20.10.2019: Vizepräsident Dr. Thies Gundlach über Jak 2,14-26

VP Dr. Thies Gundlach, Heinz-Galinski-Str. 14, 13347 Berlin

PREDIGT zur Semestereröffnung Universität Heidelberg 20. 10. 2019

 

 

Gnade sei mit uns und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn JC. Amen

Der vorgeschlagene Predigttext steht im Brief des Jakobus im 2. Kapitel:

„Was hilft's, Brüder und Schwestern, wenn jemand sagt, er habe Glauben, und hat doch keine Werke? Kann denn der Glaube ihn selig machen? Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und Mangel hat an täglicher Nahrung und jemand unter euch spricht zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch! ihr gebt ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat - was hilft ihnen das? So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber.

Aber es könnte jemand sagen: Du hast Glauben, und ich habe Werke. Zeige mir deinen Glauben ohne die Werke, so will ich dir meinen Glauben zeigen aus meinen Werken. Du glaubst, dass nur einer Gott ist? Du tust recht daran; die Teufel glauben's auch und zittern. Willst du nun einsehen, du törichter Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist?

Ist nicht Abraham, unser Vater, durch Werke gerecht geworden, als er seinen Sohn Isaak auf dem Altar opferte? Da siehst du, dass der Glaube zusammengewirkt hat mit seinen Werken, und durch die Werke ist der Glaube vollkommen geworden. So ist die Schrift erfüllt, die da spricht (1.Mose 15,6): "Abraham hat Gott geglaubt und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden", und er wurde "ein Freund Gottes" genannt (Jesaja 41,8). 24 So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein. 25 Desgleichen die Hure Rahab: Ist sie nicht durch Werke gerecht geworden, als sie die Boten aufnahm und sie auf einem andern Weg hinausließ? Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.“

Liebe Gemeinde, ich bin ja lange raus aus dem Studium, deswegen:

den Brief muss man erst einmal wiederfinden im NT! Irgendwo hinten, eingeklemmt zwischen dem großen theologischen Entwürfen Hebräerbrief und Johannesapokalypse findet er sich, von Martin Luther bekanntlich als „stroherne Epistel“ dahin verbannt. Auch theologisch:

Jakobus ging dem großen Reformator auf die Nerven, sagte er doch im Kern exakt das Gegenteil von dem, was ihm wichtig war. Heute allerdings dürfte es anders sein: „Deutschland sucht den Superbrief“, ich würde wetten, Jakobus gewinnt weit vor dem komplizierten Apostel Paulus und den etwas bieder wirkenden Pastoralbriefen. Im Blick auf unsere heutige Frömmigkeit und ihr Selbstverständnis müsste der Jakobusbrief ganz nach vorn vor alle Paulusbriefe. Glaube ohne Werke, das geht doch wahrlich nicht. Der Mainstream ist ganz bei Jakobus. Darum: Finden Sie den Fehler:

„Was hilft's, Brüder und Schwestern, wenn jemand sagt, er habe Glauben, und hat doch keine Werke? Kann denn der Glaube ihn selig machen? Wenn ein Bruder oder eine Schwester im Mittelmeer ertrinkt oder Mangel hat an frischer Luft und frischem Wasser und jemand unter euch spricht zu ihnen: Geht hin in Frieden, aber ihr gebt ihnen nicht, was der Leib nötig hat - was hilft ihnen das?“

Leben wir nicht im Jakobuszeitalter? Leben wir nicht in einer „Gute-Werke-Gesellschaft“ – wir nennen sie nur nicht mehr so? Es glaubt ja fast niemand mehr so recht, dass man sich durch gute Werke Einlass in den Himmel verdienen kann, was auch damit zu tun hat, dass das auch nicht mehr so wichtig ist. Aber ohne gute Werke kommt man auch nicht mehr in den Himmel der Gegenwart. Man bekommt keine Anerkennung, keine Zustimmung, keinen Applaus, als Mensch nicht, als Partner nicht, als Student und Professor auch und als Kirche sowieso nicht. Ohne gute Werke kriegt man weder auf Facebook noch auf Twitter oder Instagram Follower; und ohne gute Werke muss man freitags in die Schule gehen.

