18.05.2014: Prof. Dr. Martin Hailer über EG 135: Schmückt das Fest mit Maien

Gottesdienst an Kantate, 18.5.2014, Peterskirche zu Heidelberg

Predigt über EG 135: Schmückt das Fest mit Maien

 

Martin Hailer, Pfr.

 

 

»Schmückt das Fest mit Maien, lasset Blumen streuen, zündet Opfer an; denn der Geist der Gnaden hat sich eingeladen, machet ihm die Bahn. Nehmt ihn ein, so wird sein Schein euch mit Licht und Heil erfüllen und den Kummer stillen.«

 

Liebe Gemeinde,

 

So beginnt Lied Nr. 135 in unserm Gesangbuch. Um dieses Lied soll es in den nächsten Minuten gehen. Genauer: Mit diesem Lied geht es um uns; was wir tun, was wir erwarten, was mit uns geschieht. Also gleich hinein: »Schmückt das Fest mit Maien, lasset Blumen streuen, zündet Opfer an«. Das ist doch mal eine Aufforderung! Sehen wir uns um: Haben wir ihr Folge geleistet? Ich habe von hier oben den besten Überblick. Und ich stelle durchaus fest: Ja, das ist so! Das große, festliche Gotteshaus. Die Gemeinde, die sich in reicher Zahl versammelt hat. Der Blumenschmuck. Die Gaben zum Abendmahl, die bereits auf dem Altar stehen. Die festliche Musik, die Herr Gortner an der Orgel macht und unser Gesang dazu. Also, es ist schon so: Das Fest ist mit Maien geschmückt, Blumen sind gestreut, die Opfer angezündet. Irgendwas von der Aufforderung des Liedes scheinen wir begriffen zu haben. Nämlich: Die Besonderheit des Gotteshauses. Bewusst wahrnehmen, wo ich bin. Die Besonderheit, die nicht-Alltäglichkeit. Gottes festliches Haus, nicht meine Wohnung, die übliche Umgebung.

Und dafür gibt es Grund und Anlass: »denn der Geist der Gnaden hat sich eingeladen« heißt es in der Strophe. Das ist gut beobachtet vom Liederdichter. Gerade auch sprachlich. Nicht wir haben Gottes Geist eingeladen, sondern er sich zu uns. Der ganze Kirchenputz hier ist nicht die Vorbereitung für den Ersehnten, sondern vielmehr Nachbereitung. Je schon: hoppla? Je schon eigentlich zu spät, je schon nur Reaktion. Es ist also nicht so, dass wir souverän den Laden auf Vordermann gebracht hätten und nun auf den Gast warteten. Er ist je schon da, und was wir vorzubringen vermögen ist Reaktion, Staunen, Dank. Christen und Christinnen sind nicht souveräne, alles schon wissende Gastgeber. Vielmehr finden wir uns als die vor, die schon besucht sind.

Christen und Christinnen sind dessen gewürdigt, dass sie: hoppla? sagen dürfen, dass sie Reagierende und Empfangende sind. Christen und Christinnen sind dessen gewürdigt, nicht mit sich allein bleiben zu müssen. Gottes Geist hat sich bei uns eingeladen, und das ist einen gemeinsamen Gesang wert:

 

1) Schmückt das Fest mit Maien, lasset Blumen streuen, zündet Opfer an; denn der Geist der Gnaden hat sich eingeladen, machet ihm die Bahn. Nehmt ihn ein, so wird sein Schein euch mit Licht und Heil erfüllen und den Kummer stillen.

2) Tröster der Betrübten, Siegel der Geliebten, Geist voll Rat und Tat, starker Gottesfinger,
Friedensüberbringer, Licht auf unserm Pfad: gib uns Kraft und Lebenssaft, lass uns deine teuren Gaben zur Genüge laben.

 

Singen wir gemeinsam die ersten beiden Strophen.

