23.06.2013: Prälat Prof. Dr. Traugott Schächtele über Gal 5,1-15

 

„Befreit zur Freiheit und zur Liebe“

Predigt über Galater 5,1-15

Peterskirche Heidelberg am 23. Juni 2013

 

Prälat Prof. Dr. Traugott Schächtele

 

 

Liebe Gemeinde!

 

„Werden wir frei sein oder in Ketten leben? Unter Regierungen, die unsere allgemeinen Rechte achten oder unter Regimen, die sie unterdrücken? In offenen Gesellschaften, die die Unverletzlichkeit des Individuums und unseren freien Willen achten, oder in geschlossenen Gesellschaften, die die Seele ersticken? ... Als freie Bürger haben wir unsere Überzeugungen vor langer Zeit deutlich gemacht. Wir glauben, dass „alle Menschen gleich geschaffen worden sind“ mit dem Recht auf Leben und Freiheit sowie dem Streben nach Glück.“

 

Diese Sätze stammen nicht vom Apostel Paulus. In der Öffentlichkeit zu Gehör gebracht wurden sind sie nicht wie dessen Briefe vor 2000 Jahren, sondern vor 4 Tagen. Aber all die Worte sind in dieser Rede zu finden, die auch Paulus im 5. Kapitel des Galaterbriefes auch schon erwähnt. Um Freiheit geht es und um Gerechtigkeit. Um Frieden und um Hoffnung. Es sind Sätze aus der Rede, die der amerikanische Präsident Barrack Obama am vergangenen Mittwoch vor dem Brandenburger Tor gehalten hat.

 

Obama sei ein begnadeter Redner, konnte man der Presse wieder einmal im Ton des Überschwangs entnehmen. Er sei einer, der „die Zuhörer mit Grausen an die rhetorische Unbedarftheit des deutschen Politpersonals erinnere.“

 

Über Paulus kann man anderes nachlesen. Seine Briefe seien kraftvoll und erzielten Wirkung. Seine Rhetorik und sei Auftreten seien dagegen jämmerlich. 

 

Wer hat dann Recht, wenn es um Freiheit und Gerechtigkeit geht? Wer kann mit seinen Gedanken besser überzeugen? Obama oder Paulus? Der Polit-Rhetoriker oder der theologische Denker, der überzeugend formuliert. Aber als Redner versagt?

 

Ich will es einmal mehr auf dem Weg des Paulus versuchen. Weil Paulus das Thema der Freiheit mit der Liebe verbindet. Und mit dem Glauben an den, der selber die Liebe ist. Wir haben eben schon von der „Freiheit“ gesungen. Von der Freiheit, aus der „man etwas machen kann“. Von der Freiheit, die „auch noch offen ist für Träume, wo Baum und Blume Wurzeln schlagen kann.“

 

Bei Paulus klingt es noch einmal etwas anders, wenn er von der Freiheit spricht: „Zur Freiheit hat euch Christus befreit. Lasst euch nicht wieder klein machen vom Joch der Knechtschaft!“

 

In diesen beiden Sätzen leuchtet noch einmal der ganze Galaterbrief in komprimierter Form auf. Was dann noch folgt, ist nur Erläuterung. „Zur Freiheit hat euch Christus befreit!“ Die Pilatusfrage nach der Wahrheit, hier müssen wir sie mit der nach der Freiheit ergänzen. Was also ist gemeint, wenn es um die Freiheit geht? Was ist Freiheit? Die Tradition, die alte wie die „jüngere“, kennt Antworten genug.

 

Freiheit von Sklaverei und körperlicher Arbeit, Freiheit also zur Muße und zur politischen Betätigung  _ darum ging es bei den Griechen. Die Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden – das können wir bei Rosa Luxemburg nachlesen. Freiheit ist die Beschreibung eines Zustandes, in dem man nichts mehr zu verlieren hat – freedom is just another word for nothing left to loose – so klingt es in Me and Bobby MacGee, dem berühmten Folk-Song von Kris Kristofferson und Janis Joplin. Freiheit, Liberté – das ist die Befreiung von feudalen oder vordemokratischen Strukturen – und sei’s mit Gewalt wie in der Französischen Revolution.

 

Freiheit – verstanden als Anspruch, tun und lassen zu können, was ich will. Als Möglichkeit, willentlich zu handeln. Gegen die Überzeugung mancher Neurowissenschaftler. Freiheit, verstanden als das Recht, meinen Führungsanspruch und meine Auffassung der Welt durchzusetzen - und womöglich der Verlockung der Macht zu erliegen? Oder auch Freiheit als das Recht, auf meine individuelle Weise das Glück anzustreben, wie Barrack Obama und die amerikanische Verfassung es formulieren. Freiheit von etwas. Oder Freiheit zu etwas.

