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18.03.2012: Prof. Dr. Michael Plathow über Phil 1,15-21

 

 

 

 

                                                 Phil 1, 15 - 21

                 Laetare (18. 3. 2012) in der Peterskirche in Heidelberg

                                            Prof. Dr. M. Plathow

 

 

 

Liebe Gemeinde am Sonntag “Laetare”, d. h. “Freut euch”, hier in der Peterskirche.

Wann haben Sie zuletzt einen persönlichen Liebesbrief geschrieben, herzflimmernd und herzbewegend, freudig gestimmt und Freude weckend, liebevoll und Liebe entfachend, begeistert und geistvoll, ein Ich an ein Du?

Heute hören wir die Liebeserklärung an eine Gemeinde, an die Gemeinde in Philippi, die dem Apostel Paulus besonders am Herzens lag. “Ich freue mich ... Ich danke ... für eure Gemeinschaft am Evangelium”, schreibt er.

Auch von uns freut sich mancher und ist dankbar für die Gemeinde der Peterskirche. Auch ich. Seit vielen Jahren halte ich mich zu ihr. Im Gotteslob feierten wir fröhliche und ernstgestimmte, aufrüttelnd prophetische, ansprechend besinnliche oder erkenntnisvertiefende Gottesdienste. Gern tue ich immer wieder den Predigtdienst. Auch wurden meine Kinder hier getauft; wir feierten die Trauung der Tochter hier und die Taufe der Enkelkinder. Ja, “ich freue mich”.

Der Apostel Paulus schreibt aus der Gefängnishaft - Gefängnishaft, wie sie in diesen Tagen Pastor Yousef Nadakhani im Iran und Christen in anderen Staaten erleiden - Paulus schreibt an seine Lieblingsgemeinde weiter wie folgt:

 

“Etliche zwar predigen Christus auch um Neides und Haders willen, etliche aber auch aus guter Meinung: diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verantwortung des Evangeliums hier liege; jene aber verkündigen Christus aus Streitsucht und nicht lauter, denn sie möchten mir in meiner Gefangenschaft eine Trübsal zuwenden. Was tut´s aber? Wenn nur Christus verkündgt wird auf alle Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich und will mich auch fernerhin freuen.

Denn ich weiß, dass mir dies zum Heil gereichen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi, wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern frei und offen, wie immer so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod. Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn” (Phil 1, 15 - 21).

 

                                                                    I.

Liebe Gemeinde, das Ringen von Geltungsanspruch und Toleranz, eingebunden in Machtkonstellationen, prägt seit alters religiöses und ziviles Zusammenleben. Eine immer neue Herausforderung stellt es dar auch in der heutigen religiösen und kirchlichen Pluralität.

Dem religiösen Pluralismus mit diversen Weltanschauungen agnostisch-atheistischer, esoterisch-gnostischer, religiös-fundamentalistischer Provenienz begegnete Paulus in Athen. Uns erreichen heute mehr und mehr fundamentalistische und agnostische Strömungen, die sich z. T. laizistisch in religionsverfassungsrechtlichen Transformationen Europas für die Kirchen im Staat des Grundgesetzes zur Geltung bringen wollen.

 

Der innergemeindlich-kirchlichen Pluralität begegnet Paulus hier im mazedonischen Philippi.

Paulus schreibt aus der Haft wohl in Ephesus an die philippinische Gemeinde. Bekannt war Philippi als Ort der Gründung des augustäischen Imperiums durch die siegreiche Schlacht Octavians und Antonius gegen die Caesarmörder 42 vor Christus und durch die Lage an der Via Egnatiana; sie führte ins weltliche Zentrum Rom.

Die philippinische Gemeinde ist Paulus deshalb besonders ans Herz gewachsen, weil das Evangelium hier erstmals auf europäischen Boden offene Ohren fand; die selbstständige und selbstbewusste Purpurhändlerin Lydia hatte dem “Evangelium Herz und Haus “geöffnet. Diese erste christliche Gemeinde in Europa war der Anfang. “Ich danke Gott für eure Gemeinschaft am Evangelium” beginnt Paulus den persönlich gehaltenen Brief.

