21.02.2010: Prof. Dr. Jürgen Hübner

Universitätsgottesdienst am Sonntag Invocavit, 21.2.2010

 

Prediger: Prof. Dr. Jürgen Hübner

 

 

Predigttext: Hebr. 4, 14 – 16:

„Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so laßt uns festhalten an dem Bekenntnis. Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. Darum laßt uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.“

„ ... wenn wir Hilfe nötig haben“ - Hilfe zur rechten Zeit: Das wird uns verheißen! Ich knüpfe zunächst hier an. Das ist es ja, was wir brauchen: Daß uns geholfen wird zur rechten Zeit. So formuliert es die Zürcher Bibel. Auf Hilfe sind wir angewiesen. Das gehört zu unserer Geschöpflichkeit. Am Anfang steht die Geburtshilfe. Und Kinder brauchen Hilfe, um wachsen zu können. Mutter und Vater haben hier ihre Aufgabe. Aber sie schaffen es nicht allein. Großeltern, Geschwister und viele andere Menschen gehören dazu, damit ein Leben sich entfalten kann. Miteinander füreinander da sein - das ist die entscheidende Hilfe zum Leben. Wer weiß: Auf diesen Partner, auf diesen Freund, auf diese Freundin, ja auch auf diesen Nachbarn, diesen Kollegen - diesen Mitmenschen kann ich mich verlassen, der kann getrost am Leben teilnehmen. Übertriebene Hilfsbereitschaft kann lästig werden. Hilfe zur Selbsthilfe ist ein gutes Programm. Deshalb: Hilfe zur rechten Zeit. Doch: Auch der, der sich selbst helfen kann, bedarf weiterhin der Partnerschaft und der Gemeinschaft der Menschen, die ihm helfen oder beistehen können. Nirgendwo wird das deutlicher als in Lebenskrisen. Wir werden das alle kennen. Auch Glaubenskrisen gehören dazu. Diese vielleicht ganz besonders.

Wo Solidarität gelingt, wo eine Hilfsgemeinschaft entsteht, da kann man mit Recht von Gnade sprechen. Gnade ist ein großes Wort. Im ursprünglichen Wortsinn bedeutet es einfach das, worüber man sich freut (charis kommt von chairein). Das aber kann sich weit entfalten. Schon die kleinste Anregung: ein aufmunternder Blick, ein gutes Wort, eine aufgehaltene Tür, ein Gruß, fröhliche Gesellschaft, bis hin zu weit reichender Unterstützung, Pflege, ja Beistand im Sterben - all das kann als Gnade empfunden und erfahren werden. Solche Gnade, Anleitung zur Freude, Hilfe zum Leben, Hilfe zum Glauben - zur rechten, zu guter Zeit, sie läßt sich tatsächlich finden. Wo eine Gemeinschaft, eine Gemeinde von dieser Gnade, im Bewußtsein dieser Gnade lebt, da ist sie gegenwärtig, diese Freude am Leben. Da werden Fügungen deutlich, da gibt es Rettung, ja das Leben erscheint neu als Geschenk. Sie werden mit mir kleine und große Stunden der Gnade kennen. Ein Gottesdienst, wo viele Glaubende beieinander sind, im Gespräch mit Gott, wo auch nicht Glaubende willkommen sind - das ist noch einmal im besonderen ein Ort, eine Zeit, wo Gnade im tiefsten Sinn erfahrbar wird. Hier wird Gnade ja direkt zugesprochen!

Gnade hat mit Erbarmen zu tun. In den meisten Übersetzungen unseres Predigttextes ist von „Barmherzigkeit“ die Rede, die es zu empfangen, zu erlangen gelte, um Gnade zu finden. Das klingt schon fast wie eine Eigenschaft, die man haben, bekommen kann oder eben nicht. Es geht aber um das Erbarmen selbst, daß sich jemand unserer erbarmt. Wir brauchen, um Gnade und Lebensfreude zu finden, Menschen, die sich unserer erbarmen. Ohne Erbarmen läßt es sich schlecht leben. Wer erbarmungslos handelt, schreckt auch vor dem Tod des Gegners nicht zurück, bis hin zum eigenen Tod. Sind Selbstmordtäter nicht erbarmungslos?

Aber wie ist das nun? Sind wir dazu in der Lage, Barmherzigkeit zu empfangen, können wir sie „erlangen“? Will ich das überhaupt? Wer mag schon Freundschaft bloß aus Barmherzigkeit. Von Liebe aus Barmherzigkeit raten auch die Psychologen ab. Niemand mag bloß ein Sozialfall sein. Lieber ein Leben auf dem Campingplatz als Hartz IV empfangen, berichtete neulich das Fernsehen von einer Frau mit drei Kindern. Dieser Stolz ist beeindruckend.

