20.01.2013: Prof. Dr. Peter Lampe über Joh 12,35-40

 

Predigt am letzten Sonntag nach Epiphanias in der Peterskirche zu Heidelberg über Johannes 12,35-40

20. Januar 2013

Prof. Dr. Peter Lampe

 

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der kommt. Amen.

 

Der Predigttext des letzten Sonntags nach Epiphanias kommt aus Johannes 12,35-40 als Rätsel uns entgegen. Er handelt vom verborgenen und verbergenden Gott.

Jesus sprach zu ihnen: Noch eine kleine Zeit ist das Licht bei euch…Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Dunkelheit nicht ergreift…Solange ihr das Licht habt, vertraut auf das Licht, damit ihr Kinder des Lichtes werdet.

Das redete Jesus und ging weg und wurde vor ihnen verborgen. Und obwohl er seine so großen Wunderzeichen vor ihren Augen vollbracht hatte, vertrauten sie ihm nicht, so dass das Wort des Propheten Jesaja erfüllt wurde, welches er gesprochen hatte…: Gott hat ihre Augen geblendet und ihr Herz verstockt, so dass…sie nicht umdrehen und ich (Gott) sie nicht heile. Amen

 

Liebe Gemeinde,

Da schimmert noch der letzte Lichtstrahl von Weihnachten am Ende der Epiphaniaszeit—vertraut auf das Licht; werdet Kinder des Lichtes, ermuntert der Text. Doch dann verbirgt Gott das Licht vor den Augen des Volkes. Das Licht entzieht sich. Und kaum jemand schenkt ihm Glauben, geschweige denn Vertrauen, denn Gott blendete des Volkes Augen, verstockte ihr Herz, ohne zu helfen. Der verborgene und der verbergende Gott. Rästelhaft. Unfair—für des Lesers Empfinden. Grausam gar? Bewusst Menschen seine Hilfe, seine Nähe vorenthaltend?

Weihnachten dachten wir noch, Gott ein Stück in dem Menschen Jesus begreifen, sein Wesen in diesem Menschen erkennen zu können. Und jetzt—mit diesem Text? Zerrinnt Erkennen. Wieder einmal verstehen wir gar nichts vom Tun und Lassen dieses biblischen Gottes.

 

Der Soldat Beckmann sieht Gott als alten Mann im Traume. Beckmann fragt: "Wann bist du eigentlich lieb, lieber Gott? Warst du lieb, als du meinen Jungen, der gerade ein Jahr alt war, als du meinen kleinen Jungen von einer brüllenden Bombe zerreißen ließt!" ... "Warst du in Stalingrad lieb, lieber Gott, warst du da lieb, wie? Ja? Wann warst du denn eigentlich lieb, Gott, wann? Wann hast du dich jemals um uns gekümmert, Gott?" Beckmann klagt verzweifelt an—"Du bist tot, Gott“—, um in Gebetsform zu enden: „Sei mit uns lebendig, nachts, wenn es kalt ist, einsam und wenn der Magen knurrt in der Stille— dann sei mit uns lebendig, Gott". 

Sie haben ihn erkannt, den Soldaten Beckmann, aus dem Stück „Draußen vor der Tür“, komponiert vom Weltkriegsheimkehrer Wolgang Borchert, der nur 26jährig an den Folgen dieses Krieges 1947 starb, so alt wie unsere Studenten, unvollendet—und doch einer der besten Autoren der Trümmerliteratur, auch wenn er in  Deutsch nur eine Drei hatte. Warum ging er so früh, Gott? Warum, Gott? Warum so vieles, was Du zulässt? Am Ende der Epiphaniaszeit stellt die Bibel sicher, dass wir den Gott von Weihnachten im Kind nicht vereinnahmen. Er bleibt der souveräne Gott, der sich nicht nur hingibt, sondern auch entzieht. Am Ende der Epiphaniaszeit bleibt nichts von weihnachtlichem Verniedlichen. An Borcherts Totenbett eines Kindes bleibt Zweifeln, Verzweifeln über diesen Gott.

 

Wie geht die Bibel mit der Theodizeefrage um? Mit der Frage, ob Gott angesichts des Weltübels als gerecht, als fair gelten kann. Biblische Autoren wie der des  Hiobbuches stellen diese Frage scharf, viel schärfer noch als das Johannesevangelium. Der Autor des Hiobbuches leidet, denn er weiß, dass Gott seine undurchdringlich dunkle Seite gerade den Frommen zuwenden kann, nicht nur denen „draußen“ in der Welt, wie Johannes suggeriert.

