21.11.2010: Prof. Dr. Theo Sundermeier - Prof. Dr. Helmut Schwier zum Schreiterfenster

 

Predigt im Universitätsgottesdienst am 21.11.2010 in der Peterskirche zur Einweihung des Schreiterfensters „Heiliger Geist“

 

Prediger: Prof. Dr. Theo Sundermeier, Prof. Dr. Helmut Schwier

 

 

I.

 

Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. (2. Kor. 3, 17)

 

Freiheit heißt nicht Beliebigkeit. Beliebigkeit verfehlt ihr Ziel. Eine Predigt, die sich nicht streng an die Textvorgabe oder ihr Thema hält, sondern beliebig herumphantasiert, verfehlt ihre Aufgabe.  Kunst, die sich nicht den Ansprüchen, die an ein Kunstwerk  gestellt werden, beugt, ist sinnlos. Das gilt für jedes Kunstwerk, gilt aber in besonderer Weise an die Glasmalerei. Hier ist der Kontext, der Kirchraum und das durchsichtige Material zwingend vorgegeben, meistens auch ein Thema und in jedem Fall die Form der Fenster. Zwängt das aber nicht die Freiheit des Künstlers so ein, daß man nicht mehr von der Autonomie und der Freiheit der Kunst und des Künstlers sprechen kann?  Aber worin erweist sich seine Freiheit? Absolute Freiheit gibt es nicht. Das gilt für jeden von uns. Immer wird unsere Freiheit von unseren eigenen Fähigkeiten, den Umständen und den Möglichkeiten begrenzt, in denen wir leben und von den Menschen, mit denen wir zusammen sind. Es ist die künstlerische Besonderheit der Fenster von J. Schreiter, daß sie sich gerade dem Rahmen und Kontext einfügen, für den sie bestimmt sind, aber der Künstler alles Können einbringt, das man von ihm erwartet. Formen sind dabei nicht einfach Begrenzung. Formen geben Halt, bändigen das formlose Chaos, sie geben „Trost“ sagt Lyotard. Davon ist auch Schreiter überzeugt und will das mit dem neuen Fenster vermitteln. 

Es ist allein schon die Struktur des Fensters, die diesen Trost vermitteln kann, weil sie Schönheit und ruhige Ordnung ausstrahlt. Schauen wir sie uns an. Unser Blick geht von unten nach oben. Die drei langen Bahnen, gehalten und miteinander verbunden durch schmale Querbänder enden oben im Maßwerk in abstrakten Figuren, die an menschliche Schultern und Köpfe erinnern.  Zwei Blätter sinken herab8das Motiv greift der Künstler in der „Pfeilspitze“ im mittleren Feld auf), die von einem großen Dreierblatt (der sog. Dreipaß, der an die Trinität erinnert)  ihre Kraft beziehen und gehalten werden. Zwei Flammen (Elemente des Flamboyantstils) werden wie vom Wind zur Seite geweht und legen sich schützend um die „Schultern“ und „Köpfe“ der „Menschen“. Alles in allem ein ungemein ästhetisches und harmonisches Ensemble.

Schreiter hat der Versuchung widerstanden, wie es nach dem Krieg in vielen Kirchen geschah, die einzelnen kleinen Felder thematisch gesondert zu füllen (aus den nach unten gerichteten Flammen wurden dann z.B. kleine Engel, im 19. Jh. haben man daraus Blumensträuße gemacht, wie im Chorraum der Peterskirche), sondern belässt sie in ihrer harmonischen Zuordnung und ordnet sie auf diese Weise dem Gesamtthema „Heiliger Geist“ zu.

Der Heilige Geist wird „ausgegossen“ über die Menschen, auf Männer und Frauen, Alte und Junge, heißt es im Alten und Neuen Testament (Joel 3,1; Apg 2, 17).  Wie der Regen das dürre Land erfrischt, so wird der Mensch erfrischt, wenn auf ihn der Geist ausgegossen wird. Ich werde nie vergessen, wie in Namibia die Wüste am nächsten oder übernächsten Morgen übersät war mit blühenden Morgensternen, wenn ein Regenschauer herabgekommen war. Und wie die Schüler bei dem ersten Regen des Jahres aus den Klassenzimmern stürmten und im Regen tanzten und jubelten. Regen ist Leben im dürren Land. Er reinigt die Luft, läßt die Blumen sprießen und macht nicht nur schlaffes Laub frisch und kräftig, sondern läßt auch die erschlafften Menschen aufleben.

