22.09.2013: Prof. Dr. Johannes Ehmann über Joh 9,35-41

Predigt am 22.9.13 (17. p. trin.) über Joh 9, 35-41

 in der Peterskirche Heidelberg

am 22. September 2013

 

 

Prof. Dr. Johannes Ehmann

 

 

Liebe Gemeinde,

es kann einem passieren, dass man zu spät kommt. Es kann passieren, aber es darf eigentlich nicht passieren, dass ich im Theater zu spät komme. Das ist peinlich, weil ein bisschen unanständig, denn die Leute müssen aufstehen, dass ich meinen Platz erreiche. Manchmal hat man aber auch Glück und kommt eben noch zum dritten Akt nach der zweiten Pause. Denn heute wird ein Dreiakter gespielt – irgendwas mit Jesus oder so.

Aber nun sitze ich und betrachte meine Sitznachbarn zur Rechten und zur Linken, und diese schauen ihren neuen Sitznachbarn kurz und etwas pikiert an. Aber mit entwaffnender Naivität frage ich, ohne jemanden direkt anzuschauen: Was wird denn gespielt? Worum geht’s denn?

Mein Herr, wir sind bereits im dritten Akt, tönt es ungnädig von meinem Nachbarn zur Linken. Aber etwas freundlicher flüstert die Dame zur Rechten: Jesus hat einen Blinden geheilt. Die Jünger haben gemeint, er sei blind wegen irgendetwas Bösem, was er gemacht hat, oder auch seine Eltern, aber Jesus sagt, dass es darum gar nicht geht. / Im zweiten Akt hat‘s dann Streit gegeben unter den Theologen: Die einen haben gesagt, er sei gar nicht blind gewesen, und die andern haben gesagt, er sei wohl geheilt worden, aber das ginge ja nun gar nicht am Sabbath. Jedenfalls sei ein solcher Heiler deshalb wohl kaum von Gott und mit Vorsicht zu genießen. Aber ein paar von den Leuten haben gesagt, so einer muss ja doch von Gott sein, wenn er einen Blinden heilt. Großer Streit. Den Blinden, den ehemals Blinden haben sie rausgeschmissen und haben gesagt, dass sie sich von einem in Sünde geborenen nichts sagen lassen wollen. Großer Streit, aber jetzt kommt die Lösung.

Und wie heißt das Stück? frage ich hartnäckig weiter. - Pst! Tönt es von links. Schauen Sie doch hin und geben Sie endlich Ruhe!

Ich gebe Ruhe und schaue auf die Bühne. Und zugleich versuche ich, mit das zusammenzureimen, was ich gehört habe:

Der Blinde war nicht blind, weil er besondere Schuld auf sich geladen hätte.

Der Blinde wurde nicht sehend, weil er ohne Sünde war.

Der Blinde war blind und wurde sehend, weil Jesus etwas vorhatte mit ihm.

Merkwürdig. Hätte Gott dem Blinden das nicht auch ersparen können und ihn von Geburt an sehend machen können?

Und die Theologen rätseln rum. Das mit der Heilung kann man schlecht ignorieren. Aber wie deuten? Wer kann sagen, wie Gott funktioniert? Es geht offenbar mal wieder um die hermeneutische Lufthoheit! Auch das eigentlich merkwürdig. Ist Gott so wenig eindeutig, dass man am Problem herumdoktern muss, wie Gott handelt und warum und durch wen?

Nur der Geheilte tut mir Leid. Erst war er blind, jetzt haben sie ihn rausgeschmissen. Nun, der dritte Akt wird hoffentlich das happy end bringen. Wenn ich nur wüsste, wie das Stück heißt?

Es geht weiter: Jesus sucht den Geheilten und findet ihn. Offensichtlich ist mit dem Sehendmachen und dem Sehen-können die Geschichte nicht zu Ende, vor allem, wenn das Sehen können in Konflikte führt. Jesus treibt die Sache weiter und macht nun den Sehenden sehend, fähig zur Deutung dessen was an ihm geschehen ist. Und so fragt er nicht: Wie geht es dir jetzt? Oder: Siehst du auch gut? Sondern: Glaubst du an den Menschensohn? Und wie selbstverständlich wendet der Sehende die Frage in die Rückfrage: Wer ist es, dass ich an ihn glaube? Und Jesus gibt sich zu erkennen: Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist es.