 

[Orgel/Gemeinde: 135,1-2]

 

Dieser Choral stammt von Benjamin Schmolck. Schmolck lebte von 1672 bis 1737 und war lange Jahre Hauptpastor in der Stadt Schweidnitz, dem heutigen Schwidnjitza in Niederschlesien. Neben und mit seiner Tätigkeit als Geistlicher war er ein ungemein produktiver Liederdichter. Über 1100 Lieder und geistliche Gedichte verfasste er, das bekannteste darunter ist vielleicht »Tut mir auf die schöne Pforte«. Schmolck war weithin bekannt dafür, dass er seine Dichtungen in Andachtsbüchern zusammenstellte. Sie waren als tägliche geistliche Wegzehrung gedacht und den Auflagenzahlen nach zu urteilen, muss er damit etlichen Eindruck gemacht haben. Barocke Sprachkunst und eine durchaus innerliche, ja pietistische Frömmigkeit kommen in seinen Werken zusammen. Der Titel eines seiner Andachtsbücher ist so schön, dass ich ihn Ihnen nicht vorenthalten möchte: »Geistlicher Wanderstab des Sionitischen Pilgrims. Oder: Kurzgefaßte Gebeth- und Lieder-Andacht Derer, so in die Kirche reisen. In die Hand und an die Hand gegeben von Benjamin Schmolcken«. Dieser Geistliche Wanderstab ist ein Taschenbüchlein von nicht einhundert Seiten. Es steckt voller kleiner Gebete für den Sonntag und für andere Kirchgänge. Beginnend mit dem »Morgensegen, so man in die Kirche reisen will«. Und es enthält auch ein »Gebeth unter Weges zu seuffzen«. Nun: Ob Sie auf dem Weg heute morgen hierher geseufzt haben, weiß ich nicht. Aber dass man das eben doch tun könnte, ist Schmolcks Anregung. Denn, und das sagt er uns durchgehend: Es ist nicht selbstverständlich, ein Christ zu sein. Es ist nicht selbstverständlich, zur Kirche zu reisen (wie er sagt). Denn jede Kirche – und also auch unsere – ist ein Stück Zion. Wer sich dahin aufmacht, geht zum Wohnort Gottes, in seine Gegenwart. Täten wir das nur aus Routine, was täten wir denn? Wir würden zum Alltag machen, was ihn doch gerade durchbricht, verändert, neu aufstellt. Deswegen den geistlichen Wanderstab des sinoitischen Pilgrims durchaus mitgenommen. Und wer mit Benjamin Schmolck unterwegs seufzen möchte, tut wohl ganz recht daran. An Gottes Ort sich zu versammeln, ist nicht selbstverständlich und soll es auch nicht werden.

 

Einen Schritt weiter im Lied:

 

3) Lass die Zungen brennen, wenn wir Jesus nennen, führ den Geist empor; gib uns Kraft zu beten und vor Gott zu treten, sprich du selbst uns vor. Gib uns Mut, du höchstes Gut, tröst uns kräftiglich von oben bei der Feinde Toben.

4) Güldner Himmelsregen, schütte deinen Segen auf der Kirche Feld; lasse Ströme fließen, die das Land begießen, wo dein Wort hinfällt, und verleih, daß es gedeih, hundertfältig Früchte bringe, alles ihm gelinge.

5) Gib zu allen Dingen Wollen und Vollbringen, führ uns ein und aus; wohn in unsrer Seele,
unser Herz erwähle dir zum eignen Haus. Wertes Pfand, mach uns bekannt, wie wir Jesus recht erkennen und Gott Vater nennen.

 

Singen wir gemeinsam die Strophen drei bis fünf

 

[Orgel/Gemeinde: 135,3-5]

 

Vielleicht hat Benjamin Schmolck diese Verse besonders für sich selber geschrieben, der er ja ein Pfarrer war. Und für alle, die auf die eine oder andere Weise tagtäglich mit dem Christsein zu tun haben. Denn »Jesus nennen«, wie es in der dritten Strophe heißt, das tun wir doch andauernd und immer wieder. Vielleicht mit dem Ausruf des Erstaunens »Jessas na!« in meiner bayerischen Heimat. Aber auch tausendfältig, in der Gemeinde, im Studium der Theologie und wo auch immer. Und doch sagt, wer diesen Namen ausspricht, das schlechterdings Ungewöhnliche, das ganz genau nicht Alltägliche. Gott will mit uns zu tun haben. So sehr, dass er in Jesus uns gleich wird, auf gleiche Augenhöhe kommt. Ein Mensch wie wir bis auf die Sünde, so nennt es der Hebräerbrief. Und deshalb: lass die Zungen brennen, wenn wir Jesus nennen. Nicht irgendein Name, sondern der Name über alle Namen. Es ist gar nicht falsch, sogar Scheu zu empfinden, wenn man ihn ausspricht.

