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Aktuelles

22.06.2008: Predigt Prof. Dr. Friederike Nüssel über EG 262

Predigt zum Lied „Sonne der Gerechtigkeit“ (EG 262) im Universitätsgottesdienst am 22. Juni 2008 in der Peterskirche Heidelberg 


 Predigerin: Prof. Dr. Friederike Nüssel, Ökumenisches Institut  


Gnade sei mit euch, und Friede, von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

 

 

Liebe Gemeinde,

das Sommersemester ist weit fortgeschritten, viele Resonanzen – Wiederklänge und Entsprechungen – zwischen Musik und Glaube konnten in der Predigtreihe unserer Universitätsgottesdienste schon aufgespürt und zum Klingen gebracht werden. Heute, am Morgen nach dem Sommersonnenwendfest, fügt es sich schön, dass wir uns den Resonanzen zuwenden dürfen, die das Lied „Sonne der Gerechtigkeit“ in unserem Kirchengesangbuch freizusetzen vermag.

Das Lied „Sonne der Gerechtigkeit“ ist eine Komposition, die mehrere Kompositionsgeschichten in sich vereinigt. Zunächst gilt auch hier das, was für viele Kirchenlieder zutrifft: Text und Melodie stammen nicht aus einer Feder, sondern verdanken sich einer je eigenen Entstehungsgeschichte. Die Melodie unseres Liedes geht zurück auf eine bereits 1467 in Böhmen bekannte Weise, die als Grundlage eines weltlichen Liedes diente: „Der reich Mann war geritten aus“. Dieses Lied findet sich gedruckt zuerst in einer Volksliedsammlung von 1556. Bereits 10 Jahre später übernahmen die böhmischen Brüder die Weise des Volkslieds zur Gestaltung ihres geistlichen Liedes „Mensch, erheb dein Herz zu Gott“. Dass gerade die Melodie dieser Volksweise gewählt wurde für diesen Text, ist nicht verwunderlich, schwingt sie sich doch mit den Elementen eines strahlenden Dur-Akkordes ausgehend vom Grundton zügig fort über die Quinte zur Oktave und versetzt die Singenden auf diese Weise in eine Klangbewegung, die zu freudiger Erhebung des Herzens nicht besser anspornen könnte. Wie in einer modernen Liederkunde zu lesen ist, eignet sich die Weise unseres Liedes vortrefflich dazu, die Gemeinde zu voller Aktivität des Singens zu erziehen. Dazu trägt gleich am Anfang die Wiederholung des Grundtones bei. Sie ist nicht nur aus rhythmischen Gründen sinnvoll, sondern verhilft auch gesanglich sehr schön dazu, erst einmal Fuß zu fassen und den Ton sicher aufzunehmen. Von da aus darf sich die Stimme aufschwingen zur Oktave. Wer diese erreicht hat, hat auch schon die höchste Herausforderung im Blick auf die Tonhöhe geschafft und darf sich nun einer rhythmisch gleichmäßig fließenden und melodisch in Etappen absteigenden Bewegung überlassen. Diese mündet nach der vierten melodischen Untereinheit in drei halbe Schlussnoten, in denen die Melodie zur Ruhe und zum Abschluss kommt. Eine melodische Bewegung wie der Gang eines erfüllten Lebens.

Musikalisch erfüllt das Lied – wie ich meine – alle Anforderungen an ein gutes Kirchenlied. Erstens ist seine Melodie nicht langweilig, sondern erhebend. Nichts tötet die Bereitschaft zum Singen so sehr wie eine eintönige Melodie mit einem die Geduld strapazierenden Rhythmus. Zweitens ist unser Lied, obwohl es nicht langweilig ist, doch sehr maßvoll. Romantische Klänge wie in Liedern von Mendelssohn oder Brahms, die einen innerlich aufwühlen, werden hier nicht laut. Die Wurzeln unseres Liedes liegen eben in einer frühen Volksweise. Damit verbindet sich die dritte Eigenschaft eines guten Kirchenlieds. Es hat eine nicht langweilige, aber gemäßigte und zugleich eingängige Melodie. Durch solche eine Melodie, die man zum Beispiel auch in einigen Abendliedern finden wie kann wie in „Der Mond ist aufgegangen“ – eröffnet ein Lied die Möglichkeit, sich beim Singen auf den Text zu konzentrieren. Wir wissen alle: das geht nur mit einer eingängigen Melodie. Wie mühsam ist es doch, ein Lied mit vielen Strophen zu singen, dessen Melodie auch bei der zweiten und dritten Wiederholung noch nicht haften will. Die Augen haben alle Mühe, zwischen Notentext und Strophen hin und her zu wandern – und am Ende singt man doch falsche Töne oder bringt falsche Worte über die Lippen. Das wiederum ist unangenehm, ja peinlich. Und schon ist das Gegenteil von dem erzielt, was mit gemeinsamem Singen eigentlich gewonnen werden kann und was gerade in der Ökumene so wichtig ist: gemeinsam Gott loben und darin etwas tun zu dürfen, was sich zu einem harmonischen Miteinander fügt, nicht nur im Kopf, sondern für das Ohr und von da aus ausstrahlend auf die gesamte Sinneswahrnehmung. Also: eine nicht langweilige, aber maßvolle und eingängige Melodie – das ist die Voraussetzung dafür, dass ein Kirchenlied die Gemeinde im gemeinsamen Singen versammeln kann. Und das ist zugleich die Voraussetzung dafür, dass man sich im Singen auf den Text des Liedes konzentrieren kann.

