25.03.2012: Dr. Christoph Koch über Num 21,4-9

 

Predigt über Num 21,4-9 im Universitätsgottesdienst am Sonntag Judika, 25. März 2012, in der Peterskirche Heidelberg

 

Prediger: Dr. Christoph Koch

 

Liebe Gemeinde!

„Holz auf Jesu Schulter, von der Welt verflucht, ward zum Baum des Lebens und bringt gute Frucht.“ (EG 97) – so haben wir vorhin gesungen. Das Geheimnis, wie aus einem antiken Exekutionsinstrument ein „Baum des Lebens“ geworden ist, dem spüren wir Christen in der Passionszeit nach. Die ersten Christusgläubigen haben Jesu Leiden und Tod am Kreuz und die Erfahrung seiner Auferweckung im Lichte ihrer Bibel gedeutet – der heiligen Schriften Israels, unserem Alten Testament. Auch der heutige Predigttext aus dem 4. Buch Mose gehört zu diesem biblischen Deutungshorizont (vgl. Joh 3,14). Es ist die Geschichte von der ehernen Schlange – wir haben sie als Schriftlesung gehört. Die Geschichte ist eine der Geschichten von der Wüstenwanderung Israels. Grundmenschliche, ja ehrliche Geschichten sind das. Geschichten von den Härten des Lebens und von rettenden Gegenerfahrungen, von Angst und Versagen, von Vergebung und neuem Leben.

Die Geschichte von der ehernen Schlange spielt in diesem Zusammenhang eine ganz besondere Rolle: Sie markiert zugleich den End- und Höhepunkt der Wüstenzeit und den Anfang einer neuen Epoche in der Geschichte Israels: nämlich der Zeit im gelobten Land. Doch das weiß an dieser Stelle allein die Leserschaft der Mosebücher. Für das Volk Israel als Akteur der Geschichte sieht die Lage ganz anders aus:

40 Jahre Wanderschaft in der Wüste liegen hinter dem Volk, vorweg ging ein fehlgeschlagener Landnahmeversuch. Und jetzt hatte man das gelobte Land praktisch in Sichtweite. Da kommt es schon wieder zu einem Rückschlag. Das Brudervolk der Edomiter verweigert den Durchzug. Jetzt heißt es: Umkehren! Zurück in Richtung Schilfmeer. Das Schilfmeer, das ist eigentlich ein Ort der Rettung. Aber die Rettung liegt in der fernen Vergangenheit, und das gelobte Land nun wieder in einer unbestimmten und unsicheren Zukunft.

Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege und redete wider Gott und wider Mose. Das Volk wird verdrossen, es wird „kurzatmig“, wie es wörtlich heißt. Wer könnte das nicht verstehen? 40 Jahre Wanderschaft in der Wüste. Und dann ein neues Hindernis. Das bringt das Fass zum überlaufen. Die alten Vorwürfe werden wieder laut. Die unterdrückten Ängste und Zweifel bestimmen wieder das Leben, ziehen das Volk in ihren Bann: „Werden wir das gelobte Land überhaupt je zu Gesicht bekommen? Spricht nicht der ganze lange Weg in der Wüste dagegen, all die Entbehrungen, all die Gefahren, all die Rückschläge, die wir erleiden mussten? Ist nicht schon eine ganze Generation in der Wüste gestorben, auch Mirjam und Aaron?“

Und wie so oft führen Sorgen und Ängste zu einer Art Tunnelblick. Gottes tägliche Hilfe wird nicht mehr wahrgenommen. Manna und Wachteln, Wasser aus dem Felsen. Rettung vor Feinden. In wieviel Not hatte nicht der gnädige Gott Flügel über seinem Volk gebreitet? Doch jetzt ist der Blick nur noch auf den Mangel fixiert. Auf Hunger und Durst und das tägliche Einerlei. Denn es ist kein Brot noch Wasser hier und uns ekelt vor dieser mageren Speise.

Schließlich verdunkeln die Ängste und Sorgen auch das Urteilsvermögen. Grundwahrheiten stimmen nicht mehr. Alte Überzeugungen werden auf den Kopf gestellt. Hat der HERR sein Volk Israel wirklich aus Ägypten geführt, um es zu retten? Oder steht ein perfider Plan dahinter: Warum hast du uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste?

