18.08.2013: Prof. Dr. Michael Plathow über Mk 8,22-26

 

 

 

                                             Offene Augen

                                                      Mk 8, 22 - 26

  Predigt am 12. So. n. Trin. (18. 8. 2013) in der Heidelberger Universitätskirche

                                              von Prof. Dr. M. Plathow

 

 

1. Liebe Gemeinde, mit offenen Augen und hörenden Ohren beteiligt war ich, als Mädchen und Buben mit fehlender Sehfähigkeit die Bibelabschnitte und Gebete aus der Braillebibel vortrugen und die Leiterin der “Blinden-Freizeit”, selbst durch Amaurose im räumlichen Orientierungsvermögen eingeschränkt zugleich ein selbstbestimmtes Leben führend, vor der Gemeinde bezeugte: Ich möchte als Blinde anerkannt und angenommen werden von Euch!

164000 Blinde gab es 2004 in Deutschland. In jedem Jahr werden etwa 110 Kinder blind geboren, die eine spezielle Förderung und Ausbildung erfahren.

Tausenden Menschen mit fehlender Sehfähigkeit in 81 Ländern hat seit 1908 die “Christoffel Blinden Mission (CBM)” im nahe gelegenen Bensheim Hilfe und Heilung gebracht - als “Recht auf Augenlicht”.

In diesem Sinn wird auch die elektroneurologische Forschung in der Ophthalmologie intensiviert; und das mit Recht.

 

Mit einer entsprechenden und dann weit darüber hinausgehenden Intention erzählt Markus - übrigens in dieser Form einzig in den vier Evangelien - die Augenheilung von Bethsaida.

 

2. Wie immer wieder auf seinen Wanderungen bringt man zu Jesus in Bethsaida einen Blinden. Jesus geleitet ihn an einen Ort, wo sie allein sind. Dort findet die Heilung in aller Stille statt: nicht coram publico, sondern pro homine. Marktplatz und Event ist solch ein außerordentliches Geschehen verschlossen.

Jesu Therapie ähnelt der der damaligen Speichel-Heiler. Aus dem Asklepios-Heiligtum in Epidauros ist sie bekannt, sogar von Kaiser Vespasian wird sie berichtet. Jesus schmiert Speichel auf die Augen des Blinden und legt seine Hände auf. Schleimigem Speichel und segnenden Händen wird heilende Kraft zugesagt.

Wir Heutigen empfinden ausgespucktem und hingerotztem Adjekt gegenüber Ekel. Kulturgeschichtlich und psychologisch internalisiert ist unser Ekel vor allem sich flüssig Zersetzendem, dem Vorboten des Todes als Antod. Allem Verwesenden und Verweslichen ist es eigen.

Entsprechende Abneigung begegnete mir bisweilen bei Besuchern in der Pflegeabteilung im Seniorenheim: der Widerwille gegen den im Zimmer Siecher liegenden Uringeruch, die Antipathie beim Windelwechsel Inkontinenter, der Ekel vor versabberten und verkleckerten Essensresten, die befremdete Entfremdung dementen Verwandten gegenüber. Ein oft unsicheres Schwanken zwischen bemitleidendem Hilfeversuch und den Augenkontakt vermeidendem Vorbeisehen derer am sozialen Rand - oft auch bei der Begegnung mit Blinden.

Das für manche von uns Ekel erregende Adjekt eröffnet durch Jesu Hände den Heilungsprozess. “Siehst du etwas?”, fragt Jesus. “Ich sehe Menschen umhergehen, als sähe ich Bäume”, lautet die mehrdeutig klingende Antwort. Jesus legt abermals die segnenden Hände auf die Augen des Blinden. Und jetzt mit einem Mal sieht dieser deutlich und klar - ein Wunder als “Durchbrechung menschlicher Erfahrungen und alltäglicher Sinnenwelt” (G. Theissen); es weist über sich hinaus; mehrdimensional ist es in seiner Semantik.

Davon aber nimmt der sehunfähige und verengte Blick der Bethsaidaner nichts wahr; auch die Jünger verstehen nicht. “Ihr habt Augen und seht nicht?, habt Ohren und hört nicht?, begreift ihr denn nicht?”, klagt Jesus mit Worten des Propheten Jesaja (Jes 6, 8ff), auf die sich dann auch Paulus bei  einer Predigt in Rom beziehen wird (Apg 28,26).

 

3. Wenn der verschwommene Blick, der Menschen wie Bäume wahrnimmt und den ‘Wald vor Bäumen’ nicht erkennt, zu klarem Sehen und Verstehen gewandelt wird, da fällt es wie Schuppen von den Augen, da widerfährt einem der Durchblick, da ereignet sich hinsehendes Staunen und verstehendes Erkennen. Sehen und Erkennen wird da zu einem Beziehungsgeschehen mit dem deutlichen Blick von Zuneigung getragener Teilnahme und Anteilnahme.

D. Bonhoeffer fand 1939, sicher in NewYork, im Zwielicht fürsorglicher Planungen, ängstigender Sorgen und dramatischer Gefühlsstürme, durch das tägliche Losungswort und durch vernünftige Gespräche mit Freunden den klaren Blick für die Entscheidung, am 7./8. Juli ’39 auf einem der letzten Schiffe heimzukehren zur “Teilhabe an Deutschlands Geschick”.