Dem Text unseres Liedes soll nun im nächsten Gedankengang unsere Aufmerksamkeit gelten. Wir haben es auch hier mit einer Kompositionsgeschichte zu tun, die uns besser verstehen lässt, warum „Sonne der Gerechtigkeit“ zu einem ökumenischen Lied geworden ist. Die Basis für die heutige Textgestalt schufen Johann Christian Nehring (1671-1736) und Christian David (1692-1751) zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Nehring hatte zunächst Medizin studiert, wendete sich aber unter dem Einfluss eines pietistischen Theologieprofessors in Halle der Theologie zu und wurde Pfarrer. Einige der geistlichen Lieder, die er komponierte, fanden Eingang in die pietistische Hallesche Liedersammlung „Geistreiches Gesang-Buch“, die Johann Anastasius Freylinghausen, der Schwiegersohn von August Hermann Francke, 1704 herausgab. Auf ihn gehen die Strophen 3 und 7 unseres Liedes zurück, die er als Erweiterung eines kurz zuvor von Michael Müller entworfenen Liedes („Sie wie lieblich und wie fein“, 1700) gedichtet hatte.

Der andere, der an der Grundsteinlegung unseres Liedes maßgeblich beteiligt war, war Christian David. Er erlebte einen ganz anderen Werdegang als Nehring, war er doch zunächst überzeugter Katholik. Während seiner Lehre als Zimmermann kam er durch seinen Lehrherrn mit dem evangelischen Christentum in Berührung. Nach einer längeren Phase des Suchens vollzog er in Berlin die Konversion. 1722 lernte er den Grafen von Zinzendorf kennen und beteiligte sich an der Gründung von Herrnhut als dem Sitz der Herrnhuter Brüdergemeine. David war bei zahlreichen Missionen dabei, u. a. in Grönland und bei den Indianern in Nordamerika. Seiner aus den Missionserfahrungen gespeisten Lieddichtkunst verdanken wir die Strophen, die heute Strophen 1 und 6 unseres Liedes sind.

Um die komplexe Entstehung des Liedes richtig zu verstehen, muss man sich verdeutlichen, dass die Strophen, die auf Nehring und David zurückgehen, bei diesen noch Bestandteile anderer Lieder waren. Rund hundert Jahre nach Nehring und David entstanden weitere Textelemente unseres Liedes. Sie stammen aus der Feder des Württemberger Theologen Christian Gottlob Barth (1799-1862). Er war ein typischer Vertreter der württembergischen Erweckungsbewegung und engagierte sich für die innere und äußere Mission. 1825 gründete er den Calwer Bezirksmissionsverein und die Kinderrettungsanstalt in Stammheim bei Calw. Da er entschieden die Auffassung vertrat, dass zur Verbreitung der biblischen Botschaft christliche Literatur notwendig sei, entwickelte er eine immense Aktivität als Schriftsteller, Redakteur und Journalist und wurde schließlich auch verlegerisch tätig, indem er 1836 den Calwer Verlag gründete. Barth verdanken die genannten Strophen 2, 4 und 5.