 

Bei Paulus komme ich am besten mit dieser letzten Variante der Unterscheidung der Freiheit weiter. Freiheit – bei ihm ist es Freiheit eben genau dieses. Von etwas und zu etwas.

 

Wovon sind die Menschen in der galatischen Provinz frei geworden? Frei geworden sind sie von bestimmten Vorgaben des Weges zu Gott. Frei geworden sind sie, so Paulus, davon, sich beschneiden zu lassen. Diese Beschneidung hätte schließlich zur Folge gehabt, dass alle, die beschnitten wurden, ihr Leben dann nach bestimmten Vorgaben der jüdischen Mutterreligion des Paulus zu gestalten gehabt hätten. Nach den Speisegesetzen etwa, die genau festlegen, was rein ist und was nicht.

 

Diesen Weg will Paulus vor allem denen ersparen, die aus einer anderen Religion kommen. Den Griechen, wie es bei ihm verallgemeinernd häufig heißt. Denen eben, die nicht zu seiner eigenen jüdischen Glaubensgemeinschaft gehören. Freiheit hieße dann Freiheit von einem diese Menschen womöglich überfordernden Netz der Tradition. Freiheit also auch von der Beschneidung.

 

Es ist gerade ein Jahr her, dass wir in Deutschland eine große öffentliche Debatte über die Beschneidung hatten. Beschneidung, so stand’s im Urteil eines Kölner Gerichts, sei ein Verstoß gegen die körperliche Unversehrtheit. Und somit strafwürdig.

 

Gerade bei denen, die dieses Urteil kritisch gesehen haben, war die Richtung der Debatte eine umgekehrte. Die Beschneidung männlicher Kinder, so war zu hören, gehöre zum religiösen Grundbestand des jüdischen und islamischen Glaubens. Und sie müsse möglich bleiben.

 

Kann uns der Paulus des Galaterbrief hier weiterhelfen? Bei Paulus geht es um die Freiheit vom Zwang zur Beschneidung. In der öffentlichen Debatte im letzten Jahr geht es um die Freiheit vom Verbot der Beschneidung. Im einen Fall, bei Paulus, geht es um die Notwendigkeit zu einer religiösen Handlung im Sinne der Tradition. Im anderen Fall, in den Debatten des vergangenen Jahres, geht es um die Möglichkeit, dieses Ritual überhaupt ausüben zu dürfen. Und beides als Konkretisierung der Möglichkeit der Freiheit.

 

Paulus versteht Freiheit aber nicht nur als Freiheit von etwas. Sondern auch als Freiheit zu etwas. Diese Freiheit ist der Ausdruck einer gänzlich neuen Art zu leben. Paulus nennt das „in Christus sein“. Mit diesem Bild beschreibt er einen Raum, indem der Glaube sich durch die Liebe ausweist. Und öffentlich macht - oder – mit Paulus formuliert - „durch die Liebe wirksam wird“.

 

Religiöse Differenzierungen und Unterscheidungen haben ihre Funktion verloren. Noch einmal Paulus im Originalton: „In Christus kommt es weder darauf an, dass ich beschnitten bin, noch darauf, dass ich nicht beschnitten bin.“ Oder in der Sprache des Liedes, das wir vor der Predigt gesungen haben: „Freiheit, sie gilt für Menschen, Völker, Rassen, so weit, wie deine Liebe uns ergreift.“

 

In Christus sein – das begründet im Letzten keine neue Religion. Sondern eine neue Haltung gegenüber der Wirklichkeit. Und damit auch gegenüber Gott. Diese neue Haltung, diese neue Vertrauen – das macht bei Paulus den Glauben aus, zumindest als Möglichkeit für die, die nicht aus dem Judentum stammen. Paulus beschreibt diesen Glauben in dem ihm eigenen Sprachspiel mit den Worten: „Aufgrund des Glaubens erwarten wir  im Geist die Erfüllung unser Hoffnung auf Gerechtigkeit.“ Ein komplizierter Satz.

 

Glauben heißt – im Freiraum dieses Christus sein. Glauben heißt – in der Liebe wirksam werden.

Glauben heißt – die Gerechtigkeit von Gott her erhoffen.

 

Glauben heißt immer mehr, als sich einfach in ein Regelsystem von Verhaltensweisen einbinden zu lassen. Selbst dann, wenn diese Regeln durchaus ihren Sinn haben. Doch die Erfüllung dieser Regeln allein garantiert den Glauben nicht. Aber sie kann durchaus meine Möglichkeiten mehren, mich auf diesen Glauben einzulassen. Und es mit ihm zu versuchen. Eine Hilfe zum Glauben können sie sein. Aber den Glauben ersetzen, das können sie nicht.