Er sagt nicht einfach: Ich bin es. Er sagt: Du hast ihn gesehen. Du, Blindfuchs, hast ihn gesehen, du Kind der Nacht hast das Licht gefunden, als du geheilt wurdest. Und ich frage mich, ob hier das Sehen nach der Heilung gemeint ist, oder das Licht des Glaubens, das dem Glaubenden aufging, der jetzt auch leiblich sehen kann. „Du hast den Menschensohn gesehen“ sagt Jesus. „Ich glaube“ sagt der Geheilte. Er hätte auch sagen können: „Ich sehe.“

Ich sehe Jesus und ich sehe, dass es zweierlei Weisen des Sehens gibt. Das Sehen im Licht des Tages und das Sehen im Licht des Glaubens.

Und wir sehen, hören und erfahren noch mehr: Es gibt auch zwei Weisen der Blindheit. Das Nichtsehen-können, das andere gar für eine Folge der Sünde halten. Und das Übersehen der Sendung Jesu, das die Nähe Gottes zu verspielen droht.

So, wenn Jesus sagt: Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, damit die nicht sehen, sehend werden, und die sehen, blind werden.

Und wieder frage ich: Muss das so sein? Wenn das helle Licht des Glaubens an diesen Jesus die Welt hell macht, dass ich sie sehen kann? Muss es dann so hell sein, das es auch blendet, blind macht gegen den, der die Quelle des Lichts ist?

Offenbar ist das Licht, worin dieser Jesus mich stellt, ein Licht, das mich so trifft, dass mein Ich einen um so klareren Schatten wirft, der mir unablässig folgt, es sei denn ich stelle mich unmittelbar unter das Licht Jesu, das meinen Schatten zum Verschwinden bringt. Dann wäre Glaube nicht ein Danebenstehen neben Jesus, sondern ein Sich-unter-ihn stellen – die vollständige Teilhabe an diesem Jesus und seinem Handeln an mir. Und die Klarheit meines Lebens hängt nicht daran, wie ich bin oder sein will, blind oder sehend, sondern daran, dass Jesus mich ins Licht stellt. Und so sehe ich, dass ich glaube, und ich glaube, dass ich sehe. So wie der einst Blindgeborene und jetzt Sehendlebende da unten auf der Bühne, den Brettern, die die Welt bedeuten. Er darf und kann nun wirklich glauben, realisieren, dass er sieht, und er darf und kann nun wirklich erkennen, dass er im Tageslicht Jesu steht, weil an ihm etwas geschehen ist.

Seit Freitag, Liebe Gemeinde, bis heute Morgen tagte eine Gruppe von kirchengeschichtlich Interessierten, die sich mit der Wirkungsgeschichte des Heidelberger Katechismus in den deutschen Territorien befasst hat. Noch einmal also ging es im Jubiläumsjahr des Heidelbergers um das kleine Buch mit seiner großen Wirkung. Und so dürfen wir noch einmal mit dem Heidelberger fragen, wie Glaube beschrieben werden kann. (21) Was ist wahrer Glaube? A Es ist nicht allein eine gewisse Erkenntnis, dadurch ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort geoffenbart hat, sondern auch ein herzliches Vertrauen, welches der Heilige Geist durchs Evangelium in mir wirkt, dass nicht allein andern, sondern auch mir Vergebung der Sünden, ewige Gerechtigkeit und Seligkeit von Gott geschenkt ist, aus lauter Gnade, allein um des Verdienstes Christi willen. Also Erkenntnis der Wahrheit, einer abstrakten Wahrheit reicht beileibe nicht, sondern das Spüren der Grundlage, auf die ich um Christi willen stehen darf. Im Licht des Glaubens sehe ich diese Grundlage: Ich war blind, und bin sehend geworden, weil Christus an mir gehandelt hat.

