19.03.2017: PD Dr. Doris Hiller über Eph 5,1-2.8-9

Gottesdienst am 19. März 2017

in der Peterskirche, Heidelberg

Eph 5,1-2.8-9

 

PD Dr. Doris Hiller

 

Twitter-Nachricht vor drei Wochen: Die Polizei hat gerade gepostet, dass der Amokfahrer am Bismarckplatz deutscher Herkunft sei. Der Kommentar bzw. Tweed dazu: Vergiss es, ich glaub dem, was meine Freunde gesehen haben, Migrationshintergrund. ­– Eine Zeitung diagnostiziert: Neben fehlendem Respekt gegenüber der Staatsgewalt, macht sich in den sozialen Medien mehr und mehr populistischer Argwohn breit. 

Meine Augen sehen, meine Ohren hören… Liebe Gemeinde, heute die Bibel. Mehr Autorität geht nicht. Und das soziale Medium ist ein Brief. Aber ausgerechnet der Epheserbrief. Eingeordnet in die kleinen Paulusbriefe, doch wer genauer hinsieht, muss erkennen: Verfasser und Adressat historisch nicht mehr wirklich auszumachen. Ein Schreiber bedient sich möglicherweise – wie damals üblich – einer anderen Autorität, beruft sich auf das Establishment. Manche Theologen vermuten keinen Brief, sondern eine Predigt und der exegetische Kommentar zur Pseudepigraphie ist Wasser auf die Mühlen aller, die in dieser Jahrtausendschrift Bibel sowieso nur einen Fake sehen: alles pseudo, alles erfunden, recht gut gedichtet, aber alle Dichter lügen.

Können wir dem noch trauen, was unsere Augen sehen und unsere Ohren hören? – Oculi nostri…[1]

So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch. … Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts, die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Oculi nostri…

Zweimal wird in diesen vier Versen aus dem 5. Kapitel des Epheserbriefes zum Wandel aufgerufen: Wandelt in der Liebe. Wandelt als Kinder des Lichts. Und schon stolpere ich beim Lesen und Hören dessen, wovon der biblische Brief sonst so schreibt. Egal von wem, egal an wen er gerichtet ist. Definitiv sind es Worte, vor fast 2000 Jahren gesagt. Nicht so alt wie die Menschheit, aber die Menschen sehen immer wieder und zu allen Zeiten alt aus, wenn es um Charakter und Haltung, um Zusammenleben und Lebenswandel geht. Von wegen lieblicher Geruch: Es stinkt geradezu zum Himmel. Selbst in einer noch recht jungen Christengemeinde, wo die Strukturen doch noch gar nicht so eingefahren sein können. Der Aufruf zu rechtem Lebens- und Glaubenswandel tut Not, auch für Christen.

Es scheint zu allen Zeiten lieblos zuzugehen. Wo Menschen leben, scheint Finsternis nicht weit. Ob Dunkel-Ephesus, Dunkel-Deutschland oder Dunkel-Amerika. Der Epheserbrief beschreibt eine Führungskrise. Die direkten Zeugen des religiösen Neuaufbruchs sind tot. Die Gemeinde ist dabei, sich verlaufen. Irrlehrer helfen kräftig mit. Wer soll schon wissen, was postfaktisch noch glaubhaft ist? Die Ordnungs- und Wahrheitshüter – sind sie wirklich noch Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen? Hat sich das Establishment nicht längst seine eigenen Regeln gegeben und eine eigene Interpretation von dem, was gut, gerecht und wahr ist?

