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22.01.2017: Saskia Lerdon über Rut 1,1-19

Predigt zu Rut 1,1-19 am 3. Sonntag nach Epiphanias (22.01.2017)

in der Peterskirche, Heidelberg

 

Predigerin: Saskia Lerdon

 

 

„Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt.“ (Offb 1,4) Amen.

Liebe Gemeinde,

vor einem guten Jahr verbrachte ich einige Tage auf der Mittelmeerinsel Kos. Erschrocken stand ich am Hafen der kleinen Inselhauptstadt. Das Hafenbecken war voller gekenterter Schlauchboote, die Uferpromenade gesäumt von ausgedienten Schwimmwesten. Es waren die Relikte einer gefährlichen nächtlichen Überfahrt, die den Gestrandeten ein besseres Leben bringen sollte. So viele Menschen sind heute weltweit auf der Flucht vor Armut, Hunger, Krieg und Terrorherrschaft wie nie zuvor – die Hälfte von ihnen sind Kinder.[1] Sie verlassen ihre Heimat, ihre Häuser und ihre Familien auf der Suche nach einem Neuanfang in einem ihnen fremden Land. Und sie nehmen dabei tausende Kilometer und riesige Gefahren auf sich.

Auch der Predigttext für heute erzählt eine Geschichte von Hunger und Tod, Flucht und Hoffnung auf ein besseres Leben. Ich lese die ersten beiden Verse aus dem kleinsten Buch der hebräischen Bibel, dem Buch Rut (Rut 1,1-2):

„Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. Der hieß Elimelech und seine Frau Noomi und seine beiden Söhne Machlon und Kiljon; die waren Efratiter aus Bethlehem in Juda. Und als sie ins Land der Moabiter gekommen waren, blieben sie dort.“

Ausgerechnet in der Stadt Bethlehem, deren Name übersetzt „Haus des Brotes“ heißt, gibt es nichts zu Essen. Viel zu lange hatte es nicht mehr geregnet und das letzte Korn, das die Bauern in die trockene Erde ausgesät hatten, pickten die Vögel auf oder es verdorrte in der Mittagshitze. Nur noch Dornen und Disteln wuchsen auf den Feldern. Um der Hungersnot zu entgehen, macht sich der Familienvater Elimelech mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen auf den beschwerlichen Weg in das Land Moab. Sie müssen Ödland durchqueren, das Tote Meer durchfahren oder umrunden bis sie endlich ankommen. Erleichtert und hoffnungsvoll lassen sie sich in dem völlig fremden Land nieder. Doch kurz nach ihrer Ankunft stirbt der Vater Elimelech. Ich lese weiter aus dem Buch Rut (Rut 1,3-5):

„Und Elimelech, Noomis Mann starb, und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen. Die nahmen sich moabitische Frauen; die eine hieß Orpa, die andere Rut. Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten, starben auch die beiden, Machlon und Kiljon. Und die Frau blieb zurück ohne ihre beiden Söhne und ohne ihren Mann.“

Kurz nach dem überraschenden Tod des Vaters heiraten die beiden Söhne moabitische Frauen. Die Familie findet in der Fremde eine neue Heimat; es folgen glückliche Jahre. Aber dann sterben plötzlich – kurz aufeinander – auch die beiden jungen Männer und lassen ihre beiden Frauen und ihre Mutter mittellos zurück. Kinderlose Witwen hatten es im Alten Orient besonders schwer; für sie gab es keine soziale Absicherung. In Afghanistan ist der Verlust der Männer für Frauen heute noch existentiell bedrohlich. In Kabul gibt es einen Berg mit dem Namen Zanabad, den man auch den „Hügel der Witwen“ nennt. Über fünfhundert Frauen leben dort in selbstgezimmerten Lehmhütten. Und es werden immer mehr. Ihre Männer und Söhne sterben in den Wirren von Krieg und islamistischen Terror. Zurück bleiben alte Frauen und junge Mütter mit ihren Kindern, die männerlos in der Gesellschaft nicht viel gelten und keinerlei Versorgung haben.[2]

