23.09.2012: Frau Carolin Stalter über Apg 12,1-11

 

Predigt in der Peterskirche 23.09.2012 über Apg 12,1-11

 

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht in der Apostelgeschichte im 12. Kapitel:

[Text]

1 Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln.

2 Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert.

3 Und als er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort und nahm auch Petrus gefangen. Es waren aber eben die Tage der Ungesäuerten Brote.

4 Als er ihn nun ergriffen hatte, warf er ihn ins Gefängnis und überantwortete ihn vier Wachen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen. Denn er gedachte, ihn nach dem Fest vor das Volk zu stellen.

5 So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten; aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott.

6 Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt, und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis.

7 Und siehe, der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen.

8 Und der Engel sprach zu ihm: Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Und er tat es. Und er sprach zu ihm: Wirf deinen Mantel um und folge mir!

9 Und er ging hinaus und folgte ihm und wusste nicht, dass ihm das wahrhaftig geschehe durch den Engel, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen.

10 Sie gingen aber durch die erste und zweite Wache und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt; das tat sich ihnen von selber auf. Und sie traten hinaus und gingen eine Straße weit, und alsbald verließ ihn der Engel.

11 Und als Petrus zu sich gekommen war, sprach er: Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat und von allem, was das jüdische Volk erwartete.

Was tun, wenn der Held versagt?

Wenn das große Vorbild scheitert?

Der, von dem man die ganze Zeit angenommen hatte: Er hat es verstanden. Er lebt das, wovon er überzeugt ist. 

Was tun, wenn man selbst Vorbild ist und realisiert, dass man am Ende angelangt ist?

 

Petrus liegt im Dunkeln, weitgehend entkleidet, zwischen zwei Wachen in Ketten gelegt… eine desperate Situation!

Warum liegt er im Gefängnis? Nicht etwa wegen eines Vergehens gegen die öffentliche Ordnung oder gegen das Recht eines Mitmenschen – nein, der Grund für sein Elend ist die Freude von Menschen am Tod eines Anderen.

 

Dass es zu einer solchen Verhaftung kommen könnte ist nicht besonders überraschend. Bereits zu Jesu Lebzeiten stand diese Möglichkeit im Raum und wurde diskutiert. In der Nacht des letzten Abendmahls sprach Jesus mit seinen Jüngern und im Laufe dieses Gesprächs sagte er zu Petrus: „Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder“ (Lk 22,32). Wenn du dereinst dich bekehrst – worauf spielt Jesus an? Auf die Verleugnung des Petrus angesichts von Jesu Verhaftung und seiner anschließenden Reue? Oder meint er etwas anderes?

Im Markus- und im Matthäus-Evangelium antwortet Petrus in der gleichen Situation: „Auch wenn ich mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen“ (Mk 14,31par). Anders hingegen lautet seine Antwort im Lukas-Evangelium. Sie legt noch eine weitere Möglichkeit nahe. Er sagt: „Herr, ich bin bereit mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen“ (Lk 22,33).

 

Jetzt ist genau dies eingetreten. Er liegt im Gefängnis. Nicht mit Jesus, aber doch wie Jesus. Petrus liegt im Dunkeln, weitgehend entkleidet, zwischen zwei Wachen in Ketten gelegt… Er wartet auf den Tod. Was hier geschildert wird, will aber nicht allein sein Befinden in der Gefängniszelle darstellen, sondern auch die Hoffnungslosigkeit in der Petrus gefangen ist. Das Entsetzen, die sich einschleichende Gleichgültigkeit, das Sich-Abfinden mit dem eigenen Schicksal. Abschließend, endgültig, unausweichlich.

Er weiß, dass Jakobus wenige Tage zuvor von den gleichen Leuten, die nun ihn gefangen gesetzt haben, hingerichtet wurde – aus ähnlichen Gründen.

Er weiß, dass Gott es nicht verhindert hat.

Hatte er am Anfang vielleicht noch Hoffnung, so rechnet er nun auch für sich nicht mehr mit dem Eingreifen Gottes.

Er ist sich sicher, dass Gott es nicht verhindert wird.

 

Das ist erstaunlich.

Sein Gemütszustand entspricht nun gar nicht dem, wofür Petrus in den letzten Jahren eingetreten ist. Der Verzweiflung, die er nun durchlebt, die ihn geradezu lebensunfähig macht, steht doch eigentlich eine konkrete, frohe Botschaft gegenüber: Die hoffnungsvolle Erwartung des Kommens Christi.

Diese Botschaft wurde aber nicht nur in den Raum gesprochen, sondern sie verbindet sich mit einem Auftrag: Im Lukas-Evangelium sagt Jesus zu den Jüngern: „Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen […] selig sind die Knechte, die der Herr, wenn er komm, wachend findet“ (Lk 12,35.37).

 

Die Jünger sollen also genau das tun, was Petrus gerade nicht tut:

Ihre Lichter sollen brennen –

Sein Licht brennt nicht – er liegt im Dunkeln.

Sie sollen ihre Lenden umgürten –

Seine Lenden sind nicht umgürtet – er ist kaum bekleidet.

Sie sollen wachen –

Er wacht nicht mehr – er schläft.

 

Eine verständliche Reaktion?

Wie lange wären wir fähig in einem Zustand des erwartungsvollen Wachens zu verharren, ohne zu erstarren, ohne uns einsperren zu lassen in dem, was unsere Gefängnisse bildet, wenn sich die Mauern im Dunkeln immer enger zusammen ziehen? Wenn Ketten binden, wenn Flucht unmöglich ist? Wie lange wären wir fähig zu wachen ohne vor übersteigerter Erwartung an uns und an andere verrückt zu werden? Sind schlafen und vergessen nicht eine willkommene Alternative angesichts des umgebenden Dunkels?

