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24.06.2018: Prof. Dr. Rainer Albertz über Gen. 32,23-33

Predigt im Universitätsgottesdienst
am 24.06.2018
Peterskirche, Heidelberg

Prof. Dr. Rainer Albertz über Gen 32,23–33

 

Liebe Universitätsgemeinde,

heute, da wir unser Gemeindefest feiern wollen, geht es auch schon in unserem Predigttext zum Thema „Frömmigkeit“ etwas turbulenter zu. Normalerweise wirkt Gott mehr im Stillen an uns, ohne dass wir es meist richtig merken, er gewährt uns Halt, Beistand, Schutz und Hilfe in schwierigen oder gefährlichen Situation; er schenkt uns Besserung und Heilung von Krankheit, nicht selten nachts, während wir schlafen; ja, er hat eine jede und einen jeden von uns im Mutterleib erschaffen, bevor wir überhaupt zu Bewusstsein kamen. Aber es gibt außergewöhnliche Situationen, da drängt sich Gott, egal ob es uns passt oder nicht, spürbar in unser Leben hinein, um sich bei uns in Erinnerung zu bringen. Er fordert uns unmissverständlich zu einer Entscheidung heraus, um zu sehen, wie wir es mit ihm halten. Und dabei geht er nach dem biblischen Zeugnis besonders mit solchen Menschen, mit denen er noch viel vorhat, nicht gerade zimperlich um, denken Sie nur an Abraham, dem er seinen einzigen Sohn abverlangt (Gen 22,1–19), oder an Mose, den er auf der Rückreise nach Ägypten überfällt (Ex 4,24–26), oder an Paulus, den Christus in seinem Strahlenglanz zu Boden streckt und drei Tage lang erblinden lässt (Apg 9,3–9; 22,3–16).

Eine ähnlich turbulente Begegnung mit Gott hat Jakob erlebt, als er von seinem Onkel Laban im heutigen Syrien, wohin er aus Furcht vor seinem Bruder Esau geflohen war, vom Ostjordanland kommend, wieder in seine Heimat zurückkehrte. Ich lese unseren Predigttext Gen 32,23–33:

23

Und Jakob stand auf in jener Nacht, nahm seine beiden Frauen, seine beiden Mägde und seine elf Kinder und zog durch die Furt des Jabbok.

24

Er nahm sie und führte sie durch den Fluss und brachte alles hinüber, was er besaß.

25

Jakob aber blieb allein zurück. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach.

26

Als der sah, dass er ihn nicht überwinden konnte, berührte er sein Hüftgelenk, so dass sich Jakobs Hüftgelenk verrenkte, während er mit ihm rang.

27

Da sprach er: „Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an!“ Doch er sagte: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“

28

Da sprach er: „Was ist dein Name?“ Er sagte: „Jakob.“

29

Er sprach: „Nicht mehr soll dein Name Jakob lauten, sondern Israel, denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast standgehalten.“

30

Da fragte Jakob und sprach: „Sag mir doch deinen Namen!“ Doch er sagte: „Warum fragst du denn nach meinem Namen?“ Und er segnete ihn daselbst.

31

Darauf nannte Jakob den Namen des Ortes Pni’el, „denn ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben errettet.“

32

Da ging ihm die Sonne auf, als er an Pnu’el vorüber kam. Doch er hinkte an seiner Hüfte.

33

Darum essen die Israeliten nicht das Muskelstück auf dem Hüfgelenk bis auf den heutigen Tag, weil er den Hüftmuskel auf dem Hüftgelenk Jakobs berührt hatte.

