21.03.2010: Dr. Joachim Vette über Hebr. 5,7-9

 

Predigt über Hebr. 5, 7-9 am Sonntag Judica, 21. März 2010, im Universitätsgottesdienst in der Peterskirche

 

Prediger: Dr. Joachim Vette

 

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

 

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Hebräerbrief, Kapitel 5 die Verse 7-9:

7 Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. 8 So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. 9 Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden,

 

Liebe Gemeinde,

 

Der Ältestenkreis trifft sich wie üblich im Gemeindehaus. Die Tische stehen in einem Kreis, der Küster hat Apfelsaft, Mineralwasser und Gläser bereitgestellt, einige Kerzen leuchten. Nach und nach kommen die Ältesten, nicht alle ganz pünktlich, aber bald sitzt die Gruppe gemeinsam im Kreis. Die Sitzung beginnt mit der Lesung der Tageslosung und ein Lied wird angestimmt. Bis zu diesem Zeitpunkt ist es auch für Außenstehende sehr deutlich, dass es sich um eine christliche, um eine kirchliche Veranstaltung handelt. Nun kommt man aber zur Tagesordnung. Viele unterschiedliche Themen stehen an: Das Gemeindefest muss geplant werden, die Renovierung der Küche im Keller ist fast fertig und der Kantor hat einen Antrag auf Anschaffung von Chorpodesten gestellt. Die nun folgende Diskussion ist wie gewohnt lebhaft und intensiv: Soll es zum Gemeindefest wie letztes Jahr nur gegrillte Würste geben, oder ist es sinnvoll einen großen Topf mit heißem Wasser aufzustellen, um auch Bockwürste anzubieten? Stellen wir den Stand mit den Käseplatten ins Foyer, oder stört der Andrang die Ruhe im Lesezelt nebenan? Besonders heftig wird über die Farbe gestritten, mit der die neue Küche bemalt werden soll. Lassen wir es weiß, wie im Rest des Gemeindehauses oder wäre ein blasses Terrakotta nicht viel schöner? Der Antrag des Kantors findet grundsätzlich Zustimmung, aber eine Zwischenfrage weißt auf das Problem der Lagerung hin. Dies führt zu einer weitschweifigen und unübersichtlichen Diskussion über den unmöglichen Zustand des Kirchenkellers, der dringend aufgeräumt werden müsse. Aber was in diesem Keller denn wirklich Müll sei, darüber gehen die Meinungen in diesem Kreis doch sehr auseinander. Bevor jedoch die Stimmen und Stimmungen völlig neben- und auseinander zu driften drohen, greift die Vorsitzende mit starker Stimme in das Geschehen ein und schlägt vor, das Thema auf die nächste Sitzung zu vertagen.

 

Alle, die sich kirchlich engagieren, kennen solche oder ähnliche Sitzungen. Bunt geht es darin zu, und lebhaft. Und nicht immer wird in den Themen und Diskussion deutlich, was diese Arbeit der Gemeinde von der Vereinsarbeit des örtlichen Kleintierzüchtervereins unterscheidet. Ließe man Losung und Lied am Anfang weg, stellt sich einem doch ab und zu die Frage, was das spezifisch kirchliche, was das spezifisch christliche an einer solchen Diskussion ist. Oder schärfer formuliert: inwiefern geschieht die Diskussion, ob nun Bock- oder Bratwürste auf dem Gemeindefest angeboten werden, zur Ehre Gottes? Was macht diese innergemeindliche Arbeit so wertvoll, dass wir es wagen können zu sagen, auch dies geschieht zur Ehre Gottes?

