21.04.2013: Hochschulpfarrer Dr. Hans-Georg Ulrichs über Gal 1,1-5

 

Eine gute Einstimmung

Predigt zu Galater 1,1-5 im Semestereröffnungsgottesdienst

Peterskirche Heidelberg, 21. April 2013

Hans-Georg Ulrichs

 

Gnade sei (mit) Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus –

 

diese Worte, liebe Gemeinde, sind keine konventionelle Einstimmung in die Predigt, gleichsam eine kleine liturgische Eröffnung der Verkündigung, sondern sie stellen das Zentrum des Predigttextes dar, den Anfang des Galaterbriefes. Was am Anfang zu sagen ist, das ist von einigem Belang, und was tatsächlich am Anfang gesagt und wahrgenommen wird, kann entscheidend für alles weitere sein. Am liebsten hätte ich die Uhr schnell eine Minute zurückgedreht, als mir kürzlich eine schreckliche Panne passiert ist: Statt mit dem geschriebenen Anfang anzufangen, begann ich einen Vortrag mit einer witzig gemeinten Bemerkung, die sich dann allerdings als totaler Rohrkrepierer erwies – bevor ich zur Sache kam, war schon einiges verunglückt und ich hatte größte Mühe, die Hörer zu erreichen. Es ist gar nicht schlecht, sich in der Öffentlichkeit an Konventionen zu halten.

 

Gnade sei (mit) Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus –

 

das sind Worte, die uns gelten, das sind die Worte, die uns richtig einstimmen in diesen neutestamentlichen Text, in diese Predigt, in das neue Semester. Sie sind geschrieben den Galatern, gelten aber auch für uns. Diese zentralen Anfangsworte sind gut, um einzustimmen – denn dazu ist doch ein Semestereröffnungsgottesdienst da: weniger zum Eröffnen, sondern vielmehr zum Einstimmen.

 

So lautet die Einstimmung des Paulus in seinen Brief an die Galater:

 

Paulus, ein Apostel nicht von Menschen, auch nicht durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus und Gott, den Vater, der ihn auferweckt hat von den Toten, und alle Brüder, die bei mir sind, an die Gemeinden in Galatien: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus, der sich selbst für unsre Sünden dahingegeben hat, dass er uns errette von dieser gegenwärtigen, bösen Welt nach dem Willen Gottes, unseres Vaters; dem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. (Galater 1,1-5)

 

Es wäre fahrlässig, diese Worte nur als konventionellen Text zu charakterisieren und damit abzutun. Ja, dieser Text mutet so wie zahlreiche andere Briefanfänge des Neuen Testaments an. Aber wer nur auf das Gemeinsame der Konvention sieht und hört, überliest einerseits den doch auch ernst gemeinten Inhalt, der von der Konvention eingekleidet ist, und die spezifischen Abweichungen. Lassen Sie uns also nicht gleich weghören, wenn etwas bekannt vorkommt! Konventionen entstehen in einer Gemeinschaft und drücken Gemeinschaft aus.

 

Gerne greife ich zu Bekanntem. Wenn ein neues Buch erscheint mit einem mir bekannten Namen als Verfasser, dann greife ich zu. Wenn ich einen Brief aus dem Briefkasten hole und lese einen mir bekannten Namen als Absender, dann öffne ich den Brief mit meinen Erfahrungen und meinen Assoziationen dieses Namens. Der Angabe des Absenders ist bereits eine Einstimmung.

 

Paulus. So heißt der gewiss nicht unbekannte Absender. Paulus – da weiß man sofort: Jetzt wird nichts Überflüssiges kommen, es wird kein trash folgen, sondern durch und durch Bedenkenswertes, selbst dann, wenn dieser Brief schon über Generationen hinweg vorgelesen worden sein sollte. Er wurde ja so oft vorgelesen, bis er fester Bestandteil der Tradition wurde, weil er als so wichtig erachtet wurde.

