18.04.2014: Prof. Dr. Peter Lampe über 1 Kor 2,1-5

Karfreitagspredigt 2014 in der Universitätskirche zu Heidelberg/Peterskirche über 1 Kor 2:1-5 (Prof. Peter Lampe)

 

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommen wird. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

In dieser Passionszeit trug sich in der kleinen Collegestadt Davidson in North Carolina Merkwürdiges zu. In der Polizeiwache ging der Anruf einer jüngeren Frau ein. Sie regte sich auf, dass vor der Episkopalen Kirche in ihrem gutbürgerlichen Wohnviertel auf der Parkbank ein Obdachloser lag, in eine Decke gegen die Kälte gehüllt. Beim Näherkommen gibt sich der Penner der Polizeistreife zu erkennen: als neu installierte Bronzestatue, die an den Füßen Nägelmale trägt. Aufgebrachte Anwohner beschwerten sich beim Pfarrer, solche Kunst beleidige Jesus. Viele dagegen verstanden die Karfreitagspredigt des kanadischen Bildhauers Timothy Schmalz. Seine stumme Karfreitagspredigt ist besser, als was ich mit Worten sagen könnte. Denn Karfreitag macht sprachlos.

Ecce homo. Anschauen des Gekreuzigten. Nicht allein eines Mannes, der vor zwei Jahrtausenden dehydriert am Kreuz eines Erstickungstodes starb. Auch Hinschauen auf die Passion unzähliger Menschen, die leben. Ecce homo. Eine krebskranke Frau, die mir im Rückblick auf ihre Krankheit sagt: “Karfreitag und Karsamstag wurden für mich zum Symbol in bestimmten Zeiten: An beiden Tagen wird die Tür zum Leben als geschlossen wahrgenommen, beide sind Zeit ohne Sonntagmorgenlicht, nicht einmal am Horizonte. Dunkel. Kein wahrnehmbares Zeichen von Gottes Gegenwart oder heilender Kraft”. “Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?” Ecce homines. Auf einem mittelalterlichen Siegel wird Christus als Leprakranker dargestellt, erduldend, was Menschen erleiden. Trauer um die Opfer eines Flugzeugabsturzes. Tränen und Angst in der Ukraine. Sterben durch Chemiewaffen. Durch Machtkämpfe hausgemachte Hungersnot im Südsudan. Der Mensch Opfer seiner selbst. Versklavt von Stärkeren. Wenn Sie den jüngst Oskar prämierten Film Twelve Years as a Slave anschauen, ahnen Sie die Abgründe des Karfreitags, in denen Menschen unter anderer Menschen Unrecht und Gier zugrunde gehen. Wir versuchen am Karfreitag hinzuschauen, einmal hin- und nicht wegzuschauen in der Spaßkultur. Der Blick auf die Gekreuzigten schockiert, weckt Empathie, macht betroffen. Im gekreuzigten Christus sehen wir den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs in tiefer Verbundenheit mit Leidenden, mit Gequälten.

 

Im diesjährigen Predigttext zum Karfreitag durchdenkt Paulus die Solidarität des gekreuzigten Christus mit den Menschen noch einmal, aber in umgekehrter Richtung—unter ethischem Blickwinkel. Sie werden es gleich merken. Ich lese 1 Korinther 2:1-5:

Als ich zu euch kam, Schwestern und Brüder, kam ich nicht, um euch mit vortrefflicher Rhetorik oder mit Weisheit  das Geheimnis Gottes zu verkündigen. Denn ich nahm mir vor, nichts anderes unter euch zu wissen als nur Jesum Christum, und diesen als Gekreuzigten. So war ich bei euch in Schwäche, mit Zagen und vielem Zittern, und meine Rede und Predigt bestanden nicht in überredenden Weisheitsworten, sondern im Erweisen des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft beruhe.  Amen.

