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17.04.2011: Prof. Dr. Theo Sundermeier über Offb. 21 (+ Schreiterfenster "Himmlisches Jerusalem")

 

Predigt im Semestereröffnungsgottesdient am Palmsonntag, 17. April 2011, über Offb. 21 und das Fenster „Himmlisches Jerusalem“ Johannes Schreiters

 

Prediger: Prof. Dr. Theo Sundermeier

 

 

Als ein Mitarbeiter in Namibia vor Jahren auf Heimaturlaub fahren wollte, kündigte er das seiner Gemeinde an und sagte, daß er nach Deutschland fliegen werde, aber vorab auch Jerusalem besuchen wolle. Darauf fragte ihn ungläubig eine Hererofrau seiner Gemeinde: Ob er denn zuerst in den Himmel fliegen wolle?!

Für die Frau war Jerusalem eine Botschaft, ein Symbol und Hinweis auf himmlische Realität.

Für uns aber ist Jerusalem zunächst ein höchst realer Ort, ein Ort, der Weltgeschichte geschrieben hat und wieder ein politisches Pulverfass zu werden droht, ein zutiefst gefährdeter Ort.- Auf dem neuen Glasfenster ist das höchst dramatisch unten im Fenster angedeutet. Doch nicht nur die Stadt ist bedroht, der ganze Erdkreis steht in Gefahr, zerstört zu werden. Die Stadt Gottes selbst aber ist sicher. Das zeigt auf dem Fenster die Grenze, die der zerstörerischen Kraft gesetzt ist und die sie nicht durchbrechen kann.

Für den Apokalyptiker Johannes ist Jerusalem zunächst das Gegenbild zu Rom, der vor Macht, Gewalt und Hybris strotzenden Weltstadt, deren Herrscher die Menschen knechten und die Christen verfolgen. Johannes denkt  nicht an das irdische Jerusalem, denn das ist in jener Zeit zerstört und steht unter dem Zugriff Roms, sondern das zukünftige steht ihm vor Augen. Der Name Jerusalem ist Verheißungsträger, ist Hoffnungsname, der den unterdrückten und verfolgten Menschen hilft, nicht den Mut zu verlieren, sondern getrost, und mit Zuversicht in die Zukunft zu schauen. Denn die Zukunft gehört Gott, wie abwesend seine Macht auch im Augenblick zu sein scheint.

Der Name Jerusalem ist Garant dieser Hoffnung. Das irdische Jerusalem und der Gedanke an die jenseitige, himmlische Welt sind eng miteinander verwoben. Das himmlische Jerusalem ist nicht einfach ein Phantasiegebilde. Es drängt zur Erde, es  soll hier bei uns auf Erden Wirklichkeit werden.

Die Architektur des Quadrates, von der der Text spricht, erinnert an das Paradies. So hat man es sich immer vorgestellt – und so wurde es auch auf mittelalterlichen Bildern gemalt: Es ist ein Raum, klar begrenzt und umhegt durch eine Mauer. Der Kreis ist das Symbol Gottes, das Quadrat das Bild des Paradieses, der heilen, erneuerten Menschenwelt.

Wie stellt Johannes Schreiter diese abstrakte Vision dar, so daß wir nicht in eine unrealistische Traumwelt versetzt, sondern konkret angesprochen werden? Wie stellt er es dar, daß wir nicht die Bodenhaftung verlieren und in ein Jenseits flüchten, sondern Mut zum Leben hier und jetzt bekommen?

Johannes Schreiter steht nicht in der Tradition epischer Fensterbilder, wie wir sie aus dem Mittelalter kennen. Geschichten werden nicht erzählt. Auch ist er nicht der Geschichte verpflichtet, wie es die Altarfenster sind, die unser kirchengeschichtlich-kulturelles Gedächtnis auffrischen und festmachen wollen. Ebenso wenig ist er den Symbolisten zuzuordnen, auch wenn seine Fenster Botschaften vermitteln.

