21.10.2012: Prof. Dr. Helmut Schwier über 1 Kor 7,29-31

 

Predigt über 1 Kor 7, 29-31

(Semestereröffnungsgottesdienst, 21.10.12, Peterskirche Heidelberg)

 

Prediger: Prof. Dr. Helmut Schwier

 

 

Liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext steht im 1. Korintherbrief, Kapitel 7, die Verse 29-31; ich lese aus der neuen Zürcher Übersetzung.

 

Paulus schreibt: „Dies aber sage ich, liebe Brüder und Schwestern: Die Zeit drängt.

Darum sollen künftig auch die, die eine Frau haben, sie haben, als hätten sie sie nicht, die weinen, sollen weinen, als weinten sie nicht, die sich freuen, sollen sich freuen, als freuten sie sich nicht, die etwas kaufen, sollen kaufen, als behielten sie es nicht, und die sich die Dinge dieser Welt zunutze machen, sollen sie sich zunutze machen, als nutzten sie sie nicht.

Denn die Gestalt dieser Welt vergeht.“

 

I.

„Die Zeit drängt“ – eine Erfahrung wie im Alltag! In Studium und Beruf muss alles schnell fertig werden, Termine eingehalten, immer mehr Arbeit in kürzerer Zeit bewältigt werden. Online-Einschreibungen, e-learning-Plattformen ersparen zwar manches Schlangestehen, aber alles wird auch schneller und kurzfristiger. Da schreibe ich eine mail, und die Antwort lässt über eine Stunde auf sich warten. Warum antwortet der nicht? Die Zeit drängt!

In vielen Berufen schrumpft die Belegschaft, die Arbeit aber nicht. Nicht zuletzt in Universität und akademischer Selbstverwaltung werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer wieder mit Zusatztätigkeiten „beglückt“; am besten alles so präzise wie sonst noch eben miterledigen. Die Zeit drängt.

Kinder haben ein übervolles Programm: Schule, Sport, Musikschule, Jobs, Freunde treffen. Manches geht nur, wenn Mütter die Fahrdienste übernehmen. Die Schulzeit wird insgesamt kürzer, der Stoff nicht. Am besten schon Fremdsprachen im Kindergarten lernen! Die Zeit drängt.

Im privaten Leben soll alles schnell und reibungslos klappen: beruflicher Erfolg, eine glückliche Ehe, leistungsstarke Kinder, eine eigene Wohnung, ein eigenes Haus, Schulden schnell abbezahlen. Alles soll perfekt sein, nichts stören. Die Zeit drängt.

Zeitknappheit und Hektik werden zum Lebensgefühl. Ich fühle mich getrieben, alles soll schnell passieren. Das führt zu einer eigentümlich schrägen Lebensgestaltung: Eigentlich mache ich nichts mehr richtig und konzentriert, weil ich immer schon an die nächste Aufgabe denke. Ich telefoniere, bedenke aber schon zwei weitere e-mails. Ich kaufe ein, muss aber auf dem Weg noch ein, zwei andere Dinge eben schnell miterledigen und bin dank Smartphone immer online.

Eigentlich wäre jetzt Zeit für meine Frau, meinen Mann, meine Kinder, meine Freunde, aber da ist noch so vieles Wichtige liegen geblieben – oder mit dem bekannten Song von Tim Bendzko gesagt:

„Muss nur noch kurz die Welt retten, danach flieg ich zu dir.

Noch 148 Mails checken wer weiß was mir dann noch passiert denn es passiert so viel

Muss nur noch kurz die Welt retten und gleich danach bin ich wieder bei dir.

Irgendwie bin ich spät dran, fang schon mal mit dem essen an. Ich stoß dann später dazu. Du fragst wieso weshalb warum, ich sag wer sowas fragt ist dumm. Denn du scheinst wohl nicht zu wissen was ich tu. Ne ganz besondere Mission lass mich dich mit Details verschonen. Genug gesagt genug Information.

Muss nur noch kurz die Welt retten, danach flieg ich zu dir …“

 

Ob ich mich hektisch getrieben fühle und zu nichts anderem mehr komme, ob ich mich in meiner vermeintlichen Wichtigkeit als Retter der Welt oder der Wissenschaft stilisiere und Menschen und Beziehungen vernachlässige – immer heißt es: Die Zeit ist knapp, die Zeit drängt, nur noch schnell das erledigen, danach habe ich Zeit zum Leben.