Haben Sie’s gemerkt? Die Solidarität Christi mit den Menschen wird für den Verkündiger Paulus so ausgelegt, dass sie zugleich eine Solidarität des Apostels mit dem Gekreuzigten bedeutet: Nichts als den Gekreuzigten verkündigend, kann Paulus nicht anders, als die Form seiner Predigt ihrem Inhalt anzupassen. Rhetorisch bescheiden soll die Form daherkommen. Paulus verkündigt mit Zittern und Zagen, auf sophistische Überredungskünste und rhetorische Tricks verzichtend, darum bemüht, in den schwachen Apostelworten der Kraft Gottes Raum zum Entfalten zu geben. Allein diese Kraft solle vom Evangelium überzeugen, nicht menschliche Weisheit des Apostels. Gottes Kraft sei in den Schwachen mächtig, schreibt Paulus an anderer Stelle. Er ist sich im unmittelbaren Textkontext bewusst, dass mit menschlicher Weisheit nichts gewonnen wäre, wenn hellenistische Korinther davon überzeugt werden sollen, dass am skandalösen und ekelerregenden Kreuz, dem elektrischen Stuhl des Römerreichs, Gott zum Heile der Menschen gehandelt haben soll. Aus menschlicher Sicht ist diese Botschaft Schwachsinn, so räumt der Apostel ein.

Ziehen wir den Kontextradius weiter, wird noch deutlicher, wie Paulus zu seiner existentiellen Auslegung des Kreuzes Christi kommt—existentiell in dem Sinne, dass das Kreuz Christi in das Leben der Christen nicht nur als Heil schaffende Kraft hineinstrahlt, sondern auch als kritische Kraft sich in diese Leben einbrennt und so zum Beispiel den Verzicht auf sophistische Redekünste bewirkt. Er führt an zahlreichen Stellen aus, dass der Gekreuzigte ihn so in Beschlag nimmt, dass er sich selbst als—und das ist das Stichwort—als „mitgekreuzigt“ wahrnimmt, verzichtend auf glamouröse Werberhetorik (1 Kor 2,1-5), eigene Freiheiten und Rechte aufgebend, wenn dies dem Aufbau anderer dient (1Kor 8-10), den anderen Entscheidungsfreiheit lassend, anstatt von oben herab apostolisch zu dekretieren (1Kor 6). Bereits die Taufe (Röm 6) beschreibt Paulus in dieser Weise: In der Taufe werde der Täufling, wenn sein Körper unter Wasser getaucht werde, gleichsam mit Christus mitbegraben—um dereinst auch mit ihm aufzuerstehen. Seine gesamte christliche Existenz stellt Paulus unter das Vorzeichen, dass er mit Christus mitgekreuzigt sei. Ein Satz, den er auf zahlreiche Lebensbereiche anwendet. Die Rhetorik seiner Verkündigungsrede ist nur einer dieser Bereiche. Am deutlichsten dekliniert Paulus den Satz des Mitgekreuzigt-Seins durch, wenn immer er den Umgang mit anderen bespricht. Dieser sei vom Absehen von sich selbst gekennzeichnet, wenn dies anderen hilft (Phil 2).  Nicht in dem Sinne, dass der Christ für andere sich selbst aufzuzehren, sich aufzugeben habe; Paulus zitiert wiederholt das Gebot, den anderen zu lieben wie sich selbst—wie sich selbst (zB Röm 13). Aber dennoch ist unser Umgang mit anderen nur dann von Liebe geprägt, wenn wir auch immer wieder gewillt sind, unsere eigenen Interessen zugunsten der anderen zurückzustellen—nicht nur um uns selbst zu kreisen, vielmehr aus dem Egokreis herauszutreten auf die anderen zu. Auch dies heißt für Paulus, mit Christus mitgekreuzigt zu sein: die Freiheit, von sich selbst absehen zu können; die Freiheit, auf Freiheiten verzichten zu können. Wer kleine Kinder hat, weiß sofort, wovon ich rede.

