20.11.2016: Prof. Dr. Martin-Christian Mautner über Mk 13,28-37

Predigt Peterskirche HD

20. November 2016 (Ewigkeitssonntag)

 

Prof. Dr. Martin-Christian Mautner

 

 

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

 

Mk. 13, 28-37

 

Jesus sprach:

An dem Feigenbaum aber lernt ein Gleichnis: Wenn jetzt seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, so wisst ihr, dass der Sommer nahe ist.

Ebenso auch: Wenn ihr seht, dass dies geschieht, so wisst, dass er nahe vor der Tür ist.

Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht.

Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.

Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.

Seht euch vor, wachet!

Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.

Wie bei einem Menschen, der über Land zog und verließ sein Haus und gab seinen Knechten Vollmacht, einem jeden seine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er solle wachen: so wacht nun;

denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen, damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt.

Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!

 

Herr, gib du uns rechtes Hören und Reden.

Lass dein Wort in uns leuchten.

Amen

 

 

Liebe Gemeinde,

 

wahrscheinlich ist es nicht üblich eine Predigt mit einem Werbeblock zu beginnen.

Ich will es heute dennoch wagen.

Kennen Sie Rockenhausen, eine beschauliche frühere Kreisstadt in der Hinteren Pfalz, im Tal des Flüsschens Alsenz gelegen, mit manch heimeligem Winkel, netten Fachwerkhäuschen und sogar einem ehemaligen Wasserschloss...?

 

Warum ich das frage?

Nun, ich konnte neulich die eigentliche Attraktion des Städtchens besuchen – das „Museum für Zeit“ nämlich. So nennt sich das dort ansässige Pfälzische Turmuhrenmuseum.

Neben einer sehenswerter Kollektion verschiedenster alter Uhren beschäftigt sich ein Raum mit der Geschichte der Zeitmessung von der Frühzeit über die Antike, das Mittelalter und die frühe Neuzeit bis in die Gegenwart – und visionär durchaus darüber hinaus...

 

Am meisten beeindruckte mich, mit welcher Akribie, welcher Ausdauer, mit welchem intellektuellen, handwerklichen und organisatorischen Aufwand nachgedacht wurde über die Zeitmessung.

Ja, noch mehr, in welchem Maße das Messen der Zeit stets einherging mit kosmologischer Spekulation.

Denken wir an die alten Babylonier, die einmal beschlossen ihr Reich gegen eine kleine Schar Invasoren nicht zu verteidigen, weil der Kalender gerade Unglück verhieß – und man deshalb nicht mit der Hilfe der Götter rechnen konnte.

Oder denken wir an die Maja in Mittelamerika, deren größte Sorge war, was denn wäre, wenn ihre äußerst scharfsinnige, mathematisch hochkomplexe, doch leider endliche Zeitrechnung einmal an ihre Grenze stieße...

Oder denken wir an die jüdischen und christlichen Gelehrten, die mittels kabbalistischer Methoden aus dem Textbestand der Bibel insgesamt oder einzelner ihrer Teile das Ende der Zeit zu eruieren suchten – bis dahin, dass mehrfach das Datum zweifelsfrei errechnet schien und Menschen sich ihres gesamten Besitzes entledigten, um singend und betend dem nächtlichen Weltende entgegenzuwachen. Wie wird ihnen zu Mute gewesen sein, als am nächsten Morgen die Sonne aufging – wie immer...?

Oder denken wir an diejenigen Wissenschaftler heute, die mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln zu errechnen sich bemühen, wann die sich verlangsamende Ausdehnung des Universums zum Stillstand kommen und sich die Bewegung umkehren wird, um irgendwann zu einem erneuten Zusammenstürzen und in Folge dessen zu einem erneuten Urknall zu führen...

 

Mitten hinein in derlei Spekulationen und Berechnungen hören wir aus dem Evangelium nach Markus, wie Jesus in der dort kompilierten sogenannten „Endzeitrede“ seine Jünger und uns wissen lässt:

„Himmel und Erde werden vergehen... Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater... Ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.“

 

Das heißt doch: Irgendwann wird zwar alles einmal vergehen.

