20.04.2014: Pfarrer Dr. Hans-Georg Ulrichs über Röm 8,10-17

Osterverkehr

Ostern, 20. April 2014

Peterskirche Heidelberg

Römer 8,10-17

 

 

Pfarrer Dr. Hans-Georg Ulrichs

 

 

Liebe Gemeinde,

wie in jedem Jahr wurde auch diesmal in den Nachrichten wieder über den „Osterverkehr“ berichtet, ja sogar davor gewarnt. Ein Osterverkehr, der gar nicht zu Ostern selbst, sondern an Gründonnerstag, Karsamstag und Ostermontag stattfindet. Eigentlich ist der Begriff „Osterverkehr“ also verkehrt – könnte man meinen. Aber tatsächlich ist er so unglaublich tiefsinnig, dass wir für diese journalistische Wortschöpfung gar nicht dankbar genug sein können.

Osterverkehr: Ostern ist nämlich wirklich verkehrt, verkehrt ist das Zentrum und damit der ganze christliche Glaube. Der christliche Glaube ist ein No-go: Jesus kann gar nicht auferstanden sein, deshalb weisen die religiösen Machthaber gleich die Wachen an, was sie sagen sollen: der Leichnam Jesu sei gestohlen worden, damit das Grab leer ist. Dass da jemand auferstanden ist, das ist verkehrt. Das leuchtet den damaligen Menschen – und leider auch manchem unserer Zeitgenossen – unmittelbar ein. Der christliche Glaube und Ostern: Verkehrte Welt!

Osterverkehr – was für ein Begriff! Ostern ist Gott sei Dank verkehrt, weil die Zustände und Verhältnisse dieser Welt verkehrt werden. Das Leben ist nicht mehr ein Weg zum Tode, sondern Jesu Tod ist das Tor zum Leben. Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern das Leben.

Voller Osterverkehr ist auch der österliche Predigttext, der für unsere Predigtreihe über den Geist ausgewählt wurde:

10 Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. 11 Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt. 12 So sind wir nun, liebe Brüder, nicht dem Fleisch schuldig, dass wir nach dem Fleisch leben. 13 Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Fleisches tötet, so werdet ihr leben. 14 Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. 15 Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! 16 Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. 17 Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden. (Römer 8,10-17)

Was für ein Osterverkehr in diesen Paulus-Worten, so viel aus der Weltsicht Verkehrtes dahinter und darin. Gott sei Dank hat Gott die Verhältnisse umgekehrt!

  • Keine „Religion“ drückt uns, Religion in dem Sinne, dass wir (!) etwas für Gott tun müssen. Nicht Religion, sondern der christliche Glaube und Ostern basieren auf Offenbarung: Gott kommt zu uns und tut etwas für uns. Nicht wir müssen uns Gott nahen und ihm opfern, sondern Gott gibt ein Opfer für uns.

Ostern macht uns stark, den bedrückenden Religionen entgegenzustehen, mitzuhelfen, dass Menschen sich befreien können von allem, was die ganze und totale Herrschaft über sie ausüben will.

  • Kein Geist, vor dem man Furcht haben müsste, so wie wir uns gruseln vor den untoten Gespenstern in Geisterfilmen. Und auch mehr als unser menschlicher Geist, der ganz und gar zu unserem menschlichen Leib und seinem Geschick gehört. Kein untoter oder vergänglicher Geist also, sondern Gottes Geist macht lebendig, ist geradezu das Leben selbst, die ruach im Alten Testament und das pneuma im Neuen Testament.

Ostern macht uns stark, sich nicht von der Furcht übermannen zu lassen, den Mächten und Gewalten tapfer entgegen zu gehen, weil Gottes Ja zum Leben siegen wird. Das gilt gerade auch dann, wenn wir dieses Ja in den vielen Neins dieser Welt nicht oder kaum noch erblicken. Gerade deshalb finden wir uns mit dem status quo nicht ab, sondern wollen die Welt verändern, verbessern.

  • Kein Leib, der natürlich vergeht, was man auch schon im zarten Alter von 47 Jahren spürt. Kein Leib, in dem auch der menschliche Geist nachlässt, sondern ein Leib, der lebendig gemacht wird durch Gottes Geist, weil dieser Gottesgeist auch Christus von den Toten auferweckte.