Wir nennen es heute natürlich nicht mehr gute Werke, sondern Maßnahmen oder Aktion oder Konkretion oder Umsetzung. Auf jedes Problem, auf jede Krise, auf jede Herausforderung wird mit einer Welle von Maßnahmen reagiert, - das ist in der Politik so, das ist in der Wirtschaft auch und in der Wissenschaft vermutlich ebenso. Maßnahmen sind die Währung unserer Tage!

Dabei wissen wir alle oftmals, dass all diese Maßnahmen oft nur ein Placebo-Funktion haben: Wir zeigen Entschlossenheit und Handlungsbereitschaft, und wollen uns doch nur schützen vor dem Schrecken und dem Entsetzen. Nach Halle war es für die Seele einer Gesellschaft vielleicht hilfreich und notwendig, dass nach dieser unfassbar bösen Tat gleich nach Maßnahmen gerufen wird. Aber die stärksten, berührendsten und wahrhaftigsten Bilder waren doch die vielen Blumen am Tatort, die zerschossene Holztür, die Stille der Gemeinschaft und das Innehalten der Vielen, die einen Schutzschirm um die Synagoge bildeten.       

Manchmal habe ich den Eindruck, dass in dieser Maßnahmenfixierung eine orientierungsverunsicherte Gesellschaft eine Scheinsicherheit sucht. Wir sind ganz stark im Klein-Klein, aber ein Gesamtbild angesichts der Erschütterungen haben wir nicht. Wie heißt noch der schöne Spruch: Wir wissen zwar nicht wohin, aber das mit großer Entschlossenheit. 

II.

Der Jakobusbrief bezieht Position: Glaube ohne Werke ist in sich tot, er ist in sich unglaubwürdig! Das dürfte in unseren Tagen kaum jemand bestreiten wollen. Aber jetzt kommt die uralte Martin-Luther-Frage auf moderne Weise zurück: Denn warum eigentlich ist der Glaube tot ohne gute Werke, ohne Konkretionen und Maßnahmen? Jakobus sagt: Glauben ohne Werke, das kann ja auch der Teufel. Denn der kann sich ja spielend verstecken hinter einem Glauben, der keine Taten zeigt. Der Glaube muss also beglaubigt werden mit dem, was wir tun. Glaube ohne Werke ist tot, er ist in sich unglaubwürdig. Ohne Werke, ohne Taten, ohne Maßnahmen sind wir nicht glaubwürdig, so Jakobus.

Damit aber erhalten unsere Maßnahmen-Werke doch wieder eine „spirituelle Beweislast“, die sie laut Reformatoren gerade nicht haben sollten. Weil sie uns in Knechtschaft treiben, sagt Luther, weil sie uns in unsere Selbstoptimierung gefangen nehmen, weil sie uns in die Versagensängste treiben. Wenn wir den Glauben an Gott glaubwürdig machen sollen mit unseren Taten und Maßnahmen, dann ist es schlecht um Gott bestellt. Denn ich bin zutiefst davon überzeugt: Wenn Werke, Aktionen und Maßnahmen entscheidend sind für die Glaubwürdigkeit des Glaubens, gäbe es den christlichen Glauben längst schon nicht mehr. Denn was ist nicht nur alles schon als gutes Glaubenswerk behauptet worden? Wer Zeit und Lust hat, kann sich in diese Tagen – also 500 Jahre später – noch einmal die Vernichtung des mittelamerikanischen Aztekenreiches anschauen – die damaligen Spanier haben sich wirklich unfassbar verhalten – im Namen des christlichen Gottes. Aber es braucht gar nicht die berühmte Kriminalgeschichte des Christentums, sondern nur die ganz elementare Einsicht, dass alle Glaubens-Werke in dieser Welt ambivalent bleiben. Deswegen muss man ja seit Jahrhunderten innigst und gegen allen Augenschein Gott mehr glauben als allen Maßnahmen unseres Glaubens.

