17.03.2013: PD Dr. Jörg Neijenhuis über Gen 22,1-13 und Joh 11,47-53

 

Predigt zu Gen 22,1-13 und Joh 11,47-53

Jörg Neijenhuis

 

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Die Sache mit dem Opfer ist eine unheimliche Sache. Mir ist nie ganz geheuer, wenn es um Opfer geht. Auch nicht bei den beiden Schriftlesungen, die wir gehört haben.

 

Wenn ich höre, wie Abraham seinen Sohn Isaak opfern soll und offenbar auch willens ist, es zu tun, stockt mir der Atem: Kann man als Vater seinen Sohn, sein eigenes Kind opfern?

 

Erleichtert hören wir, dass Gott das nicht will. Isaak wird nicht geopfert. Gott will kein Menschenopfer. Gott oder Sohn – das ist keine Alternative.

 

Und dann Kaiphas, der Hohepriester. Die Rechnung, die er aufmacht, ist nicht nur unheimlich, sondern auch noch abscheulich: Lieber sterbe ein Mensch für das Volk, damit das Volk gerettet werde, als dass es zugrunde gehe. Das ist eine klare machtpolitische Position, die Menschen opfert.

 

Der Evangelist Johannes nimmt diese Aussage mit dem Opfer auf – er interpretiert den politischen Satz kurzerhand theologisch: Ohne dass es dem Hohenpriester bewusst war, hat er eine Weissagung getan: Jesus sollte für das Volk sterben. Damit die Menschen von ihren Sünden erlöst werden. Was Kaiphas als politischer Stratege sagt, wird von Johannes so gedeutet, dass der weissagende Satz geradezu von Amts wegen, von der höchsten jüdischen Autorität kommt! Wenn das kein Anspruch auf Wahrheit ist!

 

Theologisch wird gerne der Satz gesagt, dass Jesus das letzte Opfer gewesen sei. Damit sei die Tradition, dass Menschen geopfert werden, endgültig abgetan.

Ich sehe, dass auch heutzutage Menschen opfern. Selten für andere, meistens für sich selbst: Sie opfern Lebenszeit und Lebensenergie, um ein Ziel zu erreichen. Das kann man ja noch verstehen, wenn sie sich ein eigenes Ziel gesetzt haben. Ich sehe aber, dass viele Menschen Ziele verfolgen, die sie sich gar nicht selbst ausgesucht haben, sondern die ihnen durch Werbung, durch sentimentale Filme, durch gesellschaftliche Trends so geschickt angepriesen werden, dass sie sich diesen Zielen unterordnen. Der Weg zu solchen Fremd-Zielen ist die Investition von Lebenszeit und Lebensenergie in einem solchen Maße, dass es geradezu zu einem Darbringen von sich selbst gleichkommt – den Verdienst davon haben aber oftmals andere. Das eigene Opfer besteht am Schluss darin, Schaden an seiner Persönlichkeit, gar an seiner eigenen Seele zu haben. Bei so manchen Burn-out-Fällen in meiner Umgebung konnte ich das beobachten: Immer mehr Leistung und Verfügbarkeit wurden durch manche Arbeitgeber eingefordert, der Zusammenbruch und seine katastrophalen Folgen aber müssen dann im privaten, im persönlichen Bereich aufgearbeitet und kuriert werden. Das sind besonders perfide Opfer, die heute dargebracht werden.

 

Für materielle Vorteile werden allerhand Opfer gebracht. Gewinn- und das Profitstreben durchziehen alle Lebensbereiche und bestimmen als neues Wertesystem, was gut und was schlecht ist. Alles unterliegt einer Effizienzsteigerung. Was sich nicht rechnet, wird geopfert, aufgegeben. Davon sind nicht einmal mehr die familiären Beziehungen verschont: So manche Eltern sehen ihre Kinder als Projekt an, das zu einem Ziel geführt werden muss – und das auch noch mit Erfolg. Beziehungen werden auf Effizienz und auf Erfolg umgestellt. Das Menschliche, auch die eigene Persönlichkeit von Kindern, ja sogar ihre Rechte, werden geopfert, um Erfolg zu haben.

 

Vor einigen Wochen traute ich meinen Augen nicht und ich empfand das, was ich sah, als Spitze der Unverschämtheit, die der Kommerz erbringen kann: In der Tageszeitung lag ein Prospekt eines Möbelhauses, mir stach das Wort Opfer in die Augen. Da stand zu lesen: Wir opfern unsere Möbel für Sie! Wir haben den Preis halbiert! Da bringt es doch eine Marketingabteilung fertig, ein Einrichtungshaus als Opfer darzustellen, weil es seine Möbel nicht verkauft! Wessen Opfer will es denn sein? Vom eigenen Gewinn? Oder will das Möbelhaus uns weismachen, dass es nur Gutes für uns will und dass es gar keine eigenen Absichten dabei hat, wenn es uns günstig Möbel verkaufen will?

 

Da war mir nicht nur unheimlich, sondern auch noch zornig zumute. Aber ungeheuerlich ist und bleibt mir das Ganze mit dem Opfer schon. Unheimlich bleiben mir die Kräfte, die hier am Werk sind und sich auf vielfältige Weise, meist zunächst undurchschaubar, mit dem Begriff Opfer verbinden.