Ostern macht uns stark, denn diese göttliche Zuwendung und diese menschliche Hoffnung sind stärker als der leibliche Tod, den auch wir noch erleiden werden. Wir leiden unter dem menschlichen Tod, aber wir verzweifeln nicht. Unsere Hoffnung wollen wir auch anderen mitteilen, auch wenn es oft anders aussieht und sich anders anfühlt: Das Leben ist keine Last, sondern eine Lust.

  • Durch den „Osterverkehr“ so sind wir in ein neues Leben schon jetzt hineingestellt: Wir müssen uns nicht mehr orientieren am Vergehen, das das Leben bestimmt, sondern wir richten uns aus am lebendig machenden Geist Gottes.

Ostern macht uns stark, das Leben zu verteidigen. Alle sollen leben dürfen, das Lebensbedrohende ist uns nicht egal. Es ist Sünde gegen Gott, unseren Reichtum verteidigen müssen zu meinen und deshalb Flüchtlinge auf dem Meer nicht zu bergen, sondern sie zur Umkehr zu zwingen.

  • Nicht mehr geknechtet, also dem Tode unterworfen, sind wir, sondern wir sind Kinder des Lebendigen – nicht „kindlich“ im Sinne von kindisch, sondern mit der Bedeutung: zu Gott, dem Vater gehörend. So wie Christus als Sohn Gottes Teil hat an Gottes Wesen, so kommt Christus durch Gottes Geist zu uns, nimmt Besitz von uns, damit wir an ihm teilhaben dürfen.

Ostern macht uns stark, groß und großartig vom Menschen zu denken. Der Mensch ist kein bloßes Mängelwesen, sondern offen, um von Gott erfüllt zu werden. Deshalb wollen wir um den Geist bitten, für diesen christlichen Glauben werben und die Inhalte des christlichen Glaubens nicht durch unsere Lebensführung konterkarieren.

  • Diese Lebensführung orientiert sich deshalb auch nicht mehr am vergehenden Wesen dieser Welt, sondern an Gottes Wesen. Gott ist uns gut und Gott handelt uns zu gut.

Ostern macht uns stark, gut an anderen und gut für andere zu handeln. Es soll Studierende geben, die prüfungsrelevante Literatur absichtlich an falsche Standorte der Bibliothek zurückstellen, damit andere sich nicht genauso gut auf Prüfungen vorbereiten können. Wie oft nehmen wir in Kauf oder streben sogar an, auf Kosten anderer zu leben.

  • Und schließlich erfahren wir in Jesu Geschichte, dass Leiden nicht die Negation des Lebens ist. Nicht wollen wir unser und anderer Menschen Leid verherrlichen, auch nicht dadurch, dass wir einen Sinn in Sinnloses und in Lebenswidriges hineindeuten. Wie oft erscheint es nicht so, daß Karfreitag der realistischere Tag ist und Ostern ohne Evidenzen in dieser Welt und in unserem Leben bleibt.

Aber: Ostern macht uns stark, Leiden als Teil des Lebens anzunehmen. Wir müssen nicht mehr verdrängen, müssen Kranke und Sterbende nicht aus unserem Blickfeld und unserem Leben drücken, weil wir Angst haben müssen, in ihrem Angesicht das Leben nicht mehr genießen zu können. Wir wissen vielmehr, wer Leid nicht sieht, verneint das Leben, weil es leidensloses Leben nicht gibt. Auch Gott leidet.

So viele Verkehrungen nimmt der heutige Predigttext vor: Religion, Geist, Leib, Leben, Zugehörigkeit zu Gott, Lebensführung und Leid – all das kann befreiend neu im Osterlicht verstanden werden. Ostern ist das große Fest der Verkehrungen, eben Osterverkehr. Über den Osterverkehr auf unseren Straßen kann man den Kopf schütteln: Wie kann man nur sehenden Auges in den Stau fahren?! Und dann geschieht dies jedes Jahr wieder und wieder. Von Herzen gönne ich den Osterurlaubern ihre Ferien und ihre Familienbesuche, keine Frage, das sind ja auch gute Teile des Lebens. Mir ist allerdings der „Osterverkehr“ unseres Glaubens doch sympathischer, weil in ihm sich erschließt, was die Botschaft des christlichen Glaubens in und für diese Welt ist: Wir sind Gottes Kinder und hören auf seinen Sohn und unseren Herrn, der zu uns spricht: Ich lebe und Ihr sollt auch leben! Amen.

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Letzte Änderung: 30.07.2014
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