25.08.2013: Prof. Dr. Gerd Theißen über Mt 5,1-18

 

Universitätsgottesdienst am 25.8.2013

Gerd Theißen

 

Predigttext Mt 5,1-18

 

Die Bergpredigt ist ein Ruf zur Freiheit. Sie gibt Freiheit gegenüber der Tradition. Wenn Jesus sechs Mal sagt: „Ihr habt gehört, den Alten wurde am Sinai ein Gesetz gegeben“, und wenn er sechs Mal dagegen sein: „Ich aber sage euch“ setzt, dann ist die Botschaft: Ihr dürft euch nicht sklavisch an Traditionen binden. Ihr müsst sie interpretieren und korrigieren. Drei Mal interpretieren Jesu Antithesen das Gesetz, drei Mal korrigieren sie es. Aber diese Freiheit gegenüber dem Gesetz ist noch nicht alles. Auch ein human interpretiertes Gesetz ist nur dann ein Gesetz, wenn es gegen Widerstand durchgesetzt werden kann. Das geschieht durch Sozialkontrolle, durch Sanktionen – und sei es, wie bei moralischen Normen, durch informelle Sanktionen, durch Verachtung.

 

Das ist nun das Erstaunliche: Die Bergpredigt verlangt auch diese noch weiter gehende Freiheit, die Freiheit von Sozialkontrolle. Das geschieht in unserem Predigttext. Drei Mal betont Jesus: Spende, bete und faste nicht, um von anderen gesehen zu werden und dadurch Anerkennung zu finden. Tu all das diskret und im Verborgenen. Das bedeutet: Entzieht euch der Sozialkontrolle anderer Menschen. Denn was andere Menschen nicht sehen, können sie weder belohnen noch strafen. Entscheidend soll allein die Anerkennung bei Gott sein, nicht die Anerkennung durch Menschen. Auch damit sind nicht alle Probleme gelöst. Freiheit verlangt noch mehr. Selbst wenn man unbehelligt von Gemeinschaftssanktionen bleibt, ist man noch nicht frei. Denn es gibt eine Unfreiheit von der Gesellschaft in unserem Inneren, die in unseren Ambitionen, Einstellungen und Wünschen begründet ist. Wir möchten mehr sein als andere, wir möchten sie in Konkurrenz überbieten. Diesen Ehrgeiz nehmen wir überall hin mit – auch dorthin, wo kein Mensch uns sieht.

 

Die Bergpredigt fordert daher in einem dritten Teil auch eine innere Freiheit von Sozialkonkurrenz. Sie veranschaulicht das mit zwei Bildworten vom Auge. Wir sollen den neidischen Blick überwinden, der ständig vergleicht und fragt: Wer von uns hat am meisten Besitz? Ebenso sollen wir den moralisierenden Blick überwinden, der den Splitter im Auge des Bruders sieht, nicht aber den Balken im eigenen Auge. Hier geht es um den edlen Wettstreit darum: Wer von uns hat am meisten Moral oder Unmoral? Erst wenn wir uns im Inneren von diesem ständigen Vergleichen mit anderen Menschen frei gemacht haben – wenn wir nicht mehr fragen, was besitzen andere im Unterschied zu uns an materiellen oder immateriellen Werten, an Gaben, Kompetenzen, Status und Ehre – erst dann sind wir wirklich im Inneren frei und haben uns von der Macht der Gesellschaft und Umwelt gelöst. Dann sind wir frei dazu, auch von unserem Besitz etwas wegzugeben.

 

Ich habe mich immer darüber gewundert, dass die Bergpredigt das Leben einer Gemeinde bestimmt haben soll. Was für eine Gemeinde muss das gewesen sein, die ihre Normen so relativiert! Könnte in ihr nicht jeder kommen und sagen: Ihr habt da dies oder jenes als Gebot formuliert, aber wie der Herr Jesus setze ich dagegen mein: Ich aber sage euch, so geht das nicht! Wo kämen wir dahin, wenn in einer Gemeinschaft Normen immer wieder in Frage gestellt werden!

 

Was ist das ferner für eine Gemeinde, die das Moralisieren bekämpft, obwohl der neidische Tratsch der Nachbarn seine Funktion hat: Er wacht über der Einhaltung von Normen. Tratsch ist hässlich, aber hat eine sozial-regulative Funktion.

