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16.12.2018: PD Dr. Heike Springhart über Röm 15,4-13

Einander annehmen und einander anhören – Predigt zu Röm 15, 4-13

3. Advent (16.12.18) Peterskirche Heidelberg

 

PD Dr. Heike Springhart

 

 

Liebe Gemeinde,

Jahrzehntelang hatten sie in einem gespaltenen Land gelebt. Die einen in Blechhütten, abgeschnitten von Bildung, von Teilhabe, von Freiheit. Die anderen mit allen Freiheiten und Möglichkeiten, in großen Anwesen. Vor 27 Jahren wurde die Apartheid in Südafrika beendet.

Heute ist dort Reconciliation Day – Tag der Versöhnung. Wie jedes Jahr am 16. Dezember. Erinnert wird an die Arbeit der Kommission für Wahrheit und Versöhnung – und daran, dass es ein langer und schmerzhafter Prozess ist, bis die Wunden aus der Apartheid heilen.

Vor 23 Jahren trafen sie sich zum ersten Mal für Wahrheit und Versöhnung. Um einander ihre Geschichten zu erzählen. Um Erinnerungen heilen zu lassen. Und um den Boden zu bereiten für ein einträchtiges und einmütiges – oder jedenfalls ein gemeinsames Südafrika.

Die einst Starken, die auf der Seite der Macht standen werden zu den Schwachen, die demütig zuhören und sich den Geschichten aussetzen. Die einst Schwachen, die auf der Seite der Ohnmacht standen bekommen einen Raum und Gehör für ihre Leidensgeschichten.

Einfach ist das nicht.

Es braucht langen Atem, Geduld und Trost für die geschundenen Seelen.

Woher kommt Hoffnung?

Wo bleibst Du, Trost der ganzen Welt?

Geduld. Trost. Hoffnung.

Paulus setzt darauf und schreibt davon im Brief an die Gemeinde in Rom. Ich lese aus dem 15. Kapitel: (Röm 15, 4-13)

Was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und denTrost der Schrift Hoffnung haben. Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch,

dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, wie es Christus Jesus entspricht, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre. Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Beschneidung geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind; die Heiden aber sollen Gott die Ehre geben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht: »Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.« Und wiederum heißt es: »Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!«  Und wiederum: »Lobet den Herrn, alle Heiden, und preisen sollen ihn alle Völker!« Und wiederum spricht Jesaja: »Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais, und der wird aufstehen, zu herrschen über die Völker; auf den werden die Völker hoffen.«

Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.

Mitunter braucht es Geduld und harte Arbeit, bis aus vielen Kehlen das Lob Gottes einmütig klingt. Wenn sich dienstags die Neue Aula mit den 130 Sängerinnen und Sängern des Unichors füllt, dann ist das immer erst mal ein ziemliches Stimmengewirr. Die einen kommen aus der letzten Lehrveranstaltung gehetzt, die anderen kauen noch auf dem letzten Bissen der Weihnachtsmarktbratwurst.

Aber spätestens nach dem Einsingen klingt die Musik vielstimmig und einmütig zugleich. Aus den 4, 6 oder 8 Stimmgruppen wächst in ihrer Vielfalt ein reiches Lob Gottes, das wie aus einem Munde klingt – und doch aus 130 Mündern kommt.

In der Gemeinde in Rom haben sie wohl kaum in großen Chören gesungen – und doch haben sie darum gerungen, wie das gehen kann:

dass die Glaubensfesten die Suchenden tragen,

dass die Starken die Schwachen nicht übertönen

und die Schwachen den starken Klang nicht matt machen.

Wie das gehen kann:

Einträchtig und einmütig gesinnt und gestimmt zu sein.

Nehmt einander an.

Das klingt wie der Ruf nach der alljährlich zugleich ersehnten und gefürchteten Weihnachtsgemengelage aus familiären Erwartungen und Harmonie unterm Baum.

Mit allen Ironisierungen, die das dann auch mit sich bringt. Von gestressten Söhnen und Töchtern, von den leidvollen Aushandlungsprozessen in Patchworkfamilien, von denen, die nicht die Heilige Familie in den eigenen vier Wänden haben.

Ich lese es und seufze: jeden und alles ertragen – ist das nicht der Stoff, aus dem das unbewegliche Aussitzen ist, das so oft in unseren Kirchen und Universitäten, in den Gemeinden und in unserem Land regiert? Ich seufze über die Geduld, die so sehr nach Abwarten und Tee trinken – und nach Stillhalteparolen klingt.

Ich seufze über den Trost, der so schwer von der Vertröstung auf bessere Zeiten dereinst zu unterscheiden ist.

Ich sehe die irgendwie hilflos wirkenden Polizisten, die mit geschulterten Maschinengewehren über den Heidelberger und den Mannheimer Weihnachtsmarkt patroullieren. Teile die Fassungslosigkeit über den Anschlag in Strasbourg – und frage mich: was ist hier und heute Hoffnung?

Nehmt einander an – ist das nicht harmloses Klingeling der Adventsseligkeit?