Und umgekehrt: Wie steht es mit eigenem Erbarmen? Das hat Grenzen. Eine Überweisung an Brot für die Welt: Ja. Ein Obolus für einen Bettler: Das mag angehen. Ein Besuch im Krankenhaus ist selbstverständlich. Aber wie viel überweise ich? Kriegt der Bettler 50 c oder einen, vielleicht auch zwei Euro? Und ich kann nicht jeden Tag zur Klinik fahren. Barmherzigkeit - begrenzt? Wenn der Hebräerbrief von Erbarmen und Gnade spricht, dann ist offenbar mehr gemeint als das, was wir können, was menschenmöglich ist, mehr also auch als die Vernunft uns vorschreibt. Die Vernunft wird nicht etwa außer Kraft gesetzt. Ich kann nicht über meine Verhältnisse Spenden überweisen. Und ich muß schon hinschauen, wen ich unterstütze und wie ich meine Zeit einteile für Besuche und Anderes, was nötig ist. Die Ethik des vernünftigen Maßes gilt. Aber dies ist doch nicht schon alles. Wir bleiben abhängig von der Barmherzigkeit und Gnade, die uns überhaupt erst erlaubt, vernünftig zu handeln, ja überhaupt zu leben! Und selbst barmherzig zu werden.

Barmherzigkeit kann man nicht machen. Man kann sie sich auch nicht selbst beibringen oder von Anderen ohne Weiteres in Anspruch nehmen oder gar einfordern. Sie bleibt ein Geschenk. Und ein Geschenk muß man empfangen. Man muß es auch empfangen können und empfangen wollen. Wer gar nichts geschenkt haben will, ist arm dran. der kann auch nichts weiterschenken.

Erbarmen und Gnade im tiefsten Sinn sind das Geschenk schlechthin. Sie sind Gabe Gottes. sie gestalten Leben, wie es sein kann und sein soll. Das meint der Hebräerbrief, wenn er von dem „Thron der Gnade“ spricht. Wir sind eingeladen, dieses Geschenk zu empfangen. „Laßt uns hinzutreten zu dem Thron der Gnade“. „Mit Parrhesia“ heißt es da, „mit Zuversicht“, übersetzt Luther, ja mehr noch ist gemeint: mit Freimut. Parrhesia ist ja eigentlich Redefreiheit, die Offenheit zu sagen, was gesagt werden kann und muß, zu sagen, was wahr ist, was wirklich so ist. In solcher Freimütigkeit zum Thron der Gnade hinzugehen, hinzuzutreten, dazu ermuntert uns der Hebräerbrief. Da also hinzugehen, wo es diese Gnade gibt. Freimütig - das heißt, auch mit allem, was im Leben Barmherzigkeit und Gnade widerspricht: Grenzen, Widerwille, Nachlässigkeit, ja auch Schuld, wo verfehlt wurde, was an der Zeit gewesen wäre, wo ich etwas Helfendes hätte tun oder sagen können, oder wo ich Strategien entwickelt habe, solchen Herausforderungen auszuweichen, um sie herumzukommen, wo doch mein Einsatz hilfreich, vielleicht sogar bitter nötig gewesen wäre. Trotzdem, und mit alledem hinzutreten zum „Thron der Gnade“, schlicht: so, wie wir sind, in aller Offenheit und mit allen Problemen und aller Verletzlichkeit - was ist das für eine Ermunterung?!

Oder ist das nur ein Ideal, ein Wunschbild, das es so in Wirklichkeit gar nicht gibt? Wer kann schon so freimütig sein, zur Quelle der uneingeschränkten Lebensfreude vorzudringen und alles beiseite zu schieben, was dem realiter im Wege steht? Das kann doch nur ein leidvoller Weg sein, viel zu viele Rücksichten sind zu nehmen, und sie zu durchbrechen, ist gefährlich. Es geht über unsere Kraft.

Hier sind wir auf nichts Anderes angewiesen als auf das Christusgeschehen. Unser Predigttext spricht von Jesus. Da tut sich ein Erfahrungshorizont auf, der alles, was wir uns als Lebensideal vorstellen können, übersteigt, ihm vielmehr vorausgeht und zugrunde liegt. Solcher Freimut, der allen Widerwärtigkeiten zum Trotz Freiheit und Freude am Leben erschließt, der ermuntert, zum „Thron der Gnade“ hinzugehen und sich beschenken zu lassen, solche Lebensoffenheit begegnet uns mit Jesus. Jesus tritt zu uns als Mensch, als Mitmensch. Erinnert ist damit an den historischen Jesus, ebenso aber an Jesus nach der Auferstehung, wie er zunächst den Jüngern und dann auf neue Weise in der Gemeinde und im Alltag der Menschen begegnet. In der Gemeinde, im Gottesdienst werden wir auf ihn aufmerksam. Aber seine Gegenwart erfahren wir gerade auch im Alltag. Er ist bei uns mit Menschen, in Situationen, wo sich Lebensfreude ereignet, Fügung aufscheint - wo auch Zuversicht aufbricht, wenn das irdische Leben zu Ende geht. Besonders da ist er uns nahe, wo wir schwach sind. Er leidet mit uns. Er weist bei uns und für uns über die Zwänge, Schuld, Wirrnisse und Angriffe, die den Lebensweg bedrängen und verstellen, hinaus, in Menschen, die uns helfen, in Menschen, denen wir helfen können, und auch wenn es zum Letzten kommt, der Bedrohung durch den Tod, ist er da. Leben ist auf Ewiges Leben angelegt. Solche Erfahrungen und Erkenntnisse, solchen Glauben vermittelt Jesus auf mannigfache Weise durch die Zeiten hindurch, von der Zeit, als der Hebräerbrief geschrieben wurde, bis heute, wo wir ihn lesen und hören. Durch alle Versuchungen hindurch trägt uns Jesu Wort, gerade auch durch die Versuchung hindurch, ob unser Glaube nicht doch unnütz, eine Illusion sei. Jesus hat das selber erfahren. Hatte Gott ihn am Kreuz verlassen?