 

Erlauben Sie mir, Ihnen eine zweite Szene zu schildern: Jetzt, wo es endlich Frühling wird, sehen wir wieder vermehrt Kinder draußen auf Spielplätzen, in Wäldern und auf Grasflächen. Wenn ich Kindern beim Spielen beobachte, bin ich immer wieder verblüfft, mit welcher Intensität sie sich ihren Projekten widmen können. Ist der Entschluss einmal gefasst, eine Höhle oder ähnliches zu bauen, bricht eine Debatte los, die einer Ältestenkreissitzung an Intensität in nichts nachsteht. Soll dieser Ast hierhin oder dorthin? Welche Blätter nehmen wir, um den Boden zu bedecken? Soll der Eingang versteckt werden oder nicht? Jede Entscheidung, jeder Schritt der Gestaltung wird ernsthaft und bedeutungsschwer abgewogen, geprüft, durchgeführt und für gut befunden. So versunken sind die Kinder in ihrer kreativen Detailarbeit, dass sie alles um sich herum vergessen. Wenn nach getaner Arbeit ich die Höhle dann begutachten darf, überzeugt das Bauwerk sicherlich auf mancher Ebene nicht. Es ist auf den ersten Blick schief und wackelig und nicht besonders ästhetisch. Doch wenn die Kinder anfangen zu erzählen, warum die Höhle genau so und nicht anders sein darf, welche Funktion dieser Stein und jener Tannenzapfen hat und die Augen dabei vor Begeisterung leuchten, dann wird es auch mir stumpfem Erwachsenen klar: diese Kinder haben sich verausgabt, haben alles gegeben, was in ihnen steckte. Sie haben mit viel Liebe zum Detail und zum Ganzen etwas unendlich Wertvolles und Wunderschönes geschaffen.

 

Von den Kindern lerne ich, dass der Wert ihrer schöpferischen Arbeit in der Liebe begründet ist, die sie in diese Arbeit investieren. Ihr Spielen ist viel mehr als nur ein Spiel, es ist ein Liebesdienst, in den sie ihre ganze Kreativität, ihre ganze Phantasie und sich selbst investieren.

 

Schöpfung als Akt überschwänglicher Liebe. Als Investition der ganzen Person in eine Sache, die durch diese Hingabe erst möglich wird. So wird mir nicht nur die Arbeit dieser Kinder, so wird auch die Schöpfungstätigkeit Gottes verstehbar. In Hingabe seiner eigenen Person rief Gott aus Liebe diese Welt ins Leben. Hingabe aus Liebe ist jedoch eine gefährliche Sache. Denn eine solche Liebe macht verletzlich. Hier wird es persönlich, hier gibt man sich preis, entblößt sich. Wie tief diese Verletzbarkeit geht, merke ich, wenn ich mir vorstelle, wie sehr ich den Kindern wehtun könnte, wenn ich mich nun über ihre Höhle lustig machen würde. Ich mag mir diesen Akt der Barbarei eigentlich gar nicht vorstellen, doch verdeutlicht dieser Gedanke, wie schutzlos sich die Kinder machen, wenn sie mir voll Stolz ihre Schöpfung präsentieren.

 

Der Schöpfer macht sich in seiner Schöpfung verletzlich. Seine Hingabe aus Liebe birgt in sich das ständige Potential tiefen Leidens. Er setzt sich in seinem Schaffen der Möglichkeit aus, dass ihm wehgetan wird. Wir machen einen Fehler, wenn wir annehmen sollten, dass Gottes Schmerz erst am Kreuz beginnt. Sein Schmerz beginnt in dem Moment, in dem er sich aus Liebe hingibt und schöpferisch tätig wird. Gottes Verletzlichkeit ist ein unbedingter Teil seiner Liebe. Sie könnte erst dann aufhören, wenn seine Liebe aufhört. Die biblischen Texte bringen die Gedanken Liebe, Schöpfung, Verletzbarkeit und Leiden in unterschiedlicher Weise zusammen. Die vielfache verwendete Ehemetapher im Alten Testament, denken wir nur an Hosea, zeichnet Gott als Liebenden, dem, gerade weil er liebt, wehgetan werden kann. Der Kolosserbrief bringt den Schöpfervater und den leidenden Heiland zusammen, indem Christus nicht nach, sondern vor und als Bedingung der Schöpfung beschrieben wird. Auch unser Predigttext heute morgen thematisiert das Leiden Gottes in starker, kantiger Sprache. Hören wir noch einmal hin:

 

7 Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. 8 So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. 9 Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.