 

Uns interessiert vor allem das dritte Problem, das mit unserem Text gegeben ist: Was ist das für eine Gemeinde, die auf Sozialkontrolle über ihre Mitglieder verzichtet? Es hat ja einen guten Sinn, dass Gruppen das Verhalten ihrer Mitglieder beeinflussen und kontrollieren. Ohne das wird das Leben chaotisch. Aber hier wird das Verhalten von Menschen in einen für die Öffentlichkeit unzugänglichen Raum verlegt. Es wird unkontrollierbar. Es wird frei.

 

Liegt das etwa am Inhalt der Forderungen? Schauen wir uns sie an. Unser Text enthält Mahnungen zum Spenden, Beten und Fasten. Beim Spenden geht es darum, dass man sich nicht größer machen soll, als man wirklich ist. Man soll seine Spenden nicht vor sich her posaunen lassen. Mit Posaunen wurden Mächtige angekündigt. Richtig ist: Freigebigkeit war eine königliche Tugend. Nach dem Neuen Testament sollen auch einfache Menschen sie üben. Aber sie sollen sich nicht als große Menschen inszenierten. Wenn die linke Hand nicht wissen soll, was die recht tut, so ist das Übertreibungsrhetorik. Wahrscheinlich ist gemeint: Nicht einmal der beste Freund oder Helfer (wir sprechen ja auch von unserer rechten Hand und meinen einen engen Mitarbeiter) – nicht einmal der soll wissen, was man an Gutem tut. In anderen jüdischen Texten wird Diskretion beim Almosengeben meist deshalb gefordert, damit der Empfänger durch Almosen nicht gedemütigt wird. Man soll ihn nicht seine Not und seinen geringen Status spüren lassen. Das Motiv fehlt in unserem Text – das Problem wird hier beim Spender gesehen, bei seiner selbstinszenierten Statuserhöhung. Aber die anderen jüdischen Texte zum Spenden haben formal mit den Jesusworten eins gemeinsam: Es geht um den Status, um Hochmut oder Demut beim Helfen.

 

Die dritte Mahnung, die zum Fasten, ist ein Gegengewicht zur ersten Mahnung zum Spenden. Es gab im Judentum nur einen verbindlichen Fastentag, den Versöhnungstag. Alles Fasten darüber hinaus war freiwillig. Freiwilliges Fasten war Bußfasten. Unser Text deutet es an: Zur Buße gehört die demonstrative Vernachlässigung des Äußeren. Davor wird gewarnt. Wenn man stattdessen sein Haupt salben soll, so soll man so tun, als ginge man zu einem Fest. Die Mahnung sagt: In der Öffentlichkeit sollst du dich nicht selbst demütigen, klein machen und deinen geringen Wert inszenieren. Dabei wird unterstellt, dass man sich deshalb gering und klein macht, um in Wirklichkeit groß zu erscheinen. Dass man also die Botschaft senden will: Seht einmal – bin ich nicht der perfekteste Sünder der Welt? Vorbildlich in seiner Reue und Umkehr. Dagegen sagt die Bergpredigt: Wenn Du sich wegen deiner Fehler und Sünden vor Gott klein machen willst und auf Essen und Trinken verzichtest, dann inszeniere das nicht öffentlich. Vor Menschen sollst du weiter mit Selbstbewusstsein auftreten. Ich würde sogar sagen: Wer Fehler mit Selbstbewusstsein begeht, ist eher in der Lage, sie zu korrigieren und zu bereuen.

 

Beide Mahnungen, die zum Spenden und zum Fasten, bilden zusammen eine Balance: Mach dich nicht größer, als du bist, mach dich aber auch nicht kleiner, als du bist. Dein Wert in der Öffentlichkeit ist nicht dein eigentlicher Wert. Den hast Du allein vor Gott. Daher steht in der Mitte die Mahnung zu beten – und das heißt, Kontakt mit Gott aufzunehmen. Gott steht unendlich hoch über allen Menschen, so dass vor ihm alle Statusunterschiede verschwinden.