Uns treffen Versuchungen zu Recht. Geben wir uns - oder Gott die Ehre? Jesus gibt Gott die Ehre, durch Versuchungen, Leiden und Tod hindurch. Darin wird er unser Bruder, will er uns an die Hand nehmen und zum Thron der Gnade führen und geleiten, zur wahren, freien, unverstellten Freude am Leben, zum Leben in geschöpflicher Dankbarkeit, wo immer wir sind und wie es uns geht. So wird er geradezu zum Symbol eines Lebens fern von der Sünde.

Die Aufgabe des Hohenpriesters im Israel der nachexilischen Zeit war, insbesondere am Versöhnungstag, die Menschen von ihren Schulden vor Gott zu entlasten. Es galt, die Sünden des Volkes zu sühnen. Dazu wurden die Opfergaben dargebracht. Der Hebräerbrief nimmt das Amt des Hohenpriesters als Metapher auf: Jesus ist der „große Hohepriester“. Jetzt geht es aber nicht mehr darum, Opfer vor Gott zu bringen. Vielmehr hat sich Jesus selbst mit seinem Leben und Leiden für die Menschen als Opfer dargebracht. Damit ist jeder Opferdienst ein für allemal abgelöst. Jesus tritt für uns Menschen ein, weil er an unserem Leben mit allen Versuchungen und Verwerfungen teilgenommen hat und in neuer Weise weiter teilnimmt, nun als neuer, großer Hohepriester, der mit seinem Volk mitlebt und mitleidet, der Barmherzigkeit ausstrahlt. So mitzuleben und mitzuleiden, bis zum Tod am Kreuz, das ist nicht nur menschliche, das ist göttliche Barmherzigkeit. Das geht über menschliche Möglichkeiten hinaus.

Wir sind eingespannt in irdische Lebensbedingungen, angewiesen auf die Gegebenheiten des Lebens auf der Erde unter dem Himmel. Verhaltensforschung und Psychologie zeichnen das nach. Jesus öffnet uns den Blick darüber hinaus. Er hat „die Himmel durchschritten“. Die kosmischen Mächte der Antike - lebensbedrohlich bis in die Horoskope hinein - werden zu Naturphänomenen. Die können freilich auch bedrohlich werden. Jesus kennt das. Heute, wo sich der Blick in den Himmel in eine milliardenfache Weite von Zeiträumen ausgedehnt hat, können wir es auch umgekehrt sehen: Daß in diesem Universum, in dieser Galaxie, unserer Milchstraße, in diesem Sonnensystem, auf diesem Planeten, unserer Erde, Leben erscheint, Menschen wohnen, ein Jesus erscheint und begegnet und uns vorlebt, wie ein Leben aussehen kann, ein Leben ohne Sünde, und daß dieser Jesus uns immer wieder und immer wieder neu begegnet und trotz aller Sünde in der Welt zu Liebe, Barmherzigkeit und getroster Lebensfreude einlädt - das ist das Wunder schlechthin, so daß Jesus mit Recht Sohn Gottes genannt wird.

Können wir dem zustimmen? Einstimmen in das Christusbekenntnis, teilnehmen an dem Christusgeschehen? Der Hebräerbrief, ja Jesus selbst, Gott lädt uns dazu ein. Wir haben einen großen, Hohen Priester, der uns in unserer Welt nahe ist, Jesus, den Sohn Gottes. In der Passionszeit werden wir weiter zu bedenken haben, was das bedeutet. Mit Freimut dürfen hinzutreten zum Thron der Gnade. Es ist die Gnade Gottes, des Schöpfers, die uns hier angeboten wird. Gott selbst sagt uns Lebenshilfe zu, wo wir sie brauchen, Hilfe zur rechten Zeit. Davon können wir leben. Laßt uns an diesem Bekenntnis festhalten!

 

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Letzte Änderung: 01.11.2012