 

Paulus. Er schreibt keine Rechnung als Zeltmacher oder legt hier einen Essay als graduierter Geisteswissenschaftler vor, der er auch war, sondern er wendet sich als Gottes Gesandter an die Gemeinde. Der nicht unumstrittene, in seinen Texten vielleicht stärker als coram publico erscheinende Paulus weiß sich stark legitimiert und spricht dies auch aus – vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil er unter den ersten Briefempfängern andere Christusverkündiger wähnt, die ihn als verspäteten Apostel, der ohne Beauftragung des irdischen Jesus ist, für sekundär halten. Paulus versteht sich geistlich legitimiert.

 

Paulus. Er ist nicht allein und er will auch, wie andere, die zum Glauben gekommen sind, nicht allein sein und bleiben. Er will Gemeinschaft um des Glaubens willen, er will Gemeinschaft im Glauben. Deshalb diese Einstimmung, nicht nur als Einstimmung in den Brief, sondern als das Bemühen darum, dass seine Leser, seine Hörer, dass die Christen einstimmen in die Botschaft und deren Folgen. Diese doppelte Bedeutung von Einstimmen eröffnet Kommunikation. Wenn man in Dänemark einen Bekannten trifft, dann sagt man nach dem Gruß immer auch „tak for sidst“ – Danke für das letzte Mal. Man stellt, wie konventionell auch immer, ein Einvernehmen untereinander her. Ja, da ist etwas, was uns verbindet, das in der Vergangenheit gemeinsam Erlebte verbindet uns gegenwärtig. Ein Einstimmen in und durch Gemeinsames.

 

Paulus tut das auch. Wir kennen ihn als theologischen Haudegen, auch als Polemiker, aber er ist ebenso derjenige, der Gemeinschaft herstellen will. Er stellt sich vor, vielleicht durchaus mit einem hohen Anspruch, der die Ersthörer ganz schön schlucken lässt, der ihnen aber nicht unbekannt gewesen sein dürfte. Und dann kommt der gute Gruß:

 

Gnade sei (mit) Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus –

 

Der gute Gruß ist Ausdruck dieser Gemeinschaft des Glaubens. Paulus ist in Gemeinschaft mit allen Geschwistern, in deren Namen er mit grüßt, und er verbindet sich in diesem Gruß mit den Empfängern in den galatischen Gemeinden, denen die Früchte des Evangeliums gelten mögen: Gnade und Friede. Das ist ein guter Wunsch, das ist ein geradezu notwendiger Wunsch, denn „Gnade“ und „Friede“ sind dieser Welt weder politisch noch religiös inhärent. Allein der Blick in die gestrige Zeitung zeigt uns die Gnadenlosigkeit und den Unfrieden in dieser Welt.

 

Paulus zeigt sich hier, wenn man so formulieren darf, als „Gemeinschaftschrist“, der in einem gewissen Sinne Einstimmigkeit oder doch Übereinstimmung sucht. Das ist nicht – wie wir schnell zu sagen geneigt sind – „bloße“ Konvention. Sondern das ist so ernst gemeint wie auch das, was eben an Konvention fehlt. In vielen anderen Briefen gibt es nämlich zunächst einmal einen Dank für den Glauben der Adressaten – so wie wir ja auch heutzutage zu Beginn jeder Wortmeldung eine wertschätzende Würdigung oder eine captatio benevolentiae einbauen. „Auch ich möchte mich zunächst für Ihren exquisiten Vortrag bedanken“, so beginnen in der Regel Diskussionsbeitrage auch nach zweistündiger Debatte. So wichtig ist das Danke-Sagen.

 

So wichtig – und Paulus verzichtet hier trotzdem darauf. Ein Dank an Gott für Euren Glauben, das will ihm offenbar nicht über die Lippen kommen – oder besser: aus der Feder fließen. Es gibt, und das wissen ja alle, Auseinandersetzungen, vielleicht auch innerhalb der Gemeinden, aber gewiss zwischen manchen in den Gemeinden und Paulus. Und da sind dem Paulus Konventionen nicht etwa eine willkommene Form zu flunkern oder Konflikte zu kaschieren. Nein, was Paulus schreibt und was er nicht schreibt, beides ist ernst und ehrlich gemeint.