Doch wann das sein wird, das weiß niemand.

Es ist top secret, so geheim, dass nicht nur kein Mensch es wissen oder berechnen kann, auch der himmlische Hofstaat des Schöpfers ist nicht eingeweiht. Ja, nicht einmal im innertrinitarischen Dialog wird darüber verhandelt.

Das ist eine an Deutlichkeit und Klarheit nicht zu überbietende Absage an jegliche kosmologische Spekulation, ja recht betrachtet stellt diese Mitteilung gar den Sinn der Zeitmessung an sich in Frage. Oder etwa nicht?

 

Nun, ich denke nicht, dass Jesus so spricht, um einer Unwissenheit, einer allgemeinen Ignoranz dem Verrinnen der Zeit gegenüber das Wort zu reden.

Es geht vielmehr um etwas ganz Anderes, um einen Perspektivwechsel, um ein anderes Ausrichten des Blicks.

 

Welches ist denn der Gegenstand der sogenannten „Endzeitrede“ Jesu?

Es wird nichts so bleiben, wie es ist, erfahren die Jünger, erfahren wir.

Es wird ein Ende der Zeit, wie wir sie kennen, geben. Und dieses Ende fällt zusammen mit dem Wiederkommen des Menschensohns und also dem völligen, uneingeschränkten Durchbruch der Basileia tou theou, der Königsherrschaft Gottes.

Dass dies so kommt, dass er kommt, das ist gewiss – so das Generalthema des Markusevangeliums.

Wann es aber so kommt, ist ungewiss.

Dafür gibt es jedoch beobachtbare Anzeichen. Jesus benennt sie in einem Bild:

„An dem Feigenbaum aber lernt ein Gleichnis: Wenn jetzt seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, so wisst ihr, dass der Sommer nahe ist.

Ebenso auch: Wenn ihr seht, dass dies geschieht, so wisst, dass er nahe vor der Tür ist.“

 

Indem Jesus auf die beobachtbaren Zeichen verweist, lenkt er den Blick der Jünger und unseren weg von allem Spekulativen hin auf das Sichtbare, das Wahrzunehmende, auf die vielerlei Zeichen und Hinweise auf den sich nahenden Gott.

Er lässt uns also nicht in die Ferne schweifen, sondern das Naheliegende sehen, auf das Kleine und vielleicht Unscheinbare achten.

Er lädt uns ein zur Beobachtung mit allen Sinnen – und damit Zeitgenossen zu sein dessen, was um uns herum geschieht.

Im Nahen gilt es Gottes Nähe, sein Kommen wahrzunehmen.

Denn: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen...

 

Deswegen mahnt er uns eindringlich zur Wachsamkeit:

„Seht euch vor, wachet!“ sagt er uns – und: „Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!“

 

Diese wachsame Zeitgenossenschaft ist die empfohlene Haltung für alle, die das Kommende, die den Kommenden erwarten – und mit diesem wachsamen und hoffnungsfrohen Blick gilt es die Gegenwart wahrzunehmen und durchaus auch zu werten.

 

Liebe Gemeinde,

 

gerade am heutigen letzten Sonntag des Kirchenjahres ist es doch von größter Bedeutung für uns zu erfahren, dass die „Wehen“ der Endzeit, von denen Jesus andernorts im Rahmen seiner Rede spricht, Zeichen des aufblühenden göttlichen Lebens sind.

Was wir als wachsame Zeitgenossen sehen, was uns nicht selten besorgt, ja auch ängstet und umtreibt, das sind Zeichen für das verheißene Kommende, für den verheißenen Kommenden.

Es ist gut, dass wir das wissen dürfen, dass uns das gesagt ist – gerade jetzt im Spätherbst des Jahres mit seinen langen Schatten und wabernden Nebeln, unweit des kürzesten und dunkelsten der Tage.

Und es ist gut, dass wir des Kommens Gottes vergewissert werden – gerade jetzt im Spätherbst der Welt mit den vielfach beängstigenden Nachrichten und bedrückenden Bildern – womöglich auch hier unweit des kürzesten und dunkelsten der Tage...