 

Jesus lernte Gehorsam an dem, was er litt. Ich muss Ihnen gestehen, liebe Gemeinde, dass ganz furchtbare Bilder in meinem Kopf entstanden, als ich diesen Satz zum ersten Mal las. Gehorsam wird durch Leiden erzeugt, steht da. Ich dachte an Prügelstrafe, daran, dass Gehorsam mit dem Kochlöffel eingebläut werden müsste. Ich sah das Bild, wie ein störrischer, widerspenstiger Wille durch Gewalt gebrochen wird, bevor er gehorcht. Ich dachte an Einschüchterung und Angst, an ein Ducken vor einer übermächtigen Gewalt, die durch Leiden Gehorsam erzwingt. Und ich legte verstört den Text beiseite und fing an zu überlegen, wie ich es schaffen könne, heute Morgen über einen anderen Text zu predigen.

 

Und dann hörte ich im Autoradio eine Sendung, in der es um das Zuhören in Schulen ging. Gegen eine Verklärung früherer Zeiten, in der es in den Schulen viel leiser gewesen ist, fiel der Satz: „Nur weil Kinder leise sind, hören sie noch lange nicht zu.“ Und plötzlich wurde mir klar, dass mit Gehorsam kein Kuschen vor der Obrigkeit, kein ängstliches Wegducken aus Angst vor Strafe sein konnte, sondern etwas ganz anderes. Gehorsam ist kein blindes Befolgen von Befehlen. Gehorsam hat mit Hören zu tun, mit einem aktiven Zuhören und mit der bewussten Entscheidung, das, was man hört zur eigenen Lebensgrundlage zu machen. Im Zuhören lernen wir ein Gegenüber kennen, und im Gehorsam entscheiden wir uns, dieses Gegenüber zum Vorbild zu nehmen und ihm nachzufolgen.

 

Jesus lernte an dem, was er litt, Gehorsam. Es ist eine wunderliche und wunderbare Aussage unseres Predigttextes, dass Jesus gerade in seinem Leiden seinen Vater erkennt, ihm zuhört und sich entscheidet, es ihm gleich zu tun. Jesus, der Sohn Gottes, lernt in seinem Leiden wie Gott ist und was es bedeutet ihn mit seiner Nachfolge zu ehren. Dies ist aber kein Leiden zum Selbstzweck. Dies ist ein Leiden, das auf ein viel tieferes Geheimnis hinweist, nämlich der unbegrenzten Liebe Gottes, die sich diesem Schmerz schutzlos öffnet. „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eigenen Sohn hingab“. In diesem Hingeben aus Liebe, das bereit ist soviel Leiden auf sich zu nehmen, erweist sich die Sohnschaft Jesu Christi. Denn hierin ist er dem Vater gleich.

 

In seinem Schmerz bleibt Jesus nicht stumm. Er öffnet seinen Mund mit „Bitten und Flehen, mit lautem Schreien und mit Tränen“, wie unser Predigttext schreibt. Wir sehen hier Jesus vor uns im Garten Gethsemane: „Ach, Herr, nimm diesen Kelch von mir“. Wir hören ihn am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ und uns wird bewusst, dass der Weg, den Jesus einschlägt, ihn innerlich zerreißt, ihn kaputt macht. Doch an keiner Stelle weicht Jesus von diesem Weg ab, sondern geht ihn beharrlich weiter: „Nicht mein Wille, dein Wille geschehe“. Die Klage ist hier keine Abkehr vom Gehorsam, sie ist eine Weigerung die Liebe preiszugeben, die den Schmerz verursacht. Die Klage ist ein Aufschrei im Leiden und gleichzeitig ein Bekenntnis zu der Liebe, die zum Leiden führt. Jesus klagt nicht, anstatt zu lieben, er klagt, weil er nicht aufhören kann zu lieben. Und so verdichtet sich im Garten Gethsemane das Bild des leidenden Gottes der in seinem Schmerz aufschreit weil er in seiner Liebe bleibt. Hier sehen wir den Vater im Sohn, denn der Sohn hatte dem Vater zugehört und sich entschieden, es ihm gleichzutun. Er war gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuz.