 

Erst als der Engel des HERRN den Raum betritt verändert sich die Situation für Petrus. Der Engel kommt geradewegs in das Gefängnis, in dem Petrus zwischen den Wachen liegt und schläft. Er ist keine Erscheinung, sondern er betritt den Raum. Ganz unmittelbar. Vollkommen präsent. Er tritt in die Lebenswirklichkeit des Petrus. Das Dunkel wird Licht.

Petrus jedoch hat noch nicht realisiert was gerade geschieht. Dieses Licht scheint noch nicht auszureichen, um ihn zu wecken. Auch seine Wächter erwachen nicht. Erst ein Tritt in die Seite führt dazu, dass Petrus sich rührt.

Petrus war so tief in die Unfassbarkeit seiner Gefangennahme und gefühlte Unabwendbarkeit seines Schicksals aus geradezu willkürlichen Gründen verstrickt, dass er die Veränderung ohne einen externen Anstoß nicht wahrnimmt.

 

Ein Anstoß von außen…

Wie lange wären wir fähig uns selbst aufzurichten, müssten wir in so einer Situation verharren, erstarrt in dem was unsere Gefängnisse bildet? Der Anstoß ist keine sanfte Berührung, die sich ins Bewusstsein schleicht, sondern ein Tritt. Er ist schmerzhaft, er beendet den Schlaf, der vergessen lässt, zerreißt die selbstgebaute Hülle eines betäubenden Sich-mit-der-Situation-Abfinden!

Aber wie lange wären wir fähig zu wachen und zu warten ohne eine solche Hülle,

ohne uns selbst zu verlieren, ohne vorher verrückt zu werden?

Oder ist es genau das, was das echte Warten, das Warten, das die Kraft hat zu befreien, ausmacht? Dass man ver-rückt wird? Quasi aus sich heraustreten muss – einen anderen Standpunkt einnimmt; außer sich gerät, damit man dann ganz da sein kann – sich der Sache selbst zuwendet. Vielleicht zweifelt man zuerst. Petrus glaubt noch eine Erscheinung zu haben, aber dennoch ist er nun selbst wieder ganz anwesend.

 

Aufgerüttelt lässt ihm der Engel keine Zeit sich zu sammeln: „Steh schnell auf“, sagt er zu ihm. Auf diesen Zuruf hin fallen die Ketten von Petrus ab. Der erste Schritt zur Befreiung ist getan. Er ist nicht mehr an jene gebunden, die ihn bewachen, ihn überwachen, ihm als Übermacht begegnen, gegen die er sich nicht mehr zu wehren wusste. Er ist nicht mehr durch eiserne Ketten beschwert. Erst einmal von dieser Last befreit, erinnert ihn der Engel an seine eigentliche Aufgabe: „Gürte dich und zieh deine Schuhe an!“

 

Was in diesem Moment geschieht, erinnert an eine andere Situation. Ein Ereignis, das existentielle Folgen hatte: Die Nacht vor dem Auszug des Volkes Israels aus Ägypten. Dort erhält das Volk von Gott folgenden Auftrag: „So sollt ihr aber das Lamm essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt essen als die, die hinwegeilen“ (Ex 12,11).

Sie sollen vorbereitet sein. Vorbereitet für das, was in dieser Nacht geschehen wird.

 

Petrus soll sich also ausrüsten zum Exodus.

Heraus aus der Gefangenschaft – in Eile, wie damals das Volk. Während ihm die Vorbereitung bisher fehlte, hilft ihm der Engel, sich für das Ereignis in dieser Nacht zu rüsten. „Gürte dich und zieh deine Schuhe an!“ Er sollte vorbereitet sein, wie Jesus ihm und den anderen Jüngern geboten hatte, um auf seine Wiederkehr zu warten. „Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen […] selig sind die Knechte, die der Herr, wenn er kommt wachend findet“ (Lk 12,35.37).

 

Petrus hat seine Abgewandtheit, sein In-sich-verschlossen-Sein, durch die Hilfe des Engels des HERRN in Zuwendung verkehrt. Er hat sich dem rettenden Handeln Gottes wieder zuwenden lassen, sich gerüstet und konnte so schließlich in die Freiheit geführt werden. Erst als sie das äußere Tor, das sein Gefängnis von den Straßen der Stadt trennt, durchschritten und hinter sich gelassen haben, verlässt ihn der Engel.

Petrus – bis dahin immer noch ganz dem rettenden Handeln zugewandt, immer noch außer seiner selbst – kommt wieder zu sich – Petrus findet zu sich. Im griechischen Text heißt es Pe,troj evn e`autw/| geno,menoj – er ist in sich selbst; er entsteht in sich.

Hat er zuerst noch eine Erscheinung in Erwägung gezogen, so ist nun für ihn klar, dass es Gott selbst war, der ihn gerettet hat. Er hat sich bekehren lassen, weg von der Annahme, dass Gott es nicht verhindern wird.

In dieser Gewissheit kann er sich jetzt aufmachen zum Haus der Gemeinde, um Zeugnis abzulegen von dem, was er gerade durchlebt hat; damit sich das Wort Jesu erfüllen kann: „Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder“ (Lk 22,32).

 

Lassen auch wir uns von Gott zusprechen: „Steh schnell auf! Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Wirf deinen Mantel um und folge mir“ (Apg 12,7.8).

 

AMEN

 

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Letzte Änderung: 23.05.2018
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