19.02.2012: Pfarrer Dr. Hans-Georg Ulrichs über Amos 5,21-24

 

Predigt über Amos 5, 21-24 im Universitätsgottesdienst an Estomihi, 19. Februar 2012, in der Peterskirche Heidelberg

 

Prediger: Pfarrer Dr. Hans-Georg Ulrichs

 

 

Liebe Gemeinde,

in welch närrischen Zeiten leben wir! Die Narren sind los – und das mit gutem Grund. Es ist nämlich wieder einmal an der Zeit. Nicht wahr, Sie werden mir als einem norddeutschen Protestanten gewiss nicht übel nehmen, dass ich mit dem Fasching nicht allzu viel am Hut, quasi an der Narrenkappe habe. Aber ich will mich über dieses Volkstum auch nicht mit moralisch-erregtem Zeigefinger erheben – heute Nachmittag werde auch ich den wirklich schnuckeligen Umzug in Ziegelhausen mitfeiern und das ein oder andere Bonbon lutschen.

Närrische Zeiten, die haben wir gegenwärtig allemal. Und die gab es immer wieder. Aber es sind nicht die Narren, die die Zeiten zu närrischen machen, sondern umgekehrt: weil die Zeiten närrisch sind, deshalb braucht es Narren. Denn das unterscheidet die Narren ja von diesen kurzatmigen Comedians heutigen Formats, dass sie die Zeiten, die Verhältnisse und Umstände als närrisch analysieren und darstellen – nicht zuletzt auf Kosten der Großen, Starken, Mächtigen und Schönen. Was meinen Sie, wie viele habgierige Wölfe in diesem Jahr die Motivwagen schmücken werden! Oder wie oft man sich der griechischen Mythenwelt bedienen wird, um den Euro- und Finanz-Wahnsinn aufs Korn zu nehmen! Narren sind da, um närrische Verhältnisse offen zu legen – und was kann die Wichtigkeit und angebliche Alternativlosigkeit besser und befreiender bloßlegen, als dass man – darüber lacht?! Narren sind also eine wichtige Institution, und manche Herrscher waren klug genug, um sich Haus- und Hofnarren zu leisten – der Legende nach durften nur sie über den König spotten. Aber nicht alle in diesem Beruf haben das Rentenalter erreicht.

In närrischen Zeiten wähnte sich auch mancher Prophet. Gewiss, nicht immer haben sie einfach und unmittelbar verständlich gesprochen, aber man ahnt doch bis heute, dass die biblischen Propheten sehr klar gesehen haben. Da stimmt etwas nicht, da muss man um Gottes willen, aber auch um der Menschen willen intervenieren, die Realitäten des Lebens mit Gottes Wort und mit Gottes Willen konfrontieren. Das bringt kaum Freundschaften ein, und kaum jemand hätte den „like it“-button angeklickt und die prophetische Meinung geshared und auf seiner Seite im social network gepostet, wenn es seinerzeit so etwas gegeben hätte. Mächtige und Meinungsmacher haben doch vielmehr versucht, die Propheten mindestens mundtot zu machen – manchmal entfiel „Mund“ auch. Kopf und Kragen haben die Propheten riskiert und sich manchmal um dieselben geredet. Ein Prophet hat besonders viele Gegner gehabt, weil er den Frevel gegen Gottes Gebote und menschliche Gerechtigkeit, weil er Glaube und Politik besonders eng miteinander verknüpfte. Amos.

Nach ganzen Kaskaden von Unheilsrufen, erst über die Nachbarvölker, dann über das eigene Volk, wo es noch viel ärger zugeht als bei denen, auf die man so gerne durchaus angewidert mit dem Zeigefinger zeigt; nach Reden voller prophetischem Sarkasmus, weil die Mächtigen die Armen noch weiter ins Elend stürzen und Unterstützung dabei auch von Justiz, Militär und den religiösen Institutionen finden, sagt Amos besonders zu denen, die sich auf Gottes Seite wähnen bzw. die Gott auf ihrer Seite wähnen, folgende Worte:

cap. 5: 21 Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. 22 Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. 23 Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!