Es vergehen weitere hundert Jahre, bis Otto Riethmüller (1889-1938) unserem Lied die Gestalt verleiht, die wir unter Nr. 263 in unserem Gesangbuch antreffen. Riethmüller, auch ein württembergischer Theologe, hatte besonderes Talent im Umgang mit Jugendlichen. 1924 wurde er Leiter eines Evangelischen Mädchenwerkes in Würrtemberg. 1928 folgte er einer Berufung zum Leiter der Zentrale für Jugendarbeit in die die Reichshauptstadt. Dort setzte er sich bald entschieden dafür ein, die Jugend vom Nationalsozialismus abzuhalten – und dies mit Bibelarbeit und Singen. 1935 wählte ihn die Bekennende Kirche zum Vorsitzenden der Reichsjugendarbeit – eine Aufgabe, die er unter schwerer Bewachung und zunehmend desillusioniert versah, bis er 1938 bei einer Gallenoperation starb.

Bereits kurz vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten hatte Riethmüller das Jugendliederbuch „Ein neues Lied“ veröffentlicht. Und hier findet sich nun erstmals das Lied „Sonne der Gerechtigkeit“, das Riethmüller aus den zuvor in unterschiedlichen Liedern verorteten Strophen von Nehring, David und Barth zusammengestellt hat. Eine Melodie aus vorreformatorischer Zeit ist hier verbunden mit Texten, die aus dem Pietismus des frühen 18. Jahrhunderts und aus der Erweckungsbewegung im frühen 19. Jahrhundert stammen. Man könnte meinen, das ergibt ein inhomogenes Gebilde. Aber: wie Liederkundige attestieren, ist Riethmüller mit seiner Zusammenstellung eine Komposition gelungen, der man nicht mehr anmerkt, dass sich die Bestandteile unterschiedlichen Jahrhunderten, unterschiedlichen Gegenden und unterschiedlichen Autoren mit jeweils eigenen Prägungen verdanken. Für den inneren Zusammenhang der Strophen sorgt in formaler Hinsicht die fünfte Zeile „Erbarm dich, Herr“, die Riethmüller allen Liedstrophen angefügt hat. Aber auch inhaltlich bildet die Zusammenstellung der Liedstrophen einen Spannungsbogen. Dieser wird noch deutlicher von der ökumenischen Fassung herausgestellt, die das Lied 1973 erhalten hat – im gleichen Jahr, als mit der Leuenberger Konkordie Kirchengemeinschaft unter lutherischen, reformierten und unierten Kirchen in Europa erklärt werden konnte.

Die sieben Strophen unseres Liedes in der ökumenischen Fassung bilden eine Art ökumenischen Gedankengang. Am Anfang steht die Anrede „Sonne der Gerechtigkeit“, in der die alttestamentliche Verheißung von Mal 3,20 anklingt: „Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln“. Es ist diese Verheißung, bei jeder Strophe neu mitzudenken ist. Denn alle weiteren sechs Strophen ergänzen jeweils mit Imperativen beginnend die Bitte der ersten Strophe. So überstrahlt das Bild der Sonne, das von alters her Symbol für den auferstandenen Jesus Christus ist, das gesamte Lied. Wendet sich die erste Strophe an die Kirche der jeweils gegenwärtigen Zeit, so richtet sich die zweite an die tote Christenheit, dies sich nicht in Sicherheit wiegen soll – die Signatur der Erweckungsbewegung ist klar erkennbar. Die dritte Strophe bittet um die Überwindung der Zertrennung und verleiht dem Lied eine erste ausdrücklich ökumenische Wendung. Diese verdankt sich dem pietistischen Einfluss, der eine entscheidende Wurzel der modernen ökumenischen Bewegung darstellt – wurde doch gegen Ende des 17. Jahrhunderts nach Jahrzehnten konfessioneller Profilierung und Abgrenzung die konfessionsübergreifende Bedeutung des Evangeliums neu herausgestellt.