An erster Stelle geht es ihm in allen seinen Arbeiten um die Ästhetik, die vollkommene Form und Farbe. Die Mitarbeiter der Firma Derix seufzen gelegentlich darüber, wie Schreiter jedes Glasstück wägt und ersetzt, wenn es nicht genau dem Farbton entspricht, der ihm vorschwebt. Der Glanz der Schönheit soll auf dem Fenster liegen und hell aufleuchten, wenn die Sonne scheint und den Kirchenraum weitet, ja heiligt. Auch wenn Schreiter keine vorgestanzten Symbole gebraucht – nicht einmal das Kreuz Jesu finden wir in seinen Fenstern - so wollen die Fenster dennoch etwas sagen. „Bilder die nichts sagen, sind nichtssagend“, ist einer seiner Kernüberzeugungen.

Auf den ersten Blick sind die Fenster für viele Betrachter fremd. Es ist wie beim Hören eines unbekannten modernen Musikstücks. Erst wenn man es öfters hört, erschließt es sich. So müssen wir auch auf die „Töne“ der Fenster von Schreiter lauschen, denn „hier ist keine Stelle, die nicht trüge den Ton der Verkündigung“ (Rilke). Daß jeder bei einem Musikstück etwas anderes hört und einen anderen Zugang findet, ist gut. Das macht den Reichtum einer großen Kunst aus. Das gilt auch für die Fenster von Schreiter. Man darf Unterschiedliches sehen und erkennen.

Schreiter ist in seiner Kunst Minimalist. Nur in Andeutungen gestaltet er die Botschaft seiner Fenster. Die Farbe zählt, die Formen und die Bewegungen der Bleiruten, die sie miteinander verbinden, Spannungen erzeugen und Zuordnungen andeuten.

Das Fenster ist den zwei Ebenen verpflichtet, dem irdischen Jerusalem und dem ewigen.

Das irdische ist heute wieder höchst bedroht. Zum ersten Mal seit langer Zeit verwendet Schreiter wieder die Brandchiffre der früheren Brandcollagen. Jerusalem: Es war für mich erschreckend zu sehen, wie an den Häusern der Altstadt auf Fotos junge Selbstmordattentäter als Märtyrer gepriesen werden. Aber es bewegt ebenso, wenn man in einem Haus eines Palästinensers auf Jerusalem blickt und der dort zur Miete wohnende Künstler sagt: Dort hinter der Mauer ist mein Elternhaus. Dort bin ich aufgewachsen, aber ich kann nicht mehr dorthin. Und vor der hohen Mauer spielen Kinder mit Pistolen in der Hand nicht „Verstecken und Suchen“ spielen, sondern „Verstecken und Schießen“.

 „Kennen Sie eine Lösung für das Jerusalemproblem?“ fragte mich unlängst der Abt und Leiter des Studienzentrums Dormitio in der Nähe des sog. Davidgrabes. Nein, keiner von uns weiß eine Lösung. Wir können nur unsere Hände erheben zu Gott und den Frieden über Jerusalem herabflehen  und bitten, daß der Morgen anbricht, da Gottes Hilfe naht. Dazu fordert das Fenster uns auf, wenn es unsern Blick nach oben ins Maßwerk lenkt. Das sagt der Pfeil: Allein das Gebet kann durch den Schleier der Ungewissheiten, das Grau der Depression dringen, Hoffnung wecken  und Vertrauen schenken, so daß sich der Nebel menschlicher Verwirrung lichtet.

Doch nun die andere Ebene. Jesus spricht vom Reich Gottes, Johannes malt das neue Jerusalem uns vor Augen. Ein dunkles Jesuswort sagt, daß das Himmelreich Gewalt leidet und „die Gewalt tun, die reißen es an sich“ (Matt. 11, 12). Will Johannes Schreiter daran erinnern, wenn er die Bedrohung auch des himmlischen Jerusalem andeutet? Wir haben erlebt, wie man  mit Gewalt das Reich Gottes herzustellen suchte, sei es im sog. Dritten Reich, sei es daß ein Reich der sozialen Gleichheit im Osten erbaut werden sollte, oder heute durch eine Religion ein Gottesstaat errichtet werden soll. Nein, mit Gewalt wird weder das irdische noch das zukünftige Jerusalem erbaut oder befriedet.

