19.05.2013: Prof. Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh über Gal 3,1-5

Galater 3, 1-5: Pfingsten

Peterskirche Heidelberg, 19. Mai 2013

 

Prof. Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh

 

 

Die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

1 O ihr unverständigen Galater! Wer hat euch bezaubert, denen doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte?

2 Das allein will ich von euch erfahren: Habt ihr den Geist empfangen durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt vom Glauben?

3 Seid ihr so unverständig? Im Geist habt ihr angefangen, wollt ihr‘s denn nun im Fleisch vollenden?

4 Habt ihr denn so vieles vergeblich erfahren? Wenn es denn vergeblich war!

5 Der euch nun den Geist darreicht und tut solche Taten unter euch, tut er‘s durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt vom Glauben?

 

Pfingsten, liebe Gemeinde, öffnen sich die Kirchentüren. Gottes Geist breitet sich aus. Wie ein kräftiger Wind bläst er herein und rüttelt und schüttelt uns in unserer trauten Runde. Auf geht’s, kommt, geht hinaus, ihr seid frei! Seid mutig und bewegt euch: Pfingsten ist ein Straßenfest! Der Geist der Freiheit führt uns ins Freie. Alle sollen es wissen: Die Kraft des Geistes Gottes erneuert die Welt!

I

Die Galater haben ihren Schwung verloren. Irgendetwas fasziniert und bezaubert sie so, dass sie sich anders orientieren, als Paulus das erhofft hat. Sie feiern Pfingsten lieber in der guten Stube als Geburtstagsfest ‚ihrer‘ Kirche, statt an diesem Tag gemeinsam mit Gottes Sohn und der Kraft des Heiligen Geistes in die Welt aufzubrechen.

Die Gliederung des Galaterbriefes und der Rhythmus der Sonntage des Sommersemesters haben diesen Abschnitt aus dem 3. Kapitel des Galaterbriefs zum Predigttext für den heutigen Pfingstsonntag gemacht. Ein Bibeltext, selten gepredigt, gibt der Festpredigt einen ungewöhnlich kritischen Ton vor.

Vom Geist ist mehrfach die Rede. Die Galater haben ihn empfangen; sie haben in ihm begonnen. Die Kraft des Geistes hat sie zu besonderen Taten befähigt. Aber jetzt wirkt dieser kräftige Geist bedroht: Spüren denn die Galater seine Kraft nicht mehr? Verlieren sie ihn aus den Augen? Erinnern sie sich nicht mehr, was sie zusammen- und in ein neues Leben geführt hat? Wollen sie sich in Zukunft wieder von ihren Bedürfnissen nach Anerkennung und Sicherheit ihr Leben bestimmen lassen statt vom Geist Gottes?

Dagegen mahnt und zerrt Paulus: Ihr wart doch auf dem richtigen Weg! Ihr habt doch im Geist begonnen! Das kann doch nicht alles vergeblich gewesen sein! Fast verzweifelt klingt Paulus. Erwartet er mehr von der Umkehr der Galater als von der Kraft des Geistes, die die Gemeinde und die Welt trägt und bewegt?

Was zeichnet diesen Geist Gottes aus, auf dessen Wirkung Paulus hofft und für dessen Gegenwart wir an Pfingsten danken?

II

Zuerst: Er führt Menschen zusammen, die sich aus religiösen, sozialen, politischen oder kulturellen Gründen fremd oder gar feind sind oder waren: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt eins in Christus Jesus“ (Gal. 3, 28) heißt es wenige Verse später am Ende des 3. Kapitels des Galaterbriefes. Unter dem Kreuz entsteht in diesem Pfingstgeist eine neue Gemeinschaft, eine, die sich nicht an die Grenzziehungen und Wertungen hält, die unseren Alltag normalerweise bestimmen.