Der persönliche Brief des Absenders an den adressierten Empfänger verbindet, verbindet über Entfernungen. Es ist ein halbseitiger Dialog zwischen einem Ich und einem andern Du, eine Schreibe, die - anders als ein dialogisches Telephonat - wieder und wieder zu lesen überdauert. So auch dieser Brief des Apostel Paulus, gelesen von uns. Durch den Glauben miteinander verbunden, ist es das Evangelium, das den Grund der vertrauensvollen Verbundenheit und Gemeinschaft bildet.

Nicht fehl gehe ich, dass auch so mancher Pfarrer, so manches Gemeindeglied aus längeren Krankheits- oder Abwesenheitszeiten ähnliche Briefe als Zeichen der Verbundenheit an die vertraute Gemeinde schreibt in der Freude über oder mit Wünschen dafür, dass der Lauf des Evangeliums und die Gemeinschaft in Christus weitergeht und weitergehen wird.

 

                                                                 II.

Liebe Gemeinde, nach Paulus Abreise aus Philippi und durch seine Haft waren konkurrierende Konflikte entstanden, denn verschiedene Stimmen machten sich laut. Wie häufig, wenn jemand, scheinbar ersetzbar, ausfällt oder ausscheidet, traten nun gottberufene und selbsternannte Boten auf. Der eine und andere suchte sich zu profilieren und zu positionieren, sei es aus eigennützigen oder aus wahrhaften Motiven.

Paulus aber - wie es dann später auch das Augsburger Bekenntnis, Artikel VIII tat gegen die Identifikation der frühkirchlichen Donatisten von Vollmacht des Amtes und persönliche Lebensführung - Paulus unterscheidet zwischen Botschaft und Boten des Evangeliums. Der Apostel schreibt: “Was tut´s? Wenn nur Christus verkündigt wird”; d.h. wenn nur der Glaube an Jesus Christus durch den heiligen Geist mit der Predigt geschenkt wird.

Das bedeutet nicht gleich-gültige Beliebigkeit, relativierendes “Anything goes”, grenzenlose Toleranz, distanziert in Zuschauerhaltung außen vor bleibend. Paulus geht es um das Wesentliche; er nimmt wider Ungeist und Kleingeist Partei für die Wahrheit des sich selbst durchsetzenden Evangeliums, die “Sache” Jesu Christi, seines Herrn: eine durch den heiligen Geist geschenkte Freiheit und Weite aus der Wahrheitsgewissheit dessen, der von Christus ergriffen ist.

Ich selbst freue mich über eine ähnliche Formulierung in der Kundgebung der EKD-Synode ”Reden von Gott in der Welt” (Nr. II 1) in Leipzig 1999: “Der Leib Christi soll wachsen ... Es kommt nicht in erster Linie auf den Mitgliederzuwachs zur eigenen Kirche an, sondern darauf, dass Menschen überhaupt eine kirchliche Beheimatung finden”. Denn die geglaubte “eine, heilige, katholische und apostolische Kirche” Jesu Christi findet Gestalt in differierenden sichtbaren Kirchen, die sich durch “Gebet und Beistand des heiligen Geistes” in versöhnter Verschiedenheit gegenseitig bereichern.

Paulus geht es um die Wahrheit des Evangeliums, das durch den Predigtdienst im Auftrag des auferstandenen Christus verkündigt und weitergegeben wird in apostolischer Nachfolge, d. h. in apostolischer Sukzession ganz mit Wort und Tat, geistlich und leiblich in der Nachfolge Christi. Der Apostel erinnert die Gemeinde an den tradierten Hymnus: “Ein jeder sei gesinnt wie Jesus Christus”; er erniedrigte sich selbst; für uns hat er sich dahin gegeben, damit wir leben (2, 5ff). Sein stellvertretendes Fürsein für uns ist der wahre Grund für unser Miteinander- und Füreinandersein. Ihm nachfolgend leben wir in der Geist- und Glaubensgemeinschaft mit Christus, er, Sakrament und Exempeln, wie dann die Reformatoren mit dem Kirchenvater Augustin bekennen. Paulus schreibt in diesem Brief weiter: “Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Denn Gott ist´s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, zu seinem Wohlgefallen” (2, 12f). Freilich “nicht, dass ich´s schon ergriffen habe ... ; ich jage ihm aber nach, ob ich´s wohl ergreifen möchte, nachdem ich von Christus ergriffen bin (3, 12). Ja, “freuet euch in dem Herrn alle Wege” (4, 4).

