25.05.2014: Prof. Dr. Michael Welker über Röm 8,18-28

Ökumenischer Gottesdienst am 25. Mai 2014 in der Peterskirche zu Heidelberg

Predigt über Römer 8, 18-28   

 

Prof. Dr. Michael Welker

 

18 Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll.  19 Denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Kinder Gottes.  20 Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen, nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat; aber zugleich gab er ihr Hoffnung:  21 Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes.  22 Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.  23 Aber auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Geist haben, seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Kinder Gottes offenbar werden.  24 Denn wir sind gerettet, doch in der Hoffnung. Hoffnung aber, die man schon erfüllt sieht, ist keine Hoffnung. Wie kann man auf etwas hoffen, das man sieht?  25 Hoffen wir aber auf das, was wir nicht sehen, dann harren wir aus in Geduld.  26 So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können.  27 Und Gott, der die Herzen erforscht, weiß, was die Absicht des Geistes ist: Er tritt so, wie Gott es will, für die Heiligen ein.

 

Von der neuen Schöpfung in ihrer ganzen Fülle, liebe Gemeinde, von der neuen Schöpfung in ihrer Gesamtheit haben wir keine klare Vorstellung. Sie liegt jenseits unserer Erfahrung.

„Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt;
Tor, wer dorthin die Augen blinzelnd richtet,
Sich über Wolken seinesgleichen dichtet!“ Sagt Goethe in „Faust II“.

Schärfer formuliert es Heinrich Heine in „Deutschland, ein Wintermärchen“: Mit dem Himmel, als Reich jenseits dieses Lebens und jenseits unserer Erfahrung, sind die Menschen oft in schlechter Weise vertröstet und betrogen worden. „Wir wollen hier auf Erden schon das Himmelreich errichten! … Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen,“ dichtet deshalb Heine.

Doch alle Versuche, hier auf Erden schon das Himmelreich zu errichten, sind zum Scheitern verurteilt. Und dies nicht nur, weil es immer wieder Menschen gibt, die einander – bewusst und unbewusst – das Leben zur Hölle machen. Alle Versuche, hier auf Erden das Himmelreich zu errichten, sind zum Scheitern verurteilt, weil alles Leben auf Erden endlich, vergänglich und sterblich ist. Beständig leben wir nicht nur im Werden, sondern auch im Vergehen. Wir erleben dieses Vergehen und den Verlust dramatisch, wenn geschätzte und geliebte Mitmenschen sterben, wenn Kriege oder Naturkatastrophen Lebensumgebungen zerstören, aber auch schon wenn Menschen der Heimat beraubt und vertrieben werden. Wir erleben den Verlust melancholisch im unaufhaltsamen Altern und im Vergehen schöner Lebensphasen und Augenblicke.

Beglückt sind wir, wenn es uns gelingt, gute Lebensphasen zu verlängern, festzuhalten, Veränderungen aufzuschieben, wenn wir mit Menschen, die wir schätzen und lieben, möglichst oft und lange zusammen sein und gemeinsam leben können. Aber die Endlichkeit und das Vergehen irdischen Lebens ist unerbittlich. Deshalb können wir auch mit den besten Anstrengungen nicht das Himmelreich auf Erden errichten. Deshalb seufzt die Schöpfung unter ihrer Sklaverei und Vergänglichkeit, wie Paulus sagt.

Er hat dabei nicht nur uns Menschen vor Augen, sondern die ganze Schöpfung. Die ganze Schöpfung ist voll von Entstehen und Vergehen. Von den Kosmologen lernen wir, dass gewaltige Sternensysteme zu Staub werden mussten, um den Kohlenstoff hervorzubringen, aus dem sie und ich gemacht worden sind, aus dem wir alle bestehen. Wir sind alle aus Sternstaub. Das klingt gut, das hören wir vielleicht gern. Das Mitleid mit den pulverisierten Planeten hält sich in Grenzen. Aber dass ungeheuer viele Lebewesen vergehen müssen, zwischen unseren Zähnen und in unseren Eingeweiden, um unser Leben zu ermöglichen, das klingt weniger romantisch. Da wechseln wir lieber das Thema. Doch alles Leben lebt auf Kosten von anderem Leben. Deshalb seufzt die Schöpfung, sie wartet auf die Offenbarung des Sinnes dieser räuberischen und leidenden Endlichkeit.

Paulus behauptet nun: die Schöpfung wartet auf das Offenbarwerden der Kinder Gottes, ihrer Freiheit und Herrlichkeit. Bei diesen Worten regt sich bei vielen von uns wohl Skepsis, wenn nicht gar Empörung. „Kinder Gottes“ – da denken wir an die konkreten Christen und die konkreten Kirchen in Geschichte und Gegenwart. Die große Mehrzahl der mächtigsten Nationen und Gesellschaften auf dieser Erde – politisch, wirtschaftlich, wissenschaftlich, zum Teil auch militärisch – sind mehrheitlich vom Christentum geprägt. Haben wir hier schon eine Offenbarung der Kinder Gottes mit ihrer triumphalen Kulturgeschichte? Der Sinn der Geschichte, der Sinn der Schöpfung, wird er hier offenbar? Oh, when the saints go marching in, - mit ihren großartigen Kathedralen und Wolkenkratzern, ihren Sportstadien und Bibliotheken, ihren Flugzeugträgern und Raumfahrtprogrammen!