 

Diese drei Mahnungen geben noch weitere Rätsel auf, die ich an drei Gegensätzen und Widersprüchen klar machen will:

 

  • Das ist erstens der Gegensatz von sichtbarem und unsichtbarem Verhalten. Unsichtbar ist das Verhalten im stillen Kämmerlein. Wer sein Verhalten den Blicken der Öffentlichkeit entzieht, ist in der Regel jemand, der etwas tut, was das Licht der Öffentlichkeit scheut. Sagt das Matthäusevangelium nicht deswegen an anderer Stelle mit drohendem Unterton: „Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werde, und ist nichts heimlich, was man nicht wissen wird“ (Mt 10,26). Ist das nicht ein Widerspruch im MtEv? Woher ist man denn so sicher, dass die Menschen im Verborgenen nur Gutes tun?
  • Zweitens begegnet ein merkwürdiger Gegensatz von Singular und Plural. Wir werden zuerst im Plural angeredet: Tut eure Frömmigkeit nicht vor den Menschen! Aber dann folgt drei Mal ein Wechsel in den Singular – immer, wenn das Verhalten ins Unsichtbare verlegt wird. Da heißt es dann plötzlich: Wenn du nun Almosen gibst, wenn du betest, wenn du fastest. Hier werden Einzelne angesprochen. Nur sie können sich ja der Gemeinschaft entziehen. Aber warum fügt der Matthäusevangelist bei der Mahnung zum Beten das Vaterunser an? Das ist ja als ein Gemeinschaftsgebet im Plural formuliert. Ist das nicht ein Widerspruch?
  • Drittens finden wir den Gegensatz eines LOHNS bei Menschen und bei Gott. Merkwürdigerweise wird in beiden Fällen nur vom Lohn gesprochen, nicht von Strafen. Aber man fragt sich, warum das ein so großer Fortschritt sein soll, wenn man um des Lohns bei Gott willen Gutes tut – und nicht um des Lohns bei Menschen willen. Man macht sein Tun in beiden Fällen von einem Lohn abhängig. Soll man das Gute aber nicht um seiner selbst willen tun? Und sagt das MtEv nicht genau das im Gleichnis vom Menschensohn: Die Gerechten haben ihm in den Notleidenden geholfen, in Hungernden und Dürstenden, Nackten und Obdachlosen, Kranken und Gefangenen. Sie haben geholfen, ohne einen Lohn zu erwarten.

 

Beispiele können vielleicht noch klarer machen, was die Bergpredigt hier Erstaunliches sagt. Beginnen wir mit dem ersten Gegensatz von Sichtbarem und Unsichtbarem. Eine Parallele zum Gebot, Almosen zu geben, zu beten und zu fasten, findet sich in den fünf Grundgeboten des Islams. Neben dem Bekenntnis zum einen und einzigen Gott sind das die Verpflichtung, Almosen zu geben, zu beten und zu fasten – dazu kommt die Pflicht, einmal nach Mekka zu pilgern. All das geschieht öffentlich. Vor allem beten Moslems öffentlich. Man muss das bewundern, wenn sie es in unserer Gesellschaft tun, in der viele am liebsten jede Äußerung von Religion unsichtbar machen wollen. Ich hörte einmal von einer iranischen Ärztin. Sie war den Mullahs entkommen, war eine emanzipierte, kompetente und gebildete Frau, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie unterbrach bei uns in ihrer Arztpraxis zu Gebetszeiten immer konsequent ihre Arbeit, um zu beten. So etwas bringt mehr Menschen zum Nachdenken über Gott, als viele klugen Gedanken über Religion und Glauben. Ich gestehe, dass ich meine Frömmigkeit lieber diskret gestalte. Da kann sie selbstbestimmt sein. Da vermeidet sie Streit. Da bleibt sie unkontrolliert. Aber gerade deshalb müssen wir uns fragen, wo es sinnvoll ist, Glauben und Religion sichtbar zu machen. Schon unsere katholischen Freunde haben da mehr Sinn für als wir.

 