 

Was mich daran aufregt? Aufgeregt hat mich, dass hier eine Investition als Geschenk getarnt wird.

 

Genau dieses Durcheinander nutzen jene Kräfte, die sich mit dem Wort Opfer legitimieren wollen.

 

Denn wir opfern immer – denn wir investieren immer: Als Schüler und Studenten investieren bzw. opfern wir Zeit und die Mühe des Lernens, um einen qualifizierten Abschluss zu erhalten. Dann gehen wir einem Beruf nach, indem wir unsere Zeit und unsere Fähigkeiten investieren bzw. opfern, um dafür Geld zu bekommen, mit dem wir unseren Lebensunterhalt sichern.

 

Diese ganz normale Lebenserfahrung kann man auch missbrauchen, ohne dass es sofort bemerkt wird:

Da wird gesagt, dass es recht sei, wenn jemand für eine höhere Bestimmung etwas investiere, manchmal gar Menschenleben in den Tod gebe. Die, die das sagen, bezahlen mit dem Leben anderer Menschen, aber kommen selbst mit einem Vorteil versehen aus diesem unheimlichen Kraftfeld heraus.

 

Ich will etwas dagegen setzen: Wenn man etwas opfern kann, dann kann man nur sich selbst opfern.

Wenn es um die Sache des Opfers im religiösen Sinn geht, muss ganz klar unterschieden werden: Opfer heißt Hingabe. Opfer heißt nicht Investition! Opfer ist ein Geschenk. Man gibt sich nur hin, man unternimmt nur dann etwas wirklich, wenn man von einer Sache überzeugt ist, davon, dass sie richtig und wahr ist. Sonst würde man sich nicht für diese Sache einsetzen; und wenn die Sache existentiell und grundlegend für menschliches Leben wird, dann sprechen wir manchmal sogar davon, dass sich jemand selbst aufopfert. Das Ergebnis dieser Aufopferung hat den Charakter eines Geschenkes. Das Ergebnis liegt außerhalb der Möglichkeit des Verdienens und des Geldes. Es ist etwas, was man nicht kaufen und bezahlen kann, dass man sich nicht verdienen kann.

 

Auf diesem Weg können wir uns dem Opfer Jesu nähern. Wir können versuchen, den Kreuzestod Jesu als Opfer, als eine Hingabe zu verstehen. Und zwar so, dass wir es nicht als Investition missverstehen: Gott hat Jesus geopfert – das ist die Investition –, damit wir Sünder von Sünde frei werden. Oder im Verständnis von Kaiphas: Besser Jesus stirbt – das ist die Investition –, als dass das ganze Volk zugrunde geht.

 

Aber nur auf dem Weg des Verstehens, gar das Opfer als ein ideengeschichtlicher Vorgang zu begreifen, werden wir der Sache auch nicht beikommen. Opfern ist immer auch ein ganz körperlicher Vorgang. Es geht nicht nur darum, aus Texten einen Sinn zu vernehmen, sondern es geht in den Opfer-Schilderungen auch ganz klar um eine körperliche Dimension: Ein Mensch wird geopfert, er wird getötet. Isaak sollte getötet werden, Kaiphas nahm den Tod des Jesus von Nazareth billigend in Kauf. Jesus ist am Kreuz real gestorben.

 

Beim Opfer geht es immer um körperliche Vorgänge, es geht nicht allein um Worte, Behauptungen, Ideen. Es geht immer um das Leben, auch um das körperliche Leben. Wer vom Opfer spricht, spricht von der Grundlage des Lebens, die mit dem Körper ganz und gar verbunden ist.

 

Nur so kann ich Abrahams Nicht-Opfer gut verstehen: Abraham und auch Gott wollen kein Opfer, das als eine Art Investition angesehen werden kann. Gott will keine Investition, er lässt sich mit Geld nicht kaufen. Und im Tod Jesu am Kreuz hat sich Gott selbst geopfert. Gott hat selbst Leiden und Tod auf sich genommen, damit er durch sich selbst uns Sünder vom ewigen Tod befreite. Das so Erworbene schenkt er uns – durch sein Wort und durch sein Sakrament, jedes Mal, wenn wir Brot und Wein, ihn selbst empfangen.

 

Ein Opfer ist und bleibt ein unheimlicher und auch ungeheuerlicher Vorgang, den wir letztlich nicht bis ins Letzte verstehen und erklären können. Geht wir aber den Weg Jesu als Leidens- und Todesweg in dieser Passionszeit mit, dann ist das immer auch ein Weg, der ins Unheimliche, der auch ins Unbegreifliche führt. Es ist der Weg des Opferns, und der ist immer ein gefährdeter Weg: auf ihm liegen das Unheil und das Heil ganz eng beieinander. Amen.

 

 

 

Privatdozent Dr. Jörg Neijenhuis, Heidelberg

www.neijenhuis.de

www.theologie.uni-heidelberg.de/fakultaet/personen/neijenhuis.html

 

 

 

 

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Letzte Änderung: 18.03.2013
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