Auf einer nächst höheren Ebene über der individuellen—auf der gesamtkirchlichen—gilt das Mitgekeuzigtsein für die Existenz der Christen gleichermaßen. Wir sind zuweilen entsetzt, wenn monumentale Kirchbauten verkauft und in Restaurants umgewandelt werden. Warum eigentlich? Unser gekreuzigter Herr versprach uns keine großen Häuser. Wir sind entsetzt, wenn die Kirchenfinanzen zusammenschmelzen. Warum eigentlich?  Unser gekreuzigter Herr versprach uns keine Reichtümer, auch keine Kirchensteuern. Die großen Kirchen nähern sich im Moment dadurch wieder an, dass auch die katholische Kirche unter Francisus dezidiert den Weg der Kreuzesnachfolge einschlägt, den Weg der Humilitas und Menschliebe.

Steigen wir mit einem letzten Schritt auch noch eine Ebene höher, auf die gesamtgesellschaftliche, wenn nicht gesamtmenschliche. Wir werden in den kommenden Jahrzehnten global eine Debatte über unseren Lebensstil zu führen haben—eine Debatte, die die meisten jetzt noch verdrängen, obwohl wir als Menschheit längst an unserem Lebensast sägen. Um den Wirtschaftswissenschaftler Kenneth E. Boulding zu zitieren: "Wer glaubt, unendliches...Wachstum sei auf einem...endlichen Planeten möglich, ist entweder verrückt oder Ökonom.” Oder halt Politiker, möchte man zufügen. Denn ohne Wirtschaftswachstum, so fürchten wir, brechen Sozialsysteme und Beschäftigtenquoten ein und die Schulden werden unbezahlbar. Wir wissen, dass wir so auf den ökologischen Abgrund zusteuern, aber wir tun zu wenig, schieben das Mandat des Handelns weiter—und zu wenig geschieht. Nach uns die Sintflut. Nur eine baldige globale Debatte über den Wachstumsbegriff, der seit siebzig Jahren den Globus beherrscht, und korrespondierend über einen bescheideneren Lebensstil auf allen Ebenen könnte die Sintfluten aufhalten. Eine globale Askese? Eine Illusion, solange sie nicht von sintflutartiger Not aufgezwungen wird? Christen mit ihrer Karfreitagtheologie des Mitgekreuzigt-Seins, des Sich-Bescheidens und Verzichtens, wenn es anderen dient—nämlich Kindern und Kindeskindern—solche Christen könnten einen wichtigen Beitrag zur dieser globalen Debatte leisten. Durch Worte, durch gemeinschaftliches Ausprobieren. Immerhin bekennen sich knapp 30% der Weltbevölkerung zu dem Gekreuzigten auf Golgotha.

Nach den ethischen Perspektiven—von der Ethik des Redners bis hin zum Lebensstil—kehren wir zu Paulus zurück. Abseits aller Ethik, findet für den Apostel der Satz, mit Christus mitgekreuzigt zu sein, auch dort Sinn, wo er selbst als Apostel leidet, auf seinen Wanderschaften hungrig bleibt, nachts friert, immer wieder von Wegelagerern belästigt wird, Schiffbruch erleidet und gestresst von den Problemen seiner Gemeinden sich die Haare rauft. Er schreibt: „Ich trage die Leiden Christi an meinem eigenen Leibe herum“, den Gekreuzigten abbildend. Es geht ihm nicht besser als seinem Herrn, der sich in menschliche Passion herabbückte, sie selbst durchlitt—mit uns. Mit dem Obdachlosen auf der Parkbank.

Damit schließt sich der Kreis. Die Solidarität des Gekreuzigten mit den ihn Abbildenden tröstet viele Christen auf  Krankenbetten und in Notlagen. Sie dürfen sich in dem am Kreuz Hängenden wiederfinden, sind nicht allein im Dunkel. Die Solidarität des Gekreuzigten ist für Paulus aber auch deshalb Trost, weil er als mit Christus Mit-Gekreuzigter gewiss sein darf, mit Christus dereinst auch aufzuerstehen. Deshalb enden Karfreitagsgedanken nicht mit einem Punkt, vielmehr an einem Doppelpunkt—auf den das Osterfest folgen darf. Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen in Christo Jesu. Amen.

 

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Letzte Änderung: 30.07.2014
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