Zweitens ist da ein bemerkenswerter Wechsel vom Plural zum Singular. Die Mahnungen im Singular verlagern das Tun ins Verborgene und Unsichtbare. Denn gute Werke soll man nicht tun, um von Menschen gesehen zu werden. In Mt 5,16 wird in der Bergpredigt genau das Gegenteil geboten. Da heißt es nämlich: „So soll euer Licht leuchten vor den Menschen, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ Hier sollen die Jünger durch gute Werke sichtbar werden und andere Menschen überzeugen. Lässt sich der Widerspruch dadurch auflösen, dass die Mahnung in Mt 5 im Plural formuliert ist, während die in Mt 6 in den Singular wechselt? Wird damit angedeutet: Die Gemeinde soll nach außen hin als ganze durch ihr Ethos überzeugen. „Ihr sollt eure guten Werke tun, damit sie gesehen werden!“. Nach innen hin soll sie aber tolerieren, dass ihre Mitglieder sich der Gemeindekontrolle entziehen: „Du aber, wenn du betest, geh in dein stilles Kämmerlein“? Die Mahnung zum Sichtbarwerden der ganzen Gemeinde muss der Sache nach im Plural formuliert werden, denn eine Gemeinde besteht aus vielen Menschen. Die Mahnung zum unsichtbaren Handeln fordert notwendig den Singular. Nur der Einzelne kann sich der Sozialkontrolle einer Gruppe entziehen. Wir modernen Menschen würden solch eine Gemeinde bewundern – gerade, weil sie das Verhalten des Einzelnen frei gibt und auf Sozialkontrolle verzichtet. Oder ist das schon allzu modern gedacht?

 

Eine dritte Merkwürdigkeit ist, dass nur positive Sanktionen eine Rolle spielen, die Rede ist nur vom Lohn, nicht von Strafe. Das MtEv kennt Strafen. Aber hier spricht es nur vom Lohn. Hier denkt es nur an Menschen, die Gutes tun – und das im Verborgenen, wo man so leicht unbemerkt Böses tun kann. Dazu ein Gegenbeispiel aus der Antike. In einem berühmten religionskritischen Fragment, das dem athenischen Tyrannen Kritias zugeschrieben wird, vielleicht aber von Euripides stammt, finden wir eine Entlarvung des Götterglaubens. Er erkannte, dass die Gesetze nur so lange eingehalten werden, wie Verstöße gegen sie sanktioniert werden. Da man das Verhalten der Menschen nicht überall kontrollieren kann – vor allem dort nicht, wo es nicht in der Öffentlichkeit stattfindet, habe er die Götter erfunden, ihnen den Himmel als Wohnsitz zugewiesen, weil von daher Blitz und Donner kommen. Denn vor denen fürchten sich die Menschen. Jetzt war er sicher, dass die Menschen im Verborgenen aus Angst vor den Göttern die Gesetze hielten. Hier wird gesagt: Die Götter kontrollieren das Verhalten der Menschen auch im Verborgenen – und zwar durch Angst vor Strafen. In der Bergpredigt aber hören wir in diesem Zusammenhang nur vom Lohn Gottes.

 

Dieser Lohn Gottes wird mit dem Lohn der Menschen kontrastiert. Wer seine Spenden ausposaunen lässt und seine Frömmigkeit öffentlichkeitswirksam inszeniert, hat schon in der Gegenwart Lohn erhalten. Diese Aussage steht im Präsens. Wer sich dagegen den Menschen entzieht und diskret Gutes tut, wird von Gott belohnt – im jüngsten Gericht. Diese Aussage steht im Futur. Die dabei vorausgesetzte Vorstellung vom „Lohn“ ist bemerkenswert. Bei Menschen besteht er in Anerkennung. Deshalb dürfte auch beim Lohn Gottes vor allem an die Anerkennung Gottes gedacht sein: Gott weiß, was Menschen im Verborgenen Gutes tun. Schon dass er es anerkennt, ist Garantie dafür, dass dieses Tun nicht umsonst war. Das gibt Freiheit von menschlicher Anerkennung.

 

Aber ist es wirklich Freiheit? Bestünde konsequente Freiheit und Autonomie nicht darin, dass die Menschen das Gute um seiner selbst willen tun – unabhängig von allen Folgen? Unabhängig von jedem Lohn? Steckt in der Motivierung zum Guten durch Lohn nicht immer Abhängigkeit und Heteronomie? Das war das große Problem, als in der Neuzeit eine autonome Ethik formuliert wurde.

