19.08.2012: Dr. Fabian Kliesch über Joh 4,5-19

 

11. Sonntag nach Trinitatis, 19.8.2012,  Peterskirche Heidelberg, Fabian Kliesch

 

Predigttext: Johannes 4,5-19

 

 

Es ist ein heißer Sommertag. Die Mittagshitze staut sich in den engen Gassen der Altstadt. Viele Menschen sind unterwegs und suchen Schatten unter Sonnenschirmen oder in kühlen Cafés. Ich lasse mich treiben und gelange in eine weniger belebte Seitengasse. Dort steht ein Brunnen, der in rotem Sandstein eingefasst ist. Ich lasse mich an seinem Rand nieder. Ein Gitter verdeckt die Brunnenöffnung und in der Tiefe sehe ich die klare Wasseroberfläche. Keine Chance, an das Wasser zu kommen, das Gesicht abzuwaschen oder einen Schluck davon zu nehmen. Die Mittagsmüdigkeit und der Schatten am Brunnenrand lassen mich verweilen, und ich lenke meinen Blick in die Tiefe des Wassers. Ich sehe mein Gesicht. So sehe ich aus? Verschwitzt, wirre Haare, müder Blick? Ob andere erkennen, wie es gerade in mir aussieht? Erschöpft und urlaubsreif, über manches beschämt und von manchem verletzt, manchmal einsam mitten trotz vieler Menschen um mich und das Gefühl ein Einzelkämpfer zu sein? Ich kann die Selbstbemitleidung nicht ertragen und wende den Blick ab von meinem Spiegelbild.

Ich greife nach etwas in meinem Rucksack, eine kleine Taschenbibel. Da gibt es doch eine Geschichte, die an einem Brunnen spielt, in der Mittagshitze. Ich schlage auf und höre Worte aus dem Johannesevangelium.

 

Predigttext Joh 4,5-19

 

Was für ein Gespräch in sengender Mittagshitze! Lange unterhalten sich die beiden über das Wasser und über den Durst. – Aber trinken tun sie nichts. Vielleicht rückt das Durstgefühl in den Hintergrund als das Gespräch voranschreitet. – Und wirklich: als Jesus die persönliche Situation der Frau anspricht, treten alle anderen Bedürfnisse in den Hintergrund. Was ist es, das diese Frau an dem Gespräch so fasziniert, dass sie später in ihrem Dorf begeistert von der Begegnung erzählt?

 

Jesus trifft die Frau alleine in der Mittagshitze, einer Tageszeit, in der sonst kein Mensch Wasser holt. Damals gehen die Frauen morgens zum Brunnen außerhalb des Dorfes, sie gehen gemeinsam und tauschen Neuigkeiten aus. Die Frau, die Jesus in der Mittagshitze am Brunnen trifft, scheint nicht in die Gemeinschaft zu gehören; geht zu einer Tageszeit, zum Brunnen, bei der sie niemandem zu begegnen hofft. Warum sie zur Dorfgemeinschaft nicht richtig dazugehört, wusste Jesus offenbar schon vorher. Aber darauf kommt er ja erst später zu sprechen.

Es ist der Frau schon unangenehm und erstaunlich genug, dass sie überhaupt von einem fremden Mann angesprochen wird, und dazu noch von einem Juden, die gewöhnlich keinen Kontakt mit den Samaritern pflegen.

Aber nachdem sie merkt, dass Jesus ihr mit Respekt begegnet, lässt sie sich auf das Gespräch ein. Sie stellt selbst Fragen und reagiert wortgewandt.

 

Aus Sicht der Frau scheint das Gespräch anfangs vor sich hin zu plätschern und mutet etwas befremdlich an: erst bittet der fremde Mann um etwas zu trinken. Dann sagt er, dass er ihr selber lebendiges, frisches Wasser geben könne. Womit er das wohl schöpfen will? Dann holt der Mann aus und behauptet, dass sein Wasser den Durst für immer lösche und dass es zur Quelle wird, die ins ewige Leben fließt. Die Frau scheint keinen Sinn für oder keine Lust auf diese metaphorische Sprache zu haben und reagiert trocken und pragmatisch: „Gib mir solches Wasser, damit ich mich nicht immer zu diesem Brunnen quälen muss, um Wasser zu schöpfen.“