Aber beten wir dann ins Ungewisse? Gibt es ein Leitbild, an dem wir uns orientieren? Genau das will unser Bibeltext und seine Auslegung durch das Fenster zeigen. Die Zahl 12 entläßt aus sich viele symbolgeladene Assoziationen: Die zwölf , wie aus Perlen bestehenden Tore, sagt der Seher, stehen für die 12 Stämme Israel, aber auch für die Völkerwelt, die ihre kostbarsten Gaben in die Stadt bringen. Aber sie meinen auch einzelne Menschen, die 12 Apostel. Deshalb dürfen wir uns hier ebenfalls unterbringen. Jede dieser 12 hereinkommenden Menschen (Pfeile) sind besonders gestaltet. Unterschiedliche Lebensläufe sind darin eingezeichnet: Der fromme Mensch, der Geheiligte, der Zweifler, der Sünder, der Vergebung empfangen will. Eine gebrochene Existenz entdecken wir. Alle aber haben den gleichen Zugang. Niemand wird bevorzugt. Ein Zusammensein ohne hierarchische Bevormundung, ohne Über- und Unterordnung! Hatte das nicht J. Habermas als das Ideal der Gesellschaft vorgestellt: herrschaftsfreie Kommunikation?! Welch eine Illusion! Es gibt keine ungegliederte, nicht hierarchisch strukturierte Gesellschaft. Kein Pro- und kein Hauptseminar wird so herrschaftsfrei gehalten, keine Fakultäts- und keine Senatssitzung. Nicht einmal die Familie bildet solch einen herrschaftsfreien Raum. Haben wir das nicht alle so erlebt? Und manche leiden bis heute darunter. Doch hier wird er uns vorgestellt. Hier kann man herrschaftsfrei miteinander kommunizieren.

Wie ist das möglich? Die Antwort mag überraschen: Hier gibt es keine sich gegenseitig bedrohenden Völker, keine konkurrierenden Religionen, keinen Tempel, keine Kirche und keine Moschee. Hier gibt es keinen Schatten: Gott allein ist das Licht, das die ganze Stadt, den neuen Lebensraum in gleicher Weise erhellt. Das weiße Rechteck in der Mitte des goldleuchtenden Grundes meint ihn, den dreieinigen Gott. Mit einer kleinen, geradezu genialen Invention macht Schreiter das undarstellbare Geheimnis der Trinität sichtbar: Es ist der schmale, aber alles bestimmende rote Strich in der Mitte des weißen Rechtecks. Er ist der vinculus caritatis, das Band der Liebe, Christus, der uns das Geheimnis Gottes erschließt. Gott aber – auch das wieder einer der wunderbaren Einfälle Schreiters - ist allen zugänglich. Die (vom Fenster aus gesehen) rechte Seite ist offen und bietet allen freien Zugang zu seinem hellen, heiligen Licht, zu seiner Herrlichkeit (V 23). Wir alle dürfen uns ihm uneingeschränkt nähern. Hier nun können wir Ihn erkennen „von Angesicht zu Angesicht“, wie Paulus sagt (1. Kor. 13, 12).

Also doch eine illusionäre Vertröstung? Nein, der Seher schreibt für eine Gemeinde, die verfolgt und unterdrückt wird. Es geht nicht um Vertröstung, sondern um Vergewisserung, um die Vergewisserung, daß Gott die Zukunft in Händen hält. Unsere Welt ist bedroht, wir erleben das gerade wieder tief erschrocken. Es ist als ob Scheiter das in prophetischer Vorwegnahme unten im Fenster schon andeutet. Aber nicht die Bedrohung ist das Zentrum, sagt das Fenster, sondern Gott. Weil das so ist, müssen wir nicht ängstlich werden und verzagen. Wir gehen einer gewissen Zukunft entgegen. Für Jerusalem und für unsere Welt vermittelt das Fenster Hoffnung und Zuversicht. Darum dürfen wird schon jetzt mit allen Heiligen den Dank- und Lobgesang anstimmen.

 

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Letzte Änderung: 18.04.2011
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