Oder – um mit D. Bonhoeffer und seinem berühmten Glaubensbekenntnis zu sprechen – Ich glaube, dass es Gott nicht schwerer ist, mit unseren Fehlern und Irrtümer fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

III.

Es gibt aber noch einen zweiten Gedanken, den die Reformatoren noch nicht vor Augen haben konnten, und der mich in meiner Aufgabe in der EKD intensiv beschäftigt: Wenn der Glauben nur in den Werken glaubwürdig wird, machen wir den Glauben im Kern unnötig und überflüssig. Denn wie können wir verstehen - theologisch verstehen! -, dass die gleichen guten Werke und Maßnahmen andere Menschen auch ohne Glauben tun? Um ein aktuelles Beispiel zu nennen. Die Aktion „Wirschickeneinschiff“ zur Rettung von in Seenot geratenen Flüchtlinge ist zweifellos eine sinnvolle Maßnahme, jedenfalls solange die europäischen Länder sich nicht auf eine angemessene Gestaltung der Seenotrettung einigen können. Und Seenotrettung hat für uns eine klare Verankerung im christlichen Glauben, insofern der berühmte Satz aus dem Kirchentag in Deutschland ja gilt: „Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt“. Aber belegt diese Maßnahmen wirklich unseren Glauben? Kommen nicht mindestens ebenso viele Menschen auf die Idee der Seenotrettung ohne Glauben an Gott? Kleben wir dieser guten Tat nur das Etikett „Gott“ dran, um dann mit dem Brustton der Überzeugung zu sagen: Seht mal, wie glaubwürdig unser Glaube ist, wir tun ja dies oder jenes? Brauchen wir dafür wirklich unseren Glauben? Ist es in einer aufgeklärten, sozusagen spirituell emanzipierten und erwachsenen Gesellschaft wirklich glaubwürdig, allgemein sinnvolle Taten plötzlich zu Glaubenstaten zu machen? Wird ein bürgerschaftliches Engagement zum Glaubenszeugnis, wenn wir es als Christen machen?     

IV.

Glaube ohne Werke ist unglaubwürdig, er ist tot, sagt Jakobus. Und in einer Hinsicht hat er ja recht: Glaube bleibt nicht folgenlos. Aber er ist in sich absichtslos. Der Glaube ist ohne Zweck, ohne Berechnung, ohne Intention, ohne Absicht. Der Glaube ist die letzte Insel der Zwecklosigkeit in einer völlig verzweckten Welt. Wir kommen der particuli veri des Jakobus nur näher, wenn wir den Glauben neu verstehen, nämlich nicht als Motor einer guten Tat, sondern als ein sinnloser Sinn in sich selbst. Glauben ohne Schielen auf die Werke, die folgen, Glauben ohne Berechnung der Folgen für die Gesundheit, für das Gehalt, für die Bildung oder für was weiß ich für was.

Seit der Glaube und die Kirche in unserer Gesellschaft immer kritischer angefragt werden, neigen wir alle dazu, ihn mit seiner so wünschenswerten Funktion zu begründen. Der Glaube macht glücklich, weil dankbar; der Glaube macht gesund, weil therapeutisch hilfreich; der Glaube macht politisch, weil er rettet Klima, Eisberge und Pandabären. Aber alle diese Folgen sind einerseits sinnvoll, gut und richtig, jedenfalls in meinen Augen.  Aber sie sie auch Verrat am Glauben, wenn man diese Folgen  funktionalisiert. Einen Um-Zu-Glauben gibt es nicht. Justin Welby, der Erzbischof der anglikanischen Kirche, hat einmal formuliert: 1. Die Kirche existiert, um Gott in Jesus Christus anzubeten. 2.  Existiert sie, um neue Jünger von Jesus Christus hervorzubringen. Alles andere ist Dekoration, manche davon sehr nützlich, notwendig oder wunderbar – aber doch Dekoration.