Im Hintergrund des Briefes flirrt ein verwirrendes, durcheinander geratenes, diabolisches Gesellschaftsbild – und wenn die jungen Christen dieser Gegend in und um Ephesus ermahnt werden müssen, dann wohl deshalb, weil es eben nicht nur die Heiden und Gottlosen sind, die der Lüge verdächtig sind. Mehr als die Hälfte des Briefes besteht aus Mahnung. Und weil sich irgendwie jeder in diesem Gesellschaftsbild wiederfinden kann, wird es dadurch erst recht dunkel: Jene, die meinen, Lügenpresse ist überall, könnten schreien: Selbst dieser Briefeschreiber mahnt zur Wahrheit. Jene, die meinen, eine züchtige, moralisch einwandfreie deutsche Kultur sei die Alternative, könnten sich der Haustafeln des Epheserbriefes bedienen: Wer hier wohnen will, ordne sich unter.

Können wir dem noch trauen, was unsere Augen sehen und unsere Ohren hören? – Oculi nostri…

Auch wenn in unserer wirren gesellschaftspolitischen Lage fundamentalistische Strömungen wenigstens eine biblische Buchstaben-Wahrheit retten wollen und damit die Verunsicherung nur steigern: Die Säkularisierung und Entkirchlichung, die wir, die wir hier unter einem Kirchendach versammelt sind, so sehr beklagen – vielleicht hat sie gerade heute etwas Gutes. Die populistischen Strömungen können sich zu ihrer Autoritätssicherung nicht mehr so ohne weiteres der Bibel bedienen. Ihre Zielgruppe kann mit Verweisen auf die Bibel nicht mehr viel anfangen. Eine meiner Lehrvikarinnen wollte neulich hier in Heidelberg in einer Grundschulklasse im evangelischen Religionsunterricht über Taufe und Segen reden. Einfachste christliche Zeichenhandlungen auf Bildern gezeigt, konnten nicht zugeordnet werden. Und: Man würde am liebsten die Hände vor das Gesicht schlagen und die Ohren zuhalten, wenn das Radio die Antworten aus Straßenumfragen zur Bedeutung christlicher Feiertage sendet.

Hände vor’s Gesicht, Ohren zuhalten: das wäre falsch und irgendwie so etwas wie kirchlicher Populismus: Erbärmlich am Rande der Gesellschaft stehen, hochnäsig mit verächtlichem Blick auf ein prekäres Milieu. Die Kirche, wir, sind zum Wandel aufgerufen. Wir haben ganz richtig gehört. Nicht: Kirche muss zum Wandel aufrufen. Sondern: Kirche, wir, sind zum Wandel aufgerufen. Und zuallererst zur Nachahmung. Kirche lebt mimetisch, nachahmend: So ahmt nun Gott nach… Mimesis ist anderes als der Versuch, es Gott gleich machen zu wollen. Das Scheitern wäre vorprogrammiert. Nachahmung Gottes oder, evangeliumsorientiert, Nachfolge Jesu ist nicht bloßes Hinterherlaufen. Nachahmung, Mimesis, Nachfolge heißt Wandel.

Wandel in Liebe, Wandel als Kinder des Lichts. Was sehen unsere Augen, was hören unsere Ohren? – Oculi nostri…

Unsere Augen sehen stets auf den Herrn. Das Aufsehenerregende dieser Ansicht ist der Blickwechsel. Der Wandel beginnt bei Gott. Er lässt sich nicht nur ansehen, er hat selbst hingesehen. Er hat sich selbst ein Bild gemacht von dem, was aus seiner Welt geworden ist. Er donnerte nicht großmächtig von den Wolken herab: Make my world great again. Seine Kraft wurde im Schwachen mächtig. Er hat sich so klein gemacht, dass unsere Augen seine Allmacht fassen können. Ein Kind, der Menschensohn, mit Augen und Ohren für all die Menschensöhne und -töchter bis in unsere Nachbarschaft hinein. Gott hat in ihm mit eigenen Augen gesehen, was ist. Für einen Augenblick nur hat es ihm die Sprache verschlagen. Für einen Augenblick nur wurde es still, totenstill: und Christus hat sich selbst für uns gegeben, den Gestank aller menschlichen Todeszonen überwindend.

