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23.12.2012: Dr. Jantine Nierop über Joh 1,19-28

 

Predigt am 23. Dezember 2012 in der Peterskirche, Heidelberg

über Joh 1,19-28

 

Von Dr. Jantine Nierop

 

 

 

Liebe Adventsgemeinde,

 

Als die Priester, Leviten und Pharisäer Johannes fragen, wer er ist, antwortet er überraschend mit Worten des Propheten Jesajas. „Ich bin eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Ebnet den Weg des Herrn!“ Worte, vor langer Zeit gesprochen und bezeugt, sind jetzt aufs Neue aktuell. Auch damals, in einer völlig anderen Situation – in der Zeit der Babylonischen Gefangenschaft -, waren sie aktuell und nun hier, in Bethanien, sind sie es wieder. Sie meinen hier etwas anderes, und am Ende doch das Gleiche.

 

Gläubige leben in unterschiedlichen Zeiten, aber wichtiger als ihre jeweilige Verortung in Zeit und Raum ist ihre gemeinsame Verbindung zum lebendigen Gott. Was sie miteinander verbindet, ist stärker als das, was sie voneinander trennt.

Jesaja und Johannes, sie sagen dasselbe, meinen etwas anderes, und weisen am Ende doch beide auf den Gott hin, der durch Wüsten geht, der buckelige Wege nicht meidet, der kommt, wenn Menschen Not leiden.

 

Siehe, da ist euer Gott, sagt Jesaja. Er kommt gewaltig.

Siehe, da ist Gottes Lamm, das der Welt Sünden trägt, sagt Johannes der Täufer, nachdem er mit den jüdischen Abgesandten diskutiert hat und Jesus auf sich zukommen sieht.

 

I.

So leben Gläubige, ganz fest verwurzelt in ihrer eigenen Zeit, und ihr doch nicht ausgeliefert. Die Gemeinschaft mit anderen Zeugen Gottes geht über sie hinaus.

Durch die Geschichte hindurch geht ein roter Faden. Er verbindet Jesaja und Johannes miteinander, er verbindet uns mit den beiden, er schlägt auch eine Brücke nach Berlin, zum vierten Adventssonntag des Jahres 1938. Da wollen wir jetzt kurz verweilen, bei der Familie Klepper. Es wird sich lohnen!

 

Für den evangelischen Liederdichter Jochen Klepper und seine jüdische Frau Johanna war es keine gute Zeit. Zusammen mit Johannas Töchtern Brigitte und Renate aus ihrer ersten Ehe lebten sie im Berliner Stadtteil Südende – eine Patchworkfamilie, von denen es heutzutage viele gibt. Aber mit ganz eigenen, großen Sorgen.


Die Ehe mit einer jüdischen Frau hatte dazu geführt, dass dem jungen Schriftsteller Klepper unter der Herrschaft der Nationalsozialisten so gut wie jede berufliche Tätigkeit verwehrt blieb. 'Rassenschande' war das Schlagwort, mit dem er und seine Familie gedemütigt wurden. Jochen Klepper hatte seine Anstellung beim Berliner Rundfunk verloren und war aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen worden.

Eine schwierige Situation, die nicht besser wurde. In den folgenden Jahren werden verschiedene Ausreiseversuche scheitern. Nur die älteste Stieftochter konnte entkommen. Der jüngeren Stieftochter und der Frau drohte die Deportation. So weit wollten sie es nicht kommen lassen – und gehen gemeinsam in den Tod, am 11. Dezember 1942.

 

Jochen Klepper hat uns nicht nur sehr schöne Lieder geschenkt – wir singen gleich eins ‒ er hat auch Tagebuch geschrieben. Ein paar Tagebuchnotizen aus dem Winter von 1938 möchte ich heute mit Ihnen teilen. Es war eine finstere Zeit. Aber keine lichtlose. Zumal seine Frau, genannt Hanni, sich in diesem Winter taufen ließ, und zwar am vierten Sonntag im Advent. Dies geschah in der Martin-Luther-Gedächtnis-Kirche in Berlin-Mariendorf, bei Pfarrer Kurzreiter. Taufen ließ sich Hanni Klepper wohl aus politischen Gründen. Gleich anschließend an die Taufe erfolgte die kirchliche Trauung der Eheleute Klepper.

 

In dem Bericht über den Tag, den Jochen Klepper später notierte, klingt trotz allem Rührung und Freude durch, und Licht. An diesem vierten Adventssonntag notierte er:

 

„Nun versteht Hanni völlig, warum ich so zu Pfarrer Kurzreiter halte: so würdig und festlich hat er die Taufe und Trauung gestaltet; auf dem Altar waren die vier Lichter des Adventsbaumes angezündet, sonst nur die Altarkerzen; kein Mensch, keine Musik, nur Gottes Wort, das aber voll solchen Gewichtes, so bewusst gewählt: Worte der Freude in unserem großen Kummer, unserer Bedrohung, um die er ja im vollen Umfang weiß. Hanni am Taufstein bei den Adventslichtern war ein ergreifendes Bild. Die Einsegnung der Ehe vollzog er ohne Ansprache – warum: er begründete es mit zarten und warmen Worten […]

Auch bewies er das besondere Zartgefühl, diese ernste Taufe und Trauung mit uns in seiner Pfarrwohnung im Gemeindehaus nach der kirchlichen Feier an seinem Tische feiern zu wollen; und auf Hanni, die große Wirtin und Gastgeberin, machte diese kleine adventliche Kaffeestunde einen großen Eindruck, wie etwas ganz besonderes, denn wir hatten ja keine Feier als die kirchliche beschlossen.