 

Hier bleibt unser Predigttext nicht stehen. Er redet uns als christliche Gemeinde direkt an und nimmt uns in Anspruch: „Jesus ist für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.“ Wie Christus gehorsam war dem Vater, sollen die, die seinen Namen tragen, ihm gehorsam sein. Nicht ein blinder Gehorsam aus Angst, im Ducken vor einer übermächtigen Gewalt, sondern ein Zuhören, ein Kennen lernen und eine der Entscheidung, dem Vorbild Christi nachzufolgen. Wir sind aufgerufen, ein Echo Christi zu sein und uns zu öffnen für die Liebe, die er uns vorgelebt hat, bereit zu sein, uns in dieser Liebe verletzlich zu machen und ihn gerade dadurch zu ehren. In dem Apostel Paulus haben wir ein Vorbild, wie das Aussehen kann. Er hat seine Gemeinden aus ganzem Herzen geliebt, das wird in jedem seiner Briefe deutlich. Und er hat an dieser Liebe gelitten, denn ihm wurde gerade von diesen Gemeinden sehr wehgetan; auch davon sprechen seine Briefe. Er hat sein Volk Israel geliebt und gerade deswegen war er von Schmerz erfüllt, dass große Teile Israels Jesus nicht als den Christus sehen konnten oder wollten.

 

Und wir heute? Sind wir von dem Bestreben erfüllt, die Liebe Christi als Vorbild für unser Leben zu nehmen? Bestimmt diese Liebe unseren Umgang mit einander, wenn wir miteinander diskutieren, uns gegenseitig ermahnen und ermuntern, wenn wir in die Zukunft blicken und Visionen für uns und unsere Kirche erarbeiten? Sind wir bereit, uns in dieser Liebe verletzbar zu machen, indem wir uns selbst mit unseren Gaben, unserer Begeisterung und unseren Träumen hingeben? Klagen wir, weil wir nicht bereit sind, mit dem Lieben aufzuhören?

 

Ich habe immer wieder erfahren, dass ein solches Arbeiten in einer christlichen Gemeinde möglich ist, dass Menschen sich gegenseitig tragen und voranbringen, dass gemeinsam gelacht, geweint, gebetet und gesungen wird und dass man mit Zuversicht und Tatkraft in die Zukunft geht. Wenn an und in der Gemeinde mit derselben Achtung, derselben Hingabe, derselben Liebe gearbeitet wird, die die Kinder in ihrem Schaffen im Park an den Tag legen, dann sind auch Diskussionen um Brat- und Bockwürste, oder um die Farbgestaltung des Gemeindehauses Teil dieser Arbeit und eingebunden in die Nachfolge Jesu Christi zur Ehre Gottes des Vaters.

 

Es ist aber nicht immer so. Wenn die Liebe fehlt – wenn die Gemeinde mehr Wert darauf legt, Kompetenzbereiche abzustecken als aufeinander zu zugehen, wenn der Selbstschutz wichtiger wird als der Versuch dem anderen zu helfen, wenn das Starren auf leere Haushalte den Mut verdrängt, etwas positiv in den Gemeinden und in der Stadt gestalten zu wollen, wenn Verwaltungseffizienz einen höheren Stellenwert bekommt als Seelsorge, wenn wir klagen, gerade weil wir verlernt haben zu lieben, dann wird auch der feierlichste Gottesdienst zum tönenden Erz und zur klingenden Schelle.

 

So ist uns unser Predigttext Trost und Verpflichtung zugleich. In Jesus Christus erkennen und bekennen wir, dass Gott in seinem Lieben und Leiden den Tod überwunden hat und dadurch für uns zum Urheber des ewigen Heils geworden ist. Und wir sind gerufen, gehorsam zu sein, dass heißt hinzuhören, Gottes Liebe immer wieder neu kennen zu lernen und aus dieser Liebe heraus selbst zu leben.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

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Letzte Änderung: 31.10.2018