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21.07.2013: Dekan Prof. Dr. Johannes Eurich über Gal 6,11-18

 

Predigt zu Gal 6,11-18

im Universitätsgottesdienst am 21. Juli 2013

in der Heidelberger Peterskirche

 

Dekan Prof. Dr. Johannes Eurich

 

 

Liebe Gemeinde,

 

vielleicht haben Sie auch schon einmal von einem Seminar gehört, auf dem man folgende Übung machen soll: „Was würdest Du auf deinen eigenen Grabstein als Auskunft über dein Leben schreiben? Formuliere einen Satz, der angibt, wofür du gelebt hast.“ Eine solche Übung kann einen ganz schön ins Schwitzen bringen. Nicht nur, weil darin die Frage nach dem Sinn des Lebens mitschwingt, die bekanntlich gar nicht so einfach zu beantworten ist. Es ist auch deshalb fast unmöglich, weil eine unverwechselbare Individualität, sich durch viele unterschiedliche Facetten auszeichnet. Diese auf nur einen Satz reduzieren zu wollen, erscheint mehr als schwierig. Zudem stehen wir alle in ganz unterschiedlichen Rollen , ob in der Familie, im Beruf, im Freundeskreis, beim ehrenamtlichen Engagement usw. Nicht umsonst spricht man von der Herausforderung der Patchwork-Identität, der wir uns heute gegenübersehen. Trotzdem ist die Übung mit dem Grabstein reizvoll, denn sie fragt danach, ob es so etwas wie ein übergreifendes Motto unseres Lebens gibt. Sich dieser Frage zu stellen, kann allein schon deshalb gut sein, weil sie uns auffordert, inne zu halten und darüber nachzudenken, was das wirklich Wichtige im Leben ist. Solche Momente des Innehaltens und Nachdenkens werden einem immer mal wieder geschenkt. Manchmal fordern uns auch Anlässe wie der nächste runde Geburtstag, der einem bevorsteht, oder typische Schwellensituationen wie die Wahl des Studiums oder ein Berufswechsel oder das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben zu Antworten heraus. Zu guter Letzt mag man gegen Ende des Lebens eine Art Bilanz ziehen: Was war für mich wirklich wichtig, wofür habe ich gelebt?

Solche Überlegungen scheinen auch Paulus in unserem heutigen Predigttext bewegt zu haben. Der Predigttext ist ein Abschnitt aus dem Brief an die Galater, der wie eine persönliche Note gehalten ist. Wir erinnern uns: Die Christinnen und Christen in Galatien habe das Evangelium durch Paulus erhalten, er hat die Gemeinde gegründet und geleitet. Zugleich gab es viele Auseinandersetzungen mit der neuen Gemeinde darüber, ob man als Christ das jüdische Gesetz halten und sich beschneiden lasse müsse. Ich lese Gal 6, 11-18:

Gal 6,11-18: 11 Seht, mit wie großen Buchstaben ich euch schreibe mit eigener Hand!

12 Die Ansehen haben wollen nach dem Fleisch, die zwingen euch zur Beschneidung, nur damit sie nicht um des Kreuzes Christi willen verfolgt werden.

13 Denn auch sie selbst, die sich beschneiden lassen, halten das Gesetz nicht, sondern sie wollen, dass ihr euch beschneiden lasst, damit sie sich dessen rühmen können.

14 Es sei aber fern von mir, mich zu rühmen als allein des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch den mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt.

15 Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern eine neue Kreatur.

16 Und alle, die sich nach diesem Maßstab richten - Friede und Barmherzigkeit über sie und über das Israel Gottes!

17 Hinfort mache mir niemand weiter Mühe; denn ich trage die Malzeichen Jesu an meinem Leibe.

18 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist, liebe Brüder! Amen.

Paulus schreibt diesen letzten Abschnitt des Galaterbriefes mit eigener Hand – die anderen Abschnitte wurden offensichtlich einem Sekretär diktiert. Zu dieser persönlichen Note passt es, dass er über seine Motive Auskunft gibt. Er sagt: Ich rühme mich allein des Kreuzes Christi durch den mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt. Andere dagegen würden nur ihren eigenen Vorteil suchen, wenn sie sich mit Glaubens-Erfolgen rühmen.