Auch in unserer Geschichte, die vor etwa dreitausend Jahren spielt, war die Lebenssituation für die drei Frauen Noomi, Orpa und Rut ohne ihre Männer unglaublich hart. Doch das Schicksal beschert ihnen eine erneute Wende – diesmal zum Guten – denn Noomi hatte gute Nachrichten aus ihrer Heimat gehört, wie es im Buch Rut weiter heißt (Rut 1,6):

„Da machte Noomi (sie) sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und zog aus dem Land der Moabiter wieder zurück; denn sie hatte erfahren im Moabiterland, dass der Herr sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte.“

Endlich hatte in Bethlehem der ersehnte Regen eingesetzt, war das Korn gewachsen und die Speicher wieder voll. Und Noomi trifft einen mutigen Entschluss. Nach über zehn Jahren in der Fremde, in der sie ihren Mann und ihre beiden Söhne hatte beerdigen müssen, entschließt sie sich in ihr Heimatland zurückzukehren. Das bedeutet ein großes Wagnis, weiß sie doch nicht, was sie in Bethlehem erwarten wird. Wird sie sich wieder in ihrer alten Heimat zurechtfinden? Wer wird sie aufnehmen? Wer sich ihrer annehmen? Trotzdem wandert sie los. Ich lese weiter aus dem Buch Rut (Rut 1,7-10):

„Und Noomi (sie) ging aus von dem Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr. Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren, sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der Herr tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt. Der Herr gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten und sprachen zu ihr: Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen.“

Die jungen Frauen Orpa und Rut wollen die alte Noomi nicht ihrem Schicksal überlassen, sondern für sie Verantwortung übernehmen. Ohne ihre beiden fürsorglichen Schwiegertöchter wäre Noomi umso mehr der Armut ausgeliefert; sie hatte nichts zurücklegen können, wovon sie nun hätte leben können. Keine Rente, keine Versicherung, keine Ersparnisse, nichts, was wenigstens das Notwendigste abgedeckt hätte. Also beharrt Noomi auf ihrem Entschluss den weiten Weg in ihr Heimatland auf sich zu nehmen. Ihren Schwiegertöchtern aber möchte sie die Strapazen der weiten Reise ins Ungewisse ersparen und sie in ihre Elternhäuser zurückschicken. Eindringlich wiederholt sie diesen Wunsch, wie es im Buch Rut weiter heißt (Rut 1,11-14a):

Aber Noomi sprach: Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoße haben, die eure Männer werden könnten? Kehrt um, meine Töchter, und geht hin; denn ich bin nun zu alt, um wieder einem Mann zu gehören. Und wenn ich dächte: Ich habe noch Hoffnung!, und diese Nacht einem Mann gehörte und Söhne gebären würde, wolltet ihr warten, bis sie groß würden? Wolltet ihr euch einschließen und keinem Mann gehören? Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des Herrn Hand hat mich getroffen. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten noch mehr. Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter.“

Noomi drängt die beiden jungen Frauen zur Umkehr. Orpa lenkt endlich ein und folgt dem Ratschlag Noomis. Schweren Herzen tritt sie ihre Heimreise an und lässt Noomi und Rut allein zurück. Orpa wird für ihre Entscheidung mit keinem Wort kritisiert. Es ist nur verständlich, dass sie nach dem Verlust ihres Mannes wieder die Obhut des Elternhauses sucht. Anders aber entscheidet sich Rut, wie es die Geschichte weiter berichtet (Rut 1,14b-19a):

„Rut aber ließ nicht von ihr. Und Noomi (sie) sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin nach. Rut antwortete: Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden. Als Noomi (sie) nun sah, dass Rut (sie) festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, ihr zuzureden. So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen.“