Glaube ist absichtslos, aber folgenreich. Glaube ist Anbetung, ist Erinnerung an Gottes Gegenwart, ist Eintauchen in seine Geschichten, er ist nicht zweckgebunden. Was Luther früher mit der Rechtfertigung allein aus Glauben ohne der Gesetzes Werke allein aus Gnade um Christi willen einer ganzen Generation immer wieder eingetrimmt, eher eingehämmert hat, müsste wir heute als die ewige Wiederholung der Absichtslosigkeit allen Glaubens verkünden. Wir glauben an Gott, weil Gott Gott ist, weil wir Gott wichtig finden, weil wir ihn loben wollen für seine geheimnisvolle  Gegenwart, weil wir die Lieder seiner Güte gerne singen, weil wir die geläuterten Rituale genießen, die sich um ihn ranken, weil wir vor Gott still werden können, ohne Aufgabe, ohne Maßnahme, ohne Berechnung, ohne Anstrengung. Gott ist gegenwärtig, alles in uns schweige (EG 165), der Mystiker Teerstegen hat den Ton getroffen und die „Generation Lobpreis“ nimmt dies auf ihre Weise wieder auf:

Gott loben, ihn bezeugen und feiern, ihn immer wieder neu entdecken, seine Geheimnisse bestaunen, seine Verborgenheit erleiden, dies alles und noch viel mehr ist Glaube ohne Absicht. Wie antwortet Jesu noch auf die Frage nach dem höchsten Gebot: "… du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft". Das andre ist dies: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (Mk 12, 30). Liebe Gemeinde, ich habe mitunter den Eindruck, dass wir nur noch den letzten Vers hören und beherzigen, aber den ersten Teil der Antwort nicht mehr hören.

V.

Glaube ohne Werke ist in sich tot, sagt Jakobus, aber Werkeln ohne Glauben ist auch tödlich, jedenfalls für den Glauben. weil wir dann unsere Glaubwürdigkeit nicht mehr an Gott , sondern an uns binden. Und das geht schief, es führt zu Selbstüberforderung und Versagensangst, was schon Luther wusste und was bis heute richtig ist. Darum: der Glaube ist absichtslos, aber nicht ohne Folgen. Oder in der Sprache der Reformatoren: Wenn wir nicht theozentrisch glauben, verspielen wir die certitudo, die Gewissheit im Glauben, und erhalten dafür das Linsengericht einer securitas, einer falschen Sicherheit, die sich aus dem Vorfindlichen unserer Aktivitäten speist. Deswegen, liebe Gemeinde,

ist dies mein letzter Satz zum Semesterstart an Sie alle, die Sie sich freiwillig der nächtlichen Ruhestörung eines 10 Uhr Gottesdienstes ausgesetzt haben:

Halten Sie in allen Aktionen, Maßnahmen und Konkretionen Gott die Treue, nehmen Sie ihn mit hinein in die kommenden Zeiten und Sorgen, reden sie gut von ihm, lassen Sie ihn mitreden in ihren Fragen und Zweifeln, in ihren Überzeugungen und Fehlern. Und vergessen Sie nicht, frei, offen und aus lauter Lust und Dollerei sein Wort zu hören und seine Gegenwart zu feiern, immer mal wieder, in allen denkbaren Formen. Denn was ich ganz genau weiß:

Seit wir alle aus dem Paradies vertrieben sind und von dort zusammen mit Gott in die Wirklichkeit umziehen mussten, haben wir wenigstens und überhaupt und auf alle Fälle einen kleinen Paradiestag zurückerstattet bekommen, jenen einen Tag zum Ruhen. Und Gott hat jedenfalls gleich nach dem Umzug zum Brunchen eingeladen, dann hat er die Natur genossen und danach war offensichtlich immer noch Zeit zur Muße, zur Musik und zu einem guten Buch. Oder wie erklären Sie sich die Tatsache, dass wir seine wunderbar zwecklose Gegenwart am besten in seinen Geschichten, in seiner Musik oder in seiner Natur erleben können? Sehen Sie!

Amen

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Letzte Änderung: 21.10.2019
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