Dann sprach Gott, wie am Anfang: Es werde Licht. Und es strahlte hell aus dem Dunkel der Weltgräber heraus: die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Wenn unsere Augen stets den Herrn sehen, dann sehen sie Christus in unserer Welt. Kirche steht nicht am Rande der Gesellschaft, sondern in Christus steht sie mitten drin. Dort also sollen wir nun hinsehen und hingehen. Mitten hinein in diese, mitten hinein in unsere Welt. Wir können Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit ausstrahlen, weil unsere Augen und Ohren neu justiert sind. Justiert, also ausgerichtet am Lebenslicht Christi, das dem Dunkel, dem Hass, dem Ungerechten, der Lüge, also allem, was verrückt ist, Aufrichtiges entgegenhält. Zur Nachahmung empfohlen: Wandelt als Kinder des Lichts.

Die biblische Sprache in Luthers Übersetzung klingt anmutig. Wandelt! – Kein Wort gegenwärtiger Alltagssprache, aber wir hören heraus: Hier ist kein blindes oder hektischen Umherrennen gemeint. Die Kinder des Lichts sind keine flirrenden Glühwürmchen und keine kurzlebigen Blendfeuer. Kinder des Lichts wandeln. Anmutig. Mutig gehen sie es an.

Kinder des Lichts, die stets auf den Herrn sehen, sind nicht einfach nur gut. Sie sind gütig. Gut sein wird schnell selbstbezüglich: Bin ich nicht gut? – Gütig sein sieht den anderen. So, wie Gott die Menschen gütig, mit offenen Augen ansieht, lernen wir das Hinsehen neu. Menschen geraten in unseren Blick, vor denen wir sonst die Augen verschlossen hätten, an denen wir vorbeigesehen hätten. Güte beugt sich hinunter und hilft.

Kinder des Lichts, die stets auf den Herrn sehen, sind nicht richtig. Sie sind gerecht. Richtig sein wird schnell selbstbezüglich: Ich habe alles richtig gemacht. – Gerecht ist, wer gerecht gemacht ist. So, wie Gott Menschen aufrichtet, sie auf Augenhöhe ansieht, lernen wir das Aufsehen neu.

Kinder des Lichts, die stets auf den Herrn sehen, glauben nicht einfachen Wahrheiten. Sie glauben der einen Wahrheit. Einfache Wahrheiten täuschen Leben nur vor. Gottes Wahrheit verdunkelt nichts. Enttäuschtes und Getäuschtes wird geklärt. In der Klarheit und Wahrheit des göttlichen Augenblicks lernen wir das Ansehen neu. Wir lernen, wie Gott uns ansieht und wir lernen, einander anzusehen. Menschen der einen Wahrheit, du und ich und der andere sowieso haben Ansehen, Würde.

In Gottes Augen gütig, gerecht und wahr. Eine mimetische, eine nachahmende Kirche kann gar nicht anders, als leuchten. Kinder des Lichts, die wir sind, blenden nicht. Sie leuchten, weil Schlechtes, nach rechts Gerücktes, weil Hass und Fake ans Licht gebracht werden müssen. Wir leuchten, weil gütiges Helfen, gerechtes Handeln und wahrhaftiges Reden uns vor Freude strahlen lässt. So bleibt es hell in Gottes Welt. Wandeln wir: Gehen wir es mutig an.

Oculi nostri…

Twitter-Nachricht heute Morgen in der Peterskirche: Biblische Zeugen haben gerade gepostet, dass das Licht göttlicher Herkunft ist. Der Kommentar bzw. Tweed dazu: Ich werde es nicht vergessen. Die Botschaft des Lichts ist lauter Wahrheit.

Der Friede Gottes, der wider alle menschliche Unvernunft vernünftig und wahr ist, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, dem Licht der Welt. Amen

 

 

[1] In Variationen intoniert von Prof. Dr. Carsten Klomp an der Orgel.

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Letzte Änderung: 29.05.2018
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