 

Die Schwierigkeit liegt hier nicht bei der Einsicht. Damals nicht, als die Galater sich auf diesen Weg des Paulus einlassen. Auch heute nicht, wo Freiheit zum Schlüsselbegriff einer ganzen Denk-Tradition geworden ist. Die Schwierigkeit liegt in dem Versuch, dieser Einsicht Konsequenzen folgen zu lassen. Wir kennen die Rahmenbedingungen der Freiheit. Wir sehnen uns nach ihr. Und wählen dann doch die Regulierung. Und die Regeln. Wir entkommen durch’s Rote Meer in die Freiheit. Und wünschen uns an die Fleischtöpfe Ägyptens zurück.

 

Die großen Möglichkeiten der Freiheit können Menschen erschrecken. Und die Menschen machen Halt auf halbem Weg. „Ihr wart so gut im Rennen“, schreibt Paulus. „Was hat euch dazu gebracht, einen Rückzieher zu machen?“ Ihr habt die Freiheit geschmeckt. Und seid doch mit weniger zufrieden?!“ Das Grundproblem der Freiheit ist die Angst vor ihr. Es ist, wie wenn ich das Fliegen gelernt hätte. Und dann aus lauter Angst, ich könnte abstürzen, doch lieber am Boden bliebe.

 

Die Umkehr auf halbem Weg ist der große Feind der Freiheit. Jedes Reformvorhaben ist zum Scheitern verurteilt, wenn die Ausstiegsoptionen mehr Gewicht haben als der Reiz der Freiheit. Nicht nur im Privaten finden sich dafür genügend Beispiele. Auch im Bereich der großen Politik können wir fündig werden.

 

Keine Waffen nach Syrien. Aber an andere verkaufen wir an Waffen noch genug. Politik.

 

Raus aus der Atomenergie. Aber erst irgendwann nach 2021. Und dann nicht wirklich.

 

Raus aus einer krank machenden Art zu leben. Aber nicht wirklich. Sondern nur ein bisschen.

 

Raus aus dem Leben des „du musst“ und „du sollst“. Aber wirklich gleich in die Freiheit des „du kannst“ und „du darfst“?

 

Die Freiheit geht immer auf’s Ganze – oder es ist keine Freiheit. Ein bisschen Freiheit, das geht nicht. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ Auf dem Weg in die Freiheit müssen uns den Rückweg am besten gleich abschneiden. Freiheit geht nicht einfach halb. Oder begrenzt. Wenn es denn wirklich die Freiheit ist, dann muss ich sie wagen und riskieren. Dann muss ich mich entscheiden, ob ich auf die Regeln setze. Oder den Möglichkeiten der Liebe vertraue. Mit den heilsamen Grenzen, die eben in dieser Liebe ihren Ursprung und ihr Maß haben.

 

Niemand hat das Verhältnis von Freiheit und Liebe besser und schöner zusammengefasst als Martin Luther in den bekannten beiden Sätzen aus seiner Freiheitsschrift: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

 

Luther hat seine Theologie in der Auseinandersetzung mit Paulus entwickelt. Wenn auch mit einem anderen Ziel. Luther ging es weniger um bestimmte Regeln, die den Rahmen seines Glaubens auch für andere aufbrechen und öffnen wollten. Luther ging es um die Regeln, die ihm selber für den aufrechten Gang vor Gott im Wege standen. „Unser versklavtes ich ist ein Gefängnis. Und ist gebaut aus Steinen unserer Angst.“ Was wir da vorhin gesungen haben, ist Luther vielleicht noch einmal ein Stück näher als Paulus.

 

„Zur Freiheit hat euch Christus befreit!“ Um von der Freiheit zu kosten, die Paulus meint, sind wir zu einer Grundeinsicht herausgefordert. Und zu einer Grundentscheidung. Die Grundentscheidung, uns im Streben nach  Freiheit von der Liebe steuern und leiten zu lassen.

 

„Diese Freiheit nehm’ ich mir!“ Das war vor einiger ein bekannter Spruch aus der Werbung. „Diese Freiheit nehm’ ich mir!“ Wir sollten uns diesen Spruch zu eigen machen. Und uns die Freiheit nehmen. Mehr noch, sie uns schenken lassen. Die Freiheit, die uns hilft, „ja zu sagen oder nein“, um noch einmal das Lied zu zitieren, das wir vorhin gesungen haben. Dieses vielgeschmähte Lied, das heute so wunderbar zum Predigttext passt. Um die Freiheit der Liebe geht es. Und nicht um die Freiheit der Macht.

 

„Das Joch der Knechtschaft ist zerbrochen. Du bist in Christus. Du bist frei.“ Dahinter möchte doch niemand ernsthaft  zurückfallen. Mag Obama der bessere Rhetoriker sein. Wenn es um die Theologie der Freiheit in Liebe geht, reicht mir Paulus völlig aus. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ Diese Freiheit nehm’ ich mir. Diese Freiheit lässt uns leben. Amen.

 

 

 

 

 

 

 

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Letzte Änderung: 08.07.2013
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