Man rühmt sich vor allem der Dinge im Leben, auf die man stolz ist oder aus denen man einen Vorteil für sich schlagen kann. Das letztere Motiv kennen wir aus vielen zwischenmenschlichen Begegnungen: jemand rückt sich in ein besonders positives Licht, um eine Stelle zu erlangen. Oder man stellt seine Leistungen sehr in den Vordergrund, um Anerkennung und vielleicht sogar Bewunderung zu ernten. Solche Verhaltensweisen sind nur allzu menschlich. Sie gehören zum Menschensein dazu. Denn wir Menschen sind auf Resonanz, auf Anerkennung durch andere angewiesen sind. Theologisch sprechen wir vom Menschsein in Beziehungen. Und was spricht dagegen, Leistungen zu honorieren, die auszuzeichnen, die sich hervorgetan haben, die zu rühmen, die andere bei weitem übertreffen, die darum zu recht zu rühmen sind? Den Wunsch nach Ruhm kennen wir auch gut in universitären Kontexten. Vielleicht als Wunsch, für das beste Examen gerühmt zu werden, sicher hervorzutun vor allen anderen. Oder man träumt davon, einen Preis für seine Dissertation zu erhalten. Ach könnte ich doch auch einmal als Professor der Universität dort im Treppenhaus der Alten Uni, im Aufgang zur Alten Aula, hängen! Natürlich ist das nicht wörtlich gemeint, aber mein Konterfei dort an der Wand, neben all den anderen Nobelpreis-Trägern – was wäre das für eine Ehr! Nun, solche Wünsche sind den Kolleginnen und Kollegen aus den Naturwissenschaften vorbehalten, als Geisteswissenschaftler muss man auch in seinen Träume sich auf etwas kleinere Preise beschränken. Sicherlich, zugeben würden wir nie, das wir auch solche Träume haben, da sind wir viel zu wissenschaftlich sozialisiert. Aber ist das nicht ein wichtiger Movens für menschliche Leistungen? Und leben wir nicht in einer Gesellschaft, die vor allem Leistung, Erfolg, Reichtum und Schönheit goutiert? Dürfen auch wir uns dann nicht unseres Erfolgs rühmen?

Ich möchte diese Überlegungen kontrastieren mit einem Gedanken aus einer gegenwärtigen Debatte in der Biogerontologie. In der Diskussion über die Langlebigkeit des Menschen wird von den Transhumanisten die Position vertreten, dass schon bald ein menschliches Leben mehrere Hundert Jahre andauern könnte. Aubrey de Grey, er lehrt an der Universität Oxford, ist einer der Vertreter einer solchen Lebensverlängerung. In der Debatte, ob es überhaupt wünschenswert ist, so lange zu leben, wird von Philosophen das Argument eingebracht, dass man nach einer bestimmten Zeitspanne überhaupt keine sinnvollen neuen Erfahrungen mehr machen könnte. Das menschliche Leben würde seine kategorialen Wünsche und damit auch seine Ziele verlieren. Langeweile, Sinnlosigkeit, Unerträglichkeit wären die Last eines solchen immensen Lebenszeitzuwachses. Ein bisschen wurde das auch in dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ porträtiert: wenn man morgens aufsteht, weiß man bereits alles, was an diesem Tag passieren kann, nichts Neues ereignet sich mehr, die Dinge werden belanglos. Wenn alles so gleichgültig wird, wenn alles so nivelliert wird, so uninteressant wird, wessen soll man sich dann noch rühmen? Was soll man dann noch auf seinen Grabstein schreiben?

Hier ist nun interessant, dass Paulus eine andere Orientierung im Leben vorgibt. Er schreibt in v. 14: Es sei aber fern von mir, mich zu rühmen als allein des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch den mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt. Es ist sicherlich eine etwas merkwürdige Formulierung: Durch das "Kreuz unseres Herrn Jesus Christus“ ist dem Apostel die "Welt“ gekreuzigt. Mit der "Welt“ meint er nicht die physische Welt, sondern wohl eher die Wertvorstellungen und Orientierungen einer rein auf das Diesseits ausgerichteten Welt.