Studierende erzählen mir manchmal von der Kapellengemeinde oder vom Projekt Manna. Dort treffen sich, nur wenige hundert Meter von hier entfernt, Menschen, die sich eigentlich vor allem unterscheiden: Studierende und Hilfsbedürftige, Engagierte und Menschen ohne Zuhause, Alte und Junge, aus verschiedenen Milieus und mit unterschiedlicher Bildung, angesehen oder eher nicht so gern gesehen. Sie reden und spielen, essen und trinken miteinander und finden in dem einen Geist zusammen. Sie entdecken sich gegenseitig als Gottes Kinder, als Freundinnen und Freunde. „Ihr habt im Geist begonnen!“

Was zeichnet geistvolles Miteinander aus? Was treibt eine Gemeinschaft im Geist Gottes?

Mir fällt die Begegnung mit einer ‚inklusiven‘ Gruppe von Studierenden ein: Männer und Frauen mit und ohne (sichtbare) körperliche Beeinträchtigungen, die sich regelmäßig treffen. Sie erzählen von Schwellen auf der Straße und in den Häusern, aber vor allem auch in unseren Köpfen oder in Verordnungen. Sie machen es denen mit Beeinträchtigungen oft schwer, einfach so dabei zu sein. Dabei wird von ihnen zunächst einmal dasselbe an Leistung für die berühmten ECTS-Punkte erwartet – und sie selbst wollen auch keine Ermäßigung. Aber oft genug können sie ihre Fähigkeiten nur erst unter anderen Bedingungen gut zeigen; und wir anderen entwickeln erst auf ihr beharrliches Nachfragen Phantasie für ein neues Miteinander der Gaben.

Mich hat überrascht, dass die jungen Leute gar nicht verbittert waren. Vielmehr blitzt im Gespräch viel Klarheit, Kraft und Glauben auf, lauter Gaben des Geistes. Sie erzählen ihre Erfahrungen mit Witz und Humor, so dass ich nicht vor Peinlichkeit, Ärger oder Unsicherheit im Boden versinke, sondern mit ihnen lachen muss.

So breitet sich Gottes guter Geist aus. Mit diesem Lachen öffnet sich der Himmel, so wie auf den alten Pfingstbildern; wir werden leichter, wir werden hoch gehoben.

Doch der Geist hebt nicht ab und geht luftig und locker über die Not hinweg, so als sei gleichgültig, was auf Erden geschieht, als gingen ihn Krankheit und Ungerechtigkeit nichts an.

Nein, die Kraft des Geistes und das Bild des Gekreuzigten gehören unauflöslich zusammen; wer sich vom Himmelsgeist erhoben fühlt, hat das Kreuz vor Augen; wer unter dem Kreuz mitleidet, wird vom Geist gestärkt und aufgerichtet.

Die Geistkraft macht Mut zu einem neuen Miteinander, in diesem Fall Mut, Barrieren abzubauen und unser Leben so zu gestalten, dass Menschen mit ihren individuellen Grenzen und mit ihren besonderen Begabungen in unserer Mitte ihren Platz finden.

IV

Das zweite, das diesen Geist auszeichnet, ist die Freiheit. „Zur Freiheit hat euch Christus befreit!“, ruft Paulus den Galatern zu. Im Geist der Freiheit habt ihr begonnen.

Frei, das heißt: Ich werde nicht mehr von anderen darauf festgelegt, wie ich zu sein habe: in Galatien nicht vom römischen Kaiser, heute nicht von gesellschaftlichen oder medialen Vorgaben. Und ich lege mich und andere auch nicht auf Bilder, Konzepte und Projekte fest, die ich oder wir dann mit immer größerer Perfektion zu erreichen versuchen, die uns immer weiter vorwärts treiben, aber am Ende nur müde machen.

Das geht mit Kleinigkeiten los: Was ziehe ich an? Wie trete ich auf, damit mich die anderen anerkennen? Aber es geht schnell an meinen Kern: Wie orientiere ich mich beruflich und privat? Kann ich beides verbinden oder gilt das im Beruf gleich als: der oder die ist nicht an Karriere interessiert? Was gelte ich, wenn ich etwas nicht schaffe oder etwas nicht schaffen will? Was sind meine Werte? Wofür stehe ich ein? Wobei bin ich nicht bereit, mitzumachen?

Der Geist Gottes befreit. Er eröffnet neue Perspektiven; er stärkt mich in meinen Entscheidungen. Aber diese Freiheit bedeutet auch Aufbruch und Begegnung mit Unbekanntem; bedeutet auch Unsicherheit, weil Gott eben Geist ist und nicht an feste Orte und Zeiten, an klare Abläufe und feste Regeln gebunden.