Für Jakob kam dieser göttliche Überfall völlig überraschend und ganz und gar ungelegen. Er war gerade voll damit beschäftigt, seine große Familie und seinen riesigen Viehbesitz vor dem möglichen Angriff Esaus in Sicherheit zu bringen, der, wie er gehört hatte, ihm von Se’ir aus mit 400 bewaffneten Mannen entgegen zog (Gen 32,4–7). Er hatte seinen Tross in zwei Lager geteilt (V. 8–9), er hatte drei Männer mit Teilen der Herde als Geschenke voraus gesandt, um Esau mit seinem Reichtum zu beeindrucken. Würde sein Bruder, dem er sein Erstgeburtsrecht abgeluchst und um den väterlichen Segen betrogen hatte und der ihn darum umbringen wollte, dadurch milde gestimmt werden? (V. 14–22). Und in diese schwierigen Vorbereitungen, platze nun auch noch Gott hinein! Das heißt, anfangs wusste Jakob gar nicht, was ihm da nachts an der Jabbokfurt geschah. Kaum hatte er Familie und Herden über den Fluss gebracht, wurde er plötzlich von einem Unbekannten angefallen und in einen Ringkampf verwickelt. Sollte er schreiend weglaufen? Sollte er Hilfe von den Seinen auf der anderen Seite des Flusses herbeirufen? Nein, er stellte sich dem Kampf. Erst als der Fremde ihm durch eine leichte Berührung seiner Hüfte gewaltige Schmerzen verursachte, wurde Jakob langsam klar, dass er es mit einem übermenschlichen Gegner zu tun hatte, auch wenn dieser seine Identität nicht preisgab. Darum ergriff er seine Chance. Als die göttliche Gestalt bei Anbruch der Morgenröte den Kampf beenden wollte, klammerte er sich nur noch fester um sie und verlangte von ihr, ihn zu segnen. Derart bedrängt, erteilte ihm die geheimnisvolle Gestalt wirklich den Segen. Erst im Nachhinein, als die Sonne über ihm aufgegangen war, erkannte Jakob, dass er eine echte Gottesbegegnung erlebt hatte. Er trug aus ihr eine Behinderung davon, aber er hatte sie überlebt, ja, er hatte sogar den Segen Gottes errungen.

Liebe Gemeinde, wir wissen nicht genau, warum Gott diesen Angriff auf Jakob startete, der so merkwürdig ist, dass die Theologen seit Jahrhunderten bedenklich den Kopf darüber schütteln. Der Bibeltext begründet ihn nicht ausdrücklich. Aber wenn wir uns die gesamte Jakobsgeschichte vor Augen halten, dann können wir zumindest erahnen, was Gott dazu antrieb. Wohl hatte sich Gott entschlossen, Jakob gegenüber seinem Bruder zu bevorzugen, weil er sich aus seinen Nachkommen sein Volk bauen wollte (Gen 28,18–15). Aber Jakob hatte sich unter diesem göttlichen Schutz zu einem regelrechten Karrieremenschen entwickelt, der in seinem Kampf um sein Lebensrecht auch vor Tricks und Betrügereien gegenüber seinen Mitmenschen nicht zurückschreckte. Er hatte kühl berechnend den Heißhunger Esaus ausgenutzt, um diesem sein Erstgeburtsrecht abzukaufen (25,29–34). Er hatte mit Hilfe seiner Mutter seinen Bruder um den väterlichen Segen betrogen und damit den Bestand seiner Familie aufs Spiel gesetzt (27,1-45). Als rechtloser Flüchtling war er von seinem Onkel Laban selber betrogen worden (29,1–30), aber schon bald hatte er sich durch Züchtertricks einen Großteil von dessen Herdenbesitz angeeignet (30,25–43). Jakob war ein Erfolgsmensch, der bisher den Segen, und d.h. seine große Familie, den Erfolg seiner Arbeit, seinen Reichtum und seinen Ruhm gegen und auf Kosten anderer Menschen erkämpft hatte. Eben darum griff Gott ein, um ihm auf drastische Weise vor Augen zu führen, dass der Kampf um den Segen nicht gegen andere Menschen, sondern mit Gott geführt werden muss. Darauf zielt die Umbenennung Jakobs, die Gott am Ende des Kampfes vornimmt: „Nicht mehr soll dein Name Jakob, d.h. Betrüger (Gen 27,36), lauten, sondern Israel, „denn Du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft“ (32,29). Da der Name Isra-ʼel nur den Kampf mit Gott bezeichnet, ist gemeint: Früher hast du fälschlicherweise gemeint, mit Menschen und gegen sie um deinen Segen kämpfen zu müssen, doch nun hast Du gelernt, um deinen Segen mit Gott kämpfen können; und du hast ihn wirklich errungen. Denn der Segen ist und bleibt eine göttliche Gabe, und menschliche Anstrengungen können ihn zwar fördern, aber nie ersetzen. Nur um Jakob diese theologische Einsicht auf die ihm gemäße Weise nahezubringen, hat sich Gott in seiner großen Güte zu diesem merkwürdigen Ringkampf herabgelassen.