 

Abseits des Hiobbuches ist die Theodizeefrage unterschiedlich behandelt worden. Streifen wir schnell einige wichtige Optionen. Die sich aufdrängende ist der Atheismus. Gibt es keinen Gott, erledigt sich das Theodizeeproblem kurz und bündig. In einer anderen Antwortmöglichkeit wird Zuflucht gesucht in der Behauptung, Gott habe sich von seiner Schöpfung zurückgezogen, sie sich selbst überlassen. Oft flüchteten verfolgte europäische Juden in diese Variante, etwa jüdische Mystiker der Kabbala während der spanischen Inquistion—oder in seiner Weise der jüdische Philosoph Hans Jonas im Angesicht des Holocaust. Eine dritte Option war dualistisch ausgerichtet. Da Leiden und Böses in der Welt der Allmacht und Güte des höchsten Gottes widersprächen, könne nicht dieser dafür verantwortlich sein, sondern nur ein zweiter, boshafter Schöpfergott. Hinduismus und Buddhismus hingegen bieten die Option an, das scheinbar ungerechte Leiden guter Menschen und das Wohlleben von Schlechten als Folge des Verhaltens in früheren Leben zu erklären. Als fünfte Möglichkeit wird das Ungleichgewicht zwischen gutem Handeln und schlechtem Ergehen so aufgehoben, dass nicht auf Ereignisse in einem früheren Leben verwiesen wird, sondern auf solche in einem neuen, zukünftigen. Dann werde Gott die Guten belohnen und die Bösen strafen und so seine Gerechtigkeit endlich, endlich unter Beweis stellen. So tröstete sich die Apokayptik, auch das Danielbuch.

 

Und das Hiobbuch selbst? Bevor es zu einer eigenen Antwort findet, legt es Antwortköder aus: dass Gott mit Leiden den Glauben seiner treuen Anhänger testen wolle (Hiob 1,6-12; 2,1-6). Oder dass—wie einer der Hiobfreunde behauptet—Gott mit scheinbar ungerechtem Leid erziehen wolle (Hiob 32f)? In der Neuzeit wurde die pädagogische Variante besonders beliebt; Böses und Leiden seien notwendige Rahmenbedingungen für den menschlichen Reifeprozess. Schließlich kommen Hiobs Freunde mit der unverschämten Erklärung daher, Hiob habe seinen jähen Fall in Krankheit und Verlust verdient (z.B. Hiob 22,5-11). Gott lasse nicht Unschuldige leiden (vgl. auch z.B. Jes 1,5; 5 Mos 1,43f; 2 Könige 17,22f: Ez 18,4). Basta.

 

Ich beginne, Sie zu langweilen mit meiner Aufzählung. Keine dieser Optionen befriedigte den Hiobautor. Keine rechnet mit der Möglichkeit, dass der höchste, gute und allmächtige Gott aus menschlicher Perspektive ungerecht, unfair handeln könne. Dass Helles und Dunkles sich in diesem selben Gott vereinen könnten. Hiob denkt jedoch genau diesen ungeheuerlichen Gedanken. Er protestiert gegen die simplen Lösungen seiner Freunde (Hiob 4-31; auch Prediger 9,2a) und beharrt darauf, dass Gott ihn ungerecht behandelt. Auch wenn er in der Jugend sündigte (13,26b), rechtfertige dies nicht das Ausmaß seiner horrenden Leiden. Auch wenn krebskranke Kinder nicht gänzlich „unschuldig“ sind, wie es manchmal idealistisch tönt, schockt doch das eklatante Ungleichgewicht zwischen ihrer „Sünde“ in Anführungszeichen und ihrem Leid, so dass das Theodizeeproblem an einem solchen Krankenbett weiterhin zum Himmel schreit. Die Kategorie „Sünde“ erklärt gar nichts.

 

Hiob gibt sich mit solchen theologischen Oberflächlichkeiten nicht weiter ab. Er gesteht sich ein, dass in vielen Fällen wie dem seinen   Leiden schlicht sinn-los bleibt, absurd, und dass es zwecklos ist, wie die Freunde verzweifelt windschiefe Sinnkonstruktionen zusammenzuzimmern. Und trotzdem—trotzdem klammert sich Hiob weiter an diesen Gott. Denn dieser Gott, so empfindet er es, akzeptiert ihn als unbequemen Gesprächspartner. Hiob darf Gott in einem Rechtshandel anklagend herausfordern (Kap. 31), und er bekommt eine Antwort von diesem Gott. In seiner Entgegnung geht Gott jedoch nicht direkt auf Hiobs Fragen ein. Sein Leiden bleibt weiterhin unerklärt. Stattdessen zeigt die machtvolle Gottesrede am Ende des Buches (Kap. 38-41) Gottes Souveränität über das Universum auf,     so dass Hiob nur klein in sich gehen und seine Ohnmacht anerkennen kann. Er wird gewahr, dass Gott nie ganz für Menschen durchschaubar sein wird (42,3). Sonst wäre dieser Gott kein souveräner Gott, nicht frei und unabhängig von engen menschlichen Erwartungshorizonten. Und doch hält dieser Allmächtige an Hiob fest—mit starkem Griff. Er offenbart sich ihm als sein „Herr“, zu dem Hiob gehört (38:1; 40,1.3.6; 42,1.7-12 etc; vgl. auch Ex 3) und an den er sich vertrauensvoll klammern kann—trotz der Sinnlosigkeit seiner Leiden. Gott wird ihn, den Anklagenden, ertragen, durchtragen und nicht fallen lassen. Sinn entsteht für Hiob nicht auf der rationalen Ebene irgendwelcher Erklärungen, die wie eine kurze Decke hinten und vorne nicht reichen, sondern Sinn entsteht für ihn auf der Ebene relationaler Wirklichkeit: “Fürchte dich nicht, … ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! (Jes 43,1). Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christo Jesu. Amen.

 

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Letzte Änderung: 22.01.2013
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