24 Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

 

Welch närrische Zeiten müssen das gewesen sein! Das erkennt ein Narr von Prophet und weiß es auszusprechen. Die Mächtigen und Meinungsmacher werden ob dieser Publikumsbeschimpfung, die man sich höchstens einmal als Kunstform im Theater gefallen ließe, nicht gelacht haben, - aber vielleicht die Unterdrückten im Lande? Haben sie vielleicht ein wenig Luft geholt beim Lachen über ihre Unterdrücker? Das, was die Herrschenden für verbindlich und vorbildlich deklariert haben, was dann aber eben auch ein Herrschaftsinstrument der Mächtigen über die Machtlosen wurde, die Religion: die Feiertage und Versammlungen, die Praxis der Gottesverehrung, Liturgie – all das ist nicht etwa wichtig und würdig und Gott gemäß, nein, Gott ekelt sich geradezu davor. Was für eine Narretei, bei der der Prophet nun wirklich Kopf und Kragen riskiert.

Wie herrlich wäre es, wenn man sich, wenn wir uns nun ergötzen könnten an den Schlechtigkeiten der anderen! Die anderen: beispielsweise die bösen Leute, gegen die Amos sich wendet. Mannomann, was waren das bloß für schlimme Finger! Die anderen: beispielsweise diejenigen heute, über die man sich so aufregen muss: die bösen Banker, die peinlichen Politiker, die verruchten Verwalter. Mannomann, was könnte, was müsste man sich da aufregen. Aber ehrlich!

Herrlich, wie man sich da mit Amos in Rage reden könnte. Da könnten wir uns, passend zur Narrenzeit, einmal so richtig gehen lassen. Natürlich, wir (!) haben uns ja viel zu sehr unter Kontrolle, als dass wir das auch noch zugeben würden, wie sehr wir uns in den Schlechtigkeiten der anderen suhlen – Fremdschäm-TV ist doch ein Unterschichtsphänomen, nicht wahr? Aber doch irgendwie merkwürdig, wie es uns doch längst nicht immer nur klammheimlich aufbaut, wenn dem Nebenmenschen irgendwie das Leben wegrutscht. Wer wollte behaupten, dass es diese Logik nur gerade in Kirche und Universität nicht auch gäbe?

Aber das ist vielleicht zu sehr herumpsychologisiert. In der Kirche gab es auch immer Menschen, denen es gegeben war, so etwas wie ein prophetisches Wächteramt auszufüllen. Das ist riskant, muss aber wohl gewagt werden. Einer muss den Ruf riskieren: Haltet ein, Euer Weg, Euer Tun und Handeln läuft den Geboten Gottes stracks zuwider. Mir fielen da schon irre Beispiele aus dem Wirtschaftsleben ein, wo Dinge so offenkundig schief laufen: Nordseekrabben werden in Ostfriesland an Land gebracht, dann nach Marokko gebracht, um sie pulen zu lassen, und die gepulten Krabben werden dann zurück verfrachtet und in Greetsiel verkauft. Da muss doch jetzt endlich jemand ´mal „Haltet ein!“ rufen. Gewiss, bei Amos könnten wir in die Prophetenschule gehen und lernen, was es heißt, Gottes Wort in die Situation hineinzusprechen.

Aber, liebe Gemeinde, ein Gedanke hat mich letzte Woche herumgetrieben: Was wäre, wenn nicht wir wie Amos die Klage führen dürften, sondern wenn wir selbst Adressaten dieser Worte wären? Wenn wir uns nicht damit ablenken oder beruhigen könnten, auf die schlimmen Verhältnisse damals zu verweisen oder auf die Gauner und Ganoven links und rechts von uns zu zeigen und zu schimpfen, sondern uns und unser Tun und Lassen, unser närrisches Treiben von Amos seziert zu bekommen? Kein schöner Gedanke, und erst recht nicht für eine Predigt, die doch der Auferbauung dienen soll.