 

Eine Lösung dieses Problems hängt davon ab, wie der himmlische „Lohn“ vorgestellt wird. Auffällig ist, wie schon gesagt, dass nur vom Lohn die Rede ist – nicht von der Möglichkeit der Strafe. Selbst die Heuchler und Selbstinszenierungskünstler werden nicht bestraft. Auch sie bekommen Lohn. Es ist nur ein irdischer Lohn. Wenn aber diejenigen, die im Verborgenen handeln, die Gewissheit haben, dass sie in jedem Fall von Gott akzeptiert sind – dann handeln sie faktisch unabhängig von jedem Lohn. Man stelle sich vor, ein Unternehmer stellt Leute in seinem Betrieb ein – und er sagt ihnen gegen jede ökonomische Vernunft: Unabhängig davon, wie viel Stückzahlen ihr produziert, bekommt ihr alle euren Lohn, kann man dann noch sagen, dass die Arbeiter um des Lohnes willen produzieren? Sie könnten ja untätig bleiben! Sie könnten auch blau machen! Warum sollen sie sich noch anstrengen, wenn der Lohn bedingungslos gezahlt wird? Wenn sie trotzdem etwas tun – dann geschieht das ganz freiwillig. Dann handeln sie, weil sie sich selbst dazu bestimmt haben. Dann sind sie frei in ihrem Tun. Sie arbeiten freiwillig. Vielleicht auch aus Bewunderung für diesen seltsamen Unternehmer. Vielleicht aus Dankbarkeit.

 

Genauso verhält es sich mit den Menschen im Matthäusevangelium. Matthäus wird später das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg erzählen (Mt 20,1-16). In ihm bekommen alle Arbeiter denselben Lohn – unabhängig davon ob sie lang oder kurz gearbeitet haben. Er wird auch das Gleichnis vom Menschensohn erzählen, der in den geringsten Brüdern verborgen ist (Mt 25,31-46). Die Gerechten helfen den Hungernden und Dürstenden, Nackten und Obdachlosen, Kranken und Gefangenen – aber sie wissen nicht, dass sie es mit dem zu tun haben, der sie in alle Ewigkeit dafür belohnen kann. Sie helfen um dieser geringsten Brüder willen. In den Mahnungen zum diskreten Spenden, Beten und Fasten herrscht dieselbe Logik: Der Lohn ist sicher. Deshalb soll euer Spenden, Beten und Fasten nicht um des Lohnes willen geschehen. Darum ist die Bergpredigt wirklich ein Ruf zur Freiheit – auch zur Autonomie des Handelns.

 

Aber sind Menschen so vollkommen, dass sie ihres Lohns gewiss sein können? Tun sie nur Gutes? Diesen Einwand muss sich auch der Matthäusevangelist gestellt haben. Denn er weiß: Alle Menschen werden schuldig, auch alle Christen. Niemand ist vollkommen. Wahrscheinlich fügt er deswegen mitten in die Mahnungen zum Spenden, Beten und Fasten das Vaterunser ein. Denn hier wird gebetet: „Vergibt uns unsere Schulden, wie wir vergeben unseren Schuldigern.“ Matthäus greift nur diese Bitte im Kontext auf. Er fährt nach dem Vaterunser mit den Worten fort: „Denn wenn ihr den Menschen ihre Übertretungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch nicht vergeben“ (Mt 6,14f). Matthäus kennt also doch eine Bedingung für den Lohn – und insofern ist die Anerkennung des Menschen durch Gott nicht ganz unbedingt. Aber diese eine Bedingung sagt: Vergebt, denn ihr seid selbst auf Vergebung angewiesen. Es ist eine Bedingung, die sich selbst aufhebt. Gott bejaht unbedingt die Menschen, auch dann, wenn sie es nicht verdient haben – und stellt dafür nur die Bedingung: Der Mensch muss anerkennen, dass er es nicht verdient hat, anerkannt zu werden. Er muss eingestehen, dass er nicht vollkommen ist. Er muss realisieren, dass auch seine Mitmenschen nicht vollkommen sind und dass man ihnen deswegen vergeben muss. Gott sagt unbedingt JA – und wenn der Mensch zur Einsicht kommt und einwendet, dass er das eigentlich nicht verdient, fügt er hinzu: Eben diese Einsicht ist die einzige Bedingung, an die ich mein JA knüpfe. Dieses JA ist unbedingt, es gilt gegen jeden Zweifel, gegen jede Übertretung, gegen jede Unvollkommenheit in dir. Auch die das Wort Jesu in der Bergpredigt ist von dieser Gewissheit getragen: Wenn Gott für uns ist – wer kann dann gegen uns sein? Diese Unbedingtheit macht frei. Wenn wir in dieser Gewissheit etwas Gutes in der Welt tun, dann sind wir wirklich frei. Dann handeln wir autonom. Dann handeln wir als Ebenbild Gottes.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christo Jesu. Amen

 

 

 

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Letzte Änderung: 23.09.2013
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