Das ist auch die Botschaft des Fensters: So direkt von oben kommt der Heilige Geist. Er durchbricht alle Schranken und reinigt das eintönige Einerlei des Lebens, hellt es auf und läßt das Rot der Liebe kräftig aufscheinen.

Aber auf diesem Fenster geht es noch um etwas anderes.  Der Geist scheint sich genau in die Struktur der „Menschen“ einzupassen.  Die großen langen Strukturen der drei Felder, der drei „Menschen“ werden nicht aufgelöst, nicht seitwärts durchbrochen oder verändert. Im Gegenteil, die strenge, aufrechte Struktur wird durch das direkte Herabkommen des Geistes noch verstärkt.

Das aber sagt uns: Der Heilige Geist zerstört uns nicht, sondern will uns stärken, so daß wir ganz wir selbst sind. Er will uns in unserem Menschsein heilen. Er stellt nicht unsere Identität in Frage, sondern läßt sie uns bejahen, so daß wir den aufrechten Gang gehen können, den aufrechten Gang  der befreiten Kinder Gottes.  Das ist die Freiheit, die der Geist uns schenkt, daß wir nicht zu anderen hinüber schielen müssen, nicht wie andere sein wollen, nicht nach Dingen und Eigenschaften streben, die nicht zu uns passen. Das ist die Freiheit, die der Geist uns schenkt, daß wir in Verantwortung vor Gott und den Menschen wir selbst sein können. Daß wir in unserer Umgebung mit den Mitteln und Fähigkeiten, die uns der Schöpfer gegeben hat, uns selbst verwirklichen. Doch das nicht in selbstischer Selbstbezogenheit, sondern zusammen mit den anderen in der Gemeinschaft der Kinder Gottes. Das dreigliedrige Fenster zeigt es uns: nur gemeinsam können wir leben und aufrecht stehen und gehen.

Wir feiern heute den Ewigkeitssonntag, Totensonntag. Was hat unser Text damit zu tun? Sehr viel. Denn am Ende der Tage, im jüngsten Gericht werden wir nicht gefragt: Warum bist du nicht ein Moses gewesen, sondern: Warum bist Du nicht du nicht du selbst gewesen? Warum bist du nicht Theo, Helmut, Christa, Franz und Dorothea gewesen?! Es ist der Heilige Geist, der uns die Freiheit schenkt, ganz wir selbst zu sein.

 

[Musik – Flöte solo]

 

II.

 

Die Struktur, die Form des Fensters ist bereits voller Trost. Sie weist uns auf uns selbst und aufeinander, zeigt uns die Freiheit im Glauben und Leben als ein Geschenk des Heiligen Geistes.

Auch die Farben und Motive des Fensters, liebe Gemeinde, sprechen uns an. Sie haben mich in ihren Bann gezogen, als vor gut einer Woche das Gerüst abgebaut wurde, das Fenster frei sichtbar war und ich es zum ersten Mal betrachten konnte.

Im Maßwerk, als Hinweis auf Gottes Bereich zu verstehen, beginnt die Dynamik seiner Bewegung zu uns, im leuchtenden Gelb und strahlendem Weiß ihren Anfang nehmend. „Ihr werdet die Kraft, die dynamis, des Heiligen Geistes empfangen und werdet meine Zeugen sein“, verheißt Christus vor Pfingsten (Apg 1, 8) – der Heilige Geist ist Gottes Dynamik in der Kirche und für die Welt und bei den Menschen.

Prägend und dominierend ist das Rot. Es ist Sinnbild für Gottes Liebe, für die Liebe, die in Gott vollkommen ist und für die Liebe, die Gott uns schenkt. Oben im Maßwerk ist übrigens ein Teil der Querverstrebung entfernt worden: das gelb-rote Zeichen liegt nicht hinter einer Verstrebung, sondern davor. Ein Deutungsversuch: Dadurch erscheint Gott in seiner Zuwendung zu uns ohne Einschränkung und Grenze. Johannes Schreiter sagte dazu einmal sinngemäß: Zwischen Gottes Liebe und uns darf nichts anderes sein, keine Verstrebung, keine Grenze, keine Einschränkung.