 

Als Jesus zu merken scheint, dass er die Frau mit der bildlichen Rede nicht begeistern kann, wird er konkret und sagt: Geh hin, ruf deinen Mann und komm wieder her! Und nach einem weiteren Wortwechsel konfrontiert er die Frau damit, dass sie ihm nicht fremd ist, sondern dass er intime Dinge über sie weiß: „Fünf Männer hast du gehabt, und der den du jetzt hast, ist nicht dein Mann.“

Woher Jesus das mit den fünf Männern weiß? Ich weiß es nicht. Die Frau offenbar auch nicht. Übrigens muss sie nicht unbedingt eine Prostituierte sein. Ganz im Gegenteil: es ist eher davon auszugehen, dass die Frau bereits mehrfache Witwe ist oder dass sie mit einem sog. Scheidungsbrief aus ihren Ehen entlassen wurde.

Unabhängig davon, ob sich die Frau unverschuldet oder selbstverschuldet in ihre Situation gebracht hat: Jesus weiß, dass sie daran leidet. Das Wort „Sünde“ kommt hier nicht vor, aber im Sinne davon, dass die Frau in eine unheilvolle Situation geraten ist und dass sie getrennt ist vom Leben in der Gemeinschaft kann man hier von Sünde sprechen. Sünde als etwas, das die Frau schmutzig fühlen lässt und sie trennt von anderen Menschen und dadurch von Gott und sich selbst.

Jesus versucht der Sünde mit Wasser zu begegnen. Mit lebendigem Wasser, das er der Frau im übertragenen Sinne anbietet, Wasser, das zur Quelle wird und ins ewige Leben fließt. Das ist eigentlich eine frohe Botschaft: Wasser, das reinigt, das für immer Durst löscht und einen ins ewige Leben mitreißt. Doch die Frau wird durch diese metaphorische und symbolische Sprache über das Wasser von Jesus nicht mitgerissen.

Vielmehr ist es die überwältigende Erfahrung, dass Jesus eine geradezu überirdische Kenntnis von ihr hatte. Die Geschichte mutet hier fast wie eine Wundergeschichte an und die Frau bekennt: „Ich sehe, dass du ein Prophet bist!“ Auch später als sie im Dorf den Leuten von der Begegnung erzählt, wird klar, was sie an Jesus mitgerissen und begeistert hat. Sie sagt: „Kommt, seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe, ob er nicht der Christus sei!“

 

Und so kommt es, dass die Frau doch mitgerissen wird vom lebendigen Wasser im übertragenen Sinne, mitgerissen davon, dass Jesus alles über sie weiß und sie dennoch nicht verurteilt, mitgerissen davon, dass Jesus ihr innerstes kennt, seine Macht aber nicht ausnutzt; mitgerissen davon, dass Jesus ihre Not sieht und ihr seinen Respekt und seine Zeit in der Mittagshitze geschenkt hat.

Dieses lebendige Wasser, von dem die Frau mitgerissen wurde, ist nicht ohne Auswirkungen geblieben. Dieses Wasser hat sie zu einem neuen Menschen gemacht. So jedenfalls kann man das Ende der Geschichte lesen, wo sie den Krug stehen lässt, in ihr Dorf geht und dort von Jesus erzählt. Die Leute hören ihr zu, vielleicht das erste Mal seit langer Zeit, und gehen mit ihr aus der Stadt hinaus zu Jesus an den Brunnen.

 

Ich stecke die Bibel weg und wage noch einmal den Blick in meinen Sandsteinumrandeten Brunnen. Vielleicht hat die Frau auch einen Blick in ihren Brunnen gewagt und hat ihr Spiegelbild angeschaut. Anders sah sie nach der Begegnung mit Jeus nicht aus. Und wenn ich mein Spiegelbild im Wasser betrachte, sehe ich auch nach der Begegnung mit dieser Bibelgeschichte nicht anders aus. – Aber vielleicht ging es da der Frau wie mir: ich kann mir nun etwas gnädiger ins Gesicht blicken.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

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Letzte Änderung: 22.08.2012
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