18.11.2012: Prof. Dr. Ute Mager zum Volkstrauertag

 

Prof. Dr. Ute Mager, Dekanin der Juristischen Fakultät

Ansprache zum Volkstrauertag am 18. November 2012

Auch in diesem Jahr versammeln wir uns wieder am Volkstrauertag zum Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.

Der Volkstrauertag ist kein kirchlicher, sondern ein staatlicher Gedenktag. Seine Themen: Tod, Schuld, Verantwortung, Sinn, Zugehörigkeit und Identität sind jedoch Themen, auf die Religionen Antworten geben und für die viele Menschen in der Religion Beistand suchen. Es ist deshalb eine schöne Tradition, im Anschluss und in Verbindung mit dem Universitätsgottesdienst der Mitglieder der Universität zu gedenken, die im Krieg oder infolge des Krieges getötet oder Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft wurden.

Eingeführt wurde der Volkstrauertag bekanntlich während der Weimarer Republik zum Gedenken an die gefallenen Soldaten des ersten Weltkriegs. Auf die gesetzliche Verankerung eines staatlichen Gedenktages konnte man sich damals allerdings nicht einigen, vielmehr organisierte der Volksbund für Kriegsgräberfürsorge die Gedenkveranstaltungen, die staatliche Anerkennung und Unterstützung fanden. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde aus der Volkstrauer der Heldengedenktag, mit dem die gefallenen Soldaten zu Helden stilisiert und auf den nächsten Krieg eingestimmt wurde. Nach dem zweiten Weltkrieg erfolgte eine gesetzliche Verankerung in den Feiertagsgesetzen der Länder. Dabei wurde der Gedenktag vom März in den November verlegt und das Gedenken auf alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft erweitert, vor allem auf die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. 

 Wir gedenken hier an dieser Stelle besonders der Mitglieder unserer Universität, die in den Weltkriegen ihr Leben lassen mussten, die verschleppt und deportiert, die nach 1933 vertrieben und entrechtet wurden. Wir beziehen in unser Gedenken diejenigen ein, die Opfer unmenschlicher Forschungstätigkeit durch Angehörige unserer Universität wurden.

Die Gedenkstätte der Universität für die Gefallenen des ersten Weltkriegs befindet sich im Hexenturm: An den Wänden sind die Namen der 473 Studenten, 20 Angestellten und vier Dozenten zu lesen, die in diesem Krieg fielen.

Die Namen der Angehörigen der Universität, die im zweiten Weltkrieg als Soldaten getötet wurden, sind nicht bekannt. Ihrer zu gedenken ist schwieriger, denn sie kämpften letztlich für eine Gewalt- und Unrechtsherrschaft. Heutiges Gedenken an die gefallenen Soldaten und zivilen Opfer des Krieges findet seinen Sinn weder darin sie zu Helden, noch sie pauschal zu Opfern zu deklarieren, sondern zuallererst im Erschrecken darüber, was Krieg tatsächlich an Gewalt, Leid und Unrecht bedeutet und damit als Mahnung zum Frieden.

Wir gedenken zudem all derjenigen Mitglieder der Universität, die infolge der nationalsozialistischen Machtübernahme und Ideologie entrechtet und aus der Universität ausgeschlossen wurden. Insgesamt wurden mehr als ein Drittel der damaligen Lehrstuhlinhaber und mehr als ein Viertel der habilitierten Dozentinnen und Dozenten vertrieben. Ihre Schicksale sind inzwischen recht gut erforscht.[1] An sie wird mit der Gedenktafel in der Alten Aula, in dem Gedenkbuch zur Geschichte der Universität Heidelberg[2] oder auch im Universitätsatlas[3] erinnert. Auf diese Weise werden sie als Angehörige dieser Universität gewürdigt, leistet die Universität ein kleines Stück Wiedergutmachung angesichts vielfachen Versagens.

Als Dekanin der Juristischen Fakultät möchte ich namentlich die 8 Mitglieder meiner Fakultät nennen, die ab 1933 vertrieben wurden. Ich nenne sie stellvertretend auch für die unbekannten Studentinnen und Studenten, Verwaltungsmitarbeiter und die vielen Mitglieder der anderen Fakultäten, welche die Universität verlassen mussten und deren weiteres Leben selbst bei glimpflichstem Verlauf zumindest außerordentlich erschwert war. Ich nenne:

Gerhard Anschütz, Friedrich Darmstätter, Karl Geiler, Max Gutzwiller, Walter Jellinek, Ernst Levy, Leopold Perels und Gustav Radbruch.

Ihr Ausschluss war für die Fakultät und für die Universität ein schwerer Verlust. Umso größer ist die Dankbarkeit, dass nach dem Krieg die Kontaktaufnahme zu den meisten gelang und Walter Jellinek und Gustav Radbruch an die Fakultät zurückkehrten.

Mit unserem Gedenken verbindet sich am Volkstrauertag die Besinnung auf die Verantwortung, die wir alle haben, um Gewalt und Unrecht zu verhindern, nach der Berechtigung der Kriterien zu fragen, nach denen wir Menschen Zugehörigkeit gewähren oder sie ausschließen.

Zur Aufgabe der Universität gehört es, in Forschung und Lehre einen Beitrag zu einem friedlichen Zusammenleben in Freiheit und Gerechtigkeit zu leisten. In diesem Geiste gedenken wir auch heute wieder der gefallenen und vertriebenen Mitglieder unserer Universität sowie derjenigen, die durch das Handeln von Angehörigen dieser Universität zu Opfern des Nationalsozialismus wurden.

 

 



[1] Dorothee Mußgnug, Die vertriebenen Heidelberger Dozenten, 1988.

[2] Helmut Schwier (Hrsg.), Begegnungen, Vertreibungen, Kriege, Gedenkbuch zur Geschichte der Universität Heidelberg, 2011, S. 57 – 110.

[3] Dorothee Mußgnug, in: Peter Meusburger (Hrsg.), Der Wissenschaftsatlas der Universität Heidelberg, 2011, S. 136 f.; s. zur Zeit des Nationalsozialismus auch die Beiträge von Wolfgang U. Eckart zur Medizinischen Fakultät , S. 132 f., und von Werner Moritz zur Aberkennung von Doktorgraden, S. 134 f.

 

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Letzte Änderung: 20.11.2012
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