Was folgt, gleicht einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben.Gerade weil die Klage des Volks so menschlich, so verständlich ist angesichts der Hoffnungslosigkeit, angesichts der Umwege und Rückschläge, gerade deshalb erscheint Gottes Reaktion überzogen. Findet sich hier etwa das alte Klischee bestätigt: Der Gott des Alten Testaments – ein Gott der Gewalt, ein Gott, der auf Rache sinnt und wütend dreinschlägt?

Aber sehen wir genau hin. Die Geschichte ist subtiler. Es geht nicht nach einem einfachen Muster von Tun und Ergehen, von Schuld und Strafe oder gar beleidigter Ehre und notwendiger Satisfaktion.

Ja, Gott wird aktiv. Und seine Aktion gleicht einem Gericht. Aber die Darstellung ist auffällig. Kein Wort verlautet über Gottes Gefühle. Kein Wort darüber, dass er enttäuscht oder traurig oder dass er zornig ist über das Volk. Da sind andere biblische Geschichten offener, wo von Gottes Reue, Zorn und Grimm die Rede ist (vgl. z.B. Gen 6,6). Auch wird hier keine Anklage formuliert. Worin besteht eigentlich die Schuld Israels? In mangelndem Gottvertrauen? In Undankbarkeit? In der Anklage Gottes aufgrund von Angst und Sorge? Und: Könnte man da überhaupt von Schuld sprechen – angesichts der extremen Situation, in der sich das Volk befindet?

Und die Giftschlangen? Sie werden hier nicht wie von einem strafenden Deus ex Machina quasi aus dem Nichts geschickt, um das Volk zu bestrafen. Ganz subtil ist das in der Geschichte angedeutet: Die Schlangen werden im Hebräischen mit bestimmtem Artikel eingeführt. Es scheint sich also um die Schlangen zu handeln, von denen man weiß, dass sie in der Wüste leben – und von denen man seit Adam und Eva weiß, dass sie den Menschen feindlich gesinnt sind. Bestraft Gott hier wirklich sein schuldig gewordenes Volk? Oder zieht er „nur“ seine schützende Hand ab, allerdings mit denselben fatalen Folgen? Wie auch immer, das alte Muster von Schuld und Strafe, von Tun und Ergehen wird in dieser Geschichte ganz subtil in Frage gestellt.

 

Allein: Das Volk selbst versteht die Schlangenplage nach eben diesem Muster: Wir haben gesündigt, dass wir wider den HERRN und wider dich geredet haben. Bitte den HERRN, dass er die Schlangen von uns nehme.

„Wir haben gesündigt!“ Das Volk sieht einen Zusammenhang zwischen seinem Tun und der Schlangenplage. Das Unheil wird nicht einem blinden Zufall zugeschrieben, sondern Gott. Und damit gibt es ein Gegenüber. Klage und Bitte, in diesem Fall: Fürbitte sind möglich. Und die wird am Ende erfolgreich sein. Und vom Ende her erscheint auch die Schlangenplage in einem anderen Licht. Das Unheil ist nicht Selbstzweck, kein blindes Wüten. Es hat ein Ziel: Neues Leben ist möglich. Vielleicht sollte diese Geschichte von ihrem Ende her gelesen werden.

Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.

Wie die Schlangenplage fügt sich auch die Rettungsaktion nicht in das übliche Muster von Schuld, Strafe, Umkehr und Rettung. Wiederum rettet Gott nicht wie ein Deus ex machina, indem er selbst eingreift und die Gefahr beseitigt. Nein, Mose muss das Gegenmittel selbst herstellen. Und noch auffälliger: Die Schlangen verschwinden nicht einfach, sie bleiben. Die Schlangen beißen weiter, nur bannt jetzt der Blick auf das bronzene Schlangenbild ihre tödliche Macht.

Die Szene ist eigentümlich: Mose bastelt eine bronzene Schlange und befestigt sie an einer Stange. Mose als Magier, mit einer Art Talisman? Mose als Homöopath, der Gleiches mit Gleichem heilt? Jedenfalls war man später, das zeigt die Auslegungsgeschichte, bemüht um eine orthodoxe Lesart der Szene. Schon der jüdische Talmud fragt: „Tötet denn die (Kupfer-)Schlange oder schenkt sie Leben?“, und gibt sogleich die Antwort: „Solange die Israeliten nach oben schauten und ihr Herz ihrem Vater im Himmel unterstellten, wurden sie geheilt. Wenn nicht, schwanden sie dahin.“ (Übersetzung nach: Gradwohl, Bibelauslegungen, S. 69).

Selig sind also, die sehen und glauben! (vgl. Joh 20,29).