Solche Aussagen hat Paulus öfters gemacht: An die Gemeinde in Korinth schreibt er im ersten Korintherbrief, dass er nichts anderes wissen wolle, als Jesus Christus und diesen als den Gekreuzigten. (1Kor 2,2). Und im dritten Kapitel des Brief an die Galater äußert er seine Enttäuschung darüber, dass die Christenmenschen in Galatien ihren Blick vom Gekreuzigten wieder abgewandt haben: „O ihr unverständigen Galater! Wer hat euch bezaubert, denen doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte“ (Gal 3,1). „Auf Jesus am Kreuz hinschauen und ihn beharrlich im Blick behalten, das entscheidet demnach über Weisheit oder Torheit. Hier wird die alles entscheidende Erkenntnis gewonnen oder eben auch verfehlt. Zugleich ist deutlich: Was es hier zu erkennen gilt, das fügt sich nicht den Maßstäben unserer Wissenschaft und Klugheit. Es ist kein Gegenstand, über den man ein für allemal Bescheid wissen könnte, um dann darüber verfügen zu können.“ (Johannes von Lüpke). Der Gekreuzigte konfrontiert uns mit einer anderen Einstellung zum Leben und zu Lebenszielen: Denn als Gekreuzigter wurde er von Gott bestätigt und auferweckt. Als erfolgloser, verachteter und ausgestoßener Mensch wurde er von Gott erhöht. Nichts anderes als Jesus Christus, den Gekreuzigten, wissen zu wollen, das heißt auch, sich darauf einzustellen und sich darauf einzulassen, dass an diesem Jesus unsere geläufigen Vorstellungen und Bilder von einem gelungenen Leben korrigiert werden. Der praktische Theologe Henning Luther hat dies auf den Begriff der konstitutionsbedingten Fragmentarität menschlichen Lebens gebracht. Er meint damit, dass der Mensch mehr ist und aus mehr lebt, als ein Mensch selbst herzustellen und zu gewährleisten vermag. Luther nimmt unser Leben mit all seinen Brüchen, Fehlern, Unvollkommenheiten, Schwächen in den Blick. Man kann Luthers Überlegungen auf den Leistungs- und Erfolgsdruck übertragen und sich fragen, ob nicht durch eine zu große Betonung dieser Werte alle unseren „schüchternen und unvollkommenen Tastversuche“ (Luther) im Keim erstickt und abgetötet werden und unserem unvollständigen Versuch zu leben die Grundlage entzogen wird. Luther ermutigt zur Annahme der Endlichkeit und Fragmentarität des Lebens.

Was aber bleibt dann noch zum Rühmen? Eben nicht mehr die eigenen großen Taten, sondern Gottes Güte und Zuwendung, die in Jesus Christus aufscheint. Gottes Zuwendung kann unsere Menschlichkeit nicht nur menschlich aussehen lassen, sondern sie gewährt auch eine gewisse Souveränität im Leben, weil man nicht mehr darüber verzweifeln muss, wenn man sein Leben als Fragment erkennt.

Im christlichen Glauben gehört die Hilfsbedürftigkeit, gehört die Unvollkommenheit zu den Grundmerkmalen menschlichen Lebens. Von Anfang an zeichnet sich dieses durch eine „chronische Bedürftigkeit“ und eine „unendliche Angewiesenheit“ (Pannenberg) aus. Im christlichen Glauben kann der Mensch daher weder für sein eigenes noch für das Heil eines anderen Menschen etwas tun noch müsste er dies: „Christus […] ist unser Friede, weil und insofern er uns die verlorene Ganzheit des Daseins gewährt – jene Ganzheit, die mehr ist als die Summe ihrer Teile und die deshalb Heil genannt zu werden verdient. Für dieses unser Heil können wir gar nichts tun“, so schreibt Eberhard Jüngel. Es ist dann nur konsequent, wenn Paulus sich allein des Kreuzes Christi rühmen möchte.

Schließt dies das Rühmen für eigene Taten aus? Die Bedeutungslosigkeit menschlichen Tuns im Blick auf die Stellung des Menschen vor Gott mindert nicht den Wert menschlicher Leistungen an sich. Aber es ordnet menschliche Leistungen in einen größeren Zusammenhang ein und relativiert diese dadurch. Die religiöse Bewertung menschlichen Tuns vor Gott negiert nicht, dass wir im Vergleich der menschlichen Leistungen untereinander die hervorragenden Leistungen eines Einzelnen anerkennen. Aber zugleich weist uns die christliche Sicht darauf hin, dass nicht nur am Anfang und am Ende des Lebens, nicht nur in Krankheits- und Krisenzeiten, sondern auch in den guten Zeiten wir Menschen auf gegenseitige Hilfe und Unterstützung angewiesen sind. Im Evangelium erkennen wir: Vor Gott gibt es keinen Zwang, im Leben immer erfolgreich sein zu müssen. Dies bedeutet keine Herabsetzung großer menschlicher Leistungen. Vielmehr eröffnet es den Blick darauf, dass selbst unsere größten menschlichen Leistungen nicht das Höchste im Leben sind. Denn das Bild des Gekreuzigten ist auch die Kritik aller menschlichen Götzen, seien es Erfolg, Leistung, Reichtum, Schönheit oder welche auch immer in einer Gesellschaft vorherrschen. Deshalb rühmt Paulus Jesus den Gekreuzigten, deshalb will er in seinem Leben nur den Gekreuzigten kennen, deshalb hätte er – wer weiß - vielleicht nur ein Kreuz auf seinem Grabstein abgebildet.

Amen

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Letzte Änderung: 29.07.2013
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