Liebe Gemeinde, hat Gott mit seiner außergewöhnlichen Intervention Erfolg gehabt? Nun, die Auswirkungen liegen nicht ganz so klar auf der Hand wie bei der Berufung des Paulus. Doch sieht man genauer hin, so erkennt man: Jakob ist durch den Kampf mit Gott deutlich verändert. Er, der Karrieremensch, unternimmt plötzlich alles, um sich mit seinem erfolgloseren Bruder zu versöhnen. Als Esau mit seinen 400 Mann herankommt, geht Jakob – seine Frauen und Kinder und Knechte hinter sich lassend – ihm ganz alleine entgegen. Sieben Mal fällt er auf dem Weg zu ihm vor ihm nieder, vielleicht angestoßen durch die schmerzhafte Behinderung, die Gott ihm verpasst hat. Er, der Gesegnete, demütigt sich tief vor dem Zu-kurz-Gekommenen. Das rührt Esau so tief, dass er Jakob entgegengelaufen kommt und ihn umarmt. Aber der Konflikt um den Segen steht noch weiter zwischen ihnen. Er wird erst dadurch beigelegt, dass Jakob den göttlichen Ursprung des ihm gewährten Segens anerkennt und bereit ist, Esau großzügig von seinen reichen Segensgütern abzugeben. So hören wir ihn zu Esau sagen:

Gen 33,11

„Nimm doch mein Segensgeschenk an, das dir überbracht wurde. Denn Gott hat es mir in Gnaden beschert und mir fehlt es an nichts!“ So drang er in ihn, und er nahm es an.

Weil Jakob im Kampf mit Gott gelernt hat, dass der Segen letztlich nicht auf seine Leistung und seine Cleverness, sondern auf Gott zurückgeht, kann er reichlich von den Segensgütern, die ihm Gott gnädig geschenkt hat, weiterschenken. Als Gesegneter sieht er sich nunmehr in der Rolle eines regelrechten Segensmittlers zwischen Gott und seinem benachteiligten Bruder. Und weil Esau erkennt, dass Jakob sich nicht mehr als Erfolgsmensch gegenüber ihm als Looser aufspielen will, sondern eingesehen hat, dass sein Erfolg letztlich auf Gott zurückgeht, kann er ohne Gesichtsverlust das Geschenk annehmen. Erst so ist Versöhnung zwischen den so ungleich erfolgreichen Brüdern möglich.

Liebe Gemeinde, wir haben uns im frommen Überschwang angewöhnt, den Segen Gottes als etwas rein Positives anzusehen. „Am Segen Gottes ist alles gelegen!“ Die Jakob-Esau-Erzählungen können uns jedoch darüber belehren, dass dem Segen bei aller positiven Lebensförderung, die er bewirkt, ein erhebliches Konfliktpotential innewohnt, das sich in einem so heftigen Konkurrenzkampf zwischen Menschen entladen kann, dass sogar die Gemeinschaft zerstört und das Leben der Beteiligten bedroht wird. Gott hat zwar alle Menschen gleich geschaffen, aber er segnet sie unterschiedlich. Das ist nicht nur für die Benachteiligten manchmal schwer zu ertragen, sondern führt auch bei den Bevorzugten nicht selten zu der Illusion, dass ihr Erfolg allein auf ihrer eigenen Leistung und Cleverness beruhe. Aber so wichtig eigene Arbeit und Anstrengung auch sind, wie wir gerade hier an der Universität und den anderen Hochschulen täglich erfahren können, der Erfolg unserer Arbeit bleibt uns Menschen immer ein Stück weit unverfügbar. Es gehört ein Quäntchen Glück dazu, wie wir sagen. Und eben dieses Quäntchen nennt die Bibel den „Segen Gottes“, den Segen, den Gott gnädig gewähren muss, damit menschliche Arbeit wirklich erfolgreich wird. Wenn es im Sprüchebuch heißt: „Jahwes Segen, der macht reich, und nichts fügt hinzu die Mühe neben ihm“ (Spr 10,22), dann ist – objektiv betrachtet – der Anteil menschlicher Anstrengungen sicher untertrieben, aber es drückt sich doch darin gleiche dankbare Einsicht aus, wie sie Jakob am Ende gefunden hat, dass ohne das göttliche Segensgeschenk die eigenen Bemühungen nichtig gewesen wären.