Aber stellen wir uns das nur einmal vor:

Da käme Amos und spräche zu mir und entrisse mir das, was mir so heilig ist: Hans, sagte er, - wir duzen uns, weil wir doch Geschwister im Glauben sind – Hans, Du kannst es Dir schenken, mit arrogantem Hochmut Sonntag für Sonntag zur Kirche zu fahren zu einem Gottesdienst, den Du als Kirchenfunktionär mitorganisierst – denn Gänsehaut bekommt Gott von diesen religiösen Feierlichkeiten, ja es widert ihn an. Du willst darin Gott loben, und doch bist Du mit Deinem ganzen Tun und Lassen, mit der Zugehörigkeit zu den Beamtengehältern und den Rücklagen Eurer Finanzsysteme und den letzten historischen Ausläufern des Staatskirchentums doch ein gewichtiger Teil des Unrechts, das fort- und fortgeschrieben wird. Wo sind denn die Armen, Recht- und Sprachlosen, die Unterdrückten und Looser? Sitzt Du neben ihnen, gönnst Du ihnen einen Platz neben Dir in Deiner feierlichen Religiösität? Dein selbst gemachter kirchlicher Wohlgeruch sticht dem Herrn in die Nase.

Vielleicht käme Amos hier sogar herein – als Gottesdienststörer, stellt Euch das nur einmal vor. Sonntag für Sonntag komme ich, wie viele von Ihnen auch, gerne hierher zum Gottesdienst und freue mich an diesem so schönen Haus – und dann würde Amos so richtig vom Leder ziehen. Na, würde er sagen, seid Ihr schön religiös gestimmt durch das milde Licht, das hier so kunstvoll und teuer bezahlt ins Kirchenschiff fällt? Frisch geduscht und hübsch aufgebrezelt sitzt Ihr hier in der warm beheizten Kirche und ergötzt Euch an einer – für badische Verhältnisse – total aufgebauschten Liturgie. So will ich aber gar nicht verehrt werden und von Euch schon zweimal nicht.

Und dann hätte Amos noch ein galligen Kommentar in Richtung unseres bildungsbürgerlichen Kunstsinns parat: Na, da horch emol! Ein Jahr der Kirchenmusik habt Ihr auch noch ausgerufen! Wie Ihr die Musik genießt und als besonderen Zugang zum Glauben propagiert. Alle Achtung! Die einen stehen mehr auf Klassisches, die anderen mehr auf neuere Sachen, ja? Aber in einem seid Ihr einig, ohne es freilich zu wissen: Das alles ist nicht Gottes Musik, Eure Töne nerven ihn. Was bildet Ihr Euch eigentlich ein, dass Eure Musik den himmlischen Tönen irgendwie entsprechen könnte! Glaubt Ihr wirklich, Gottes Musik zu spielen?

Ich breche hier besser ab. Amos bricht ja auch ab. Er kritisiert massiv, aber er sagt auch, was fehlt und warum er Kritik übt. Das Ziel ist nicht ätzende (!) Kritik, Kritik, um andere niederzudrücken. Kritik ist gewiss nötig und ein Mittel, aber das Ziel ist etwas anderes: die Aufrichtung oder Wiederherstellung von Recht und Gerechtigkeit. Man kann es vielleicht so auf den Punkt bringen: Es gibt keine richtige Gottesverehrung im falschen Leben.

Und nun gilt es nochmals, genau hinzuschauen. Hoffentlich verstehe ich Amos hier richtig. Aber ich glaube, dass er nicht die religiöse Praxis und das Tun des Gerechten gegeneinander ausspielen will: Nicht Gottesdienst, sondern Recht und Gerechtigkeit. Das wäre eine falsche Alternative und gerinnt schnell zur Ideologie, die um ihrer selbst willen da ist. Ich verstehe Amos so, dass er auf der einen Seite den Gottesdienst deshalb kritisiert, weil auf der anderen Seite Recht und Gerechtigkeit nicht nur vernachlässigt, sondern sogar verhöhnt werden. Das passt nicht: Sich Gott zuzuwenden, ganz religiös, damit vielleicht sogar die herrschenden Verhältnisse unterstützen, aber den Glauben nicht im Leben zu bewähren, sich nicht dem Nächsten zuzuwenden.