Der englische Dichter und Maler William Blake hat die Szene in einem kleinen Bild festgehalten.[3] In zarten Wasserfarben hat er eine üppige grüne Landschaft gezeichnet, darin die drei Frauen. Noomis Gesichtszüge sind von den Schicksalsschlägen gezeichnet; sie hält ihre Hände weit geöffnet als Zeichen dafür, dass sie leer sind: sie kann weder sich selbst noch ihre Schwiegertöchter versorgen. Allerdings deutet ein zarter Nimbus um ihren Kopf die Wende zum Guten hin an. Orpa hat sich bereits abgewandt, um zu ihren Eltern zurückzuwandern. Traurig wischt sie sich verstohlen mit einem Ärmel ihres Kleides die Tränen aus dem Gesicht. Rut umklammert verzweifelt und zugleich wild entschlossen ihre Schwiegermutter. Blake hat genau diesen Moment festgehalten, in dem Rut der alten Noomi schwört, sie niemals im Stich zu lassen. Die beiden Frauen gründen daraufhin eine besondere Lebensgemeinschaft, in der die eine für die andere einsteht. Mit leeren Händen wandern sie gemeinsam und mit viel Mut im Gepäck ins entfernte Bethlehem. Nach der langen Hungersnot ist die kleine Stadt Bethlehem mit ihren Feldern zur Kornkammer des ganzen Landes geworden. Und Bethlehem ist der Hoffnungsträger der beiden Frauen.

Dort fällt Rut durch ihr tapferes Verhalten bald auf: Fremd im Land, fremd in der Kultur, fremd in der Sprache und fremd in der Religion ist sie – und nimmt diese Herausforderung an. „Dein Volk ist mein Volk“, hatte Rut Noomi versprochen. Das heißt für Rut nicht, dass sie ihre eigene Herkunft, ihr eigenes Heimatland vergisst, sondern dass sie neugierig darauf ist, woher Noomi kommt. Sie möchte ihre Heimat kennenlernen, um sie mit ihr teilen zu können. Und das „dein Gott ist mein Gott“ meint keine religiöse Gleichmacherei, sondern: Rut möchte mit Noomi aus Liebe ihr ganzes Leben teilen und gemeinsam mit ihr danach suchen, woran ihr Herz hängt[4].

Couragiert nimmt Rut in einer patriarchal strukturierten Gesellschaft ihr Schicksal selbst in die Hand: Mit einer kleinen List findet sie bald einen neuen Ehemann und wird sogar zur Urgroßmutter König Davids. Damit bekommt sie einen Platz im Stammbaum Jesu (Mt 1,5). Ausgerechnet eine ehemals Fremde wird zur Stammmutter des Friedenskönigs, der in Bethlehem zur Welt kommt.

Und die fremde Rut wird zur Identifikationsfigur der einheimischen jüdischen Leserinnen und Leser dieser Geschichte: Mit den Augen der Fremden sehen sie die eigene Welt in Juda, im Raum Bethlehem, mit ihr bangen sie um ihren Lebensunterhalt, um ihr Lebensglück und mit ihr freuen sie sich über das „happy end“ ihrer geglückten Integration am Schluss. Ich wünschte, wir wären so weit wie diese/r Rut-Autor/in, unsere Welt öfter auch durch die Augen der Fremden zu betrachten!

Am Ende des Buches Rut wird Hochzeit gefeiert. Die Hochzeit ist ein Sinnbild für das eschatologische Freudenmahl Christi (siehe Offb 19 u.ö.). Wir sind zwar noch nicht angekommen im himmlischen Hochzeitssaal. Aber: Rut stellt uns die Aufgabe, uns um eine Gesellschaft zu bemühen, in der jeder Großzügigkeit erfährt und jeder – Kinder, Frauen, Alte und Fremde – sein Recht bekommt. Gottes Gegenwart befähigt uns dazu.

„Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt.“ (Offb 1,8). Amen.

 

[3] Aus dem Jahr 1795, Victoria & Albert Museum, London.

[4] Luther, Der Große Katechismus, Kapitel 4.

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Letzte Änderung: 23.01.2017
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