Die Folgen sind so einfach wie verkehrt: Wem zum Heulen zumute ist, tut so, als würde er immer noch stark sein; am besten keine Schwäche zeigen! Wem vieles gelingt, wer glücklich ist, sieht auf das, was noch nicht gelungen ist; am besten nie mit sich zufrieden sein und immer neue Ziele anstreben. Wer Dinge kauft, die er braucht, kauft gleich noch mehr; am besten möglichst viel besitzen. Wer verheiratet ist oder mit anderen Menschen zusammenlebt, setzt falsche Prioritäten und überlegt unter Umständen, ob Partnerschaft nicht hinderlich für große Leistungen ist oder ob mit einem anderen Partner oder als Single nicht alles viel leichter wäre. Die Zeit drängt. Der Uhrzeiger ist nicht aufzuhalten. Das Leben ist kurz. Es muss sich doch lohnen – zumindest für mich selbst.

 

II.

Die Zeit drängt – das schreibt auch Paulus. Doch seine Einsicht und seine Mahnungen gehen in eine andere Richtung.

Seine Einsicht heißt: Die Zeit meines Lebens und die Zeit unserer Welt liegen nicht in unserer Hand, sondern bei Gott. Gott setzt die Grenzen. Und das ist gut so. Warum? Einmal, weil mich dies entlastet; vor allem aber, weil Gott es ist, also nicht ein dunkles, unberechenbares Schicksal, sondern Gott, der Schöpfer, Retter und Erneuerer des Lebens.

Die erste Grenze, die des Lebensanfangs, setzt der Schöpfer. Ich bin nicht nur das Kind meiner Eltern, sondern von Anfang an Gottes Kind. Unglaublich, aber wahr: Schon vor dem biologischen Anfang hat mich der Schöpfer gewollt. Ich bin sein Plan. Ihr seid sein Plan! In der Taufe hat er mich bei meinem Namen gerufen, mein Leben mit Tod und Auferweckung seines Sohnes verbunden, mich erwählt und angenommen.

Mitten im Leben stoße ich dann auf selbst fabrizierte Grenzen: die Grenzen von Schuld und Verfehlungen. Wo Menschen zusammen leben, bleibt das nicht aus. Wir beeinträchtigen unsere Nächsten und behindern sie, setzen uns durch auf Kosten anderer. Auch wenn wir nur Gutes für andere wollen – was wir ehrlicherweise nicht immer wollen –, ergibt sich nicht selten das Gegenteil.

Gott rettet und befreit uns aus diesen selbst fabrizierten Grenzen. Er öffnet mir mitten im Leben den Horizont und lässt mich die Befreiungsbotschaft hören: Schuld und Verfehlungen sind vergeben – von Gott; daher soll auch ich zur Vergebung bereit sein. Dann kann Neues wachsen und entstehen.

Nicht nur mitten im Leben geschieht Erneuerung, sondern selbst da, wo alles am Ende scheint. Die harte Grenze des Todes ist nur aus unserer Sicht dunkel, ängstigend, endgültig und so oft zum Heulen und Verzweifeln.

Aber Gott erneuert das Leben auch dann. Er hat seinen Sohn nicht der Todesmacht überlassen, sondern ihn auferweckt. Unser Auferstehungsfenster führt es vor Augen: Christus wird auferweckt, daher wird alles, was stirbt, verwandelt zu neuem Leben. Die Gräber springen auf. Die alte Gestalt vergeht und völlig Neues entsteht. Am Ende bin ich nicht am Ende, sondern bei Gott.

 

III.

Knapp als Bekenntnis formuliert: Gott als der Schöpfer, Retter und Erneuerer setzt die Grenzen und nur er kann und wird über sie auch hinausführen. Dieses Bekenntnis hat Konsequenzen.

Grundsätzliche Konsequenz: Alles, was in der Welt ist, selbst das Größte und Wichtigste, ist vorläufig, aber nie von Gott getrennt. Dies hat weitere Konsequenzen. Ich greife zurück auf die drei Bereiche des Predigttextes.

Ehe und Partnerschaft: In einer starken Verbindung zu einem anderen Menschen zu leben, mit ihm Höhen und Tiefen zu durchschreiten, immer neu zueinander zu finden, gehört zu den größten und schönsten Erfahrungen im Leben. Die kann kein Mensch einfach herstellen oder gewährleisten, obwohl wir uns dazu kräftig anstrengen sollen. Aber selbst diese größte und schönste Erfahrung ist vorläufig. Das entwertet sie nicht, sondern macht sie wertvoll.