Paulus hat Größeres im Sinn.

Den großen Bogen der Verheißung seit alters her, die Hoffnung auf den Sproß Isais und den Gott der Geduld und des Trostes. Immer reicher werden an Hoffnung, gemeinsam wachsen und das Leben in seiner Tiefe teilen.

Nehmt einander an.

Und werdet so einträchtig und einmütig. Nehmt einander an – und hört einander an.

Das ist nicht harmlos und trivial. Nicht nur in Südafrika. Auch bei uns.

Einander annehmen und einander sehen – geduldig und hoffnungsvoll.

Vor dem Annehmen steht das Ansehen und Anhören.

Die Bereitschaft, ein paar Schritte in den Schuhen der anderen zu gehen – oder den Schmerz wahrzunehmen, dass eben das nicht geht.

 

Zwei Szenen der letzten Wochen:

Auf ihrer Synode vor drei Wochen hat sich die EKD mit sexualisierter Gewalt befasst. Was schon seit Jahren in der Luft lag, ist nun nicht mehr zu übersehen: dass es auch in der evangelischen Kirche sexualisierte Gewalt gibt. Und jetzt? Denen zuhören, die erlebt haben, wie ihr Vertrauen und ihre Seelen, ihr Intimstes von Kirchenmännern (und wenigen Kirchenfrauen) gebrochen wurde. Und damit rechnen, dass es Unzählige gibt, denen der Schmerz auch heute den Mund verschließt, die nicht einfach auf den Appell „bitte melden Sie sich“ zum Telefonhörer greifen können. Schon dieser Schritt kostet unendlich Überwindung.

Einander anhören – ja, das heißt auch: sich einander zumuten. 

Einander annehmen – das heißt: die Augen nicht davor zu verschließen, dass es solch tiefgreifende Verletzungen und Verwundungen gibt, auch in unseren Reihen. Nicht einstimmen in eine sich verbündende Eintracht, die zu Selbstgerechtigkeit wird. Sondern sich ausstrecken nach dem Gott der Geduld, des Trostes und der Hoffnung – und aushalten, was kaum auszuhalten ist. Am allerwenigsten für die, die ihr Leben lang mit den Folgen des gebrochenen Vertrauens und der missbrauchten Macht leben müssen.

Gott, was hast du unterlassen zu meinem Trost und Freud’, als Leib und Seele saßen in ihrem größten Leid?

Die zweite Szene:

In der vergangenen Woche hat der Bundestag beschlossen, dass es künftig auch die Möglichkeit gibt, als Geschlecht „divers“ ins Geburtenregister eintragen zu lassen. Damit hat der Bundestag immerhin die Bereitschaft zum Ausdruck gebracht, die in den Blick zu nehmen, deren Geschlecht nicht eindeutig männlich oder weiblich ist.

Einander annehmen – das heißt auch: bereit sein, den Blick zu weiten und anderes zu sehen, als wir lange zu sehen bereit waren.

Einander annehmen – das bedeutet aber auch: sich einander hingeben. Sich öffnen und den Mut aufbringen, sich verletzlich zu machen. Den Mut zur Tiefe. Das kann heißen, die schweren und schmerzhaften Geschichten zu teilen. Es heißt aber auch, den Mut zur Liebe aufzubringen.

Das Risiko einzugehen, sich einem anderen hinzugeben. 

Geduldig einander zuhören – und ungeduldig daran arbeiten, dass sich unselige Verhältnisse ändern.

Der Gott der Geduld ist auch der Gott des Trostes.Echter Trost sieht nicht am Schweren vorbei.

Der Gott des Trostes ist der menschgewordene Gott, der die Tiefen und die Abgründe des Menschseins durchlebt und durchlitten hat.

So ist adventliche Geduld drängende Geduld.

Nicht Stillhalten, sondern Aushalten.

Die Sehnsucht nach Trost ernstnehmen.

Nicht Aussitzen und Abwarten.

Sondern beharrlich Bohren in den Brettern,

die den Boden für die Hoffnung bilden.

Adventlicher Basso continuo.

Dann wird aus den vielen Mündern hier in dieser Kirche und jenseits ihrer Mauern das Crescendo der Hoffnung.

Reicher und reicher wird die Hoffnung. Und der Glaube wird erfüllt – von Freude und Friede.

So zieht das Licht des aufgehenden Morgensterns ein,

in die Studierzimmer und die Behördenbüros,

in die Institute und die Kanzleien,

in die Wohnheimsküchen und die Hörsäle,

in die Kämmerchen, in denen Menschen sich einander anvertrauen,

an die runden Tische und die Tische in den Cafés.

Dann wird die klare Sonne und der schöne Stern aufgehen,

der Morgenstern wird kommen, das Dunkel der Nächte wird vertrieben – und wir werden frei.

frei von schmerzhaften Erinnerungen,

frei für den anderen,

Frei zum einmütigen Lobgesang,

aus vielen Stimmen.

Geduldig.

Getröstet.

Hoffend.

Freut euch! Der Herr ist nahe.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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Letzte Änderung: 17.12.2018
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