 

                                                                III.

Liebe Gemeinde, die Freude weist das Miteinander und Füreinander im Glauben an Jesus Christus durch den heiligen Geist im Gebet zu Gott, dem Vater, aus. Der heilige Geist ist es, der - gegen einen missverstandenen “protestantischen Individualismus” - gleichursprünglich den Glauben des einzelnen und der Gemeinde wirkt.

Paulus nimmt die Gemeinde nicht als rein geistliche, gar idealisierte, Gemeinschaft wahr, nicht als platonisierende Idee. Spiritualität ja, aber warum noch Glaube und Kirche?

Die real existierende Gemeinde in Philippi und anderswo als Versammlung der Glaubenden wird bekannt als Gemeinschaft der Heiligen, als Volk Gottes, Leib Christi und Haus des heiligen Geistes, eben als Kirche des dreieinen Gottes. Der Apostel betont ihre Leiblichkeit, ihre aktualisierte und empirische Gestalt, heute auch als Institution oder Organisation zu verstehen; mit ihren Strukturen trägt sie nach der III. These der Barmer Theologischen Erklärung (1934) dienend Sorge für die reine Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat und für die evangeliumsgemäße Verwaltung der Sakramente. “Christus als Gemeinde existierend” nennen die Theologen D. Bonhoeffer und K. Barth die Gemeinde als Christi “irdisch-geschichtliche Existenzform”.

Die Leibgebundenheit des Glaubens und der glaubenden Gemeinde zeigt sich in der Feier des Abendmahls und dann auch in Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit des Redens und Lebens der Gemeindeglieder: da, wo Reden und Leben sich nicht widersprechen, wo geistliche Lebensordnung und geistliche Lebensform das alltägliche Leben bestimmen; da, wo bei der Buntheit und Verschiedenheit seines Gewandes Christus der Träger ist, da, wo die Sonne inmitten kirchlicher Planeten Christus ist, da, wo die Christusgegenwart alle Lebenswelten mitbestimmt. Denn wir persönlich und als Gemeinde sind da zur Ehre Christi, indem der Lauf des Evangeliums und die Gemeinschaft in Jesus Christus - trotz Konflikten und Widerständen - weitergeht.

 

 

                                                            IV.

Liebe Gemeinde, die Christusgegenwart bewahrheitet sich - wie Paulus hier persönlich bekennt - angesichts von Sterben und Tod: Christus, für uns dahingegeben, damit wir leben, wird zur Wahrheitsgewissheit, weil wir Glaubende vor dem Tod nach dem Tod leben. Christi stellvertretende Hingabe für mich ist mir Gewinn; seine Auferstehung ist mir der Grund des Lebens jetzt und immer. Denn er verheißt uns: “Ich lebe und ihr sollt auch leben” (Joh 14, 19). “Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, so bleibt´s allein; wenn es aber erstirbt, so bringt es viel Frucht ... Wer mir dienen will, der folge mir nach” (Joh 12, 24, 26), ruft Jesu uns Europäern zu mit der eben gehörten Schriftlesung.

Die Christusgegenwart zeigt sich - wie Paulus in anderen Zusammenhängen betont - in der Mitte unseres Lebens als Freiheit und Verantwortung: in der offenen, nicht beliebigen Pluralität von Gemeinde und Kirche und in der Toleranz, die Grenzen kennt, im kulturellen, ethnischen und religiösen Pluralismus der Zivilgesellschaft. Wahrheitsgewissheit und Toleranz sichern Leben förderndes und Zukunft eröffnendes Zusammenleben auf der gemeinsamen Basis von Menschenwürde und Menschenrechten. Und der christlichen Gemeinde kommt da eine moderierende Kraft und Aufgabe zu.

 

“Freut euch!”, liebe Gemeinde, schreibt der Apostel Paulus. Freude über die Gemeinde in Philippi verbindet sich mit dem dankenden Bekenntnis, “dass Jesus Christus der Herr ist” (2, 11). Es ist das Danken als Denken des Herzens auch heute am Sonntag “Laetare”, “Klein-Ostern”, wie er auch im Volksmund genannt wird, an dem der vorösterliche Glanz in die Passionszeit schon hineinleuchtet. “Freut euch!”.

 

“Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus” (4, 7). Amen.

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Letzte Änderung: 23.05.2018
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