 

Die Geschichte von der ehernen Schlange des Mose, eine Geschichte gesättigt an Lebenserfahrung – und Gotteserfahrung. Erfahrungen von Scheitern und Gegenerfahrungen von Rettung sind hier eingeflossen. Ein Spiegel der bewegten Geschichte Israels, das in vielen geschichtlichen Einschnitten seinen Gott erlebt hat als einen, der tötet und lebendig macht, der hinabführt in das Totenreich und wieder hinauf (vgl. 1 Sam 2,6). Der das im babylonischen Exil vernichtete Volk wie einen Acker voller Totengebeine wieder zu neuem Leben erweckt hat (vgl. Ez 37). Der auch die Tiefen des Lebens – sei es des Volks wie des Einzelnen – letztlich einem guten Ziel dienen lässt. Der Leben zwar nicht am Tod vorbei gibt, der aber nur tötet mit dem Ziel, wahres Leben zu schenken.

 

Liebe Gemeinde, noch beißen die Schlangen! Noch leiden und sterben Menschen in Kriegen und in Katastrophen, noch leiden und sterben Menschen an Krankheiten und durch Unfälle – verschuldet und unverschuldet. Und wer könnte das in einem Leben so genau unterscheiden. Noch beißen die Schlangen: In Damaskus und in Fukushima, im Heidelberger Universitätsklinikum und in einem Schweizer Autobahntunnel.

Und dennoch gibt es immer wieder Lebenszeichen und Hoffnungsbilder Gottes. Auch dort, wo wir sie nicht vermuten, wo der Tod alles zu verschlingen droht, auch dort können sich diese Zeichen verbergen. Wie hinter der bronzenen Schlangenstandarte des Mose. Als etwa in der Schweiz die Betroffenen des Busunglücks von einer überwältigenden Solidarität begleitet und in ihrem Leid mitgetragen worden sind. 

 

Auch wir brauchen sie: Bilder und Zeichen, die den Lebensmut wecken und unser Vertrauen stärken. Wir wollen nicht nur die Härte des Lebens, sondern auch seine Schönheit spüren; nicht nur Sorge, sondern auch Zuversicht, nicht nur die Vorboten des Todes, die je älter wir werden, desto deutlicher zu spüren sind, sondern auch die Vorboten des Lebens.

Wo gibt es auf meinem Weg solche Bilder, solche Lebenszeichen?

Und: Würde ich sie entdecken? Oder nimmt mich mein Alltag zu sehr in Beschlag? Oder machen Ängste und Sorgen meine Augen blind für diese Zeichen? Wie in unserer Geschichte die Sorge das Volk auf den Mangel fixiert und blind macht für alles andere.

Am Dienstag war der kalendarische Frühlingsanfang, und der Frühling zeigt sich diese Tage ja von seiner schönsten Seite. Da sind kleine, alltägliche Lebenszeichen vielleicht leichter zu entdecken als sonst: Wenn die Natur zu neuem Leben erwacht, die ersten Bäume zu blühen beginnen und die Sonnenstrahlen warm auf unsere Gesichter fallen …

Ja, wir brauchen solche kleinen und großen Lebenszeichen; und wenn wir an unsere Grenzen stoßen, wenn Sorgen und Ängste den Blick verstellen und der Tod dunkle Schatten wirft, da bedarf es besonders starker Hoffnungsbilder.

Martin Luther hat im Sermon von der Bereitung zum Sterben von 1519 u.a. die Geschichte von der ehernen Schlange aufgegriffen. Und er verbindet sie mit dem Geheimnis des Leidens und Sterbens Jesu, mit seinem Kreuz, einem weiteren Todessymbol, das für viele Menschen zu dem entscheidenden Lebenszeichen geworden ist. M. Luther sagt:

„Als die Kinder Israel, von den feurigen Schlangen gebissen, sich nicht mit diesen Schlangen zerren, sondern die tote eherne Schlange mußten ansehen, da fielen die lebendigen von selbst ab und vergingen. Ebenso mußt du dich um den Tod Christi allein bekümmern, dann wird wirst du das Leben finden.“ (Bornkamm/Ebeling, Martin Luther. Ausgewählte Schriften Bd. 2, S. 21f.)

 

Gott schenke uns offene Augen, dass wir seine kleinen und großen Lebenszeichen entdecken und uns das Bild Jesu Christi tief einprägen.

 

Der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

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Letzte Änderung: 29.10.2013
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