 

Es ist ernst und ehrlich gemeint. Deshalb schreibt Paulus als Einstimmung auch keine prae- oder quasireligiösen Formeln, bei denen jeder „irgendwie“ mitgehen kann, sondern sucht, fordert oder wirbt für das Einstimmen in das fundamentale Bekenntnis des christlichen Glaubens: Auferstehung und Kreuz. In principio – am Anfang geht es ums Prinzip, um das Grundlegende.

 

Prinzip und Grundlegung: Wer von Gott spricht, kann Jesus Christus nicht verschweigen. Und wer von Jesus spricht, muss Gott mit nennen. Die Reihenfolge ist ´mal so und ´mal so: Jesus Christus und Gottvater (v. 1), oder dann: Gottvater und unser Herr Jesus Christus (v. 3). Sie gehören ganz zueinander, sind aufeinander bezogen, erschließen sich gegenseitig, nämlich im fundamentalen Bekenntnis des christlichen Glaubens: Auferstehung und Kreuz. Alle Christusverkündiger, diejenigen, die bei Paulus sind, diejenigen, die in den galatischen Gemeinden sind, diejenigen, die bis heute unter sind, wissen: Der Schöpfergott auferweckt den toten Jesus und besiegt, was stärker als das Leben und als der Geber des Lebens selbst sein will, den Tod – und Christus gibt sich, wie es mystisch-sakramental heißt, damit wir den lebensfeindlichen Mächten entrissen sind, damit wir frei sind. Heute nennt man dies wohl nicht mehr „böse Welt“ (v. 4), wie Paulus es tat und damit die Todesverfallenheit und die Vergänglichkeit meinte – obwohl: von „böser Welt“ waren die Medien gerade in den zurückliegenden Tagen wieder voll. Den lebensfeindlichen Mächten sind wir entrissen, auch wenn sie ihrer Macht noch nicht vollständig beraubt sind. Das ist hochgegriffen und tiefgedacht und das wird im Verfolg des Briefes und im Laufe des Semesters in der Predigtreihe zum Galaterbrief noch eindringlich weiterverfolgt. Aber hier am Anfang wird das Prinzip, die Grundlage des für Christen sinnhaften Redens von Gott genannt und erinnert: Auferstehung und Kreuz, das eine nicht ohne das andere – und wir denken nur drei Wochen zurück: Ostern und Karfreitag. Alles, was noch folgen wird, lässt sich zurückführen auf Ostern und Karfreitag.

 

Was für ein Auftakt! Kein Luftikus spricht hier, kein billiger Animateur reißt hier mit, auch kein Lehrer, der gerne sehr gute Noten gibt, um von Schülern geliebt zu werden. Vielmehr jemand, der scharf nachdenkt und gut hinschaut. Paulus geht aufs Ganze, sucht aber mit allem, was ihm kognitiv und rhetorisch zur Verfügung steht, die Einstimmung seiner Hörer und damit die Gemeinschaft des Glaubens. Er wird nicht überall zum Ziel gekommen sein, auch heute gibt es Christen und Christusverkündiger, die sich an Paulus ärgern. Gewiss. Aber noch viel mehr hat Paulus die Einheit der Christen und die Gemeinschaft des Glaubens gefördert, indem er so energisch auf das Prinzip der christlichen Gotteserkenntnis hingewiesen hat. Diese Erkenntnis von Gott und diese Gemeinschaft des Glaubens haben ein Ziel: das Einstimmen in das Lob Gottes.

 

- ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! (v.5)

 

Wer im Glauben spricht, segnet mit dem guten Gruß des Anfangs. Wer im Glauben spricht, der fällt in das gemeinsame Lob Gottes ein. Gemeinsam feiern wir diesen Gottesdienst zu Beginn des Semesters, wir feiern ihn kurz nach Ostern und Karfreitag, wir feiern ihn zur Einstimmung und stimmen auch als Gemeinde in der Heidelberger Universitätskirche ein und loben Gott

 

- ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

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Letzte Änderung: 08.07.2013
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