Dagegen suchen die Galater nach Halt und entdecken für sich, was mehr Gewissheit verspricht: Regelwerke, klare Ordnungen. Paulus warnt sie, die Freiheit aufzugeben, um solcher vermeintlichen Sicherheiten willen. Nicht wer sein Leben möglichst perfekt konstruiert, nicht wer genug Geld angelegt oder sich viel Anerkennung verdient hat, wird es gewinnen, sondern wer das Kreuz Christi im Auge behält.

Da, am Kreuz Christi zeigt sich das Leben: Nicht alles bringt Punkte. Vieles lebt und wächst, wenn ich mich verschwende. Nicht nur wer Kinder hat, weiß das. Geistvolles Leben gedeiht nur, wenn wir einander geben, ohne zu fragen, was dabei herauskommt. So wie im Manna-Projekt. Das ist riskant, denn wir wissen wir nicht, ob die Zeit verschwendet oder die Kraft gut eingesetzt ist. Aber wir vertrauen darauf, dass der Geist Gottes bei uns ist, uns stärkt und ermutigt. So wie Jesus gesagt hat: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Frei sein im Geist Gottes heißt also: Ich orientiere mich in den Fragen meines Lebens einerseits selbstbewusst und frei von Festlegungen, und zugleich vertrauensvoll und gebunden an den Geist Gottes. Ich gewinne neue Perspektiven, ich wage mich ins Freie. Aber diese Freiheit ist keine Beliebigkeit, sie gewinnt im Kreuz ihre kraftvolle Gestalt. Der Blick auf das Kreuz hilft zu unterscheiden: Was ist wichtig und was nicht? Was trägt durch das Leben – und was nur durch die nächste Prüfung? Wo liegt meine Verantwortung für andere?

Am Pfingstfest wird der Geist des Lebens individuell auf jeden und jede einzelne ausgegossen, so wie es Johannes Schreiter auf seinem Heilig Geist Fenster hier in der Kirche in Glas in den drei unterschiedlich gestalten Rechtecken angedeutet hat. Jede und jeder hört und spricht in seiner Sprache und in ihrem kulturellen und biographischen Horizont die gute Nachricht; und doch ist es ein Geist, der alle verbindet. In diesem Geist Gottes weiß ich mich auf meinem Weg mit meinen Begabungen und mit meinen Grenzen geborgen – als freier Menschen in der Gemeinschaft der Kinder Gottes. Das feiern wir an Pfingsten.

V

Das dritte, was den Pfingstgeist auszeichnet, ist der Aufbruch. Der Geist Gottes ist kein Grenzmarker: Wir haben ihn – und die nicht. Wir gehören dazu – und die nicht.

Pfingsten nimmt Gott uns durch seinen Heiligen Geist mit hinein in seine Grundbewegung, hinein in diese Welt, hin zu den Menschen. Da, wo ich Gott nicht erwartet habe: am Kreuz, da zeigt sich die Kraft des Heiligen Geistes. Sie hält zusammen, wo ich trenne: hier die Guten und da die Schwächeren; sie belebt, wo ich schon aufgegeben habe; sie richtet auf, was nach der Logik des Marktes, auch des Bildungsmarktes untergeht; sie stellt die Lahmen auf die Füße; sie öffnet die Herzen der Ängstlichen und uns allen den Mund. So breitet sich Gottes Geist aus, auch durch uns und unser Reden, Singen und Tun.

Meine eigene Gewissheit wächst nicht, wenn ich mich abgrenze. Ich kann sie nur nähren, wenn ich mich selber für andere erkennbar vom Geist treiben lasse: in meiner Familie, in meinem Beruf, auf der Straße, in der Gemeinde; lebendig bleibt mein eigener Glaube nur, wenn ich selber aufbreche und den Geist an andere weiter gebe.

Der Geist der Freiheit führt uns ins Freie. An Pfingsten sollen es alle wissen: Die Kraft des Geistes Gottes erneuert die Welt!

Amen.

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Letzte Änderung: 08.07.2013
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