, ist für jeden und jede von uns Möglichkeit. Was immer der Apostel in den Zeilen aus Galater 4 noch zu hadern und zu schimpfen hatte – jedenfalls hat er sich darüber gegrämt. Und er erspart seinen Galatern und uns Heutigen keine Deutlichkeit. Ihr lebt so, als würdet ihr Gott nicht kennen! Ihr lebt so, dass ihr bestimmte Festkreise einhaltet und dass ihr denen nachlauft, die Gott nicht sind, die es aber für sich behaupten. Wörtlich: Aber zu der Zeit, als ihr Gott noch nicht kanntet, dientet ihr denen, die ihrer Natur nach nicht Götter sind. Nachdem ihr aber Gott erkannt habt, ja vielmehr von Gott erkannt seid, wie wendet ihr euch dann wieder den schwachen und dürftigen Mächten zu und wollt ihnen von neuem dienen?

Wir wissen nicht, ob Paulus seine Galater damit noch erreichte. Aber wir haben allen Anlass, seine Vorhaltungen auch für uns Ernst zu nehmen. Und dann heißen sie: Es gibt Größen, Mächte, Elemente, die sich uns aufrängen und deren Verführungskraft wir erliegen. Sie wollen unsere Aufmerksamkeit und unsere Hingabe. Und haben sie sie, dann geht es einem vorderhand vielleicht gut, aber die Effekte werden schlimmer Art sein.

Beispiele zu finden ist, Gott sei’s geklagt, nicht schwer. Die dämonische Verstrickung des Rausches etwa gehört dazu. Ein Alkoholkranker hat nicht ein Problem mit seinem Willen. Er ist krank. Etwas besitzt ihn, was Macht über ihn hat. Es besteht aber keinerlei Anlass, auf andere zu zeigen. Dieser Vorhalt des Paulus, vorgetragen mit sichtlicher Verzweiflung, gilt auch uns. Auch wir sind hingezogen von Mächten und dienen ihnen. Es ist ein Akt christlicher Selbsterkenntnis, sich das einzugestehen. Sie mögen recht unterschiedlich sein und unterschiedlich laut, aber es gibt sie. Ihr haltet bestimmte Tage ein und Monate und Zeiten und Jahre, heißt es bei Paulus. Unsere Tage und Monate und Zeiten und Jahre sind zum Beispiel diese: Die Macht der Mobilität und Hypermobilität, der wir so manches opfern, etwa die Stabilität des Klimas. Oder die erstaunliche Macht der Mode, deren Diktat wir uns unterworfen fühlen. Und sei es nur auf die komische Weise, dass ich heute eine Krawatte peinlich finde, die ich vor ein paar Jahren immerhin selbst gekauft habe. Wer die Macht der Mode weniger schlimmt findet als die der Hypermobilität, erwäge nur für einen Augenblick, welcher Preis etwa in Bangladesch dafür bezahlt wird.

Auch Universitäten und Hochschulen haben ihre Mächte und Gewalten, sozusagen extra für sie ins Leben gerufene. Ich denke etwa ans Spiel um Drittmittel zur Forschungsfinanzierung. Ein notwendiges Übel womöglich. Aber doch auch ein mehr oder weniger subtiles Mittel der Selbstvergrößerung und damit das goldene Kalb der Universitäten schlechthin. Die Rituale, die darum gefeiert werden, kennt jeder, der merkt, dass er vor allem damit beschäftigt ist, zu beantragen, was er forschen könnte, statt sich dem Prozess der Erkenntnisgewinnung auszusetzen. Auch Universitäten haben ihre goldenen Kälber, um die fleißig getanzt wird. Am fleißigsten womöglich von denen, die von sich behaupten, eben dies nicht zu tun.

 

Die Klage, die Paulus über die Zustände in Galatien führt, ist bewegt und vielleicht etwas nervig: Er bezeichnet die Galater immerhin als Kinder, die er zum Christentum geboren hat. Und doch ist der Akt christlicher Selbsterkenntnis geboten und heilsam: Die mancherlei goldenen Kälber, um die wir tanzen, die Mächte, die uns im Griff haben: Sie sind, wie er sagt, schwache und dürftige Mächte, die ihrer Natur nach nicht Götter sind. Heilsame Einsicht, die aufrichtet und befreit. Heilsame Einsicht, die uns zurückführt zum Kern der Rede des Apostels. Den anderen so aufnehmen, als bringe er Christus herein. Sich dessen gewahr sein: Christus will auch in mir Gestalt gewinnen. Christusförmig werden heißt: Sich überlegen, auf welche Weise ich der Esel sein könnte, auf dem der Herr Jesus durch die Lande reitet. Das mag recht verschieden aussehen bei jedem und jeder von uns. Ich will es versuchen in den Begegnungen heute und in der heute beginnenden Woche. Das ist, wie es die Barmer Theologische Erklärung formulierte, Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben zu freiem, dankbaren Dienst an seinen Geschöpfen. Auch und gerade in Vorlesung und Seminar, auch und gerade in den Bibliotheken und beim nur vermeintlich belanglosen Aufeinandertreffen in der Mensa. Der Alltag eines jeden und einer jeden von uns ist dessen gewürdigt: Wetten, in ihm findet sich etwas, was geeignet ist ist, Gottes Freundlichkeit in die Welt zu tragen und des Herrn Christi Esel zu sein. Dem nachzugehen, ist eine Meditation des Alltags. Wo also darf Ihr Sein und Handeln über Sie selbst hinausragen und den Herrn Christus durch die Lande tragen? Nehmen Sie sich Zeit dafür. Denn weniger wichtig als so wichtig ist niemand.

 

Amen.

 


 

 

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Letzte Änderung: 08.07.2013
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