Wa ist mit Gottes Liebe gemeint? In diesem Zusammenhang hilft bereits Luthers bekannte Unterscheidung zwischen menschlicher und göttlicher Liebe:

Gottes Liebe unterscheidet sich fundamental von unserer menschlichen Liebe. Wir Menschen lieben, was uns liebenswürdig erscheint. Wir lieben den Menschen, der etwas in uns in Bewegung, in Schwingung versetzt. Gottes Liebe aber antwortet nicht auf etwas Liebenswürdiges in uns. Nein, seine Liebe ist schöpferisch und erfindungsreich. Durch seine Liebe zu uns erschafft Gott erst das Liebenswürdige. Durch ihn werden wir erst „liebens-würdig“, erhalten wir eine Würde, unabhängig von unseren Fähigkeiten zu lieben oder zu leben. Durch den Heiligen Geist entflammt und begeistert uns Gott mit seiner Liebe. Wir sind Gottes schöpferische Inventionen, wie Melodien, Farben, Zeichnungen, die es – wie dieses Fenster – bisher noch nie gegeben hat.

Die Feuerflammen aus der biblischen Pfingstgeschichte zeigen das Rot der göttlichen Liebe, im Fenster sichtbar – wiederum an den drei, durch die Form vorgegebenen Menschenfiguren. Die drei exemplarischen Stellen sind unten, bei uns, in unserer Sphäre.

Es können Bereiche sein wie im mittleren Teil, die ganz vom Grau umgeben sind. Hinweis auf Alltagsgrau und darin auf unsere natürliche Gottesferne in der noch nicht erlösten Welt. Aber mitten in ihr, in Alltag, Gottesferne und Entfremdung begeistert Gottes Geist die einzelnen und die Kirche, das Grau wird durch das Weiß aufgebrochen, beginnt zu zerspringen. Mitten in der Anfechtung, mitten im Zweifel, ob das Vertrauen in Gottes Liebe überhaupt begründet ist und trägt, flackert und lodert Gottes Liebe in und durch uns und lässt uns neuen Mut zum Handeln schöpfen und zur Bewegung auf Gott hin. Wer im Alltagsgrau festsitzt, soll sich an die kraftvolle Dynamik des Geistes heften.

Im linken Bereich überstrahlt und bedeckt das göttliche Weiß fast vollständig die graue Zone. Ja, liebe Freunde Christi, es gibt doch die Erfahrung, dass Gottes Liebe in und von uns spürbar ist. Im Gottesdienst zum Beispiel, in Wort und Sakrament, in der Gemeinschaft und im Gebet der Gemeinde, in der Begegnung mit Tönen, Klängen, Formen und Farben. So eine Stunde am Sonntag leitet nicht selten durch die ganze Woche; und wessen ganze Alltagswoche grau bleibt, kann sich das gottesdienstliche Weiß gönnen, jeden Sonntag neu.

Aber auch solchen Gottesdienst feiern wir in der Welt. Solche Erfahrungen von Gottes Nähe sind umgeben, vielleicht angefochten durch die grauen Erfahrungen. Wie gut, dass da noch eine kleine Flamme an der Seite hervor lugt: Gottes Gegenwart erscheint auch unerwartet und bleibt unabhängig von unserem Tun, auch von dem im Gottesdienst. Gottes Geist überrascht uns und die Orte seines Wirkens auch außerhalb der Kirche tun es auch.

Und im rechten Bereich? Er ist für mich schwerer zu lesen. Meine Wahrnehmung: Hier liegt alles darnieder, vielleicht aus Schwäche oder Hochmut. Die Farbe im Hintergrund scheint schwach, kein Grau, eher ein hellerer Ocker-Ton; sie macht sich nebel- und wolkenartig einfach breit. Das Weiß der Gotteserfahrung wird hier durchbrochen – wie ein Segel sieht es aus, das ein großes Loch hat und dadurch kaum noch funktioniert. Ist dies eine Warnung an uns? Eine Aufforderung, Gottes Liebesflamme in uns nicht erkalten zu lassen? Erloschen ist sie noch nicht, aber richtungslos tendiert sie zum Grau in der Mitte.