Dann war es aber daheim doch noch einmal wie eine Feier; die Töchter, denen Hanni erst vor dem Aufbruch zur Kirche von der Taufe sagte, erwarteten uns mit großen, weißen Chrysanthemen.“

Soweit Kleppers Tagebuchnotiz.

 

II.

Klepper schreibt über „Kummer“, über eine „Bedrohung“, um die der Pfarrer in vollem Umfang wusste. In seinen Worten spürt man eine große Spannung.

 

Auch über den Worten des vierten Evangelisten, die wir gerade gehört haben, liegt eine Spannung, obwohl seine Erzählung gerade erst angefangen hat. Wenn er von Pharisäern spricht, die zu Johannes kommen, ist das ein klares Alarmsignal. Sie sind ja die schärfsten Gegner, die Jesus und seine Jünger haben werden. Und in Betanien geht es in gewisser Weise schon los:

Wenn sie dort Johannes nicht verstehen, ihn permanent missverstehen, ja, permanent nicht verstehen, dass Johannes nicht der Christus ist, nicht Elia, kein Prophet,

wenn sie nicht verstehen, dass seine Taufe keine Heilsbedeutung hat, dass es ihm gar nicht um die eigene Person geht, sondern um einen anderen Menschen, einen, der schon da ist, „mitten unter euch getreten“

– wenn sie mit ihren Fragen so an Johannes vorbeireden, dann erinnern wir uns als Hörer daran, dass sie später auch Jesus nicht verstehen werden, mit allen katastrophalen Folgen.

So klingt in einem augenscheinlich harmlosen Gespräch – wenn man den misslungenen Dialog überhaupt so nennen möchte ‒ schon viel Unheil durch.

 

Der Schatten von kommendem Unheil lag damals auch über dem Leben von Jochen Klepper. Und doch findet er Trost. Es ist gerade die Geschichte Jesu, es sind gerade die Zeichen, die an diese Geschichte erinnern, die ihn trösten. In dem Tagebucheintrag vom Heiligabend 1938 ist von Kerzen die Rede, von Johannas Taufe, von Sternen und Glockengeläut sowie von Engeln und Hirten.

 

„Wunderbar war die Stille des Abends, wunderbar der Duft von Wachskerzen und Tanne. Und die Blumen von Hannis Taufe – weiße Chrysanthemen in mächtiger Vase – waren der besondere Schmuck dieses ernsten Festes. Über den verschneiten Gärten standen große Sterne, und in der zwölften Stunde hörte man noch einmal fernes Glockenlauten einer Christmette. Die Engel und Hirten empfangen im Kerzenglanze der Weihnachtsstube ein eigenes Leben. Keiner, dem der schwere Ernst dieses Heiligen Abends nicht bewusst war; und doch war das lichte, kleine, festliche Haus von Heiterkeit und Lebendigkeit erfüllt, von Zufriedenheit und Dankbarkeit nicht minder.“ Soweit Kleppers Tagebuchnotiz.

 

III.

Noch einmal zurück zu Johannes in Betanien: „Mitten unter euch ist der, den ihr nicht kennt“, sagt er den Pharisäern. Nun gilt es etwas Wichtiges zu bedenken: Gottes roter Faden durch die Geschichte verbindet uns nicht nur mit Johannes und anderen Zeugen, sondern auch mit den Pharisäern. Denn die Gemeinschaft der Gläubigen ist auch eine Gemeinschaft der Sünder.

 

Auch wir kennen Jesus nicht. Wir würden glatt an ihn vorbeilaufen und tun es wahrscheinlich auch oft. Mitten unter uns ist er, und bleibt doch unerkannt.

Wir würden ihn gar nicht kennen, wenn er nicht immer wieder selbst zu Menschen kommt und sie dabei zu seinen Zeugen macht:

Siehe, da ist euer Gott. Er kommt gewaltig.

Siehe, da ist Gottes Lamm, das der Welt Sünden trägt.

 

Machen wir uns nichts vor: Wir würden auch die alten Worte der Bibel nicht verstehen, wir würden sie permanent missverstehen, wenn da nicht der lebendige Gott selber wäre, der uns immer wieder neu mit ihnen verbindet.

Hören wir jetzt zum Schluss, wie Jochen Klepper den ersten Weihnachtstag des Jahres 1938 beschreibt:

 

„Hanni und ich frühstückten allein. Pfarrer Kurzreiters große Christpredigt, ernst, würdig. Weihnachtspredigt ganz für dieses schwere Jahr 1938. Unter den strahlenden Christbäumen war Hanni dann mit mir zum ersten Mal zum Abendmahl. Der Spruch aus Mk 5: Fürchte dich nicht, glaube nur! […]

Es war ein Tag gewesen voller Schnee, Kälte und Glanz; und Glockengeläut über Glockengeläut. Den ganzen Tag, auf ihrem kurzen Wege, strahlte die Wintersonne, war rund und bronzen im Untergang und ließ die Schneewolke noch einmal zart rötlich aufleuchten.

Ich habe geglaubt, alle Bibelworte von Weihnachten zu wissen: aber unentwegt strömen neue auf mich ein; und die bleiben das größte Geschenk und bedeuten die größte Freude und Festlichkeit; die dringen durch bis auf den Grund und verwandeln das ganze arme Erdenjahr von den hohen Kirchenfesten her.“

 

Liebe Gemeinde, das wünsche ich auch uns für die kommenden Tage. Lasst uns darum beten: Mögen die alten, allzu bekannten Bibelworte von Weihnachten auch auf uns wie neue einströmen, von Gott her  – und eine Freude und Festlichkeit schenken, die verwandelt.

 

Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Letzte Änderung: 08.10.2018
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