 

Aber eben hier lenkt uns Jesus den Blick fort von allen unfruchtbaren Spekulationen, weg von allem herbstgrauen Befürchten hin zum Aufblühen des Sommers seiner Gnad'. Das gilt es vom Feigenbaum zu lernen, der womöglich ganz nahe bei Martin Luthers Apfelbaum steht...

 

Wachsames Warten ist also das Gebotene – aufmerksames und zugleich getrostes Warten.

Wir warten nicht auf Godot – sondern auf Gott. Dass er kommt, wissen wir von ihm.

Wir warten auch nicht auf St. Nimmerlein – sondern auf Gottes Herrschaft, die bereits angebrochen ist, die wir bereits wahrnehmen können, die ganz nahe herbeigekommen ist – wie Jesus uns wissen lässt:

„Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht.“

 

Dieses wachsame Warten beinhaltet durchaus ein „Carpe diem“, aber nicht ein kurzsichtiges, das im wahrzunehmenden Hier und Jetzt steckenbliebe, sondern ein zielgerichtes auf Gottes Kommen hin.

Deswegen nochmals die Mahnung Jesu: „Wachet!“

 

Einer bangen Frage, die sich hier anschließen könnte, möchte ich noch Raum geben:

Überfordert diese unablässige Wachsamkeit uns nicht?

Eignet ihr nicht etwas Unbarmherziges, verstärkt durch das Bild vom Herrn auf Reisen, das Jesus gebraucht und das wir vorhin gehört haben – mit uns als bestellten Nachtwächtern bis zu seiner Wiederkunft?

Ich kann mich gut an die Worte eines Oberkirchenrats vor einem Vierteljahrhundert vor 25 erschrocken dreinblickenden Lehrvikarinnen und -vikaren im Petersstift erinnern – er hob den Zeigefinger und warf auf die Frage nach der Bedeutung der Siebentagewoche des Pfarrdienstes bedeutungsvoll in die Runde: „Ein Christ ist immer im Dienst.“

 

Ich rufe uns demgegenüber das biblische Motto zu: „Fürchtet euch nicht!“

Zum einen sei zu unserem Nachtwächterdienst das entlastende Wort Jesu angefügt: „Des Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene.“ (Mt. 28, 20)

Mit einem solch tröstlichen Ausblick endet auch unser Markus-Evangelium: „Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen.“ (Mk. 16, 20).

Lassen wir uns also nicht bange machen!

Der kommende Herr ist nicht nur der allmächtige, sondern auch der barmherzige.

Ihm dürfen wir uns getrost anvertrauen.

Gewiss: Wer immer schläft und nie wachsam ist, der wird ihn wohl verpassen.

Wer aber in spannungsvoller Erwartung einmal ein Nickerchen braucht, den wird er gewiss sanft wecken – und vielleicht gibt er's ihm sogar im Schlaf (Ps. 127, 2). Möglich wär's...

 

Liebe Gemeinde,

 

Rockenhausen...

Mir hat besonders gefallen, dass ganz oben auf dem Flyer des „Museums für Zeit“ steht:

Zeit erleben.

Das ist es: nicht nur Zeit berechnen – und dann doch das Wesentliche verpassen.

Vielmehr – im Sinne der wachsamen Zeitgenossenschaft – die Zeit erleben in der getrosten Erwartung, dass er, Gott selbst, der Erste und der Letzte, der Herr der Zeit, kommt – und uns hinübergeleitet in seine Königsherrschaft.

 

Jesus spricht uns zu:

„Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.“

Deswegen halten wir uns auch, Herr, an dein Wort, das unvergängliche.

 

In Rockenhausen – wie auch hier in Heidelberg – gibt es im nächtlichen Dunkel einen Nachtwächter. Uns als Berufene hinzugerechnet, sind es hier sogar recht viele...

Zum nächtlichen Wachen braucht es ein Licht – wie wir wissen: ein adventliches.

 

„Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.“ (Ps. 119, 105)

Möge Gottes unvergängliches Licht uns allen leuchten, weil wir warten.

 

* Entzünden eines Lichtes *

 

Amen

 

 

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Letzte Änderung: 22.11.2016
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