Anderen werden die Augen geöffnet für das Nicht-Selbstverständliche und für die zu bestaunenden Wunder des Lebens.

Bei manchem bricht angesichts der Masse an Informationen und der Menge an Möglichkeiten Verstehen auf, dem “das geistige Band” nicht fehlt und das zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem zu unterscheiden weiß. Bei anderen kommt es wider betriebs- und systemblinde Scheuklappen eines eindimensionalen Realitätssinns zum Augentakt mit dem konkreten Menschen, auch mit dem am Straßenrand Liegenden und unter Räuber Gefallenen.

Aber da ist auch das gleichgültige Wegsehen und ängstliche Augen-Verschließen. War es den Menschen um die nahe gelegene Kirche wirklich nicht möglich, für die protestierenden “Frauen der Rosenstraße” in Berlin einen Blick zu haben? Mussten Heidelberger dem Ehepaar Jaspers durch den Wechsel auf die andere Straßenseite bescheinigen, dass sie nichts mit ihnen gemein haben?. Und wir heute? Lässt unsere Fixierung auf Eigennutz den Blick für das Allgemeinwohl vernebeln? Macht das Starren auf Ökonomie und Sicherheit die Augen blind für Freiheit und Solidarität?

 

4. “Man sieht nur mit dem Herzen gut”, sagt als Sehhilfe mit B. Pascal der “Kleine Prinz”. “Habt ihr Augen und seht nicht? Erkennt ihr denn nicht?, fragt Jesus. Durch die Blindheit des Herzens sind die Augen glaubensblind. In einer Kehre erfährt der Glaube den Durchbruch hin zum “credere” als “cor dare”: das Herz hingeben und sich selbst so neu erfahren; das Herz hingeben an den, der die fehlende Sehfähigkeit und die glaubensblinden Augen heilt.

“Woran du dein Herz hängst, das ist eigentlich dein Gott”; Gott aber ist es, “dessen du dich versiehst in allem Guten und bei dem du Zuflucht findest in allem Schweren” (M. Luther). Glaube meint das grundlegende, Leben bestimmende Vertrauen auf den, der es gut mit uns meint in der Gemeinschaft mit Jesus Christus; dieser nimmt persönlich Anteil am Geschick des Blinden, am Straßenrand Liegenden, unter die Räuber Gefallenen, wie überhaupt an den Leidenden und am Leid der Welt. Für den Evangelisten Markus ist so die “Stunde” der Passion Jesu schon vorgezeichnet: das Geheimnis des Messias, dessen universal und konkret heilende Umwandlung der Welt der Prophet Jesaja verheißen hatte: “Wohl an, es ist noch eine kleine Weile ... Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen und die Elenden werden Freude haben am Herrn” (Jes 29, 17ff). Verheißung und Glaube korrespondieren. Das Wort der Verheißung, das wirkt, was es dem Glaubenden zusagt, und der Glaube, der empfängt, was das Wort der Verheißung eröffnet. Da erblicken Augen mit fehlender Sehfähigkeit neu die Mitwelt; da erschließt sich glaubensblinden Augen auf einmal mehr: ein neues Wirklichkeitsverständnis. Augen des Glaubens - sie sind offen für die neue Wirklichkeit vor Gott; die Wirklichkeit der Welt wird transparent für die Christuswirklichkeit, für den Christus praesens hier und heute. Mit nüchternem Blick und zugleich mit staunendem Sehen lassen sich die nicht-selbstverständlichen Wunder des Lebens im Kleinen und im Großen erkennen trotz Diskrepanzerfahrungen und destruktiver und katastrophischer Erlebnisse. Durch den Grauschleier, der Menschen schattenhaft wie Bäume wahrnimmt, öffnet sich die Sicht für Wesentliches und Unwesentliches, eine Sicht, die bei allem Finsteren im Vorletzen dieser Welt weiß um die Schau im Letzten, wo Gottes Gericht nach seinem Heilsplan alles heil machen wird in seinem Reich.

 

Als konkrete Sehhilfe erzählt eine chassidische Geschichte: “Wie bestimmt man die Stunde, in der die Nacht endet und der Tag beginnt?”, fragte einmal ein Rabbi seine Schüler. Die Schüler dachten kurz nach; dann war die Antwort des ersten heraus: “Ist es dann, wenn man von weitem einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann? - “Nein”, sagte der Rabbi. “Vielleicht ist es dann, wenn man von weitem einen Dattelbaum von einem Feigenbaum unterscheiden kann”, erwiderte ein anderer Schüler. Doch der Rabbi schüttelte nur den Kopf. - “Aber wann soll es denn sonst sein?”, fragten die Schüler ratlos. Da neigte sich der Rabbi seinen Schülern zu und gab zur Antwort: “Es ist dann, wenn du in das Gesicht irgendeines Menschen blickst und deine Schwester oder deinen Bruder erkennst”, eben den, dem du Nächster bist, da, wo das Reich Gottes schon heute Gestalt findet.

 

Das durfte ich vor kurzem, wie anfangs erwähnt, beim Gottesdienst, gestaltet von der “Blinden-Freizeit”, erfahren.

 

Gott schenke uns das sehende Herz, die Augen des Glaubens und die Wichtiges und Unwichtiges unterscheidende Vernunft durch den Glauben an Jesus Christus. Amen.

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Letzte Änderung: 23.09.2013
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