Eine andere Lesart sieht im rechten Bereich den Bereich des Todes. Er lässt alles darnieder fallen, bringt das Handeln zum Stillstand und die Erfahrung auch. Dann stellt sich kaum eine Gotteserfahrung ein, die uns nach oben zieht. Aber es umgibt uns Gott nach wie vor, und sein Geist wirkt wie eine Säule, auf die Verlass ist. Nach oben zieht uns dann nicht eine Gotteserfahrung wie in der Mitte oder links; nach oben zieht im Bereich des Todes allein Gottes schöpferisches Auferweckungshandeln, wie es das Auferstehungsfenster in der Universitätskapelle thematisiert und das noch nicht ausgeführte Tauffenster. Wer im Schatten des Todes liegt, soll nicht verzweifeln: auch in ihm bleibt Gottes Geist und seine Liebe lebendig. Auch dann führt Gott über alle Grenzen.

 

Noch ein Letztes: Gottes Geist der Freiheit schafft die Frucht des Geistes in uns. Sie konkretisiert der Apostel Paulus im Galaterbrief als Liebe, als Freude, als Friede, als Geduld, Freundlichkeit, Güte und Treue (Gal 5, 22f).

Solche Tugenden werden häufig vorschnell beiseitegelegt oder karikiert. Aber das ist falsch und voller Selbstüberschätzung. Erst durch die Liebe gewinnt und entfaltet der Glaube seine Energie (vgl. Gal 5, 6). Erst durch die Liebe zu Gott und den Menschen können wir als Glaubende Humanität verwirklichen. Oder in persönlicher Hinsicht gefragt: Stellt sich nicht gerade Hilfe ein, wenn ich angefochten von der grauen Zone Geduld lerne und dem Frieden Christi mich anvertraue? Gewinnt nicht das Glauben und Beten im Gottesdienst Kraft, wenn es fröhlich geschieht und in Treue zu Gott und den Menschen? Erfahre ich nicht Trost, wenn ich Geduld, Freundlichkeit und Güte spüre und weitergebe?

Alle diese Früchte des Geistes werden von Paulus gebündelt in der Liebe. Sie ist die erste Frucht des Geistes (Gal 5, 22), und in ihr gewinnt die Freiheit ihre Erfüllung: „Ihr seid zur Freiheit berufen … und durch die Liebe diene einer dem andern“ (Gal 5, 13). Die Früchte des Geistes können auch darniederliegen oder in falsche Richtungen weisen; dann dienen wir nicht einander, sondern, wie Paulus zwei Verse weiter sagt, dann sind wir dabei, einander zu beißen und zu fressen (Gal 5, 15), einander zu verletzen und zu vertreiben, wie es das Verfolgungsfenster in der Universitätskapelle zeigt. Dann wirkt nicht Gottes Geist, sondern ein Ungeist.

 

Gottes Geist verwandelt uns, macht uns liebenswürdig und will uns neu ausrichten, wenn wir uns verrannt und vor lauter beißen und bellen die Orientierung verloren haben. Sein Geist entflammt uns, lässt seine Liebe in und durch uns Gestalt gewinnen – darum: richtet Euch an seinem Wort aus: „Ihr seid zur Freiheit berufen … und durch die Liebe diene einer dem anderen.“

Und wer im grauen Alltag, in tiefer Verzweiflung angesichts von Krankheit und Tod oder in fröhlicher Gewissheit im Gottesdienst ist – allen gilt die zentrale Botschaft: Vertraut Gottes Liebe; sie ist Euch ohne Einschränkungen nahe, auch näher als Ihr Euch selber sein könnt; sie kommt schon jetzt zu Euch, wenn ihr um sie bittet; sie findet und trägt Euch über alle Grenzen.

Und wer am Ende der Zeit gefragt wird nach seinem Selbstsein und als Theo, Helmut, Christa, Franz und Dorothea nur stammeln kann, dem wird Gottes Geist zur Hilfe kommen und sagen: Wie immer Du heißt, Du bist Gottes Kind, zur Freiheit bestimmt und in Gottes Liebe geborgen – jetzt und in Ewigkeit.

Amen.

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Letzte Änderung: 29.11.2010
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