Die Konsequenz ist diese: »Wohn in unsrer Seele, unser Herz erwähle dir zum eignen Haus«. Gott, in Jesus geworden wie wir, will auch durch uns in der Welt anwesend sein. Gott erwählt der Menschen Herz als seinen Wohnort. Das ist ja nicht nur ein innerliches Ereignis. Es strahlt vielmehr aus. Es wird sichtbar, hörbar, fühlbar, in dem, was Menschen tun und wie sie mit ihren Mitmenschen umgehen. Wir sind gewürdigt, auf die eine oder andere Weise Gottesträgerinnen und Gottesträger zu sein in unserem Alltag. Auf die je zugemessene Weise, in der Fülle der Möglichkeiten. Dass wir dann in der vierten Strophe um Segen und Gelingen gebeten haben, ist nur noch konsequent. Diese Strophe ist besonders satt von biblischen Anspielungen – vom Manna über die Ströme der Gerechtigkeit bei Amos bis zum Gleichnis von Sämann. Barock, gewiss. Warum aber zurückhaltender, wenn es doch darum geht, dass Gott uns in Dienst nimmt.

Zu Ende des Liedes werden noch einmal andere Töne angeschlagen:

 

6) Hilf das Kreuz uns tragen, und in finstern Tagen sei du unser Licht. Trag nach Zions Hügeln uns mit Glaubensflügeln und verlaß uns nicht, wenn der Tod, die letzte Notr, mit uns will zu Felde liegen, daß wir fröhlich siegen.

 

Singen wir gemeinsam die sechste Strophe

 

[Orgel/Gemeinde: 135,6]

 

Es ist gar nicht nötig, diese Seite des Lebens abzublenden. Niemand von uns weiß, wie er oder sie sich anstellt, wenn es auf den Tod zugeht. Genauer: wenn er noch deutlicher und direkter auf den Tod zugeht, als er das jeden Tag tut. Aber wir können das mit uns tragen: Unser Ort ist nicht nur der, an dem wir eines nahen oder fernen Tages sterben werden. Unser Ort ist auch das Haus Gottes, Zion, wo wir mit Glaubensflügeln hingehören. Das ersetzt das Erleiden des Todes nicht. Aber es rückt es ins entscheidend neue Licht.

»Schmückt das Fest mit Maien«, so haben wir begonnen und eine kleine Inspektion der Kirche angeschlossen, ob das denn so sei; positiver Befund einschließlich. Unser Liederdichter schlägt mit der letzten Strophe eine Brücke dorthin: Es gibt die Himmelsmaien, die uns auf ewig erfreuen werden. Um ihretwillen ist es so wichtig, unser bisschen Gotteshaus mit Maien zu schmücken, Blumen zu streuen, Opfer anzuzünden. Denn der Gottesdienst hier kündet nicht nur von der Gegenwart Gottes. Er ist auch Angeld und Vorausblick: Was hier anfangshaft und fragmentarisch erlebbar ist, das wird Gott einst alles in allem sein. Der Himmel auch über dieser Kirche ist schon offen und wir gehören Gottes Zukunft schon an. Vor lauter noch so gerechtfertigter Konzentration aufs hier und jetzt möge uns das immer im Sinn sein:

 

7) Lass uns hier indessen, nimmermehr vergessen, daß wir Gott verwandt; dem laß uns stets dienen und im Guten grünen als ein fruchtbar Land, bis wir dort, du werter Hort, bei den grünen Himmelsmaien ewig uns erfreuen.

 

Amen.

 

[Orgel/Gemeinde: 135,7]

 

 

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Letzte Änderung: 30.07.2014
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