Umgekehrt wird daraus ein Schuh: Schöne Gottesdienste feiern mit fröhlicher oder auch würdiger Liturgie, den schönen Gottesdienstraum und gute Musik genießen – all das ist herrlich, so lange auch Montags, so lange im Alltag, so lange im übrigen Leben Gottesdienst im wörtlichen Sinne gefeiert wird: so lange Gottes Gebote gehalten werden, man die Schwachen schützt, Ungerechtigkeiten bekämpft und Recht aufrichtet. Dietrich Bonhoeffer hat in richtig schlimmen Zeiten diesen Zusammenhang auf den Punkt gebracht: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen!“ Dafür ließen sich gewiss viele Beispiele benennen, die unser Leben betreffen.

Wir würden wohl die harten Worte des Amos auch ertragen und aushalten müssen. Davon gibt es keine Ermäßigung. Aber, lieber Amos, würde ich sagen, und das gewiss nicht zu Selbstrechtfertigung, wohl aber unter dem Vorbehalt menschlicher Schwäche und aller tragischen Verstrickung: Wir glauben auch montags, jedenfalls versuchen wir es. Unsere Diakonie etwa geht den Problemen nicht aus dem Weg, sondern geht sie an. Am Anfang der Plöck beispielsweise, da gibt es mehrere wunderbare kirchliche Einrichtungen, wo Kranken, Alten, Obdachlosen geholfen wird. Und politisch versuchen wir Christen auch, jeder und jede nach eigener Einsicht und Fähigkeit, uns einzubringen und der Stadt Bestes zu suchen. Sicher, mit unserem Tun können wir uns nicht die Erlaubnis für den gregorianischen Gesang erkaufen, aber der Zusammenhang ist uns und anderen Christen klar geworden. Ich denke etwa an die europaweite Gospelbewegung, die fast zwanzig Jahre vor allem für geistliche Bewegung gesorgt hat – und nun sich verstärkt für Recht und Gerechtigkeit einsetzt: mit Spendengeldern, mit Kampagnen, mit politischer Aufklärungsarbeit. Da wurde das prophetische Wort gehört. Und ich denke auch an die evangelikalen Gruppierungen und Organisationen, die früher nicht selten uns in den Volkskirchen das gesellschaftspolitische Engagement vorwarfen. Gerade auch bei den Evangelikalen werden gegenwärtig Bemühungen um Recht und Gerechtigkeit forciert.

Gewiss, kein Grund zur Überheblichkeit bei uns und bei anderen, aber doch ein Hoffnungsschimmer, dass Gottes Wort nicht folgenlos und ohne Frucht bleibt. Das Recht strömt noch längst nicht wie Wasser und die Gerechtigkeit nicht wie ein nie versiegender Bach, aber an vielen Orten ist das Tun des Gerechten aus Dankbarkeit des Glaubens lebensdienlich. Für dieses Tun brauchen wir aber auch eine Quelle, dieses Sich-von-Gott-Beschenkt-Sein-Lassen muss erfahren und gefeiert werden, wir brauchen Orte, „zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn“, wie Psalm 27 singt. Es ist gut, dass wir hier Sonntag für Sonntag in der Peterskirche oder auch in anderen Gemeinden zusammenkommen und Gottesdienst feiern, und es ist gut, wenn wir dadurch Kraft finden, Recht zu suchen und Gerechtigkeit zu üben. Möge Gott unseren Glauben segnen und unser Tun zu einem Segen für diese Welt werden lassen. Amen.

 

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Letzte Änderung: 23.05.2018
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