Das zerstörerische Konfliktpotential des Segens, so können wir ebenfalls aus der Jakob-Esau-Geschichte lernen, lässt sich nun aber dadurch bändigen, dass insbesonders die Bevorzugten verantwortungsvoll mit dem Segen Gottes umgehen, dass sie sich immer bewusst bleiben, wie viel sie Gott bei ihrem Erfolg verdanken und aus dieser Dankbarkeit heraus gern und großzügig von ihren Segensgaben den Minderbemittelten oder zum Wohl der Allgemeinheit abgeben. Glücklicherweise haben wir ja hier im Heidelberger Raum viele Mäzene, die sich aus christlichen und anderen Motiven ähnlich wie Jakob verhalten. Und wir können als Christen dankbar dafür sein, dass auch die Väter des Grundgesetzes die Sozialpflichtigkeit des Eigentums in unserer Verfassung ausdrücklich festgeschrieben haben (GG Art. 14, Abs. 2). Das vielbeachtete gemeinsame „Sozialwort“ der beiden großen Kirchen in Deutschland nimmt fortlaufend darauf Bezug.

Liebe Gemeinde, aber auch denjenigen von uns, die keine großen Wirtschaftsbosse sind und vielleicht auch gar keine werden wollen, hält unser Predigttext noch eine weitere Einsicht bereit. Das zerstörerische Potential des Segens kann von uns allen, egal über wie viel wir verfügen, dadurch eingegrenzt werden, dass wir wie Jakob lernen, um unseren Lebensanspruch nicht gegen unsere Mitmenschen, sondern zu allererst mit Gott zu kämpfen; denn dadurch werden wir vom Konkurrenzkampf, den wir untereinander zu führen gewohnt sind, erheblich entlastet. Ja, wir dürfen und sollen Gott vorhalten, wenn wir uns gegenüber anderen benachteiligt fühlen. Gott will, dass wir wie Jakob mit ihm ringen, so wie es uns auch die Psalmenbeter vormachen. Wir dürfen ihn im Gebet hart anklagen, wenn er uns seinen Segen zum Erfolg unserer Arbeit versagt hat. Wir sollen uns an ihn klammern und ihn drängen, dass er uns in Zukunft seinen Segen gewährt. Schon das allein bewahrt uns ein gutes Stück weit vor zerstörerischem Neid und Hass gegenüber Mitmenschen, die wir für bevorzugt halten. Aber diese große Möglichkeit, mit Gott selber um unseren Segen ringen zu dürfen, schließt auch ein, dass Gott unsere Ansprüche und Wünsche hinterfragt. Gott ringt auch mit uns. Er fragt, ob unser Eindruck, gegenüber anderen benachteiligt zu sein, wirklich zutrifft, weil wir dafür möglicherweise an einer anderen Stelle von ihm bedacht wurden. Er fragt uns, ob die Ziele, die wir mit seiner Hilfe erreichen wollen, wirklich zu einem gelungenen Leben führen. Er drängt uns zu prüfen, ob unsere individuellen Wünsche seinen Vorstellungen, wie es unter Menschen zugehen soll, entsprechen. Seinen Vorstellungen zufolge, sollten etwa armen und überschuldeten Menschen alle sieben Jahre die Schulden erlassen werden, wie er Mose verkünden ließ (Dtn 15,1–11), ja, er hält es für richtig, dass wir Bedürftigen großherzig leihen, ohne auf Rückzahlung zu bestehen, wie er uns durch Jesus wissen ließ (Luk 6,32–36). „Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist!“ haben wir in der Evangeliumslesung gehört. Das heißt: wir müssen darauf gefasst sein, dass Gott, wenn wir mit ihm um unseren Segen ringen, die zu maßlosen oder zu egoistischen Ansprüche unsererseits wirkungsvoll begrenzt, so wie er Jakob einen leichten Klaps auf die Hüfte versetzte. Denn auch für uns normalen Segensträger gilt, dass wir die Segensgeschenke, die wir von Gott erhalten haben, unsere besonderen Begabungen, unsere besonderen Fähigkeiten und unsere besonderen Resourcen nicht zum Schaden, sondern zum Wohl anderer Menschen einsetzen sollen. Und dazu ist neben dem Stolz auf unsere Leistungen, neben der dankbaren Freude, von Gott reich beschenkt worden zu sein, auch ein bisschen Demut ganz hilfreich.

Amen.

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Letzte Änderung: 25.06.2018
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