„Die Zeit drängt“ heißt jetzt nicht, dass anderes wie Beruf und Erfolg wichtiger wären. „Die Zeit drängt“ – das heißt vielmehr: Ehe und Partnerschaft sind kostbar und nicht dazu da, dass sich einer auf Kosten der anderen durchsetzt; Partner, Kinder, unsere Nächsten und Freunde sind nicht unser Besitz, sondern wir sind berufen, aufeinander zu achten und gemeinsam Gott entgegen zu gehen.

Weinen und sich freuen: Die großen Gefühle, die manche, vor allem Intellektuelle, sich nur noch im Kino zugestehen, werden nicht unwichtig oder beseitigt. „Die Zeit drängt“ heißt nicht, dass ich meine Gefühle verberge oder mir für Freude und Traurigkeit keinen Raum nehmen dürfe.

„Die Zeit drängt“ – das heißt vielmehr: wenn du weinen musst, weine, aber wisse, dass dein Weinen eine Grenze hat; dein Weinen und seine Ursache sind nicht ewig, sondern zeitlich begrenzt. Wenn du dich freust, dann freue dich, aber wisse: das, was dir jetzt Freude bereitet, ist vorläufig; aber die Freude bleibt Gottes Ziel. Denn auch nach der letzten Grenze werden Tränen getrocknet, und unser Mund wird voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein. Freude, Lachen und Rühmen gehören zum Leben in Zeit und Ewigkeit.

Finanzen und Gesellschaft: Kaufen und Verkaufen sind in jeder Gesellschaft notwendig, ebenso wie staatlich garantierte Rechts-, Bildungs- und Wohlfahrtseinrichtungen. Die soll jeder nutzen, denn sie sind notwendig und gelten allen. Aber auch sie bleiben vorläufig: Geld ist kein Wert an sich, Recht ist zu selten schon Gerechtigkeit, Bildung nur gelegentlich Weisheit, Wohlfahrt und Heilung noch kein umfassendes Heil.

„Die Zeit drängt“ – das heißt: Gerechtigkeit und Weisheit und Heil sind uns verheißen. Die Gestalt dieser Welt wird vergehen, wie Paulus schreibt, aber Gott erneuert alles Leben. Das ist wertvoller als alles andere.

 

IV.

„Die Zeit drängt“ – als Gesetz der Lebensknappheit führt es zur Sucht, immer mehr haben und sichern zu wollen. Dies Gesetz macht uns unfrei und verdirbt schon jetzt ein erfülltes Leben.

„Die Zeit drängt“ – als Bekenntnis des Glaubens an Gott den Schöpfer, Retter und Erneuerer befreit es vom Haben und Sichern. Ich muss nicht die Welt oder die Wissenschaft oder die Kirche retten und nicht jeden Augenblick die mails neu checken.

 „Die Zeit drängt“ – lasst uns die Fülle erkennen, die uns durch Gott bereitet wird! Lasst uns fröhlich sein über die Wohltaten, die er uns schon jetzt schenkt! Lasst uns auf ihn hoffen, den Herrn in Zeit und Ewigkeit!

Mein Herz bleibt unruhig, bis es Ruhe findet in dir, Gott. Zu dir bin ich unterwegs und du zu mir. Maranatha – ja, komm, Herr Jesus. Amen.

 

EG 152, 1-4:

1. Wir warten dein, o Gottes Sohn,

und lieben dein Erscheinen.

Wir wissen dich auf deinem Thron

und nennen uns die Deinen.

Wer an dich glaubt,

erhebt sein Haupt

und siehet dir entgegen;

du kommst uns ja zum Segen.

 

2. Wir warten deiner mit Geduld

in unsern Leidenstagen;

wir trösten uns, dass du die Schuld

am Kreuz hast abgetragen;

so können wir

nun gern mit dir

uns auch zum Kreuz bequemen,

bis du es weg wirst nehmen.

 

3. Wir warten dein; du hast uns ja

das Herz schon hingenommen.

Du bist uns zwar im Geiste nah,

doch sollst du sichtbar kommen;

da willst uns du

bei dir auch Ruh,

bei dir auch Freude geben,

bei dir ein herrlich Leben.

 

4. Wir warten dein, du kommst gewiss,

die Zeit ist bald vergangen;

wir freuen uns schon überdies

mit kindlichem Verlangen.

Was wird geschehn,

wenn wir dich sehn,

wenn du uns heim wirst bringen,

wenn wir dir ewig singen!

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Letzte Änderung: 22.10.2012
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