Die vierte Strophe richtet sich auf die Völker und bittet um ihre Erleuchtung durch die Verkündigung des Evangeliums, ein Anliegen, das wieder der Erweckungsbewegung entspringt, die ihrerseits einen zweiten wichtigen Wurzelpunkt der modernen ökumenischen Bewegung im 20. Jahrhundert darstellt. Dazu fügt sich die fünfte Strophe, in der um Kraft und Mut für die Boten gebeten wird – die Erfahrung der Mühe und Widerstände wird angedeutet, indem das Psalmwort anklingt: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten“. Die Bitten der sechsten und siebten Strophe wenden sich wieder der Gemeinde als ganzer zu. Sie soll die Herrlichkeit der Gerechtigkeitssonne auch in ihrer jeweiligen Zeit erfahren dürfen und mit ihrer kleinen Kraft suchen, was den Frieden schafft, wie es in der sechsten Strophe heißt. In der letzten Strophe wird die ökumenische Überarbeitung der Version von Riethmüller noch einmal besonders deutlich. Hieß es bei Riethmüller: „Kraft, Lob, Ehr und Herrlichkeit sei dem Höchsten allezeit, der, wie er ist drei in ein, uns in ihm lässt eines sein“ – so stellt die ökumenische Überarbeitung die Bitte um die Einheit der Kirche in den Vordergrund. Sie gründet in der Einheit zwischen Christus – der Sonne der Gerechtigkeit – und dem Vater, wie  im Anklang an Joh 17,21 betont wird.

Das Lied macht in seinem ganzen Spannungsbogen deutlich, dass Christus Grund und Ziel der Kirche und ihrer Einheit ist. Darin bewährt es, was evangelische Ökumeniker im ökumenischen Austausch mit anderen Kirchen immer besonders hervorheben. Wir können und müssen die Einheit der Kirche nicht mit unseren menschlichen Werken produzieren. Sie ist uns in Christus, in seiner Einheit mit Gott Vater und dem Geist, immer schon gegeben und vorgegeben. Es geht nicht darum, die Einheit der Kirche schaffen zu wollen. Es kann nur darum gehen, ihr Gestalt zu verleihen. Daran allerdings können wir alle mitarbeiten. Hier sollte uns keine Anstrengung zu groß sein, auch und gerade wenn die ökumenische Großwetterlage keine ermutigenden Signale erkennen lässt. Die Theologen, die an unserem Lied mitgeschrieben haben, haben sich nicht unter einfacheren, sondern sicher zum Teil unter deutlich schwierigeren Bedingungen für die Gemeinschaft der Christen im Glauben an das eine Evangelium eingesetzt.

Die gelungene Komposition aus Melodie und einer Zusammenstellung von Versen, die Jahrhunderte missionarisch-ökumenischer Erfahrung widerspiegeln, begründet die ökumenische Bedeutung unseres Liedes über die Grenzen deutschsprachiger evangelischer Christenheit hinweg. Wir finden das Lied auch im Hymn Book der Anglikanischen und Vereinigten Kirche von Kanada von 1971, im niederländischen „Liedboek voor de kerken“ von 1973, im katholischen Gotteslob 1975 und im „Evangelicky Zpevnik“ der tschechischen Brüderkiche von 1979. Es ist ein schönes Sinnbild, dass gerade dieses Lied so zusammengesetzt ist aus vielfältigen christlichen Erfahrungen über die Jahrhunderte hinweg. So steht es als Komposition für die Einheit in versöhnter Verschiedenheit, die inzwischen nicht mehr nur evangelische Kirchen in ihren ökumenischen Visionen erhoffen. Wichtig ist dabei, dass diese Einheit – wie in unserem Lied – eine Komposition und nicht einfach eine Addition aus unterschiedlichen Formen christlicher Frömmigkeit darstellt – eine Komposition, die den Wechsel harmonische und dissonanter Klänge nicht vermeidet, sondern in eine in sich stimmige, eben versöhnte Beziehung bringt.

Mit solchen Kompositionen preisen wir Gott. Und wir preisen ihn nicht nur mit Liedern, sondern in Gedanken, Worten und Werken – und damit immer wieder mit Kompositionen, mit Zusammengesetztem. Wir können nicht anders, sind wir doch für uns selbst und in unseren Gemeinschaftsbezügen komponiert, zusammengesetzt. Dieses Komponierte macht den Reiz unseres Lebens aus und vermag uns eine Vielzahl schöner Lebensmomente zu bescheren. Aber es verbindet sich damit auch Mühsal, Kummer, Schmerz und Schuld. So streben wir in allen unseren Kompositionen doch am Ende nach der Ruhe des Herzens, wie es Augustin sagte – einer Ruhe, die sich nur bei Gott finden lässt. Denn er ist – wie vor allem scholastische Theologie in aller Schärfe durchdachte – schlechthin einfach. In ihm kommt alle Bewegung zur Ruhe, alle Musik zum höchsten Wohl- und Ausklang, in ihm ist darum der Friede, nach dem wir uns sehnen.

 

Und dieser Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen in Christus Jesus. Amen.

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Letzte Änderung: 24.05.2018
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