Im Blick auf die verärgerten Theologen in unserer Geschichte, möchte ich aber einen Teil der Antwort modulieren: Zunächst: Nicht allein andern, sondern auch mir ist Vergebung geschenkt. Diese Botschaft ist nötig denen, die nicht glauben, dass Gott ihnen vergeben kann. Aber auch die andere Botschaft ist nötig denen, die glauben, dass Gott nur ihnen vergibt und anderen nicht. In Worten des Katechismus: dass nicht allein mir, sondern auch andern Vergebung der Sünden, ewige Gerechtigkeit und Seligkeit von Gott geschenkt ist.

Gott ist nicht einfach, sondern er handelt und wird unser Gott, indem er gibt und vergibt. Darin steckt die Dimension der Zeit, die uns oft zweifeln, hadern, ja verzweifeln lässt, weil wir nicht aus und ein wissen bei all dem, was uns auf der Seele liegt. Herr, Herr, wie lange noch ist der Grundton so vieler Psalmen – ein Schrei nach Veränderung. Es muss anders werden mit der Welt, mit den Menschen, ja mit mir.

Und die Antwort der Geschichte des Blindgeborenen, einer Geschichte von der Nacht zum Licht, ist: Es kann anders werden mit euch, sagt Jesus, denn nicht nur an ihm, sondern auch an dir sollen die Werke Gottes offenbar werden. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist, sagt Jesus. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.

Auch Licht ist nicht einfach, sondern nur da, wo es eine Quelle des Lichtes gibt, dass es leuchten kann, weil es fließt. Das ist kein happy end eines Bühnenstücks, das ist mehr: kein Ende, sondern der Anfang eines Lebens im Licht.

Der heutige Tag, LG, steckt voller historischer Jubiläen. Heute, im Jahre 1530 ist Melanchthons Apologie erschienen, die reformatorische Rechenschaft des gebürtigen Kurpfälzers, der einmal gesagt hat: Gott erkennen sei, seine Wohltaten erkennen, und was mag es für eine Wohltat für den Blinden gewesen sein, geheilt zu werden.

Und noch einer ist zu nennen, einer, der an einem 22. September gestorben ist, nämlich im Jahre 1826 der Volksschriftsteller, Lyriker, Theologe und badische Prälat Johann Peter Hebel.

Von Hebel stammen eine weit verbreitete Biblische Geschichte und ein weithin unbekannter Katechismus. Aus beiden möchte ich zitieren, weil sie in anderer Sprache und doch ähnlicher Vorstellung das zum Ausdruck bringen, was der Heidelberger Katechismus sagen wollte. Und weil Hebel in beiden einen Christus zur Sprache bringt, wie ihn der Blindgeborene erfahren hat.

Im Jahre 1824 hat Hebel seine Biblischen Geschichten vollendet. Zu den Wundern Jesu heißt es da: „Jesus hatte von Gott auch wundersame Gaben erhalten, kranke und gebrechliche Menschen durch sein Wort gesund zu machen, dazu noch andere wohltätige und erfreuliche Taten auszuüben, die kein Mensch sonst auszuüben im Stande ist. Man sollte daran erkennen, wer er sei und wer ihn gesandt habe.“ Und was sagt Hebel in seinem Katechismus vom Glauben?

„Aller Wohlthaten der Erlösung Jesu Christi werde ich theilhaftig einzig und allein durch den wahren, lebendigen Glauben, in welchem ich Jesum als meinen größten Wohlthäter aufrichtig und dankbar liebe, und in der Heiligung meines Sinnes und Lebens täglich zunehme und mich befestige. Der Glaube an Jesum und ein unheiliger Sinn und Wandel können nicht neben einander bestehen.“ Ja, so ist es, das Leben als Wohltat und das Leben im Licht.

 

Aber wie heißt denn nun das Stück, das in meinem Leben gespielt wird?

Und mein fiktiver Nachbar zur Linken flüstert: Es heißt, es muss heißen: Vom Licht des Glaubens, das scheint und wärmt und mich selbst in einem andern Licht erscheinen lässt.

Und meine virtuelle Nachbarin zur Rechten ergänzt: …und von Gottes Wohltat, dass er uns in diesem Licht leben lässt.

Und der Friede Gottes, der höher ist denn als Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Lieder: Morgenglanz der Ewigkeit – Wir loben, preis’n, anbeten dich – Such wer da will  – Wir haben Gottes Spuren festgestellt – Bewahre uns Gott

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Letzte Änderung: 22.10.2013
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