Auch wir Christenmenschen seufzen in unseren Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseren Leibes als Kinder Gottes offenbar werden, sagt Paulus. Wir sind sehr unsicher, wir leben in Hoffnung, wir wissen nicht einmal worum wir in rechter Weise beten sollen. – Wenn wir das hören, kommt leicht die entgegengesetzte Kritik in uns auf. Erst wird uns der Triumph der Kinder Gottes mit unseren schönen kulturellen Errungenschaften genommen, und nun wird alles  ins Vage, Unerkennbare, gelenkt! Wir wissen es nicht, wir können nur mit-seufzen. Schale Vertröstungen scheinen am Ende zu stehen. Erst muss der Leib abgegeben werden, dann werden wir sehen. Dann also doch lieber: Die ganze Kompanie der Heiligen bitte umkehren! Kehrt zu Heinrich Heine: Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen. Wir wollen hier auf Erden schon so etwas wie das Himmelreich errichten – auch wenn wir wissen, dass das natürliche Leben räuberisch ist und vergänglich.

Doch diese Resignation und dieser Zynismus auf hohem Niveau müssen nicht das letzte Wort sein. Paulus betont, dass sich der Geist Gottes unserer Schwachheit annimmt. Der Geist Gottes sensibilisiert uns dafür, dass wir schon hier eine Existenz sind, die weit über sich hinausweist. Das Leben hier auf dieser Welt ist nur ein kleiner Ausschnitt des Lebens, das uns bestimmt ist. Auch der Sternstaub gehört zu uns, und die zahllosen Spuren der Geschichte und Bildung, die in uns eigegangen ist. Und vieles in uns und um uns herum, vieles an unseren Freuden und Leiden, an unseren Errungenschaften und unseren Versäumnissen, vieles von den Höhen und Tiefen unseres Lebens wird von Gott noch in ein ganz anderes Licht gerückt, als in das Licht, das wir hier zur Verfügung haben. Wir haben hier nur das Licht, die Lichter der Schöpfung, die wir in vielfältiger Hinsicht verfeinern und verbessern können. Aber Gott nimmt unser ganzes Leben wahr, unser irdisches Leben in allen seinen Phasen und Ausstrahlungen und Entbehrungen und Leiden. Und Gott stellt dieses Leben in den noch einmal größeren Zusammenhang der Neuen Schöpfung, von der uns die Sternstaubgeschichte nur ein ganz schwaches und letztlich unzureichendes Bild vermittelt.

Der Geist Gottes aber richtet uns auf dieses unendlich viel größere und ganze Leben aus. Er eröffnet den weiten Horizont der Hoffnung. Damit aber richtet er unsere Augen nicht in ein vages Jenseits, vornehmer geredet, auf einen „Transzendenzbezug“. Tor, wer die Augen auf ein „Drüben richtet“, sich über Wolken seinesgleichen dichtet. Damit hat Goethe ganz recht. Der Geist Gottes richtet uns vielmehr auf den Gott aus, der sich hier in dieser Schöpfung inmitten all ihrer Endlichkeit und Vergänglichkeit offenbart hat und offenbart. Er richtet unser Augenmerk auf die Kräfte Gottes, die dem Fressen und Gefressenwerden, dem Leben auf Kosten von anderem Leben und dem Schmerz der Vergänglichkeit entgegenwirken:  den Kräften der Liebe und der Vergebung, den Kräften der Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit, dem Streben nach Erlösung und wahrem Frieden.

 

Dieser Geist, den die Christen mit der Offenbarung in Jesus Christus ganz eng verbunden sehen, den sie mit der Herrschaft des auferstandenen und erhöhten Christus verbinden, dieser Geist befreit. Er richtet aus auf Gott und Gottes Kräfte in dieser Schöpfung, die uns mit unserer Endlichkeit und dem Seufzen der Schöpfung leben lassen, ohne uns damit abzufinden. Er gibt Geduld und Hoffnung, aber auch schon Kräfte der neuen Schöpfung inmitten dieser vergehenden, mit Kosmos, Natur und sterblichen Leibern gestalteten irdischen Schöpfung. Wir sind aus Sternstaub und wir sind Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner des Geistes, ja mehr noch, die Kinder Gottes können zu Gott im Geist sprechen, wenn auch oft nur mit Seufzen. Und die ganze Schöpfung hat an dieser Gottesbeziehung Anteil, geht einer Freiheit und Herrlichkeit entgegen, von der wir uns hier nur schwache Vorstellungen machen können.

Doch diese schwachen Vorstellungen, die der Geist Gottes innerhalb und außerhalb des Christentums, innerhalb und außerhalb der Religionen vermittelt, geben – jedenfalls für Paulus – schon guten Grund zur festen Überzeugung: dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll.  Amen.

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Letzte Änderung: 30.07.2014
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